E-Bikes – Elektroschock für den Nahverkehr

Ein Frühsommertag vor den Toren Wiens: Eine Gruppe durchtrainierter Radfahrer quält sich einen Hügel hinauf. Die schnaufenden Hobbysportler werden ganz locker von einem Pensionisten überholt, der auf seinem Rad auch noch die Wochenendeinkäufe mitführt und völlig entspannt wirkt. Kein Wunder an Ausdauer oder Willenskraft, sondern eher der Technik.

E-Bikes – Elektroschock für den Nahverkehr

E-Bikes, also Fahrräder mit elektrischem Antrieb, sind längst ein alltägliches Fortbewegungsmittel geworden. Diese sind heute nicht einmal auf den zweiten Blick von normalen Rädern zu unterscheiden sind, haben eine akzeptable Reichweite, sind leichter geworden und billiger - selbst wenn für E-Bikes im Schnitt an die 2.000 Euro bezahlt werden.

Das hat Auswirkungen auf den Nahverkehr in überlasteten Ballungszentren: Menschen, die eine Alternative zum Auto suchen, brauchen nun nicht mehr zwischen öffentlichen Verkehrsmitteln (der bequemen Variante) oder sportlicher Betätigung mittels Radfahrt zum Arbeitsplatz (der schweißtreibenden Variante) zu wählen - das E-Bike ermöglicht das unangestrengte Vorankommen bei gleichzeitiger Beruhigung des Umweltgewissens. Bliebe noch jene Frage, die sich auch beim Elektroauto stellt: Ist die Umweltbilanz tatsächlich so makellos? Schließlich muss ja auch der Strom für den Elektroantrieb irgendwo herkommen. Doch angesichts der Möglichkeiten, sich in Österreich ausschließlich mit Ökostrom versorgen lassen zu können, ist dies keine Belastung für das grüne Gewissen.

Schätzungen zufolge gibt es in Österreich derzeit rund 150.000 E-Bikes - damit ist schon jedes neunte Rad mit einem Elektroantrieb ausgestattet, der bei Bedarf zugeschaltet werden kann. Alleine im Vorjahr wurden 43.000 Stück verkauft. Zum Vergleich: Im gleichen Zeitraum waren gerade mal 650 Elektroautos an umweltbewusste Käufer übergeben worden. Die steigende Nachfrage bei den Elektrorädern freut vor allem die Fahrradhändler, deren Absatzzahlen in den vergangenen Jahren meist rückläufig waren. Im Vorjahr wurden mit rund 382.000 Stück zwar um sieben Prozent weniger verkauft als 2012, doch der Umsatz ist mit rund 298 Millionen Euro stabil geblieben - das lag vor allem an den E-Bikes, die deutlich teurer sind.

Der Anteil dieser Modelle ist von zehn auf 11,3 Prozent gestiegen. Gernot Kellermayr, Präsident des Verbands der Sportartikelerzeuger und Sportausrüster Österreichs (VSSÖ): "Die Zahl der verkauften Räder ist seit Jahren volatil, doch die Umsätze konnten gehalten und sogar teilweise erhöht werden.“ Schuld daran haben nicht nur das steigende Umweltbewusstsein und der Ausbau entsprechender Infrastruktur wie Radwege und -netze, sondern auch die Weiterentwicklung der Räder selbst: Statt klobiger Räder mit auffälligem Akku und instabilem Fahrverhalten gibt es heute E-Bikes, die gut aussehen und leicht zu fahren sind. Zudem sind viele unterschiedliche Modellvarianten verfügbar, vom einfachen Cityrad bis zum superleichten Offroadvehikel.

