Wenn die Syrien-Krise in die Lüneburger Heide kommt

Wenn die Syrien-Krise in die Lüneburger Heide kommt

Langsam heben sie den Stahlzylinder aus seiner Transportkiste, setzen ihn unter die Abzugshaube und lösen den Deckel. Aus dem Inneren fördern sie ein Glasfläschchen halbvoll mit Erde zutage, das einer der Experten behutsam aufschraubt. Dann greift er zu einem Apparat, der aussieht wie ein klobiges Handy mit dicker Stummelantenne – und plötzlich geht alles sehr schnell: Jaulend schlägt das Detektionsgerät an, im Display leuchten die Buchstaben GB und fünf Balken auf. Der Chemiker deutet auf die Anzeige, dumpf dringt seine knappe Erklärung des Nato-Codes unter der Schutzmaske hervor: "Sarin".

Die Erde aus dem Fläschchen ist mit dem tödlichen Nervengift verseucht. Diese Szene dürfte sich in dem Backstein-Gebäude, das zum "Wehrwissenschaftlichen Institut für Schutztechnologien - ABC-Schutz" (WIS) der Bundeswehr im Städtchen Munster in der Lüneburger Heide zählt, vor ein paar Wochen tatsächlich so abgespielt haben. Kurz zuvor waren bei einem Sarin-Angriff in der syrischen Hauptstadt Damaskus mehr als 1400 Menschen umgekommen. Unter strengster Geheimhaltung ließ die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) daraufhin die Proben, die internationale Inspektoren vor Ort genommen hatten, in zwei Laboren analysieren.

Bei der Arbeit der Chemiker ging es um Krieg oder Frieden, die USA drohten mit einem Militärangriff. Wohl auch deshalb wurden die Standorte der Labore unter Verschluss gehalten. Ein Teil der Proben ging nach Angaben aus Sicherheitskreisen jedoch nach Deutschland und wurde beim WIS analysiert, die Untersuchung zog sich über zwei Wochen hin. Bestätigt wird dies nur hinter vorgehaltener Hand. Offiziell schweigt die Bundesregierung weiter zu dem Thema, dementsprechend wenig Details sind bisher an die Öffentlichkeit gedrungen. Die OPCW dagegen hat inzwischen sogar den Friedensnobelpreis für ihre Arbeit erhalten.

WIS-Institutsleiter Winfried Schuhn ist ein gefragter Mann in diesen Tagen: Er ist nicht nur der oberste Berater der Bundeskanzlerin in allen Fragen rund um Chemiewaffen, die Vereinten Nationen könnten seine Mitarbeiter auch als Inspektoren anfragen. Bisher haben sie dies jedoch nicht getan. Im Irak dagegen, wo sich vor einem Vierteljahrhundert in Halabdscha der bislang weltweit letzte große C-Waffen-Angriff ereignete, war Schuhn mit einem Mitarbeiter 2009 als Berater im Einsatz. Inzwischen unterstützt das Institut den Irak dabei, seine Chemiewaffen zu beseitigen. Kommende Woche erwarten die Wissenschaftler wieder Besuch aus dem Land.

"Der Irak hat leider immer noch in zwei Bunkern Reste von chemischen Kampfstoffen, zum Teil auch munitioniert", berichtet Schuhn. Das WIS habe dem Land dabei geholfen, ein Konzept zur Erkundung und Zerstörung der C-Waffen zu erarbeiten. Nun sollen acht irakische Spezialisten in Munster mit Detektionsgeräten ausgestattet und im Umgang damit ausgebildet werden. Auch Dekontaminations- und Schutz-Ausrüstung erhalte das Land von Deutschland. "Wir hoffen, dass der Irak so in die Lage versetzt wird, selbst seine Probleme zu beseitigen", sagt Schuhn.

