Wikipedia: Nichts als die Wahrheit

Wikipedia: Nichts als die Wahrheit

Wikipedia platzt aus allen Nähten. Expansionsbestrebungen, Einflussnahme und Informationsvandalismus bringen die Non-Profit-Organisation aber an ihre Grenzen.

Wissen, das früher wandgroße Bücherregale in den Wohnzimmern des Bildungsbürgertums füllte, ist heute auf eine Webadresse geschrumpft: Kein Referat, keine Seminararbeit, kaum ein Artikel (auch dieser nicht) entsteht heute - ohne Wikipedia. Ein kalifornisches Start-up hat die wichtigste globale Wissensquelle aufgebaut, mit über 23 Millionen Artikeln in 271 Sprachen. Gekostet hat das praktisch nichts, denn ein Heer von Freiwilligen hat über die letzten zwölf Jahre ein einzigartiges Universallexikon geschaffen.

Wikipedia ist eine Wissensmacht, als eine der meistbesuchten Websites der Welt auch eine Art Wissensmonopol, das permanent am Prüfstand steht und natürlich Begehrlichkeiten weckt. Von PR-Leuten, von Firmen, von Privaten. Wer nicht in Wikipedia drin ist, ist nicht relevant. Und da im Prinzip jeder reinschreiben kann, wären auch viele gern drin. Wikipedia ist eine Baustelle, auf der rund um die Uhr gearbeitet wird - auch nachts, auch in Österreich.

Anders als auf einer klassischen Baustelle, wo selbst das größte Projekt irgendwann fertiggestellt wird, reißt man bei Wikipedia die Wände aus Text immer wieder ein, erweitert sie, baut um. So mancher Eintrag ist längst zur Dauerbaustelle geworden: So findet man unter Hermann Nitschs Wikipedia-Seite immer wieder Änderungen, die aus dem "Maler und Aktionskünstler“ einen "Blut- und Fäkalschütter“ machen. Auch der Eintrag zu Heinz-Christian Strache ist permanent im Umbruch und oft Schauplatz von "Informationsvandalismus“.

Wissenselite

Hinter der Enzyklopädie steht eine große Autorengemeinschaft. Die mehr als eineinhalb Millionen angemeldeten Nutzer in der deutschsprachigen Wikipedia sind aber eher der Kategorie Karteileiche zuzuordnen. Meist sind das Nutzer, deren Wikipedia-Engagement schon nach der erfolgreichen Registrierung endete. Tatsächlich wird Wikipedia in der deutschsprachigen Version von 21.000 Autoren getragen, die zumindest einmal im Monat an der Website arbeiten, davon 800, die alle paar Tage etwas machen. Der harte Kern in Österreich, die täglich daran arbeiten, sind 20 bis 30 Leute. Genauer lässt sich das nicht sagen, da sich heimische Autoren im deutschsprachigen Wikipedia nicht zwingend als Österreicher deklarieren müssen. Wikipedia wird also nicht, wie oft von der Öffentlichkeit wahrgenommen, von der großen Internet-Gemeinschaft erstellt, sondern von einer eingeschworenen Gruppe engagierter Autoren.

Selbst Wikipedia-Gründer Jimmy Wales muss zugeben, dass hier ein klarer Wahrnehmungsfehler vorliegt: "Wir sind gar nicht so demokratisch. Der Kern der Wikipedia-Community schätzt User mit hoher Kompetenz - der Großteil der User gilt bei uns aber als Idioten, die besser nicht schreiben sollten.“

Beppo Stuhl ist einer der Kompetenten. Neben seinem Job in der Computerbranche investiert der studierte Geologe seit 2004 täglich ein bis zwei Stunden in die Wikipedia-Arbeit, um Artikel aus dem Geologie- und Ur- und Frühgeschichte-Bereich zu bearbeiten oder administrative Tätigkeiten auszuführen. Lohn seiner Arbeit sind Momente wie der, wenn eines seiner Werke es unter die meistgeklickten geschafft hat. Dass ausgerechnet ein Artikel über Plattentektonik in die Top 100 der Wikipedia-Seiten aufstieg, hatte Stuhl dem Tsunami in Thailand zu verdanken. Fukushima sorgte dafür, dass Einträge zu Kernschmelze plötzlich interessanter waren als Wikipedia-Dauerbrenner Michael Jackson. "Da waren wir schneller als die Nachrichtenagenturen, weil rund um die Uhr Autoren weltweit Fakten eingearbeitet haben. Und wenn ein deutsches Ministerium dann Wikipedia zitiert, kann die Arbeit nicht so schlecht gewesen sein“, so Stuhl.

