Der Darm: Superorgan für Glück und Karriere

Der Darm ist der Schlüssel zu Körper und Geist. Jetzt rückt das "Reich der Mitte“ in den Fokus der Medizin und an die Spitze der Bestsellerlisten.

Der Darm: Superorgan für Glück und Karriere

Der Volksmund weiß es schon lange, was die Ratgeber-Literatur erst jetzt entdeckt. Viele Redensarten drücken in all ihrer derben Direktheit nämlich schon seit jeher aus, dass es eine enge Beziehung zwischen dem Bauch und unserer Schaltzentrale im Kopf gibt. Eine wichtige Entscheidung trifft man intuitiv "aus dem Bauch heraus“. Ebendort schwirren im Zustand frischer Verliebtheit Schmetterlinge herum. Eine unangenehme Nachricht "schlägt auf den Magen“, man ärgert sich, dass einem "die Galle hoch kommt“, eine emotionale Grenzsituation findet man "zum Kotzen“. Allen diesen Weisheiten ist die Idee gemein, dass der Darm der Ursprung des Wohlbefindens ist. Und rebelliert, wenn ihm etwas nicht passt.

Das Reich der Mitte

Mit ihrem Sachbuch "Darm mit Charme“ führt die 23jährige Medizin-Studentin Giulia Enders die Bestseller-Listen an. Dabei sind die Erkenntnisse über die zentrale Bedeutung des Darms für unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden keineswegs neu. In der asiatischen Gesundheitslehre gilt der Bauch seit jeher als Energiezentrum des Körpers. 1.000 Krankheiten kommen aus dem Magen, heißt es dort. Allerdings erforscht die westliche Schulmedizin erst seit einigen Jahren intensiver Windungen und Wirkungen des Darms. Denn - vereinfacht ausgedrückt - unser Darm ist eine Welt für sich, ein zweites Gehirn, das weitgehend alleine arbeitet. Ein Machtzentrum in der Leibesmitte. Es meldet zwar brav, wenn ihm etwas stinkt, die Geschäfte werden aber alleine geregelt. "Der Darm ist das Zentrum des Menschen, er ist ein Wunderwerk der Natur“, zeigt sich Wolfgang Graninger, Leiter der Klinischen Abteilung für Infektionen und Tropenmedizin am Wiener AKH, begeistert.

Das sensible Organ birgt eine Reihe von Überraschungen, nicht alle sind leicht zu verdauen. "Im Darm können Krankheiten wie Parkinson, Diabetes, Adipositas, Allergien und sogar Alzheimer nachgewiesen werden“, erklärt der Mediziner Peter Holzer, der experimentelle Neurogastroenterologie in Graz unterrichtet. Aktuelle Studien aus Deutschland gehen sogar davon aus, dass die Parkinson’sche Krankheit im Nervensystem des Magen-Darm-Trakts ihren Ausgang nimmt. 20 Jahre bevor erste Symptome auftreten, lässt sich die Erkrankung in Nervenzellen aller Teilabschnitte des Magens nachweisen, von dort - so die These - breitet sie sich entlang der Nervenbahnen langsam bis ins Gehirn aus. So vermutet man, dass auch Erkrankungen wie Alzheimer, Autismus und auch Depressionen frühzeitig im Darm erkannt werden können - und zwar mit einfach durchzuführenden und vor allem schmerzlosen Biopsien.

Darm gut - alles gut

Insbesondere die Mikroorganismen, die ihn besiedeln und das sogenannte Mikrobiom bilden, spielen dabei eine wichtige Rolle, die zur Zeit intensiv erforscht wird. Stimmt etwas nicht in ihrem Gleichgewicht, können sie Grund für Erkrankungen sein. Ähnlich den Blutgruppen, lassen sich Menschen in drei Darmtypen (Enterotypen) einteilen. Je nachdem, welche Bakteriengattung und Keime in der Darmflora das Kommando haben. Diese Keimbesiedelung ist offenbar von Herkunft, Ernährungsweise, Geschlecht und Alter einer Person unabhängig. Was, wie und vor allem wie effektiv verdaut wird, bestimmen demnach auch die Bakterien mit.