Der alltägliche Umgang mit der tödlichen Gefahr

Gegen den weltweiten Rummel um die Sarin-Proben aus Syrien schottet sich das WIS ab - so gut es geht. Chemische Kampfstoffe stehen im Gedächtnis der Menschheit für den Horror der großen Gas-Schlachten des Ersten Weltkriegs. Im Kampf um das belgische Städtchen Ypern setzten deutsche Truppen am 22. April 1915 erstmals in großem Stil den Lungenkampfstoff Chlor ein, gut zwei Jahre später testeten sie dort erstmals die Wirkung von Senfgas. Kaum eine andere Waffe verbreitet einen solchen Schrecken wie Giftgas, das unsichtbar, farblos und manchmal erst Stunden nach dem Einatmen seine tödliche Wirkung entfaltet. Doch während die Welt sich erst mühsam wieder an Begriffe wie Sarin, VX, Senfgas oder Tabun gewöhnen muss, ist der Umgang mit tödlichen Kampfstoffen für die Wissenschaftler am WIS Alltagsgeschäft.

Sie reagieren mit einem verständnisvollen Lächeln, wenn Besucher befremdet auf die allgegenwärtigen gelben Aufkleber mit dem Totenkopf starren - das internationale Warnzeichen für Gift. Auch die austauschbaren Einsteckschilder neben den Labortüren lassen Fremde stocken: "Versuche mit: S-Lost, Clark I" steht da auf einer blauen Tafel zu lesen. S-Lost ist ein anderer Name für Senfgas und Clark I ein sogenannter Maskenbrecher - die im Ersten Weltkrieg eingesetzte Substanz durchdrang Atemfilter und löste einen Brechreiz aus, der die Soldaten zum Abnehmen ihrer Gasmasken zwang.

"Wir haben hier Fachleute aus dem Bereich Chemie, die natürlich keine Bedenken haben, mit solchen Substanzen umzugehen - die haben das gelernt, die können das", sagt Institutsleiter Schuhn. "Dazu kommt, dass wir hier eine Schutzaufgabe haben, das heißt: Wir sprechen hier nicht über die Produktion von Kampfstoffen, sondern über den Schutz vor Kampfstoffen". Dennoch könne selbst bei den Experten manchmal ein mulmiges Gefühl aufkommen, wenn sie eine Probe mit unbekanntem Inhalt erhielten. "Jeder hat mal Angst", räumt Schuhn ein. "Und zwar immer dann, wenn man die Gefahr noch nicht richtig kennt und sie nicht einschätzen kann".

Auch für solche Fälle sind die Sicherheitsvorkehrungen beim WIS besonders hoch - von den Hochleistungs-Klimaanlagen, die die Luft in den Labors fast alle 60 Sekunden komplett umwälzen, bis hin zum Bunker, in dem die hochgiftigen Substanzen lagern. Immerhin ist das Institut in der Lüneburger Heide die einzige Einrichtung in ganz Deutschland, die überhaupt mit chemischen Kampfstoffen arbeiten und sie lagern darf. Zutritt zu dem Bunker unter einem grasbewachsenen Hügel irgendwo auf dem weitläufigen Gelände des WIS haben aus Sicherheitsgründen nur wenige Personen, und sie müssen dabei schwere Ganzkörper-Schutzantrüge aus Gummi tragen - die sogenannten Zodiacs.

"Da sind alle Kampfstoffe drin, die wir haben und brauchen - alle klassischen Kampfstoffe aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg, auch Sarin", beschreibt ein Mitarbeiter das, was unter dem unspektakulären Hügel lagert. Bei dem hochgiftigen Material handele es sich weitgehend um Restbestände aus den Weltkriegen, aber auch Frankreich habe schon Kampfstoff geliefert. Denn frisches Material für ihre Tests produzieren dürfen selbst die Experten des WIS nicht. Gelagert sind die giftigen Substanzen in Glasampullen, die wiederum in Metallwannen stehen. Dabei sind es keine großen Mengen, die die Wissenschaftler für ihre Arbeit horten: Die Gesamtmenge des Materials im Bunker bewege sich im "Kilo-Bereich", sagt der Mitarbeiter vorsichtig. "Im Jahr verbrauchen wir davon weniger als ein Kilogramm". Allerdings genügt bereits eine Dosis von zehn Milligramm Sarin, um einen erwachsenen Menschen zu töten.