Wikipedianer haben aber auch keine Scheu, Experten ohne wissenschaftlichen Hintergrund zuzulassen. "Ein Schüler kann bei einem neuen Computerspiel oft mehr Expertise für einen Eintrag mitbringen als wir“, sagt Stuhl. Jeder kann ein Experte sein auf seinem Gebiet - allerdings muss er sich gegen die angestammte Community behaupten, die mit Frischlingen oft sehr rüde umgeht. Stuhl: "Beim ersten Mal wird er noch freundlich auf Fehler hingewiesen. Beim zweiten Mal wird die Kritik dann schon handfester.“

Die große Goldgräberstimmung in Wikipedia ist heute vorbei - nur zu den allerwenigsten Themengebieten zeigt sich die Wissensseite heute unbeschrieben. Irgendwelche Kurzeinträge, sogenannte Stummel, werden in der deutschsprachigen Wikipedia gar nicht mehr zugelassen. Wikipedia hat sich verändert. Die Basis ist gelegt, die Möglichkeiten für neue Artikel wurden extrem begrenzt. Logisch, dass die Autoren heute mehr Gewicht auf die Aktualisierung und Qualitätssicherung bestehender Artikel verwenden.

Bei diversen Blindtests mit anderen Enzyklopädien schnitt Wikipedia selten schlechter ab als die tradierten Standardwerke wie eine Britannica oder der Brockhaus. Mehr noch: Wie eine Untersuchung des wissenschaftlichen Informationsdiensts Köln 2007 bei der Analyse von 50 Artikeln zu unterschiedlichen Themen herausfand, informierte Wikipedia in 43 Fällen sogar besser als der Brockhaus. Solche Blindtests sind natürlich nur Schlaglichter. Gegen die Vorurteile, nicht so gut sein zu können wie die wissenschaftliche Exzellenz, müssen die Wikipedianer immer noch ankämpfen.

Ein großer Generalvergleich ist praktisch unmöglich. Dabei gehen die Wikipedia-Autoren durchaus wissenschaftlich vor und arbeiten in ihren Fachgebieten die aktuellsten Forschungsergebnisse ein. Stuhl: "Die Vorbehalte aus den akademischen Zirkeln begegnen uns immer wieder. Wenn wir mit Universitätsprofessoren Kongresse haben, können wir sie aber regelmäßig von unserer Qualität überzeugen.“ Ein Teil der Kritik an Wikipedia könnte seinen Ursprung auch im wirtschaftlichen Umfeld haben: Seit 2006 ging der Umsatz mit Nachschlagewerken um mehr als 50 Prozent zurück. Das Lexikon ist zum Dinosaurier des Informationszeitalters geworden.

Dabei schöpft Wikipedia noch nicht einmal sein gesamtes Expertenpotenzial aus. Viele, die an sich gerne mitarbeiten würden, tun sich (mit zunehmendem Alter) oft schwer, mit den Editierungswerkzeugen umzugehen. Ein Umstand, der dem Autorenschwund nicht guttut. Allein das seitenlange Regelwerk zu lesen und zu verstehen ist für Neulinge eine Tortur. Die Bestrebungen, die Editierwerkzeuge einfacher zu gestalten, sind fast so alt wie die Enzyklopädie selbst. Gelungen ist es bislang nicht. Einen Wikipedia-Eintrag zu erstellen ist weitaus schwieriger, als einen Essay in Word zu tippen.

Verlinkungen, Quellenangaben, korrekte Formatierung und passender Schreibstil stellen hohe Anforderungen an neue Schreiber.

Nicht nur technische Hürden sind zu überwinden, auch inhaltlich stellt Wikipedia hohe Ansprüche an sich selbst. Wikipedianer führen die "Relevanz-Diskussion von Beiträgen jeden Tag neu“, sagen die Autoren. Das Problem ist, dass sie nur von einem begrenzten Zirkel geführt werden kann. Da stößt auch der Wikipedia-Gründer Jimmy Wales an die Grenzen des gruppendynamischen Diskussionsprozesses. Blinde Flecken oder unterrepräsentierte Welten finden sich daher in Wikipedia immer noch. Gerade im wirtschafts- und finanzwissenschaftlichen Bereich weist Wikipedia Lücken auf. Zumindest ist das Universallexikon so fair, unvollständige Beiträge auch so auszuschildern und auf das Fehlen von Themen hinzuweisen.

