Peter Stöger: "Die Spieler sollen sagen – Der Alte war super!"

Peter Stöger: "Die Spieler sollen sagen – Der Alte war super!"

FORMAT : Ein Fußballteam besteht aus elf Individualisten, die im Grunde Einzelunternehmer sind. Wie formt man daraus als Trainer ein Team?

Peter Stöger : Ja, das stimmt, ich nenne das immer liebevoll meine „Ich-AGs“. Jeder Spieler hat eigene Qualitäten und auch seine persönlichen Ziele, das muss man ganz klar sehen. Der eine spielt, um in die Mannschaft reinzukommen und endlich einen Stammplatz zu erobern; der andere spielt, um von der Mannschaft wegzukommen und den nächsten Karriereschritt zu machen.

Manche denken beim Spielen also schon an den nächsten Verein?

Stöger : Ja, dieser oder jener Spieler möchte vielleicht in die Deutsche Bundesliga oder eine andere Liga. Es gibt in Europa sicher zehn andere Ligen, die für einen jungen Spieler interessanter sind als die österreichische.

Wie schaffen Sie es, unter diesen Voraussetzungen eine Mannschaft zu formen?

Stöger : Ich versuche den Spielern klar zu machen, dass sie auch für den Verein, für die Mannschaft denken müssen, weil ihnen das auch nützt. Je erfolgreicher der Verein, desto höher euer Marktwert – das ist die klare Botschaft. Ich führe ihnen das ganz plakativ vor Augen: Du bist bei Austria Wien, spielst etliche Jahre dort, hast eine eigene Autogrammkarte, und wenn du die umdrehst ist da unter „größte Erfolge“ nur ein Strich, weil nie ein Titel gewonnen wurde – das ist zu wenig. Ich muss als Spieler sagen können, wenn ich von dem Verein weggehe: Ich war fünf Jahre dort und habe die und die Titel geholt. Und dafür muss man arbeiten. Und diese Botschaft ist auch angekommen bei den Spielern.

Kann man Teamgeist trainieren? Das ist vermutlich schwieriger, als Elfmeterschießen zu üben.

Stöger : Wir sind hergegangen und haben in Kleingruppen mit den Spielern unsere zwei Haupthemen besprochen. Das ist erstens der Umgang miteinander, also welche Faktoren wichtig sind, damit der tägliche Trainingsablauf funktioniert. Das beginnt, wie bei jeder Firma, bei der Pünktlichkeit. Beim zweiten Bereich geht es um die Frage, wofür wir als Mannschaft stehen wollen. Was soll ein Fan oder ein Sportjournalist über Austria Wien sagen? Die Marke steht für ein leeres Stadion - oder eben für Begeisterung, einen gezielten Spieleraufbau, ein attraktives Spiel nach vorne. Das haben wir in Gruppen erarbeitet und alle Spieler können mit diesen zehn Punkten leben. Die hängen jetzt visualisiert auch in der Kabine und im Gang zum Spielfeld.

Was sind das für Ziele?

Stöger : Zum Beispiel ein geschlossenes Auftreten, dass die ganze Mannschaft vor dem Spiel zusammen kommt, auch die Spieler, die nicht im Kader sind, auch der korrekte Umgang miteinander. Ein ganz wichtiger Punkt ist Respekt, und zwar Respekt vor dem Schiedsrichter und dem Gegner bis hin zum Platzwart. „Vertrauen“ gehört auch dazu. Vertrauen in alle Richtungen, in die Kollegen, in den Trainer. „Verantwortung“ steht dort auch, und zwar jeder Einzelne für sich, aber auch für den Verein. Austria hat einige Angestellte, und die Leistung des Spielers sichert deren Arbeitsplätze. Auch das zählt also zu ihrer Verantwortung.

Meister zu werden ist kein Ziel?

Stöger : Doch, das gehört auch zu den zehn Punkten. Aber das schnell mal irgendwo hinzuschreiben ist ein bisschen zu simpel, da braucht man auch nicht lange zu diskutieren.