Marke Eigenbau

Der oberösterreichische Unternehmer Ewald Stieger, eigentlich im Holzhandel tätig, widmet sich seit drei Jahren auch der Herstellung von E-Bikes. Jährlich verkauft er unter der Marke Biketronic rund 900 Stück der höheren Preiskategorie (ab 4.500 Euro) in Österreich, Deutschland und der Schweiz. "Man kann schon sagen, dass ein regelrechter E-Bike-Boom herrscht“, sagt Stieger. Als Hauptgrund sieht er die Einsatzmöglichkeiten in der Stadt. "Im Vergleich zu einem Moped ist man halt deutlich flexibler.“ Sein neues Citybike (Gewicht: elf Kilogramm) fährt sich wie ein herkömmliches Rad, falls man Unterstützung nötig hat, kann man den Elektroantrieb zuschalten. Fahrrad- und Moped-Händler Faber hat heuer nach eigenen Angaben bereits 1.400 E-Bikes der Marke Puch verkauft, bis Jahresende sollen es 1.800 sein. Nächstes Jahr will das Familienunternehmen die Palette an E-Bikes erweitern und bis zu 3000 Stück verkaufen. Die traditionsreiche Marke Puch war von Faber 2012 wiederbelebt worden, hergestellt werden die Räder vom Radkonzern Cycleurope. Faber, der die Markenrechte erworben hatte, bietet derzeit insgesamt neun Puch-Modelle an, davon sind fünf mit einem elektrischen Antrieb ausgestattet. Das Modell Kraftwerk Klassik beispielsweise kann mit einer Aufladung bis zu 150 Kilometer weit fahren.

Eine weitere österreichische Traditionsmarke profitiert von der steigenden Nachfrage bei Elektrorädern: KTM baut seine Modellpalette bei E-Bikes kontinuierlich aus. Stefan Limbrunner, Head of Sales and Marketing bei KTM Fahrrad, hat bereits 30 Modelle im Angebot. "Gerade in Österreich werden die sportlichen, Offroad-tauglichen E-Bikes immer wichtiger.“ Die Räder würden immer bessere Akkuleistung, niedrigeres Gewicht und spezifischere Anwendungsmöglichkeiten bieten - daher sei es kein Wunder, dass E-Bikes ein Trendthema bleiben.

Fred Schierenbeck, Chef des oberösterreichischen Fahrradhändlers Thalinger-Lange und Sprecher der Arge Fahrrad, sieht einen Imagewandel vom "Seniorenfahrzeug zum beliebten Verkehrsmittel“. Das könnte sich vor allem in den Städten bemerkbar machen: Wien beispielsweise hat im Bundesländer-Vergleich die niedrigste Fahrraddichte in Österreich. "Die Verkaufszahlen sind auch bei Elektrorädern stark vom Wetter abhängig“, sagt Florian Fortner, der gemeinsam mit Bruder Wendelin den Shop Elektrobiker in Wien betreibt. Die steigende Popularität von Rädern für das innerstädtische Vorankommen wirke sich hingegen eher langfristig positiv aus.

Der schwedische Möbelhändler Ikea bietet in zwei Filialen in Wien und Wien-Vösendorf seit Kurzem ein günstiges E-Bike an. Das ist mit 25 Kilogramm zwar eher in der oberen Gewichtsklasse angesiedelt, mit rund 750 Euro Verkaufspreis (für Mitglieder des Kundenbindungsprogramms 650 Euro) aber günstig und schafft mit einer Batterieladung immerhin bis zu 70 Kilometer. Zum Vergleich: Teurere Modelle von Marken wie Puch fahren nach einer Aufladung schon bis zu 190 Kilometer weit. Verkaufszahlen will Ikea noch nicht verraten, zunächst will man abwarten, wie sich das Ding verkauft. Laut Sprecherin Barbara Riedl sei das Interesse jedenfalls bisher groß.

Ein Fragezeichen bei E-Bikes ist indes die Sicherheit: Laut einer Umfrage der Versicherung Zurich Connect verwendet nur die Hälfte aller österreichischen Radfahrer (normale und Elektroräder) einen Helm. Mit den E-Bikes darf man höchstens 25 km/h fahren, sonst bräuchte es einen Typenschein als Moped, was dann auch bedeutet, dass Helm- und Versicherungspflicht bestehen. Biketronic-Chef Stieger sieht Nachholbedarf, was die Einschätzung der Gefahren betrifft: "Händler und Käufer gehen leichtfertig mit möglichen Unfallgefahren um.“

Das ist nicht ganz von der Hand zu weisen: Nicht nur die Möglichkeit, ohne eigene Anstrengung über längere Distanzen vergleichsweise flott unterwegs zu sein, könnte zu mehr Unfällen führen - auch die rasant steigende Popularität der E-Bikes im Stadtverkehr wird zu Diskussionen führen, wie an den Diskussionen um die Neugestaltung der Mariahilfer Straße mit Einbindung aller Verkehrsteilnehmer zu erkennen ist.

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