"Wir arbeiten nicht hirngerecht"

"Wir arbeiten nicht hirngerecht"

FORMAT: Was macht den Unterschied zwischen Lust an der Leistung und Frust in der Arbeit aus?

Bernd Hufnagl: Den Unterschied macht das Dopamin, das Hormon, das Glücksgefühle auslöst und unser Belohnungszentrum anspricht. Als Säugetiere sind wir seit Millionen Jahren programmiert uns anzustrengen, weil Anstrengung und Dopaminausschüttung zusammenhängen. Dopamin sorgt für die Belohnung nach einer Anstrengung und für das, was wir als Lust empfinden. Es ist der Stoff, der entscheidet, ob wir uns am nächsten Tag wieder anstrengen wollen. Dopamin wird aber nur dann ausgeschüttet, wenn wir zeitnah sehen, wofür wir uns angestrengt haben. Genau das ist in der Arbeitswelt oft nicht mehr der Fall, weil die Arbeitsprozesse nicht gehirngerecht sind.

Haben Sie ein konkretes Beispiel dafür?

Hufnagl: Arbeitsprozesse und Ergebnisse sind oft nicht sichtbar. Das Hirn will aber sehen, wofür man sich anstrengt. Das ist ganz wörtlich gemeint. Wenn man etwas abgearbeitet hat und am Schreibtisch Stapel wegräumt oder Zettel zerreißt, gibt das deutlich mehr Dopamin, als wenn man im Outlook-Assistent eine Zeile ausgraut. Wenn das Gehirn aber jeden Tag die gleiche Menge Stapel wahrnimmt oder noch schlimmer, es sogar immer mehr Stapel werden, während man sich anstrengt, sorgt das für Frust.

Was hat das für Folgen?

Hufnagl: Das Belohnungszentrum ist ein Vorhersagemodul. Es beurteilt, ob es Sinn macht, sich morgen wieder anzustrengen. Biologisch zu Recht, weil wir mit Ressourcen haushalten müssen und ein System im Hirn haben, das versucht Energieverschwendung zu vermeiden. Kriegt das Hirn in der Arbeit nie Belohnung, lernt es, Dopamin woanders zu bekommen: durch Konsum - Filme schauen, Autos kaufen, Handtaschen kaufen, Stöckelschuhe kaufen. Daraus entsteht Sucht. Um die gleiche Dopaminproduktion auszulösen, muss der Film das nächste Mal brutaler und actionreicher sein, das Auto schneller, die Handtasche größer, die Stöckelschuhe höher. Oder Frustessen: Menschen, die in der Arbeit keine Belohnung bekommen, holen sich Dopamin über Zucker und Fett. Der Lernprozess heißt: Wenn du im Büro frustriert bist, hol‘ dir morgen zwei Kardinalschnitten, nicht nur eine, damit es sich gleich gut anfühlt.

Kann man etwas tun, um mehr Lust als Frust am Arbeitsplatz zu erleben?

Hufnagl: Da gibt es eine gute Nachricht: Wenn ich etwas Neues ausprobiere, also etwa bei Veränderungsprozessen, dann ist die Chance extrem groß, dass ich belohnt werde. Bei etwas Neuem ist die Erwartungshaltung des Gehirns nämlich offen. Und so werden bei Erfolg in so einer Situation Unmengen von Dopamin freigesetzt, weil die Biologie erkannt hat, hier gibt es eine neue Strategie, die auch funktionieren kann. Weil dabei so viel Dopamin freigesetzt wird, die Belohnung also so groß ist, genügt zukünftig bei neuen Dingen eine Erfolgsquote von 20 Prozent. Menschen werden dadurch zu Optimisten, die sich nicht als Opfer von Umständen sehen, sondern an ihre eigenen Handlungen glauben. Anders formuliert: Man lernt zu akzeptieren, dass man nicht immer erfolgreich ist.

Und wenn das tägliche Arbeitsleben aber eher von vielen Routineaufgaben, Stress und Zeitdruck als von bahnbrechenden Neuerungen geprägt ist?

