"Was ich gefährlich finde, ist die zunehmende Verdummung des Publikums"

Andrea Breth inszeniert "Hamlet“ am Burgtheater. Im Interview erklärt die Regieperfektionistin, warum das fürs Publikum anstrengend wird und was sie gegen Einnicktheater und Hässlichkeit auf der Bühne hat.

"Was ich gefährlich finde, ist die zunehmende Verdummung des Publikums"

FORMAT: Wir leben in angsterfüllten Umbruchzeiten und undurchschaubarem Wirtschaftsirrsinn. Fragen wie "Sein oder nicht sein?“ haben eine neue Dimension bekommen. Arbeitet unsere Zeit dem Stück "Hamlet“ zu?

Andrea Breth: Das Wunderbare an "Hamlet“ ist in der Tat, dass man dieses Stück immer machen kann, weil alles in diesem Stück steht. Ich bin, wie Sie wissen, kein Freund von tagespolitischen Äußerungen auf der Bühne, aber es ist so: Wir leben in einer höchst beunruhigenden Zeit und sie ist nicht richtig fassbar. Das hat sicher auch mit unser aller Lebensgefühl zu tun. Ich zumindest verstehe das alles überhaupt nicht. Selbst die Geldsummen in dieser Krise sind virtuell. Ich kann sie mir nicht vorstellen. Wie das alles weitergehen soll, kann ich mir bitte auch nicht vorstellen. Und ich habe nicht das Gefühl, dass die Leute, die uns vertreten, es besser wüssten.

Kann Theater dem heute noch etwas entgegensetzen? Anders gefragt: Was muss Theater heute können, dass es Sie als Regisseurin wie auch als Publikum fordert?

Breth: Ich habe nichts gegen Unterhaltung, ich bin auch nicht von der Theaterpolizei, aber ich bin schon der Meinung, dass wir uns ein bestimmtes Gedankengut erhalten und das Denken nicht verlernen sollten. Deswegen interessieren mich Werke wie Shakespeares "Hamlet“, wo man unendlich viel nachzudenken hat. Das wird einen vielleicht nicht zu einer Lösung führen. Aber Theater war - bis auf die Antike - nie in der Lage, die Welt zu verändern. Entsetzlicherweise funktioniert Theater in einer Diktatur sehr direkt. Da braucht es nur ein kleines Wort und schon weiß der ganze Saal Bescheid. In solch einer leben wir nicht, Gott sei dank! Aber es wird niemand bestreiten, dass die Welt aus den Fugen ist, und dass der Mensch ein zerrissener ist und sich nicht mehr positionieren kann. Man muss darüber nachdenken, dass, wenn einmal die Rache in die Welt gesetzt ist, Rache folgt. Dann folgt Krieg. Wir sind in der wunderbaren verwöhnten Situation, dass wir ohne Krieg leben, aber ringsum sind die schlimmsten Kriege. Zufälligerweise sind wir nicht involviert. Das Interessante an "Hamlet“ ist, es fängt mit der Verunsicherung der Welt an und endet in Mord und Totschlag.

Ihre Theaterarbeit hat sich nie Moden gebeugt. Dennoch gibt es Strömungen am Theater wie etwa intensiven Videoeinsatz oder Roman-Dramatisierungen. Was beobachten Sie derzeit?

Breth: Ich muss gestehen, dass ich sehr wenig ins Theater gehe, vor allem aus Zeitmangel. Aber mich persönlich würde keine Mode dazu bewegen, eine andere Art Theater zu machen. Vielleicht bin ich da bieder, aber ich möchte Geschichten erzählen und nicht meine eigene Meinung. Ich möchte auch nicht Texte von mir, die ich irgendwann zu Papier gebracht habe, in ein Stück einfügen. Und ich möchte das auch nicht von Schauspielern hören. Was ich gefährlich finde, ist die zunehmende Verdummung des Publikums. Und das liegt nicht am Publikum. Wenn das überhand nimmt, kommt man mit der eigenen Arbeit ein bisschen in die Bredouille. Denn das, was wir jetzt zeigen werden, wird anstrengend, weil der Text anstrengend ist. Wir zeigen "Hamlet“ und nicht eine Shorty-Fassung davon. Das muss das Publikum wissen.

Kann man überhaupt noch davon ausgehen, dass - dem Bildungskanon gemäß - das Publikum die Klassiker kennt?

Breth: Der Bildungskanon ist fast nicht mehr da. Woran das liegt, ist eine andere Frage. Zum anderen haben die Menschen immer weniger Zeit, immer weniger Muße. Das hat zur Folge, dass man sich sehr genau überlegen muss, wie man so ein kompliziertes Stück erzählt, bis hin zum Sprechtempo. Wenn man "Hamlet“ im traditionellen Shakespeare-Theater in England hört, ist das in atemberaubender Geschwindigkeit, weil der Text allen bekannt ist. Das ist hier nicht der Fall. "Sein oder nicht sein“ kann noch jeder zitieren, aber wie es weitergeht, ist schon Pustekuchen.

