Smart-Grids und -Meter sollen die grüne Energiewende möglich machen

Smart-Grids und -Meter sollen die grüne Energiewende möglich machen

Der Strom kommt aus der Steckdose, die Stromrechnung mit der Post und der Verbrauch kann höchstens Pi mal Daumen geschätzt werden. Woher die Energie überhaupt stammt, ist auch einigermaßen undurchschaubar: Dergleichen archaisch ist die Einstellung zur Energierversorgung in den meisten Haushalten – und wohl auch in vielen Unternehmen.

Dabei geistern Stichworte wie Smart Meter und Smart Grids bereits seit einiger Zeit durch die Medien. Diese technologische Aufrüstung soll die Grundlage für intelligente, saubere und flexible Stromversorgung sein. Eine bekannte Technologie-Regel lautet, dass die langfristigen Folgen einer Idee umso gravierender sind, je stärker die kurzfristigen Folgen überschätzt werden. Das könnte im Fall der zukünftigen Stromversorgung stimmen: Seit Jahren propagiert, geht es mit der tatsächlichen Umsetzung nur langsam voran, aber immerhin: Es geht voran.

Politik der kleinen Schritte

Ein Schritt vorwärts ist beispielsweise ein Joint Venture von Siemens und Verbund-Konzern bei E-Mobility, das sich seit kurzem Smatrics nennt und im September neu aufgesetzt wurde. Dabei sollen in ganz Österreich Ladestationen für Elektroautos und Plug-In-Hybridfahrzeuge errichtet werden; der Strom dafür kommt zu 100 Prozent aus Wasserkraft. Letzteres ist insofern wichtig, weil Elektro-Mobile ja nicht automatisch umweltfreundlicher unterwegs sind als ihre Konkurrenten mit Benzin- oder Dieselmotor. Letztlich kommt es darauf an, woher der Strom dafür stammt. Die mit Strom aus Wasserkraft gefüllten Ladestationen sollen dies aber klarstellen. „Damit erfolgt ein ganz konkreter Schritt in die Praxis der E-Mobilität“, sagt Wolfgang Anzengruber, Vorstandsvorsitzender des Verbund.

Der Markt ist derzeit ebenso überschaubar wie die Prognosen hoffnungsfroh: Derzeit sind in Österreich erst rund 2500 Elektrofahrzeuge unterwegs, innerhalb von nur sieben Jahren sollen es nach den – wohl zu optimistischen – Versprechen der Regierung mindestens 250.000 sein. Aus der Zusammenarbeit zwischen Verbund und Siemens sind derzeit 30 Ladestationen für die umweltfreundlichen Autos erwachsen, bis Mitte des nächsten Jahres sollen es 80 sein. Erstaunlich ist das Engagement von Siemens insofern, als sich der deutsche Konzern insgesamt nicht mehr als Komplettanbieter für öffentliche Stromtankstellen engagieren will. Man werde aber entsprechende Services rund um Ladestationen anbieten, heißt es – etwa die benötigte Software.

Flexible Versorgung

Die Elektromobilität ist beispielhaft für die Herausforderungen an eine dezentrale, flexible Versorgung mit Energie. Problematisch sind fehlende Standards, wie sich am genannten Beispiel zeigt: Es gibt für die Stromtankstellen noch keinen einheitlichen Standard für die Stecker, daher werden die Smatrics-Säulen zunächst mit den beiden derzeit gebräuchlichsten Varianten ausgestattet sein (22 kW für normale Ladungen, 50 kW für Schnellladungen); im Laufe des nächsten Jahres sollte es zumindest von den deutschen Autoherstellern dann Kombistecker geben.

Die Energiewende hin zu Erneuerbarer Energie ist nur dann möglich, wenn solche kleinen und auch die großen Hürden beiseite geräumt werden, denn mit der derzeit verfügbaren Infrastruktur ist die Versorgung der Haushalte und der Wirtschaft mit grünem Strom nicht zu schaffen – alleine der fehlenden Speichermöglichkeiten wegen. In schöner Regelmäßigkeit warnt die E-Control, dass bis 2020 mindestens 8,7 Milliarden Euro in die österreichischen Stromnetze investiert werden müssen. Alleine die steigende Bedeutung von Windenergie macht das notwendig. Die Versorger fürchten nun, dass es an staatlicher Unterstützung für diese Vorhaben mangeln wird – was angesichts des klammen Staatshaushalts gar nicht so abwegig ist. Investiert werden muss dennoch, daher haben die niederösterreichische EVN und die Verbund-Tochter APG bereits angekündigt, in den nächsten Jahren eine viertel Milliarde Euro in den Ausbau von Hochspannungsleitungen zu stecken.

Solarstrom wird wichtiger

Das Potenzial zu einer stärkeren Nutzung Erneuerbarer Energie wäre jedenfalls da. Das hat der heurige sonnenreiche Sommer bewiesen: Die Erzeugung von Solarstrom in Österreich kletterte auf ein Rekordniveau; im Juni und Juli wurde dreieinhalb Mal so viel Sonnenstrom erzeugt wie üblicherweise in diesen beiden Monaten. Grundlage dafür war der zügig voranschreitende Ausbau der Photovoltaik im Land: Die installierte Leistung ist innerhalb nur eines Jahres von 88 auf 200 Megawatt (MW) geklettert. Wichtig sind nun entsprechende Möglichkeiten, den Strom dezentral zu speichern. Laut E-Control werden derzeit nur rund 40 Prozent des erzeugten Stroms tatsächlich genutzt. Intelligente Netze und Stromzähler werden die Nutzung verbessern, aber man braucht gar nicht auf diese zu warten: Mittels moderner Haustechnik können beispielsweise Waschmaschinen dann eingeschalten werden, wenn sonst gerade wenig Strom verbraucht bzw. benötigt wird.

