"Wir sind Speed-Junkies"

"Wir sind Speed-Junkies"

FORMAT: Zeit steht im Zentrum Ihrer Bücher und Überlegungen. Was denken Sie über Zeit?

Carl Honoré: Wir haben eine sehr ungesunde und neurotische Beziehung zur Zeit. Wir sehen Zeit als Gegner. Und wir wollen möglichst viel Wert aus der Zeit holen. Im 20. und 21. Jahrhundert geht es immer darum alles schneller zu machen: Züge, Flugzeuge, Computer. Wir bleiben niemals stehen. Das Motto: Zeit ist Geld, klingt so modern. In Wahrheit hat 250 Jahre früher schon Benjamin Franklin das gesagt. Das war auch der Beginn der breiten Zeitmessung. Und seitdem wir Zeit messen, agieren wir neurotisch ihr gegenüber.

Sind wir Sklaven der Zeit?

Honoré: Ja, ich denke schon. Jeder Moment des Tages ist ein Rennen gegen die Zeit. Wir sind Speed-Junkies. Wir wollen nahezu manisch Zeit sparen. Wir wissen aber nicht was wir damit tun sollen – wir verwenden sie gar nicht. Es ist ein Teufelskreis, eine Spirale aus der wir nicht rauskommen.

Ist Zeit ein Verbündeter oder ein Gegner?

Honoré: Wir behandeln Zeit wie einen Gegner. Zu meinem neuen Buch „Slow Fix“, sagen Viele: Ich brauche keine langsame Reparatur – ich brauche eine schnelle. Dabei verbrauchen wir aber viel Zeit um fehlgeschlagene Blitzreperaturen aufzuräumen.

Was ist ihr persönliches Exit-Szenario aus der Zeitfalle?

Honoré: Ich habe als Experiment begonnen eine Woche keine Uhr zu tragen. Zuerst war ich nervös. Nach dieser Woche habe ich nie wieder eine getragen – das ist Jahre her. Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen: Wenn Leute ein Ziffernblatt sehen, beginnt sich ihr Verhältnis zur Zeit zur ändern. Sie wollen schneller werden. Das ist ein Grund warum Kasinos keine Uhr haben, und keine Fenster. In Geschäften gibt es meist auch keine Uhren – die wollen, dass die Menschen die Zeit vergessen. Wenn man keine Uhr trägt, beginnt man die Zeit zu leben, anstatt sie zu messen.

Und man muss mit Menschen reden, wenn man wissen will wie spät es ist.

Honoré: Nicht immer – wir sind ja von Uhren umgeben. Aber es ist gut mit Fremden zu reden – das ist gerade in Nordeuropa nicht so häufig. Wenn wir langsamer werden – intensivieren sich menschliche Verbindungen. Jeder hat 943 Freunde auf Facebook, aber wann haben Sie das letzte Mal mit einem Kaffee getrunken und übers Leben geredet?

Sie sind Journalist und Autor und haben Deadlines. Wie gehen sie mit dieser Situation um?

Honoré: Wenn wir im Deadline-Modus eingesperrt werden, ist es gefährlich. Gut ist wenn Adrenalin fließt, und es ist auch gesund wenn man vom Sofa aufstehen muss. Das Problem ist: Wir brauchen immer mehr und mehr, mehr Ablenkung, mehr Eindrücke,… Wir sperren uns in dem Kampfflieger-Modus ein. Wir werden Geiseln dessen. Das raubt uns Gesundheit, Fitness und ändert die Art zu denken. Man denkt im Deadline-Mode anders als wenn man entspannt ist.

Aber spontane Entscheidungen sind durch die Slow-Idee ausgeschlossen.

Honoré: Ich reise nicht um die Welt um zu sagen: Langsamer ist immer besser. Ich selber liebe Geschwindigkeit. Ich lebe in London – einer Stadt mit geradezu vulkanischer Energie. Die Slow Philosophie sagt: Mach die Sachen mit der richtigen Geschwindigkeit. Wenn man abends eine Deadline macht – erledigt man das und muss lernen nachher runterzuschalten und nicht das Abenddessen wie ein Rennfahrer zu verschlingen. Wenn sie für etwas noch sechs Stunden Zeit haben: Lehnen sie sich zurück, gehen sie spazieren, schlafen sie - und dann erst arbeiten Sie. Mit mehr Produktivität. Manchmal muss man langsamer sein, um schneller zu sein.