Sie haben im Zuge Ihrer Regiearbeit bei Simon Stephens "Motortown“ am Akademietheater gesagt, bei vielen der modernen "well made plays“ sei es, als ob man mit einer Black & Decker an einer Sperrholzplatte arbeitet: innen hohl. Ein Problem vieler zeitgenössischer Stücke?

Breth: Natürlich kann man das nicht verallgemeinern. Botho Strauss ist zweifellos wichtig für die deutsche Bühne. Aber das meiste ist Einnicktheater, es bringt einen nicht auf andere Gedanken. Damit möchte ich nicht mein Leben verbringen. Ich kann mittlerweile hochrechnen, wie viel Stücke ich noch machen werde, also möchte ich solche machen, die mir wichtig sind.

Warum gibt es so wenig gute neue Stücke? Haben wir nichts mehr zu erzählen? Die wirklich großen Geschichten werden nun vor allem in TV-Serien verhandelt.

Breth: Die amerikanischen Serien sind in der Tat irrsinnig gut geschrieben. Aber die Frage geht sehr weit zurück. Man darf nicht vergessen, dass der Nationalsozialismus abgesehen, von allen anderen Gräuel, auch etwas angerichtet hat: die Ausrottung der Intelligenz. Davon haben wir uns immer noch nicht erholt.

Sie gelten als Perfektionistin, die detailverliebt die Schauspieler zu Höchstleistungen treibt. Werden Sie im Alter milder?

Breth: Ich bin milder geworden, was die Schauspieler angeht. Aber man muss der Sache so nahe kommen, wie nur möglich. Perfekt muss es sein. Sonst habe ich keine Lust.

Das heißt, als work in progress kommt bei Ihnen keine Produktion zur Premiere?

Breth: Das kann man so nicht sagen: Ich baue das Gerüst für die Schauspieler, die Inszenierung muss stehen. Aber für die Schauspieler wünsche ich mir die Freiheit, dass jede weitere Vorstellung wie ein Probe ist. Ein depressiver Tag ist die Generalprobe, da kann ich nichts mehr machen. Da muss ich mich spätestens verabschieden. Und ein ganz grauenhafter Tag ist dann die Premiere.

Gibt es für Sie noch so etwas wie Lampenfieber oder enttäuschte Erwartungshaltung?

Breth: Klar freut man sich, wenn man verstanden wird. Aber es gibt auch Projekte, da weiß man im Voraus, dass sich die Leute wahnsinnig streiten werden. Das muss man aushalten, dass man entweder geliebt oder gekillt wird.

Lesen Sie Kritiken?

Breth: Wenn überhaupt, erst ganz spät. Oft wird mit wenig Respekt geschrieben, nicht sachlich, sondern verletzend. Man muss ja nicht inhuman werden, wenn man selber nichts weiß. Das kenn ich nur vom deutschsprachigen Raum. Aber was ich an Wien schätze, ist die Begeisterungsfähigkeit fürs Theater. Es ist beeindruckend, wie viele Menschen in dieser Stadt in eine kulturelle Veranstaltung gehen, egal ob Konzert oder Oper. Das erlebt man sonst kaum noch.

In manchen Städten kämpfen Theater ums Überleben.

Breth: Das ist nicht immer nur eine Frage des Geldes. Manchmal sollten sich diejenigen, die Theater machen, auch fragen, warum so wenig Leute kommen. Denn das Bedürfnis der Menschen ist da. Es ist auch ein Bedürfnis nach Ästhetik da. Aber mittlerweile ist es ja ein Skandalon, wenn eine Sache auf der Bühne schön ist. Warum eigentlich? Befördert es die Weisheit, wenn man sich etwas Hässliches anguckt? Überhaupt nicht! Das ist reines Draufhau-Theater. Als würde die ganze Welt nur aus Jogginganzügen und Turnschuhen bestehen.

Zur Person: Andrea Breth , 60, leitete von 1992-97 die Berliner Schaubühne und war von 1999 bis 2006 Hausregisseurin an der Burg. 2008 sprach sie bemerkenswert offen über ihre manische Depression. Breth arbeitet intensiv und mit sehr genauem Blick auf die Texte und nimmt höchstens zwei Inszenierungen pro Jahr an.

Burgtheater, "Hamlet"
Nach ihrem "Prinz von Homburg“ hat Andrea Breth in gleicher Ensemblekonstellation "Hamlet“ für das Burgtheater erarbeitet“. August Diehl ist nun der Prinz von Dänemark. Weiters spielen u.a. Andrea Clausen, Roland Koch, Elisabeth Orth, Udo Samel, Martin Schwab, Hans-Michael Rehberg. Bühne: Martin Zehetgruber. Premiere: Sa., 28. 9., 18 Uhr.

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