Österreicher bekommen zu fast 90 Prozent Ökostrom

Österreichischer Strom ist zu fast 90 Prozent ökologisch - ein Anstieg von mehr als zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Das geht aus dem Stromkennzeichungsbericht der E-Control hervor. "Österreich ist de facto atomstromfrei", sagt E-Control-Vorstand Martin Graf. Kritik kommt unter anderem von der IG Windkraft.

Österreicher bekommen zu fast 90 Prozent Ökostrom

Strom in Österreich wird zum Großteil aus Windkraft, Sonne oder Wasserkraft gewonnen.

Die Stromkennzeichnung in Österreich, mit der das Land ein Vorreiter in Europa war, funktioniert mittlerweile fast lückenlos. Bereits 89,1 Prozent des Stroms stammten 2014 aus Ökostrom, um 10,5 Prozentpunkte mehr als ein Jahr davor, nur noch 0,27 Prozent aus "unbekannter Herkunft". Der Atomstromanteil sank rein rechnerisch von 2,5 (2013) auf 0,1 Prozent. Der Anteil fossiler Energieträger wie Kohle, Öl und Gas sank um vier Prozent auf 10,4 Prozent. Das geht auch dem neuen Stromkennzeichnungsbericht der Energieregulierungsbehörde E-Control hervor. "Österreichs Stromkunden sind de facto atomstromfrei", sagt E-Control-Vorstand Martin Graf.

Im Jahr 2007, dem Beginn der Datenreihe, lag der Anteil an Strom unbekannter Herkunft noch bei gut 20 Prozent. Der Anteil fossiler Energieträger (Kohle, Öl, Gas) sank allein voriges Jahr um vier auf 10,4 Prozent, 2007 waren es noch beinahe 20 Prozent.

Ökostrom-Menge verdreifacht

Die zum Herkunftsnachweis eingesetzten Zertifikate stammten 2014 zu 69 Prozent aus Österreich, ferner u.a. zu über 18 Prozent aus Norwegen, zu mehr als 5 Prozent aus Schweden, zu fast 3 Prozent aus Slowenien und zu 2,6 Prozent aus Deutschland.

Wird elektrische Energie aus erneuerbaren Energiequellen erzeugt, spricht man von Ökostrom. Zu den erneuerbaren Energiequellen zählen Windkraft, Wasserkraft, Sonne und Erdwärme. Zusätzlich kann auch aus Biomasse - organische Stoffe - oder Klär- und Deponiegas Energie gewonnen werden.

Die abgegebene Ökostrom-Menge aller heimischer Anbieter verdreifachte sich binnen drei Jahren auf 30.456 GWh. Die Erhöhungen sind vor allem auf den Umstieg einiger großer Lieferanten auf einen reinen Grünstrommix zurückzuführen. Allein 2014 erhöhte sich die Zahl der Ökostromlieferanten um fast ein Viertel auf 107.

Kritik von NGOs: "Mogelpackung"

Umweltaktivisten und Branchen-Lobbyisten wiesen die Feststellungen der E-Control bezüglich "Atomstromfreiheit" umgehend als falsch zurück. Es handle sich um eine "Mogelpackung", meinte etwa am Montag die IG Windkraft, denn der Stromkennzeichnungsbericht zeige, dass Österreich seinen Stromverbrauch noch immer mit bis zu elf Prozent Atomstrom decke. Auch die Kleinwasserkraft Österreich meinte, diese Art der Stromkennzeichnung verschleiere Atomstromimporte. Das Anti-Atom-Komitee aus Freistadt (OÖ) forderte, Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP) solle die "Irreführung der Bevölkerung" beenden, denn am tatsächlichen Import von Atomstrom oder Graustrom würden Zertifikate nichts ändern.

Physikalisch könne man den Atomstrom nicht wirklich beziffern, stellte Graf zu derartiger Kritik fest und verwies auf den rund 25-prozentigen Nuklear-Erzeugungsanteil in Europa. Physikalisch komme der Strom natürlich immer aus dem nächstgelegenen großen Kraftwerk, egal ob das etwa ein Kohle-, Gas- oder Wasserkraftwerk ist.

NGOs fordern immer wieder, die Stromkennzeichnung nicht herkunftsbasiert abzuwickeln, sondern an tatsächliche Lieferverträge zu knüpfen. "Wir haben Verständnis für dieses Anliegen, es gibt aber gute Gründe, das System so zu belassen wie es ist", so Graf. Das jetzige System sei das effizienteste, das es gibt und auch das einzige, das in der Praxis effizient durchführbar ist. Ein auf Lieferverträgen basierendes System dagegen wäre nur schwer und mit einem relativ hohen Verwaltungsaufwand umsetzbar, zudem bestünde die Gefahr von Doppelzählungen.

Freilich sind die Stromzertifizierungen nicht gratis. Der heimischen Ökostrom-Abwicklungsstelle OeMAG sollen per Verordnung bis zu einem Euro je MWh (oder 1 Cent pro kWh) zugestanden werden. Für einen Haushaltskunden, der 45 Euro/MWh für seine Elektrizität zu zahlen habe, sei dieser Euro "ein geringer Preis", so Graf: "Ich rechne, dass die Durchschnittswerte deutlich niedriger sind." Den vom ihm vor einem Jahr genannten Wert von einem Zehntel Euro je MWh wollte er heute nicht bestätigen. Er meinte aber, dass viele entwickelten Märkte fast gar nichts mehr für Zertifikate verlangen würden, weil ja auch zum Beispiel - fast kostenlose - Kohlestrom-Nachweise dabei seien. Zudem lägen die Opportunitätskosten für Wasserkraft fast bei Null, und Versorger würden ja selbst Wasserkraft-Zertifikate anbieten.

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