Viele dieser Lücken würden nur allzu gerne von Interessenvertretern aller Art gefüllt werden. "Wikipedia ist durch seine hohe Präsenz im Web für die PR-Arbeit natürlich extrem interessant. Allerdings ist der Umgang mit dem Portal in der Öffentlichkeitsarbeit heikel. Wenn man es falsch macht, erlangt der Kunde schnell den Ruf, Schönfärberei im Internet zu betreiben. Das kann dann im Nu ins Negative umschlagen und Glaubwürdigkeit kosten. Im schlimmsten Fall beschädigt man sogar die Marke“, erklärt PR-Experte Nikolaus Pjeta, Geschäftsführer Yield PR.

"Man sollte Wikipedia auch hier als das sehen, was es ist: ein Nachschlagewerk. Unternehmensinformationen gehören hier hin - Pressetexte und PR-Meldungen nicht. Sich größer oder besser darzustellen, als man tatsächlich ist, wird auf Wikipedia nämlich schnell entlarvt.“ Ganz außen vor lassen sollten PR-Verantwortliche in Unternehmen das Wissensportal aber nicht: "Die eigene Wikipedia-Seite ist für Firmen und Personen heute ein Statussymbol. Eine Firma ohne Wikipedia-Eintrag wird von vielen Internet-Usern als unwichtig und klein wahrgenommen“, so Pjeta. "Aus PR-Sicht nachteilig ist dabei, dass Artikel leicht von unternehmensfremden Personen abgeändert werden können, was schnell zu einem Bumerang für den Firmenruf werden kann. Daher sollte man ständig ein wachsames Auge auf die Wikipedia-Page haben und im Notfall auch selbst - sachliche - Änderungen vornehmen.“

Die Finanzierung

Ein Dauerproblem für Wikipedia ist die Finanzierung. Die Autorenschaft arbeitet ehrenamtlich - kostet Wales also keinen Cent. Der technische Betrieb einer der meistbesuchten Websites weltweit ist jedoch alles andere als billig: Reichten 2005 noch 300.000 Dollar, um Wikipedia am Netz zu halten, wird heute schon das Hundertfache benötigt. Wenig verwunderlich, dass das Spendeneintreiben mithin Hauptjob des Gründers geworden ist. Allein 2011 mussten 25 Millionen Dollar aufgebracht werden, um die 150 Mitarbeiter in der technischen und juristischen Administration sowie die Server zu bezahlen. Die benötigten Rechnerkapazitäten sind gewaltig und werden angesichts neuer Projekte mit Bilddatenbanken geradezu explodieren.

Gesammelt wird auch in Österreich, bis 2011 über den Grazer Verein Wikimedia. "99 Prozent der Spender sind Private, die zehn oder 20 Euro beitragen“, berichtet Obmann Kurt Kulac. Letztes Jahr spendete ein mittelständischer Betrieb eine vierstellige Summe. Und das, obwohl er selbst nicht einmal einen Wikipedia-Eintrag hat. "Da haben wir eine Sektflasche aufgemacht.“ Ohne die Big Spender gäbe es Wikipedia längst nicht mehr. 2011 zahlte die Stiftung des Google-Gründers Sergey Brin eine halbe Million ein, der russische Internet-Oligarch Pawel Durow, Betreiber des Facebook-Klons Vkontakte.ru, steuerte eine Million bei. Die Sloan Foundation vom ehemaligen General-Motors-Konzernchef überwies mit drei Millionen Dollar die höchste Einzelspende.

Die Gelder fließen nicht mehr nur in die Wikipedia. Rund um die Enzyklopädie haben sich über die Jahre eine Reihe von Sonderprojekten herausgebildet. Bei WikiSource etwa werden urheberrechtsfreie Buchbestände digitalisiert und zugänglich gemacht, ähnlich wie es Google Books macht. Anders als bei Google werden die Bücher jedoch nicht nur reproduziert, sondern auch kommentiert und erschlossen - jedem Buch seine Buchbesprechung. Beim Projekt "Wiki loves monuments“ wurden weltweit Kulturdenkmäler erfasst. Allein die österreichische Community steuerte 12.000 Fotos dazu bei. Weltweit waren es 400.000 Bilder, die hochgeladen und bearbeitet werden mussten. Eine Arbeit, die nationale Denkmalämter weder logistisch noch finanziell stemmen könnten.