Nehmen die Spieler diese Vereinbarungen auch an?

Stöger : Es sind auch schon Spieler zu mir gekommen und haben gesagt: „Trainer, wie Sie gestern im Training in einer bestimmten Situation reagiert haben, passt nicht zum Respekt.“ Ich hatte mir das auch schon gedacht und mich auch schon entschuldigt. Aber es taugt mir, dass Spieler das ansprechen, es zeugt, dass sie das ernstnehmen. Und ich muss das als Trainer auch selbst vorleben, bei allen Schwächen, die man täglich hat.

Ist es nicht wahnsinnig schwierig, ein Team aufzubauen und gleichzeitig zu wissen, dass einige Spieler mit den Gedanken schon beim nächsten Verein sind?

Stöger : Diesen Spagat zu schaffen, ist manchmal schwierig, aber das ist der Trainerjob. Als Trainer muss mir das klar sein, darauf muss ich mich einstellen. Und ich bin ja nicht nur Trainer, sondern auch Fußballlehrer. Natürlich werde ich von Austria Wien bezahlt, um Spiele zu gewinnen. Der Verein muss am Ende der Saison sagen: Der Trainer hat sich bezahlt gemacht. Aber meine Aufgabe ist es auch, die Burschen, also jeden einzelnen, besser zu machen. Und ihnen auch klar zu machen: Wenn ihr bleibt, bin ich glücklich, weil ich dann Qualität im Kader habe. Aber euer Ziel muss sein, mit dem Verein erfolgreich zu sein und dann den nächsten Schritt zu machen. Kontinuität sollte in einem Fußballverein schon ein Wert sein, vor allem bei der Führung. Bei den Spielern wird es das nie geben.

Wie gehen Sie mit dieser Situation persönlich um?

Stöger : Ich habe für mich persönlich einen Leitspruch gefunden, den habe ich gemeinsam mit meiner Freundin entwickelt. Sie hat mich eines Abends gefragt: Was hättest Du gerne, was die Spieler von Dir denken? Zuerst habe ich darauf keine direkte Antwort gewusst, dann haben wir darüber lange geredet. Und am Ende habe ich das für mich so definiert: Spieler, die sich verbessern und dann irgendwann vielleicht mal bei Borussia Dortmund spielen, sollen sagen: der Alte war super, er hat mich echt forciert und besser gemacht, danke. Und die Spieler, die es nicht schaffen, sollen sagen: Es hat halt nicht gepasst, aber blockiert hat er mich nicht. Wenn ich das erreiche, habe ich vieles richtig gemacht.

Ist es nicht trotzdem eine persönliche Enttäuschung, wenn ein Leistungsträger zu einem anderen Verein geht?

Stöger : Das persönlich zu nehmen wäre ganz schlecht. Ich sehe das ganz realistisch: Auf der einen Seite bin ich zwar Führungskraft, auf der anderen Seite aber abhängig von den Spielern. Ich habe noch nie einen Trainer erlebt, der trotz seiner außergewöhnlichen Qualitäten mit einer schlechten Mannschaft die Champions League gewonnen hat. Das wird es nicht geben. Die umgekehrte Variante ist realistischer: Eine sehr gute Mannschaft mit einem schlechten Trainer kann trotzdem erfolgreich sein, einfach, weil die Spieler gut sind. Ich sehe mich als Zuarbeiter für die Mannschaft. Jeder muss das Gefühl haben, dass er von meiner Arbeit profitiert.

Gleichzeitig sind Sie aber auch eine Autorität, weil Sie entscheiden, wer am Samstag spielt und wer auf der Bank sitzt.

Stöger : Das ist eine Schwierigkeit, keine Frage. Aber ein echtes Problem ist das nur, wenn der Vertrag eines Trainers zum Saisonende ausläuft und die Spieler längerfristige Verträge haben. Dann wird die Umsetzung manchmal schwierig, weil die sich denken, der ist eh bald weg.