Lissy arbeitet mit der größten Menge Kampfstoff

Mit der größten Menge von Kampfstoffen hantieren beim WIS ohnehin nicht die Chemiker, sondern Lissy. Lissy ist ein sogenannter Begiftungsroboter: Auf Anweisung ihrer menschlichen Meister träufelt sie winzige Tropfen von einem Tausendstel Milliliter Kampfstoff auf kleine Stücke Beton, Gummi oder Metall, die die Wissenschaftler anschließend wieder entseuchen. "Wir wollen wissen: Wie effizient können wir auf Beton, Metall oder Kunststoff dekontaminieren", erklärt ein Chemiker. Metall und Glas lassen sich nach seinen Worten leicht säubern, bei Gummi und Beton kann es einfach oder aber auch unmöglich sein. Lissy ist dazu da, die Tropfen so präzise wie möglich zu setzen.

"Vorher, als wir das noch von Hand gemacht haben, hatte man schon mal die zehn- bis fünfzehnfache letale Dosis in der Spritze", berichtet der Chemiker. Deshalb gelten bei der Arbeit im Labor auch ganz besonders hohe Sicherheitsvorkehrungen: "Es müssen immer zwei Leute im Raum sein, damit einer Alarm schlagen kann", sagt der WIS-Mitarbeiter. Je nach Gefährdungsstufe müsse zudem ein Sanitäter oder gar ein Arzt vor Ort sein, denn die Reaktionszeit bei einem Unfall ist kurz. "Sarin ist einer von den Stoffen, wo man wenig Zeit hat - unter einer Minute", sagt der Chemiker. In dieser Frist müsse der Arzt das Gegengift zu dem tödlichen Kampfstoff verabreichen.

Angst hat in dem Labor nach eigenen Worten dennoch keiner, Respekt dagegen schon. "Man braucht schon ein bisschen Mumm dazu, aber wir haben alle die nötige Ausbildung", sagt der Chemiker gelassen. "Man muss einen gewissen Respekt haben und wissen, was man tut", erklärt auch seine Kollegin lächelnd. "Die Arbeit ist zwar Routine, aber sie darf nie zur Gewohnheit werden".

Im Kalten Krieg trainierten Soldaten an Riechkästen

Institutsleiter Schuhn kann sich noch an Zeiten im Kalten Krieg erinnern, als die Bundeswehr ihre Soldaten an Riechkästen trainierte, damit sie Giftgase anhand nachgestellter Gerüche erkennen lernten. Heute bestimmt High-Tech den Umgang mit chemischen Kampfstoffen: Zur ersten Untersuchung bei einem C-Waffenverdacht benutzen die Waffeninspektoren in Syrien ebenso wie Bundeswehr-Soldaten den handyartigen Apparat, der auch am WIS als Detektionsgerät im Einsatz ist. Er misst mit seinem Spüradapter die klassischen Kampfstoffe Sarin, Tabun, Soman und VX. Danach setzen die Experten beim WIS ein zweites Gerät ein, das einem olivgrünen Tischstaubsauger ähnelt: Dieses schlägt bei Phosphor-Verbindungen an, die in allen Nervenkampfstoffen vorkommen. So sollten neue oder Abwandlungen alter Kampfstoffe entdeckt werden, erklärt einer der Experten.

