Weltmacht Kokain

Weltmacht Kokain

Kokain – keine Droge profitiert mehr von der Krise. Wie der Kokainhandel heute aussieht, analysiert der italienische Autor Roberto Saviano in seinem neuen Insider-Report: Wer die Akteure sind und welche Wege das „Marschierpulver“ rund um den Globus nimmt.

Die Polizisten und Richter, die später die neunstündige Tonbandaufnahme anhörten, konnten wochenlang nicht schlafen. Sie weinten, und einige von ihnen mussten sich übergeben. Dass Band dokumentiert, wie Enrique Camarena Salazar, genannt Kiki, von seinen Entführern zu Tode gefoltert wird. „El Padrino“, der Oberboss des mexikanischen Drogenschmuggels, wollte an Kiki ein schreckliches, teuflisches Exempel statuieren. Denn Kiki war nicht der korrupte Grenzbulle, der gegen Bares Drogen-Ladung um Drogen-Ladung passieren ließ und sich dem Boss immer unentbehrlicher machte. Er war ein amerikanischer Staatsbürger mexikanischer Herkunft, der als Undercover-Agent im Dienst der US-Drogenpolizei vier Jahre lang im Alleingang das Netz der großen Drogenschmugglerwege zwischen Mexiko und den USA entschlüsselt hatte. Und er kostete „El Padrino“ den Verkaufswert von acht Milliarden Dollar, als er eine gigantische Drogenproduktions- und -lagerstätte in Chihuahua stürmen und abfackeln ließ. Kiki flog auf und wurde bestialisch ermordet.

Die Geschichte von Kiki Camarena mag man für ein tragisches Einzelschicksal in einem abgelegenen Eck der Erde halten. Glaubt man aber dem italienischen Mafia-Aufdecker Roberto Saviano und seinem neuen Buch „ZeroZeroZero“ über den weltweiten Kokain-Handel, so ist sie „der Ursprung der Welt, wie wir sie heute kennen.“ Denn damals, Ende der 1980er Jahre, beschloss der Boss der Bosse – Félix Gallardo alias „El Padrino“ – in Folge des Kiki-Verrats eine neue Struktur für das mexikanischen Drogengeschäft. Nie mehr sollte ein einzelner Schlag der ganzen Organisation einen solchen Schaden zufügen können.

„El Padrino“ unterteilte sein riesiges Territorium in Zonen, die er anderen Bossen zur alleinigen Verwaltung überließ. Er schwor sie auf Preisabsprachen und Verkaufsbedingungen ein, er verpflichtete sie auf gemeinsame Regeln. Er nahm eine Aufteilung vor. Mit anderen Worten: „Er privatisierte den mexikanischen Drogenmarkt und öffnete ihn für die Konkurrenz“, so Saviano. Damals entstanden die berüchtigten mexikanischen Kartelle des Drogenhandels mit ihren grausamen Ritualen, die heute noch immer das Sagen haben. In der Folge liefen sie den kolumbianischen Kartellen den Rang ab, indem sie den Vertrieb des Kokains gegenüber seiner Produktion ins Zentrum stellten und das Modell eines superwendigen und innovativen postmodernen Drogenhandels mit Brokern und Logistik-Managern entwarfen, der aus allen nachfolgenden Turbulenzen, die die Welt erschütterten – Zerfall der Sowjetunion, Fall der Berliner Mauer, Bürgerkriege in Afrika, Weltwirtschaftskrise etc. – nur immer noch gestärkter hervorging. „Wer Kokain verstehen will, muss Mexiko verstehen“, schreibt Saviano.

Die Schaffung der mexikanischen Kartelle markiert eine Zäsur, einen Paradigmenwechsel. Mit ihr beginnt auch der Aufstieg des Kokains zur weltweit wichtigsten Droge. Mit keiner Droge ist mehr Geld zu machen. Aus 1.000 Dollar Investition werden bis zu 180.000 Dollar Gewinn. Die Drogenhändler setzen alles daran, sie an den Mann zu bringen. Dementsprechend hatte keine Droge in den letzten zwei Jahrzehnten annähernde Zuwachsraten. In Großbritannien etwa hat sich die Zahl der Kokainkonsumenten allein in den letzten zehn Jahren vervierfacht – in etwa dem selben Zeitraum ist der Preis für ein Gramm Kokain um gute 40 Prozent gesunken – das eröffnet den Zugang zu neuen, weniger wohlhabenden Abnehmern.

Das perfekte Putsch-Mittel

Keine kriminelle Branche hat mehr vom großen Wirtschaftskollaps profitiert als der Handel mit Kokain. Denn in Zeiten wirtschaftlicher und emotionaler Verunsicherung ist der große „Grenzüberschreiter“ Kokain das richtige Putsch-Mittel, um einen zunehmend stressigen Alltag zu bewältigen, wenn einem die Kraft auszugehen droht. Mit einer Line Koks in der Nase traut man sich mehr zu, hält länger durch, ist voller Ideen, Charme und Energie – bis man es übertreibt und Zerrüttung und Paranoia ihren Tribut fordern. Längst sind es nicht mehr nur die Begüterten der Kreativ- und Finanzbranche, die Kokain zu ihrer Leistungsdroge gemacht haben. Auch immer mehr Jugendliche springen auf. Man soll sich nicht täuschen lassen: Dass zuletzt kein Promi über einen Kokain-Skandal gestolpert ist, bedeutet längst nicht, dass weniger davon verkauft und genommen würde.