Unser Stress beginnt in der Schule.

Honoré: Schon vorher. Jeden Tag in der Früh. Baby-Yoga. Kinder-Chinesisch für Zweijährige,…

Oft werden langsamere Leute, als Verlierer behandelt.

Honoré: Das ist ein Problem unserer Kultur. Langsam ist ein böses Wort. Es steht im Zusammenhang mit Faul, Langweilig,… unmodern. Deshalb sind Leute ängstlich langsam zu sein. Manche wären im Büro später oder früher produktiver wenn sie ihre eigene Geschwindigkeit zum Arbeiten haben könnten. In unseren Büros ist noch immer viel nach dem Viktorianischem Modell aus dem 19. Jahrhundert organisiert. Die erste Maßnahme zur Produktivitätssteigerung in den Fabriken war: Eine Uhr aufzuhängen, Stechuhren einzuführen. Das ist heute überholt.

Werden wir bessere Menschen, wenn wir langsamer werden?

Honoré: Ja ich denke schon – wir leben künstliche Leben. Viele Menschen nehmen Pillen um Schritt halten zu können. Das ist gefährlich. Speed ist egoistisch. Es geht scheinbar darum: Wer arbeitet am härtesten, wer arbeitet am längsten, wer verdient das meiste Geld.

Hört sich nach Antikapitalismus an

Honoré: Nicht für mich. Der Kapitalismus hat sich nur mit der Geschwindigkeit in die falsche Ecke manövriert.

Wann kommt die Revolution der Langsamkeit?

Honoré: Sie ist schon da. Google oder Microsoft nützen Slow: Meditiation, Relaxen und dann durchstarten. Bei Google bekommen die Mitarbeiter 20 Prozent ihrer Zeit für ihre eigenen Projekte. Dafür gibt es keine Deadlines und kein festgeschriebenes Tempo. Es gibt auch Beispiele aus der Politik: Englands Premier David Cameron ist einer davon. Er nennt es Chilaxing – chillen und relaxen. In seinen Besprechungen herrscht Smartphone-Verbot und abends kocht er gerne für seine Familie. Er ist ein Slow-Typ.

In Südeuropa gibt es als Slow-Modell die Siesta. Was halten Sie davon?

Honoré: Das kommt darauf an. Die alte Siesta mit einer Flasche Rioja und zwei Stunden Schlaf ist out. Ein kurzer Schlaf ist o.k. und sinnvoll. Man muss aufpassen: Denn Siesta steht auch für Faulheit, Korruption und Ineffizienz. Die Slow-Bewegung will mit Langsamkeit die Effizienz steigern. Das ist ein riesiger Unterschied.

Ostern steht vor der Tür. Langsamkeit ist auch für Religionen ein Thema.

Honoré: So ist es. Ob Ramadan im Islam oder Fastenzeit im Christentum – es geht um Entschleunigung. Der Ursprung liegt im Judentum mit dem Sabbat. Sie sehen. Die Slow-Bewegung ist überall.

Zur Person
Carl Honoré wurde zuletzt in Österreich von "Academia Superia" eingeladen – das ist eine Vereinigung von Wissenschaftern wie Univ.-Prof. Dr. Rudolf Taschner, Universitätsdozent am Institut für Analysis und Scientific Computing, Technische Universität Wien oder o. Univ.-Prof. Dr. Anton Zeilinger, Vorstand des Instituts für Experimentalphysik, Universität Wien und em. Univ.-Prof. DDr. Paul M. Zulehner, Pastoraltheologe und Pastoralsoziloge an der Uni Wien, Mitglied der österreichischen und europäischen Akademie der Wissenschaften, Professor für Experimentalphysik.

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