Die Voruntersuchung mit den beiden Geräten dauert nur wenige Minuten und verschafft den Wissenschaftlern eine grobe Vorstellung von der Brisanz der Gifte, mit denen sie es zu tun haben. Die anschließende gründliche Analyse beginnt damit, dass die Probe - es kann sich um Steine, Sand, Fußboden-Stücke, Laub, Splitter oder aber auch Tücher von Wischproben handeln - fein zermahlen und in Flüssigkeit gelöst wird. In diesem Zustand ist sie bereit für die abschließende Analyse im Gas-Chromatographen und dem Massenspektrometer. Dabei erhitzen die Wissenschaftler einen winzigen Tropfen der Flüssigkeit - einen Millionstel Liter - und jagen ihn auf einer Helium-Wolke durch eine 30 Meter lange Röhre so dünn wie eine Perlenschnur. Auf dem mühsamen Weg durch diesen nur einen Viertel Millimeter schmalen Tunnel spaltet sich die Probe in ihre einzelnen Bestandteile auf, die dann separat untersucht werden können.

Diese letzte Analyse erledigt das Massenspektrometer, das am Ende ein Diagramm erstellt: Auf dem Bildschirm im Labor in Munster ist eine Grundlinie zu sehen, von der sich eine lange senkrechte Linie mit vielen kleinen Stummelstrichen daneben in die Höhe reckt - der chemische Fingerabdruck von Sarin. Die meisten anderen Wissenschaftler würden das Strichmuster zur Identifikation in einer Spezialbibliothek nachschlagen, doch der Chemiker im Labor des WIS muss keine zweites Mal hinschauen. "Mit der Zeit bekommt man schon einen Blick dafür, was wichtig ist", sagt er schmunzelnd.

Unter den Wiesen lauern alte Kampfstoff-Depots

Untergebracht ist das WIS mit seinen rund 200 Beschäftigten auf einem abgelegenen Gelände in einem Waldgebiet am Rande von Munster. Die Wiesen, herbstlich bunten Bäume und leger gekleideten Mitarbeiter lassen es wie eine zivile Forschungseinrichtung wirken. Das WIS ist dem Verteidigungsministerium unterstellt, seine Belegschaft besteht jedoch aus zivilen Mitarbeitern. Nur ab und zu ist aus der Ferne ein dumpfes Grollen zu hören, wenn die Soldaten auf dem Truppenübungsplatz nebenan mit ihren Panzern schießen.

Über das Gelände verstreut stehen Gebäude, in denen die Experten bei weitem nicht nur Proben chemischer Kampfstoffe analysieren, sondern in vielen Bereichen an einem besseren Schutz für die Soldaten im Einsatz tüfteln. In einer Halle etwa prüfen die Wissenschaftler schutzbelüftete Fahrzeuge der Bundeswehr auf ihre Dichtigkeit gegen Giftgas, in einer anderen Halle proben sie mit Beregnungsanlagen die Dekontamination radioaktiv oder chemisch verseuchter Lastwagen. Ein paar Häuser weiter schicken sie Testpersonen in voller Schutzmontur in einen Maskenprüfstand: In einem Glaskasten müssen die Probanden mit Atemschutzmasken, an die allerlei Messtechnik angeschlossen ist, verschiedene Übungen absolvieren, um die Dichtigkeit zu testen.

Auf einer Wiese draußen vor dem Gebäude, wo ein neues Labor entstehen soll, ziehen einige Fachleute in weißen Schutzanzügen Bodenproben, ehe die Bauarbeiten beginnen können: Das WIS lässt Vorsicht walten, da auf dem Gelände des Instituts wohl noch viele gefährliche Hinterlassenschaften aus den vergangenen hundert Jahren verscharrt sind. Diese Altlasten haben bereits für einige Überraschungen gesorgt. Nur ein paar Schritte weiter stießen Bauarbeiter vergangenes Jahr auf eine wilde Deponie mit Glasampullen voller hochgiftiger Blausäure, als sie die Trasse für eine Fernwärmeleitung ausheben wollten. "Es war wohl eine Fehlproduktion - da haben die damals einfach ein Loch gemacht und das da reingeworfen", sagt ein Mitarbeiter. Das Bergen von Blausäure ist jedoch besonders schwierig, weil sie sich durch die Filter von Gasmasken frisst. Vorerst ist die Wiese nun mit einer schweren Kunststoffplane abgedeckt und mit einem Zaun abgesperrt, an dem Schilder mit der Aufschrift "Halt! Kampfmittelbeseitung! Lebensgefahr!" warnen. Die Fernwärmeleitung führt inzwischen um die wilde Deponie herum.