Nicht unpolitisch

So objektiv Wikipedia das Sammeln von Wissen und Fakten betreibt, verfolgt es doch auch klare politische Ziele. Oberstes Gebot ist, nicht nur für Jimmy Wales, der freie Zugang zu Information. Kostenlos, für jedermann. Damit stellt sich die Wikipedia Foundation, die Dachorganisation, zu der sämtliche Wikipedia-Projekte gehören, in Opposition zu jeder Art von Zensur, Zugangsbeschränkung und Einflussnahme durch Regierungen weltweit. Hier schreckt man auch vor drastischen Aktionen nicht zurück: Anfang 2012 blieb das US-Wikipedia, genauso wie viele andere große Internetseiten, im wahrsten Sinne des Wortes schwarz. Damit protestierte die Foundation gegen geplante Gesetze in den USA, die die Freiheit im Web massiv eingeschränkt hätten. Im Juli dieses Jahres folgte eine ähnliche Protestaktion in Russland, dessen neues Informationsgesetz die Meinungsfreiheit im Internet quasi abgeschafft hatte. Intern diskutiert die Wikipedia-Community politische Themen ausführlich - die Autoren wissen, dass Wikipedia mit seiner Meinungsmacht längst auch gesellschaftspolitische Verantwortung trägt.

Die Wissensdatenbank hat nämlich nicht nur den Zugang zu Information generell verändert, für Schüler stellt Wikipedia ein geradezu revolutionäres Recherchetool dar. Nicht jeder ist über diese Entwicklung gleichermaßen erfreut: Referate und Hausübungen, die eins zu eins Wikipedia entnommen werden, sind in heutigen Klassenzimmern fast schon der Normalfall. Nicht immer stellen sich Schüler beim "Wissensklau“ besonders geschickt an. Gertrud Krenn, AHS-Lehrerin für Geschichte und Deutsch, kennt einige Anekdoten: Nach der Klassenlektüre des Buches "Die Vermessung der Welt“ sollten die Schüler Referate zu den Protagonisten Humboldt und Gauß halten. Heraus kamen, neben den gewünschten Referaten zum Physiker Carl Friedrich Gauß, auch Vorträge zum Oberbürgermeister von Stuttgart, einem Gynäkologen und einem Organisten und Komponisten gleichen Namens. Die Schüler scheiterten also bereits daran, in der Wissensdatenbank den korrekten Gauß zu finden.

Einen proaktiven Zugang zum Lernen im Kontext vernetzter Wissensdatenbanken halten viele Pädagogen heute daher für wichtiger denn je. "Wir vermitteln unseren Schülern einen kritischen Zugang zu jeder Art von Wissen“, meint Ian Piper, Direktor der Danube International School in Wien. "Wikipedia wird unseren Schülern als eine völlig legitime Recherchequelle auch empfohlen - nur eben nicht als ausschließliche.“ Das Wikipedia-Prinzip wird im Unterricht sogar aktiv behandelt: "Bei Klassenarbeiten erstellen die Schüler oft selbst Wikis, die mit den relevanten Informationen befüllt werden. Sie lernen dabei nicht nur, Quellenangaben zu machen, sondern auch jeder Information kritisch und hinterfragend gegenüberzutreten.“

Dient Wikipedia westlichen Schülern primär als schnelle Abkürzung für langwierige Referatsrecherche, leistet die Wissensseite in anderen Teilen der Welt Entwicklungshilfe am Wissenssektor. Derzeit werden relevante Einträge in eine Vielzahl afrikanischer Dialekte übersetzt. Damit erhalten diese oft sehr kleinen Volksgruppen erstmals Zugang zu Information in ihrer eigenen Sprache, wo bisher kein Verlag auch nur ein einziges Lexikon verlegt hatte.

Mit Projekten wie diesen legt sich die Wikipedia-Community immer neue Aufgabenstapel auf den schon vollgetürmten virtuellen Schreibtisch. Der Anspruch, die Welt mit freier Information zu ändern, kollidiert dabei mit der Herausforderung, die nach allen Seiten wuchernden Wikipedia-Ableger irgendwie unter einen Hut zu bringen. Strukturprobleme und technische Schwierigkeiten sorgen dafür, dass das ohnehin schon schwer zumutbare Arbeitspensum der ehrenamtlichen Mitarbeiter weiter steigt.

So erstaunlich es ist, dass das größte Wissensprojekt der Menschheit ohne jedes Geschäftsmodell bewerkstelligt wird, so unwahrscheinlich scheint es, dass dieses Projekt auf den Schultern der wenigen auch in Zukunft weitergetragen werden kann. Wer auch weiterhin den Komfort kostenloser und hochwertiger Information genießen will, sollte daher eines tun: Spenden - denn schreiben, so sagt Jimmy Wales, sollte nicht jeder.

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