Hufnagl: Da ist das Hauptproblem der immer häufiger werdenden Konzentrationsstörungen durch permanente Arbeitsunterbrechung, Ablenkung, Multitasking. Wenn wir nur mehr auf Zuruf arbeiten, die Mailflut uns übermannt, wenn wir während der Arbeit an einer Aufgabe schon an die nächste denken, verändert sich etwas im Hirn: Wir können Wichtiges nicht mehr von Unwichtigem unterscheiden. Alles bekommt Priorität eins. Dauernde Ablenkung führt dazu, dass wir "Beruhigungsarbeit“ machen: Wir besuchen permanent unsere Baustellen, bis wir uns beruhigt haben.

Ein Beispiel: Ich arbeite an einer Excel-Tabelle und sehe im Pop-up-Fenster, dass ein Mail gekommen ist. Ein kurzer Klick, ich stelle fest, es ist ein harmloses, privates Mail. Jetzt wird im Hirn innerhalb weniger Millisekunden entschieden, woran ich weiter arbeite. Ich sollte aus Sicht der Arbeitsökonomie weiter an der Excel-Tabelle arbeiten, aber dem Emotionszentrum fallen sofort alle angstbesetzten Dinge ein - etwa Abgabetermine für andere Aufgaben. Dann beschäftige ich mich sofort damit, bis ich sehe, dass ich das termingerecht schaffen werde und beruhigt bin. Wir leben in einer Welt der permanenten Unterbrechung und daher in einer Welt, in der die Probleme permanent präsent sind.

Hilft eine Abschottungsstrategie dagegen?

Hufnagl: Studien zeigen, dass wir im Schnitt nur noch elf Minuten konstant an einer Tätigkeit arbeiten. Das Spannende: Die Unterbrechungen kommen nur zu 50 Prozent von außen. Nach elf Minuten lenken wir uns selbst ohne erkennbaren Grund ab. Weil wir nämlich dieses Muster gelernt haben, nehmen wir nach elf Minuten das Telefon und schauen, ob wir einen Anruf versäumt haben. Nur aufgrund der Vermutung unseres hirneigenen "Statistikprogramms“ und unseres Angstzentrums.

Was also tun, um hirngerechter zu arbeiten?

Hufnagl: Einerseits brauchen wir Spielregeln, um wechselseitige Ablenkung zu minimieren: Spielregeln im Umgang mit E-Mails, Telefon und der direkten Kommunikation mit Kollegen. Eine Stunde Arbeit im "Multitasking-Modus“ entspricht in etwa 20 Minuten konzentrierten Arbeitens.

Andererseits benötigen wir mehr Selbstdisziplin: Jedes Mail, das ich schreibe, kommt dreifach zurück. Menschen, die weniger Mails schreiben, bekommen auch weniger Mails. Und ganz wichtig: Wir müssen wieder sehen können, wofür wir uns anstrengen; wie ein Tischler, der am Ende eines Arbeitstags den Fortschritt seiner Arbeit sehen kann. Der Tischler muss seine Arbeit nicht an einem Tag fertig bekommen, er muss aber sehen können, dass daraus einmal das fertige Produkt entstehen wird. Die Botschaft lautet: Räumen Sie das "Rohmaterial“ Ihrer Arbeit, eventuell notwendige Unterlagen, her und nach Bearbeitung wieder weg. Wenn Sie dazu auch "Nicht-Ziele“ für ihre Arbeit definieren, sich also bewusst gegen eine andere Arbeit entscheiden, ist die Chance deutlich größer, dass Sie konzentriert bei einer Arbeit bleiben können und nicht ständig an mehreren Baustellen gleichzeitig zu arbeiten versuchen.

Zur Person: Bernd Hufnagl studierte Biologie und Medizin mit Schwerpunkt Neurobiologie, Hirnforschung und Verhaltensbiologie. Er war zehn Jahre im Bereich Hirnforschung an der Uni Wien und der Uni-Klinik für Neurologie am AKH Wien tätig. Als Berater und Fachvortragender hat er sich auf das Thema "hirngerechtes Arbeiten“ spezialisiert. Hufnagl hält Managementtrainings und unterstützt Organisationen sowie Unternehmen bei professionellem betrieblichen Gesundheitsmanagement. Info: www.neurologik.cc

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