Es ist kein Zufall, dass das WIS in Munster angesiedelt wurde - häufig muss das Institut Proben aus seiner unmittelbaren Umgebung analysieren. Deutschland selbst besitzt zwar schon lange keine Chemiewaffen mehr, doch es ist noch immer mit der Beseitigung seiner Altlasten aus zwei Weltkriegen und der Zeit dazwischen beschäftigt. Senfgas, Tabun und Sarin sind deutsche Erfindungen, und sie wurden in Munster produziert und getestet. Schon im Ersten Weltkrieg begann die Herstellung und Erprobung chemischer Kampfstoffe in dem Städtchen in der Lüneburger Heide, ab 1935 setzte die Heeresversuchsstelle Munster-Nord die Arbeit fort. 1919 wurden bei einer gewaltigen Explosion mehr als eine Million Granaten und Minen sowie Kesselwagen voller Kampfstoffe zerstört und das Gelände im Umkreis von drei Kilometern kontaminiert. Bis heute existiert auf dem Truppenübungsplatz-Nord ein "rotes Gebiet", wo noch immer chemische Munition aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg entdeckt wird.

GEKA ist für Vernichtung alter C-Waffen verantwortlich

Für die Entsorgung dieser alten C-Waffen sind die Nachbarn des WIS verantwortlich, die "Gesellschaft zur Entsorgung chemischer Kampfstoffe und Rüstungsaltlasten" (GEKA). Sie sorgt dafür, dass Deutschland seine Verpflichtungen aus der Chemiewaffen-Konvention erfüllen und die eigenen Altlasten beseitigen kann. So wie das WIS als einzige Institution in Deutschland mit chemischen Kampfstoffen arbeiten darf, ist die GEKA die einzige Einrichtung, die sie vernichten darf. Alleingesellschafter der GEKA ist das Verteidigungsministerium.

"Nach der Chemiewaffen-Konvention muss jeder Staat seine eigenen Chemiewaffen vernichten, sie dürfen normalerweise nicht zur Zerstörung in ein anderes Land gebracht werden", sagt GEKA-Chef Andreas Krüger. "Nur in Absprache mit der OPCW können in Sonderfällen auch Ausnahmen zugelassen werden." Es komme auch vor, dass die GEKA anderen Ländern Hilfestellung bei der Beseitigung ihrer C-Waffen gebe, betont Krüger. So habe Deutschland Anfang der 2000er Jahre Russland finanziell beim Aufbau von Anlagen zur Vernichtung seiner C-Waffen unterstützt. GEKA-Experten hätten dem Land bei der Inbetriebnahme der Anlagen geholfen, das russische Bedienpersonal sei in Munster ausgebildet worden. Im Falle Syriens hat Deutschland technische und finanzielle Unterstützung bei der Vernichtung der Chemiewaffen angeboten.

Sieben bis zehn Tonnen C-Waffen verbrennt die GEKA pro Jahr, deutlich weniger als in der Vergangenheit. Früher war die Vernichtung chemischer Munition noch aufwändiger und gefährlicher als heute: Die Geschosse mussten aufgesägt, chemischer Kampfstoff und Sprengstoff getrennt und alles separat beseitigt werden. 2006 erhielt die GEKA dann einen modernen Sprengofen, der Geschosse mitsamt ihrer chemischen Ladung bis zu einer Sprengkraft von 2,3 Kilogramm TNT am Stück verbrennen kann. Seither geht die Beseitigung der C-Waffen wesentlich schneller. Dies allein würde die GEKA aber nicht auslasten.

