Warum Deflation Gift für die Konjunktur ist ...

Warum Deflation Gift für die Konjunktur ist ...

Fallende Preise können eine Rezession quälend in die Länge ziehen. Japan kann ein Lied davon singen. Das Land steckt seit Jahrzehnten in einem Strudel aus fallenden Preisen sowie sinkenden Investitionen - und kämpft sich derzeit nur mit Mühe und milliardenschweren Finanzspritzen der Regierung und Notenbank aus der Zwangslage heraus.

Auch in Europa ist Deflation plötzlich ein Thema. Der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, hat am Donnerstag den Leitzins überraschend auf das Rekordtief von 0,25 Prozent gesenkt - auch aus Angst vor deflationären Tendenzen. Denn die Teuerungsrate in der Euro-Zone ist derzeit so niedrig wie seit dreieinhalb Jahren nicht mehr. Trotzdem drohe dem Währungsraum nicht das gleiche Schicksal wie Japan, machte Draghi deutlich. Dafür spricht insbesondere ein psychologischer Faktor: Das Vertrauen der Verbraucher und Marktteilnehmer, dass die Preise mittelfristig stabil bleiben, ist anders als in Japan intakt.

Alles wird billiger – der Konsument kauft aber nicht

Dort kam bereits in den 90er Jahre die gefährliche Spirale in Gang, weil das Zutrauen in stabile Preise ins Wanken geriet. Mit fatalen Folgen: "Der Verbraucher hält sein Geld zusammen, gibt es nicht aus und wartet auf das nächste Jahr. Das wirkt dann nachfragemindernd und verstärkt die Deflationsspirale", erläutert Ifo-Chef Hans-Werner Sinn.

Wenn Verbraucher ihre Wünsche zurückstellen, weil sie auf immer billigere Preise hoffen, sinken auch die Absatzchancen der Firmen. In Japan schrumpft zudem die Bevölkerung, was die Lage noch verschärft. Zugleich frisst sich die Deflation über die Verschuldung von Firmen und Haushalten immer tiefer in die Volkswirtschaft hinein: Denn für Firmen bedeuten fallende Preise de facto, dass ihre Einnahmen sinken. Zugleich ändert sich aber nichts an den Finanzierungsbedingungen für ihre Kredite. Die Schuldenlast wird somit zu einem immer drückenderen Problem. Pleiten oder zuvor Massen-Entlassungen sind die Folge. Für den kleinen Mann auf der Straße bedeutet Deflation, dass er länger arbeiten muss, um seine Schulden nominal zurückzuzahlen.

Obwohl Japan und die Euro-Zone derzeit dieselbe Inflationsrate von 0,7 Prozent aufweisen, sind die Probleme beider Regionen nicht vergleichbar, meint Konjunkturexperte Marco Wagner von der Commerzbank. In dem asiatischen Land wurde nach dem Platzen einer Immobilienpreisblase in den 90er Jahren jahrelang versäumt, die Bilanzen der Banken zu bereinigen. Das Vertrauen in das Finanzsystem bekam einen Knacks. Insbesondere die Kreditvergabe litt darunter, was die Wirtschaftsdynamik weitgehend lähmte. Hinzu kommt, das die Arbeitsbevölkerung wegen der demografischen Probleme schrumpfte und somit die Firmen zunehmend Absatzprobleme bekamen. Japan konnte die Lücke nicht mit qualifizierten Einwanderern schließen.

Deutschland profitiert hingegen von Fachkräften aus den Krisenstaaten der Euro-Zone, die zwischen Hamburg und München neue Jobs antreten. Das Vertrauen in das Bankensystem der Euro-Zone soll zudem durch die Stresstests der EZB und die geplante Bankenunion nachhaltig gestärkt werden.

Experten fürchten keine Deflation

Bislang ist keine Furcht vor einem Preisverfall erkennbar: In einer Umfrage ermittelt die EZB regelmäßig die Inflationserwartungen im Euro-Raum. Die im dritten Quartal befragten Experten erwarten demnach für 2013, 2014 und 2015 Raten von 1,5 bis 1,8 Prozent - die EZB spricht bei Werten von knapp zwei Prozent von stabilen Preisen. Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer verweist auch darauf, dass es trotz der jüngst auf 0,7 Prozent gefallenen Inflationsrate im Euro-Raum "keine breit angelegte Abschwächung des Preisauftriebs" gebe. Ausschlaggebend seien vielmehr die "geringeren Anstiege der ohnehin schwankungsanfälligen Preise von Energie und Nahrungsmitteln".

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