Auch in der schwankenden Finanzwirtschaft spielt das große Geld aus dem Kokain-Handel mitunter das Zünglein an der Waage: Denn Drogengeld muss gewaschen werden. Und Banken benötigen nichts so dringend wie Liquidität – besonders in Zeiten fauler Wertpapiere und uneinbringlicher Darlehen. 2009 erklärte der damalige Leiter des UN-Büros für Drogen- und Verbrechensbekämpfung Antonio Maria Costa, dass die Gewinne der Drogenhändler für eine ganze Reihe von Banken das einzige flüssige Kapital gewesen seien, um eine Insolvenz zu vermeiden.

Florierende Parallelwirtschaft

In Deutschland etwa, wo die kalabrische `Ndrangheta die am stärksten verwurzelte der vier italienischen Mafiaorganisationen ist, ist der Kokain-Handel fest in deren – und in türkischen – Händen. 2009 waren laut deutschem Bundeskriminalamt 229 kalabrische Mafia-Familien, sogenannte „`ndrine“, vor Ort in den Bereichen Geldwäsche und Drogenhandel aktiv. Nachdem das Massaker in einer Duisburger Pizzeria, bei dem im Jahr 2007 sechs Mitglieder eines `Ndrangheta-Clans von Auftragskillern eines verfeindeten Clans ermordet wurden, sehr viel Staub aufgewirbelt hatte, hat die Drogenmafia in Deutschland ihre Strategie geändert: Sie geht ihren Geschäften nun großteils ohne Waffeneinsatz nach und zahlt mit ihren Deckfirmen brav Steuern. Geschützt wird ihre florierende Parallelwirtschaft, so kritisiert Roberto Savianos Buch, in für sie äußerst günstiger Weise vom rigiden deutschen Datenschutz, dem Verbot umfassender Abhörmaßnahmen und einer löchrigen Gesetzeslage in puncto Zugehörigkeit zu einer mafiaartigen Vereinigung. Jahr für Jahr werden, so die deutschen Ermittler, „50 bis 60 Milliarden Euro illegaler Herkunft in die legale deutsche Wirtschaft eingeschleust“ – ein dicker Anteil davon aus dem Kokainhandel.

Roberto Saviano, 34, der als moralisches Gewissen Italiens gilt, mit seiner leidenschaftlichen Anklage der Verbrechen der neapolitanischen Mafia in dem Buch „Gomorrha“ zum international erfolgreichen Bestseller-Autor wurde und seither unter permanentem Personenschutz an geheimen Orten leben muss, hat für sein neues Buch „ZeroZeroZero“ viel recherchiert. Er hat Einsicht in die Ermittlungsakten und Drogenoperationen vieler nationaler Drogen-Polizeieinheiten bekommen, sprach mit Staatsanwälten und NGOs, mit dem deutschen Landeskriminalamt ebenso wie mit US-Drogenpolizei DEA oder der ­mexikanischen Policia Civil, mit einem ehemaligen guatemaltekischen Paramilitär oder einem westafrikanischen Drogenkurier.

Das Bild, das sein Buch vom internationalen Kokainhandel zeigt, ist schwindelerregend: Die „neuen“ Kartelle, von denen die mexikanischen die wichtigsten sind, stehen für flexiblere Strukturen, raschere Abwicklung, Beherrschung modernster Technologien, äußerste Innovationsfreude, Niederlassungen in vielen Ländern und eine weitreichende globale Vernetzung, auch mit anderen mafiösen Vereinigungen in Russland, Westafrika, Italien oder Kolumbien. Immer noch werden schätzungsweise 60 Prozent des weltweit konsumierten Kokains in Kolumbien produziert, aber die dominierenden Kartelle der Vergangenheit – Medellin und Cali – haben in dem Maß an Bedeutung verloren, in dem die Mexikaner den Vertrieb ins Zentrum stellten. Heute besorgen eigene Broker große Kokain-Chargen gleich für mehrere Kartelle oder Mafia-Familien, und eine der wichtigsten und höchstbezahlten Rollen im System spielen Logistiker und Systemmanager. Sie sind es, die immer wieder aufs Neue hochkomplexe Transport-Wege, -methoden und -verstecke für das weiße Pulver entwickeln. „Ein Transportsystem für eine große Ladung Kokain zu entwickeln dauert Monate“, schreib Saviano. Angesichts immer hochgerüsteterer Sicherheitskontrollen an Grenzen und Flughäfen, in Häfen und auf offener See, und angesichts von Zollformalitäten ist der Drogenschmuggel ein stetes Vabanque-Spiel auf höchstem Innovationsniveau.

Weltumspannendes Netz

Das Einfallstor für Kokain nach Europa ist heute Spanien, Madrid der Ort, an dem die wichtigsten Käufer sitzen und wie an einer großen Parallel-Börse der Drogenkriminalität über Preise und Kosten verhandeln. Ein Großteil des Kokains für Europa kommt nach wie vor übers Meer, und macht vorher Station in Westafrika, wo die mexikanischen Kartelle sich in Kooperation mit ihren Partnern die chaotische Lage und Armut in Ländern wie Sierra-Leone, Liberia oder Guinea-Bissau zunutze gemacht haben, um Kokain-Zwischen-Stützpunkte auf dem Weg nach Norden zu entwickeln.

Liest man Savianos Buch, wird einem angst und bange angesichts eines weltumspannenden Wirtschafts- und Industrienetzes, das einen Großteil seiner Gewinne via Geldwäsche-Systeme in den legalen Wirtschaftszyklus einspeist.

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