"Es ist nicht so, dass wir den ganzen Tag Chemiewaffen vernichten - es ist eher die Ausnahme", erklärt Krüger. Die GEKA entsorge auch große Mengen konventioneller Munition, dazu konfiszierte Böller, ausgemusterte Airbags oder Seenot-Signalmunition, die das Verfallsdatum überschritten hat. Insgesamt beseitigt das Unternehmen im Jahr etwa 600 Tonnen konventioneller Munition sowie 100 Tonnen mit chemischen Kampfstoffen kontaminierten Materials wie Filter, Schutzanzüge oder Aktivkohle aus den Abluftanlagen von WIS und GEKA.

Bei den Chemiewaffen haben es Krügers Leute in Munster vor allem mit Senfgas zu tun, das Deutschland im Ersten Weltkrieg in großen Mengen produzierte. Der Hautkampfstoff habe eine Konsistenz wie Honig, könne zu Erblindung und Tod führen und vergifte ein Gelände langfristig, beschreibt Krüger die Wirkung. Das Gift wurde verwendet, um die Soldaten aus den Gräben zu treiben und in Schutzanzüge zu zwingen, in denen der Kampf kaum noch möglich war. Von den schneller wirkenden und noch viel giftigeren Nervenkampfstoffen des Zweiten Weltkriegs taucht bei den Experten der GEKA vor allem Tabun auf. Sarin bekommen sie dagegen nur selten geliefert, da die Substanz erst Ende der 30er Jahre entwickelt wurde. Beide Nervenkampfstoffe sind farb- und geruchlos und führen zu Krämpfen bis hin zum Tod.

"In Munster haben wir vor allem ein Arsen-Problem - alles andere baut sich im Laufe der Zeit ab, aber Arsen reichert sich an und belastet hier das Grundwasser", sagt Krüger. "Deswegen muss man handeln". Arsenöle wurden dem Senfgas beigemischt, damit sich der zähe Stoff besser verteilen ließ. Das Arsen stammt unter anderem vom alten Schießplatz, auf dem die chemischen Kampfstoffe getestet wurden. Deshalb betreibt die GEKA auch eine eigene Bodenwaschanlage, die im Jahr das Gift aus etwa 3000 Tonnen Erde wäscht.

Nach der Wäsche konzentrieren sich die Schadstoffe in einem feinkörnigen Granulat, das in weißen Kunststoff-Säcken in einem Hochregallager auf die Verbrennung wartet. In der Halle riecht es modrig, die Säcke tragen orangefarbene Aufkleber mit dem Totenkopf als Giftwarnung: Ihr Inhalt besteht zu etwa fünf bis zehn Prozent aus Arsen. Der muffige Geruch stammt von den schwefelhaltigen Abbauprodukten des Senfgases. Das Granulat wird später in einem bis zu 15.000 Grad heißen Plasmaofen zu einer Glasschlacke verbrannt, die das Gift nach Aussage der Experten irreversibel einschließt. Die Schlacke wird dann als Füllmaterial an Mülldeponien abgegeben.

"Dann fliegt auch schon mal das Oberteil an die Decke"

Kommt gefundene Munition mit Verdacht auf chemische Kampfstoffe bei der GEKA an, wird sie zunächst in eine mintgrünen Baracke zum Röntgen geschickt. In einer kleinen Kammer, die durch ein Bleiglasfenster vom Röntgenraum getrennt ist, zeigen die Experten auf einem Leuchtschirm, wie sich das Röntgenbild von C-Waffen von dem konventioneller Geschosse unterscheidet: Auf der Aufnahme ist der Umriss einer leicht gekippten Artillerie-Granate zu sehen, in deren Inneren ein schräg stehender Flüssigkeitspegel zu erkennen ist. Die Flüssigkeit ist für die Fachleute ein sicherer Hinweis darauf, dass es sich um chemische Munition handelt.