Manche Spieler verdienen mehr als ihr Trainer. Führt auch das zu einem Autoritätsproblem?

Stöger : Das ist sicher ein Unterschied zur Wirtschaft, wo die Führungskräfte grundsätzlich mehr verdienen als die anderen Angestellten. Aktuell würde ich sagen, dass Trainer unterbezahlt sind. Als Spieler habe ich gefunden, die Spieler sind unterbezahlt. Ein Aspekt dabei ist, dass von den Spielern ja auch für den Verein mehr zurückkommt. Wenn Christiano Ronaldo 60 Millionen Dressen verkauft, hat der Verein schöne Merchandising-Einnahmen. Das Unterleiberl von Peter Stöger wird nicht so der Reißer sein.

Welchen Anteil hat die mentale Stärke eines Spielers für seine Leistung?

Stöger : Einen gewaltigen, was viel zu wenig erkannt wird. Ich bin zu 100 Prozent der Meinung, dass es im österreichischen Fußball in diesem Bereich ein ungeheures Vakuum gibt. Da ist noch wahnsinnig viel drinnen, sowohl was die einzelnen Spieler betrifft, als auch die Mannschaft. Für einen Spieler bringt es oft mehr, mental an sich zu arbeiten als beim Sprint noch eine Zehntelsekunde rauszuholen. Dazu gehört auch, Kritik zuzulassen und nicht gleich zu blockieren. Damit haben viele Schwierigkeiten.

Was tun Sie, um die mentale Stärke der Spieler zu verbessern?

Stöger : Das ist ein heikles Thema, deshalb reden wir nicht groß darüber. Dieser Bereich hat im Fußball immer noch den Beigeschmack von „Deppenarzt“, „jetzt brauchen die auch noch einen Psychologen, damit sie das Tor treffen“. Leider gibt es das. Dabei ist die Präsenz am Platz reine Psychologie. Bei den Hinspielen von Bayern München und Borussia Dortmund gegen die spanischen Mannschaften in der Champions League hat man diese Gier, diesen absoluten Willen, diese Partie zu gewinnen, regelrecht gespürt. Diese Entschlossenheit, diese Konsequenz auf dem Spielfeld, das kann man zwar alles predigen, aber es muss jeden Spieler wirklich bewusst sein.

Wie kann das gelingen?

Stöger : Das geht nur über intensive Gespräche. Ich habe mir dazu professionelle Unterstützung geholt. Wir haben seit Sommer letzten Jahres einen Personalentwickler aus der Wirtschaft dabei, der diese Gespräche begleitet, der das moderiert, wenn ich diese Ideen mit der Mannschaft diskutiere. Ich setzte mich intensiv mit diesem Mentalbereich auseinander, und die Spieler sollen das auch merken. Aber es ist wichtig, dass das von einem Spezialisten begleitet und umgesetzt wird.

Worum geht es bei diesen Gesprächen?

Stöger : Es werden spezielle Situationen aufgearbeitet. Was hat in den vergangenen Wochen gut funktioniert, warum hat es funktioniert? Was könnten für Probleme kommen, wie können wir darauf reagieren? Im Grunde ist das eine Entwicklungsplanung für die gesamte Mannschaft. Die Spieler haben auch die Möglichkeit, auf freiwilliger Basis mit dieser Person zu reden, sich Feedback zu holen oder auch Dinge ansprechen, über die sie mit dem Trainer nicht reden möchte. Mancher fürchtet vielleicht, ich könnte das als Schwäche auslegen und dann beim Training besonders daraus achten. Daher erfahre ich nichts über den Inhalt dieser persönlichen Gespräche.

Wird das angenommen?

