Droge Schlaftablette: 150.000 Österreicher sind süchtig

Droge Schlaftablette: 150.000 Österreicher sind süchtig

Volksdroge Schlafmittel: Hunderttausende Österreicher greifen regelmäßig zu Tabletten, um ruhig schlafen zu können. Experten warnen: Das Suchtpotenzial ist enorm.

In Österreich sind laut Schätzungen 75.000 bis 150.000 Menschen von Benzodiazepinen - Schlafmitteln - abhängig, die Dunkelziffer dürfte allerdings noch weit höher sein. Experten warnen: Das Suchtpotenzial der Shlafmittel ist mit dem von Kokain und Cannabis gleichzusetzen. Sie rufen zu einem sorgsameren Umgang auf.

"Schlaf ist kostbar, aber leider nicht mehr schick", stellte Manfred Walzl, Facharzt für Neurologie und Psychiatrie und Leiter der Schlafmedizin an der Landesnervenklinik Graz fest. Fehlen die für den Körper wichtigen Regenerationsphasen - Tiefschlaf- und REM-Phasen wechseln sich pro Nacht vier bis fünf Mal ab - , führt das in Kombination mit einem belastenden Lebensstil häufig erst recht zu Schlafstörungen. Davon betroffen sind bereits 37 Prozent der Europäer und 75 Prozent der US-Amerikaner.

Tabletten schnell verordnet

Hochwirksame - angstlösende, beruhigende und, schlaffördernde Benzodiazepine sollten immer erst am Ende der therapeutischen Kette stehen, so der Arzt. Tatsächlich werden sie in der Praxis aber oft rascher vergeben als eigentlich notwendig wäre.

Während der Leidensdruck des Patienten durch das Schlafmittel zwar rasch sinke, komme es bei längerer Einnahme zu einem Wirkungsverlust oder sogar einer -umkehr wie Angstzuständen oder Tagesmüdigkeit. Auch verminderte Konzentrations- und Merkfähigkeit sowie Gangunsicherheit zählen zu den schwerwiegenden Nachteilen, was besonders bei älteren Patienten zu erhöhter Sturzgefahr führt.

Entzugserscheinungen

Für eine erfolgreiche Abdosierung sei die Zusammenarbeit von Arzt, Apotheker und Patient notwendig. Der Apotheker solle den Patienten einfühlsam und vorsichtig auf die Langzeitfolgen hinweisen und im Gespräch Reizwörter wie "Sucht, Abhängigkeit und Entzug" vermeiden, so Apotheker Ernst Pallenbach, der in Deutschland ein dreieinhalbjähriges Pilotprojekt zum Benzodiazepinentzug leitete.

Treten Schlafstörungen auf, so seien Walzl zufolge als allererstes Verhaltensänderungen ratsam - Gedanken etwa im "Grübelstuhl" zu wälzen und nicht im Bett -, der Griff zur warmen Milch mit Honig sowie zu pflanzlichen Beruhigungsmitteln wie Baldrian-Hopfen-Extrakt. Zu mehr Aufenthalt in der freien Natur, einem "völlig nebenwirkungsfreien Genussmittel", riet die Allgemeinmedizinerin Petra Zizenbacher. Sie hob die Selbstverantwortung des Menschen hervor, regelmäßig "innezuhalten und den 'Reset'-Knopf zu drücken. Entspannungsfördernde Pflanzen - angewandt als Aufguss, im Kräuterkissen oder als Fußbad - seien Melisse, Hopfen, Baldrian, Lavendel, Lindenblüte und die Passionsblume.

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