Kleinere Geschosse können nach dem Durchleuchten im Sprengofen verbrannt werden. Übersteigt die Sprengkraft der Munition jedoch die Widerstandsfähigkeit des Spezialofens, wird sie zum Fall für die Fachleute am Delaborierstand: In der sogenannten Kammer 1 spannen sie die Geschosse in eine Maschine ein, die die Hülse auffräst. Den Kampfstoff leeren die mit Zodiacs geschützten Experten dann in ein 30-Liter-Kunststoff-Fass mit Natronlauge, die die tödliche Substanz neutralisiert, ehe sie verbrannt wird.

In der Kammer 1 riecht es scharf nach dem Putzmittel, mit dem der Raum immer wieder dekontaminiert werden muss. Zudem ist sie rundum mit speziell beschichteten Fliesen ausgelegt, weil Kampfstoffe Oberflächen extrem stark angreifen. Und nicht nur das: "Wenn eine Granate unter Druck steht, fliegt auch schon mal das Oberteil an die Decke", sagt ein Mitarbeiter mit Blick auf ein Loch in der Betondecke über der Fräsmaschine. Einer Kammer auf der anderen Seite des Gebäudes fehlt noch immer die Außenwand, seit hier Anfang des Jahres eine russische 125-Millimeter-Granate beim Zersägen explodierte. Zwei Arbeiter installieren gerade eine neue Säge.

Arbeitsunfälle sind jedoch trotz des brisanten Materials sowohl bei der GEKA als auch beim WIS selten. "Seit Bestehen der GEKA hat es noch keine schweren Unfälle gegeben, bei denen Menschen zu Schaden kamen", sagt Krüger. Auch in den Labors des WIS ereigneten sich bisher nach Angaben des Instituts keine größeren Unfälle.

Tonnen von Munition warten in Bunkern auf Vernichtung

Die GEKA mit ihren 140 Mitarbeitern wird auch in Zukunft gut zu tun haben: In insgesamt vier Bunkern lagern mehrere Tonnen zu vernichtender Munition auf dem Gelände, einer davon ist nur für Chemiewaffen bestimmt. In Gitterkörben stapeln sich in Reih und Glied verrostete, fast hundert Jahre alte Geschosse aus dem Ersten Weltkrieg, die seltsam rundlich wirken im Vergleich zu modernen Granaten. Von manchen Geschossen blättert der Rost in dicken Placken ab, anderen haften Muscheln an, weil sie aus Gewässern geborgen wurden. Aber auch moderne Munition wird in Munster beseitigt: In grünen Holzkisten warten Gefechtsköpfe ausgemusterter Bundeswehr-Panzerfäuste auf die Vernichtung.

Am Förderband, das den Sprengofen füttert, sind zwei Fachleute in Blaumännern und Handschuhen schon bei der Arbeit: Mit geübtem Griff holt einer von ihnen einen Gefechtskopf aus der Kiste und packt ihn in eine schwarze Kunststoff-Box, die aussieht wie ein übergroßer Schuhkarton. Aus einem Gitterkorb greift er dann eine völlig verrostete Übungsbombe und legt sie dazu. Mit einem breiten Klebeband verschließt er das brisante Paket wie einen Umzugskarton und schickt es in den Ofen. Mehr als verrußte Metallteile und graue Asche werden nach dem knapp eine Viertelstunde langen Durchgang bei rund 450 Grad nicht übrig bleiben.

Zu hören ist draußen vor dem Ofen nichts. "In der Regel brennen diese normalen Sprengstoffe nur ab", erklärt ein Mitarbeiter die Stille. "Aber wenn man große Munition fährt und in der Leitwarte sitzt, hört man den Knall durch die Wände durch". Weltweit existieren nach Krügers Worten höchstens zehn Sprengöfen. Der deutsche mit seiner vier Meter hohen runden Brennkammer aus Spezialstahl sei der größte. Alles hält jedoch auch ein Sprengofen nicht aus. Hohlladungsgeschosse und Hartkernmunition etwa müssten weiter vor dem Verbrennen zerlegt werden, sagt der Mitarbeiter: "Mit der panzerbrechenden Munition muss man aufpassen - sie soll schließlich Stahlschichten durchschlagen, und das würde auch hier geschehen".

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