Der Verbund hat seit kurzem ein entsprechendes Angebot parat: Bei diesem wird die nicht direkt verbrauchte Sonnenenergie in einem Batteriespeicher gelagert, der beispielsweise nachts genutzt werden kann. Überschüssige Energie wird ins Netz gespeist und bezahlt : 18 Cent pro kWh für die ersten tausend kWh, danach ab 6,95 Cent. Für den Aufbau der Photovoltaik-Anlage ist eine Dachfläche von rund 30 Quadratmetern nötig. Verbund- Chef Wolfgang Anzengruber träumt schon von der Dezentralisierung: „Das Paket macht unsere Privatkunden weitgehend zu Selbstversorgern.“

Chance für Telekomfirmen

Smart Meter und Smart Grids sind aber nicht nur für die Versorger von Interesse, auch Telekomfirmen erhoffen sich dadurch neues Geschäft. So werden deren Dienste zur Verwendung der neuen Stromzähler nötig sein, und sie können das Stromnetz zur Datenübertragung nutzen. Fragen gibt es bezüglich der Markttauglichkeit der notwendigen Hardware: Zwar müssen in Österreich in den nächsten sechs Jahren 95 Prozent der derzeit rund 5,5 Millionen Zähler ausgetauscht werden, doch die neuen Geräte werden wohl keine 20 Jahre oder mehr halten wie ihre Vorgänger. Experten vermuten, dass sie zumindest alle acht Jahre ausgetauscht werden müssen. Doch selbst das könnte sich auszahlen: Bei vorsichtiger Schätzung wird mit ihnen der Jahresverbrauch eines Haushalts um rund fünf Prozent gesenkt werden können.

In der Seestadt Aspern, einem neuen Stadtteil in Wien, wird in den kommenden Jahren erprobt und gemessen, wie sich intelligente Stromsysteme und entsprechende Gebäudetechnik wirklich nutzen lassen und wie die eingesetzte Energie optimal verwendet werden kann. Das Kürzel „smart“ ist bei allen Projekten dieser Art überhaupt unverzichtbar: Smart Energy, Smart Building, Smart City. Konsequenterweise nennt sich eine neue, in besagtem Stadtteil Aspern angesiedelte Forschungsgesellschaft, die mehrheitlich im Besitz von Siemens und Wien Energie steht, „Aspern Smart City Research“. Diese wird Anfang Oktober ihre Arbeit aufnehmen und mit einem Budget von rund 40 Millionen Euro entsprechende Praxiserfahrungen sammeln und auswerten. Kleiner Nebeneffekt: Das Image Wiens als Technologie- Standort soll damit beworben werden.

Ausbau der Smart Grids

Smart sollen ja nicht nur die Städte und ihre Bewohner werden, sondern zuvor schon die Stromnetze. Die dafür notwendigen Investitionen werden jedenfalls bereits getätigt: Laut jüngsten Zahlen wurden bisher in Europa (EU plus Schweiz) rund 1,8 Milliarden Euro in den Ausbau der Smart Grids gesteckt; im Jahr davor waren es kumuliert erst 500 Millionen gewesen. Erwartungsgemäß sind es vor allem die großen Märkte, auf denen die Netze ausgebaut bzw. modernisiert werden, also Großbritannien, Frankreich und Deutschland. Dennoch tun sich auch einige kleinere Länder hervor, beispielsweise Dänemark – das liegt vor allem an der Bedeutung der Windkraft dort und der Erfordernis von entsprechender Infrastruktur zur Einspeisung bzw. Speicherung des Stroms.

Testen für die Praxis

Wie die Stromnetze der Zukunft funktionieren könnten, wird derzeit vom Austrian Institute of Technology (AIT) ausprobiert: In einem Labor werden Netzabschnitte und Komponenten für Smart Grids getestet. Dieses „SmartEST“-Labor soll Herstellern und Netzbetreibern Aufschluss darüber geben, wie einzelne Teile miteinander harmonieren und welche Strategie sich am Markt bewähren könnte. Das Labor, das rund acht Millionen Euro gekostet hat, wurde zum Teil vom Klima- und Energiefonds finanziert. Auch in der Stadt Salzburg wird praktisch erprobt, wie die Energieversorgung in wenigen Jahren dann (hoffentlich) funktioniert: In einer Wohnanlage in Köstendorf wurden Photovoltaikanlagen installiert, die Bewohner sind vorrangig mit Elektroautos unterwegs.

Die spannende Frage, die dort beantwortet werden soll: Wie lässt sich in dem System ein Ausgleich zwischen stark schwankendem Stromangebot der zusätzlichen Erzeuger (in dem Fall eben der Photovoltaik-Anlagen) und der ebenfalls schwankenden Nachfrage durch neue Verbraucher (in dem Fall der E-Mobile) ausgleichen bzw. sinnvoll steuern? Interessant wird nicht nur sein, wie die technologischen Komponenten halten, sondern auch, wie sich die Verbraucher verhalten. Das Netz soll jedenfalls durch „intelligente Technologie“ stabil gehalten werden, wie die Betreiber dieser vorbildlichen Wohnanlage hoffen. Salzburg AG, Siemens und Salzburg Wohnbau haben sich für diesen Modellfall zusammengetan, um Rückschlüsse für ähnliche und weitere Projekte zu gewinnen. Was immer in Salzburg herauskommt: Die Stromnetze werden intelligenter – nur so ist eine Energiewende in der Praxis möglich.

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