Stöger : Das greift ganz gut, der eine oder andere sucht Kontakt. Es werden aber mehr Spieler, die dieses Angebot annehmen, das entwickelt sich. Umgekehrt gibt es auch Spieler, die sagen, diese speziellen Mannschaftssitzungen bringen ihnen persönlich nichts, aber sie nehmen teil, weil das für die Mannschaft nützlich ist. Das akzeptiere ich auch. Ich sehe das ganz realistisch: Wir machen bei weitem nicht alles richtig, es gibt sicher auch einige Spieler, die oft unentspannt vom Training nach Hause fahren und sagen: Der Trainer sieht gar nicht, was ich drauf habe.

Wir sind Sie zu diesem Thema Führung und Mentalcoaching gekommen?

Stöger : Schon als Sportdirektor bei der Austria 2005 habe ich jemanden gehabt, mit dem ich mich austauschen konnte, wie ich mich verhalte an der Linie, im Training, meine Körpersprache usw. Ich habe mir immer Feedback geholt, und das war sehr nützlich für mich. So bin ich in dieses Thema hineingekommen und habe dann viel dazu gelesen. Man muss ja sehen: Für junge Spieler ist es gar nicht so leicht, einerseits auf dem Spielfeld selbstbewusst aufzutreten und gleichzeitig nicht abzuheben. Da ist es absolut sinnvoll, die eine oder andere Stunde in den psychischen Bereich hinein zu stecken als in den körperlichen Bereich. Aber da gibt es unterschiedliche Auffassungen.

Gibt es auch spezielle Teambuilding-Übungen?

Stöger : Ja, im Trainingslager schon die eine oder andere Einheit. Aber über heiße Kohlen muss bei uns niemand gehen. Ich habe so etwas kurz vor Ende meiner Spielerkarriere gemacht, und das war die Hölle. Ich habe wahnsinnige Angst vor Höhe und wahnsinnige Angst vor Wasser, und bei diesem Canyoning mit meinem damaligen Verein musste ich genau das tun. Ich wollte aber nicht springen aus dieser Höhe und schon gar nicht ins Wasser. Als ich dann gemerkt habe, dass viele junge Spieler geschaut haben, ob der Stöger jetzt springt oder nicht, bin ich gesprungen. Ich wollte nicht, dass die Jungen sagen, wenn der nicht springt, springen wir auch nicht. Insofern bin ich für den Trainer gesprungen. Mir hat das nichts gebracht bin, ich hatte hinterher noch genauso viel Angst. Das einzige, was ich mich hinterher gefragt habe, war, ob ich noch ganz dicht bin, da runterzuspringen. Deshalb erspare ich meinen Spielern das. Ich mag niemanden dazu zwingen, etwas zu tun, wovor er Panik hat. Soweit muss es im Sport nicht gehen.

Noch ein Satz zur aktuellen Champions League: Bedeutet der Erfolg der deutschen Mannschaften das Ende der spanischen Vormachtstellung?

Stöger : Das glaube ich nicht. Die Dinge haben sich nur auf ein normales Maß reduziert: Auch spanische Mannschaften können verlieren. Was sich verändert hat, ist die Art und Weise, wie Madrid und Barcelona verloren haben. In den vergangenen Jahren sind die oft gegen destruktiv spielende Gegner ausgeschieden, was einem als Fußballfan wirklich leid getan hat. Dieses Jahr war das anders, Dortmund und München haben dagegen gehalten und gezeigt, dass sie auch im offenen Schlagabtausch gewinnen können. Das ist neu.

Zur Person
Peter Stöger, 47, sitzt seit 2012 wieder auf der Trainerbank von Austria Wien, wo er 2005/2006 schon einmal Platz genommen hatte und mit der Mannschaft Cupsieger wurde – sein erster Titel als Trainer. Als aktiver Fußballer wurde er mit der Austria drei Mal Meister und dreifacher Cup-Sieger. Stöger spielte insgesamt 65 Mal für das österreichische Nationalteam. Er gilt als Intellektueller in der Kicker-Zunft, liegt mit seinem Team kurz vor Ende der Spielzeit an der Spitze und hat beste Chancen, österreichischer Fußballmeister zu werden.

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