Aber noch viel überraschender: Die Bakterien - so legen Studien nahe - beeinflussen auch Verhalten und Aktivitätsmuster. In einem Versuch des kanadischen Gastroentologen Premsyl Bercik übertrug man Darmbakterien einer mutigen Mäuserasse auf eine zurückhaltende und umgekehrt. Das verblüffende Ergebnis: Die mutigen Nager wurden feiger, die vorsichtigen risikofreudiger. "Pharmakologen entwickeln Medikamente, die Probiotika enthalten, um den Menschen leistungsfähiger, also stressresistenter und mental stärker zu machen“, klärt Peter Holzer auf, fügt aber hinzu: "Man weiß aktuell noch nicht, welche Bakterien Zusammensetzung für welches Mikrobiom nützlich und wirksam ist.“

Dieses Superorgan ist für seine geheimnisvollen Aufgaben bestens ausgestattet. Das enterische Nervensystem verfügt über 200 Millionen Nervenzellen, das sind vier- bis fünfmal mehr als im Rückenmark. Es stellt 20 Hormone her, und im Darm sitzt auch der Großteil des menschlichen Immunsystems. Zudem ist der Verdauungstrakt die Heimat von rund 800 Bakterienarten. Die Mikroorganismen in uns, also Bakterien, Pilze, Einzeller, bringen ein bis zwei Kilogramm auf die Waage und beeindrucken vor allem durch ihre Anzahl: 100 Trillionen, eine Zahl mit zwanzig Nullen. Bestseller-Autorin Giulia Enders fasst diese stattliche Zahl so zusammen: "100 Trillionen, das wäre ungefähr die Menschheit mal die Menschheit - und das mal zwei!“ Auch wenn diese Zahlen beeindruckend sind, spannender ist die Frage, wie der Verdauungstrakt mit unserem Gehirn zusammenspielt. Wer steuert eigentlich wen?

Bauch an Hirn

Die gesamte Bauch-Hirn-Kommunikation verläuft über den Nervus vagus. "90 Prozent der Informationen gehen von unten, also vom enteralen Nervensystem, zum zentralen Nervensystem im Gehirn“, erklärt Gastroentologin und Psychotherapeutin Gabriele Moser vom AKH Wien. "Die Informationen gelangen dabei über zwei Bahnen ins Gehirn. Die eine verläuft zum somatosensorischen Cortex, der alle physiologischen Vorgänge wie Bauchschmerzen und ähnliches signalisiert. Die andere Bahn verläuft zum limbischen System, das für Emotionen zuständig ist“, so Moser, die auch Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für psychosomatische und innere Medizin ist.

Wie eng Bauch-, Hirn und Psyche miteinander verwoben sind, zeigt sich deutlich beim Reizdarm-Syndrom. Jeder fünfte Österreicher leidet geschätzt unter dieser Verdauungsstörung, die sich in unregelmäßigem Stuhlverhalten, Bauchschmerzen und massiven Blähungen äußert, ohne dass dabei entzündliche oder bösartige Darmerkrankungen, eine Glutenallergie oder Störungen der Schilddrüse diagnostiziert werden. Bei gut 60 Prozent der Betroffenen geht das Syndrom allerdings mit psychischen Störungen einher. Wie es dazu kommt? "Durch Rhythmusstörungen, etwa im Schlafverhalten, oder bei falscher Ernährung, entwickelt sich ein Reizdarm“, erläutert Gabriele Moser.

Alarmsignal schlechter Schlaf

Schichtarbeiter oder Menschen, die Arbeitszeiten haben, die gegen ihren persönlichen Biorhythmus wirken, sind da besonders gefährdet. "Wenn jemand Schlafstörungen hat, ist das immer das erste Zeichen, dass der Magen-Darm-Rhythmus nicht funktioniert. Das kann dann wiederum häufig mit einer Depression in Verbindung gebracht werden, die führt wiederum zu einer Verhaltensveränderung“, so Moser.

Schnell ist man in der Syndrom-Spirale gefangen. Was zuerst da war, Reizdarm oder psychisches Problem, lässt sich allerdings nur schwer ermitteln.

Hypnose für den Bauch

Linderung verschafft geplagten Patienten oft ein ganzheitlicher Ansatz, denn, so Gabriele Moser: "Das Medikament gegen Reizdarm gibt es nicht.“ Therapieresistenten Patienten verschafft Moser mit der Bauchhypnose Hilfe. Diese spezielle Methode wird auf der Spezialambulanz für gastroenterologische Psychosomatik im AKH durchgeführt. "Man stellt sich dabei bildhaft vor, wie die Darmtätigkeit sich normalisiert und im Bauch alles beruhigt- ähnlich einem ruhigen Meer, an dessen Ufer man einen entspannenden Strandspaziergang unternimmt. Die Patienten erlangen dadurch allmählich das Gefühl wieder, dass sie den Magen-Darm-Trakt selbst kontrollieren können.“ Bauchhypnose ist durchaus effektiv und anerkannt. Moser ist damit für den renommierten Hans-Römer-Preis des Deutschen Kollegiums für Psychosomatische Medizin nominiert, der Ende März vergeben wird.

Auch Akupunktur ist ein Ansatz, sein Reich der Mitte wieder auf Vordermann zu bekommen. In der Akupunkturambulanz im Krankenhaus Hietzing am Rosenhügel versucht man, Schulmedizin und traditionelle chinesische Medizin (TCM) unter einen Hut zu bringen. "Es gibt Akupunkturpunkte, die wichtig für die Verdauung sind und sich etwa unter dem Nabel befinden. Diagnostiziert wird aber zuerst nach den Methoden der westlichen Medizin“, sagt TCM-Ärztin Michaela Bijak.

Selbstverständlich spielt auch die Ernährung eine wesentliche Rolle für das Wohlbefinden in unserem Darm

• Wasser/Trinken
Wasser belebt den Darm, er braucht viel Flüssigkeit zur Verdauung und kann auch nur so funktionieren. Allerdings ist der Bedarf natürlich individuell verschieden. Zwei Liter am Tag sollten es aber mindestens sein.

• Joghurt
Joghurt gilt als gesunder Snack und leichtverdauliches Schmiermittel für den Darm. Beeindruckt davon ist er nicht. "Probiotische Joghurts haben auf den Darm keine Wirkung, die sind ihm wurscht“, sagt der Infektologe Wolfgang Graninger von der MedUni Wien, "wenn schon bei diesen Joghurts zugegriffen wird, dann sollten es probiotische Multistamm-Präparate sein.“

• Präbiotika
Präbiotika sind nicht verdaubare Lebensmittelbestandteile, mit denen man die Aktivität einer oder mehrerer Bakterienarten im Dickdarm gezielt anregen kann. Lebensmittel mit einem hohen präbiotischen Anteil sind Knoblauch, Roggen, Hafer, Artischocken und auch Spargel.

• Ballaststoffe
Vollkornbrot, Haferflocken, Müsli stehen bei gesundheitsbewussten Menschen ganz oben auf der Agenda. Was sagt der Darm dazu? Der Darm liebt zwar die Vielfalt, er wünscht sich gut durchgekaute Kost, aber faserige Lebensmittel liebt er nicht. "Aber was er nicht mag, scheidet er eben einfach aus“, sagt Graninger. Bei aller Komplexität seiner Anlage gibt es immer einen ganz einfachen Ausgang.

• Diätologie
Ernährungsberater sind für Darmleidende der letzte Strohhalm, an den sie sich klammern. Diätologen helfen Patienten beim Aufbau einer gesunden Ernährung und, individuell abgestimmt, beim Vermeiden krank machender Faktoren.

Andrea Hofbauer, Präsidentin des Verbandes der Diätologen Österreichs: "Zu mir kommen Patienten, die eine lange Leidensgeschichte hinter sich haben und total verunsichert sind und oft nur noch von Wasser und Reis leben.“ Ein Teufelskreis, denn "mit so einer Ernährung wird das Immunsystem und der Darm zusätzlich geschwächt“. Sie rät, nach ärztlicher Abklärung, zum Führen eines Ernährungstagebuchs.

Ein anderer Weg, die innere Kraft zu nutzen, scheint auch nur noch wenige Windungen entfernt zu sein: Die Pille für den Darm, die unsere Psyche positiv beeinflusst. Nach den Powerdrinks also die Powerbakterien fürs Gehirn.

Innenminister Karl Nehammer, Vizekanzler Werner Kogler, Bundeskanzler Sebastian Kurz und Gesundheitsminister Rudolf Anschober bei ihrer Erklärung.

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