"Man muss der Wirtschaft ihre Rolle als Fetisch nehmen"

"Man muss der Wirtschaft ihre Rolle als Fetisch nehmen"

TomᚠSedláček ist einer der Stargäste des "What Would Thomas Bernhard Do?"-Festivals der Kunsthalle Wien.

Herr Sedlacek, dieses Festival trägt den Titel "Was würde Thomas Bernhard tun?". Was, denken Sie, würde Thomas Bernhard heute mit seinem Geld tun?

TomᚠSedláček: Keine Ahnung. Er würde sicher seinen "Lebensmenschen" Hedwig Stavianicek fragen, und dann wäre die Frage, wen wiederum sie fragen würde. Vielleicht würde er sich eine hübsche, kleine Burg bauen, zu der niemand Zutritt hat.

Er hatte ja einen Bauernhof in Oberösterreich gekauft und alle Maschinen angeschafft, die man als Bauer so braucht - ohne aber je als Landwirt zu arbeiten.

Sedláček: Das ist ja perfekt! Das klingt wie ein Kunstprojekt, das nach dem geeigneten Bild sucht für das, was wir heute mit unserem Geld so tun. Wir fahren SUV-Geländewagen, quasi Traktoren, die eigens für die Stadt entworfen wurden, ohne je ins Gelände zu fahren. Die Reichen kaufen Jachten, ohne Segler zu sein. Wir ziehen uns an wie Tommy Hilfiger und fühlen uns wie Hugo Boss.

Auch wenn Sie nicht mehr Thomas Bernhard beraten können: Sie waren Berater für den tschechischen Staatspräsidenten Vaclav Havel und sind heute in einem Beratungsgremium der tschechischen Regierung. Ist nicht das Hauptproblem der Berater, dass niemand ihrem Rat folgt?

Sedláček: Das finde ich nicht. Ich habe großen Respekt vor der Arbeit der Politiker. Ein Beispiel: Wenn ich in diese Cafeteria käme und für alle, die hier sitzen, eine Bestellung aufgeben müsste, sagen wir Wiener Schnitzel, und das müsste aber jeder selber zahlen - dann würden nachher mindestens 20 Prozent der Leute mich hassen. Wenn ich für sie ein Auto aussuchen müsste, dann wären es mindestens 80 Prozent. Genau das ist aber die Rolle des Politikers. Die Rolle des Beraters ist es, ihm zu helfen, jene Entscheidung zu treffen, die er als gewählter Repräsentant des Staates als angemessen ansieht.

Die Rollen zu wechseln hat Sie nie interessiert?

Sedláček: Ich bin nicht sehr entscheidungsfreudig. Deshalb bin ich Berater. Wir müssen uns über jede denkbare Möglichkeit den Kopf zerbrechen - und dann braucht man jemanden, der eine Entscheidung trifft. Politiker dürfen niemals nur auf ihre Ökonomen hören! Sie müssen Soziologen oder Anthropologen ebenso zuhören wie Leuten im Wirtshaus oder Bettlern. Wir sind dazu da, ihnen diese verschiedenen Sichtweisen anzubieten, nicht sie zu manipulieren. Als ich junger Uni-Absolvent war und für Vaclav Havel gearbeitet habe, habe ich eine Super-Ausrede dafür gehabt, alle interessanten Leute im Land anzurufen: "Hallo, hier spricht Herr Niemand. Ich arbeite für den Präsidenten, würden Sie sich mit mir treffen?" Das war meine Art, mich in die Rolle eines Beraters einzuarbeiten. Ich habe besonders Wirtschaftswissenschafter und Denker getroffen, von denen ich dachte, dass sie interessante Standpunkte hätten. Der zweite Schritt war dann, deren Ansichten in die Welt eines Künstlers zu transformieren. Havel war ein Künstler, der keinerlei ökonomische Ausbildung und Erfahrung hatte - warum sollte er auch. Also habe ich immer nach Bildern und Allegorien gesucht, mit denen er etwas anfangen konnte.

Kunst oder Theater haben Sie selbst nie interessiert? Ihr Buch wurde doch auch sehr erfolgreich in ein Theaterstück umgearbeitet. Sie spielen sogar selbst gelegentlich mit.

Sedláček: Das stimmt. Das haben zwei Theaterleute aus Brno wunderbar gemacht, und wir haben das bis jetzt in Berlin, Helsinki, Bukarest, London usw. gezeigt. Ich mag es sehr, Grenzen zu überschreiten zwischen Bereichen, die in unseren Köpfen ansonsten streng getrennt sind, etwa zwischen Kunst, Philosophie, Religion und Ökonomie. Das ist ein wunderbares Land, das noch nicht allzu intensiv bereist worden ist und es ist wunderbar, da Wege zu erkunden. Die Diskussionen nach der Theateraufführung dauern meist viel länger als die Vorstellung selbst, und sie verlaufen ganz anders als Debatten bei Konferenzen. Die Leute trauen sich mehr, wenn sie in der Pause ein nettes Glas Wein getrunken haben, und stellen in dieser Atmosphäre ungewöhnlichere Fragen. Das Wort Inflation nimmt dort niemand in den Mund. Diese Diskussionen öffnen auch für mich als Wirtschaftswissenschafter neue Türen.

Was sind denn die häufigsten Fragen, die Sie beantworten müssen, wenn Leute erfahren, dass Sie Wirtschaftswissenschafter sind?

Sedláček: Die Leute fragen viel nach dem Euro, nach der europäischen Identität. Vor allem gibt es natürlich diese ganzen langweiligen Krisen-Fragen: Wann hat die Krise begonnen? Wann wird die Krise zu Ende sein? Was sind die Gründe für die Krise? Was für eine Art Krise ist es? Letzteres ist in der Tat keine schlechte Frage, denn es ist ja keine Versorgungskrise. Wir haben nicht zu wenig Brot, zu wenig Kaffee oder zu wenige Autos. Das Gegenteil ist der Fall: Wir haben zu viel Kaffee, zu viele Autos. Das ist das Problem: Wir haben kein großes Verlangen mehr nach unseren Produkten. Im Kommunismus war das ganz anders. Da fehlte es einmal an Toilettepapier, ein anderes Mal an Rasierklingen.

Niemand fragt Sie: Was soll ich mit meinem Geld machen?

Sedláček: Oh doch, das fragen die Leute aber nicht offen, sondern nach dem offiziellen Teil, im privaten Gespräch. Das hasse ich am meisten. Weil ich auf diese Fragen natürlich keine Antwort habe, versuche ich, sie umzuformulieren. Immerhin scheint es ja ein Luxus-Problem zu sein. Nicht: Wo nehme ich Geld her? Sondern: Wo gebe ich Geld hin? Manche Fragen kann man nur über Umwege beantworten, also frage ich nach den Mustern, die dahinter stehen. In der Ökonomie kommen die geltenden Modelle etwa aus der Physik. Etwas seltsam, nicht? Sie handelt von toten Dingen. Würde Biologie nicht viel besser dazu passen? Interessanterweise sind die Leute meist zufrieden, wenn man eine Frage mit einer Gegenfrage beantwortet - weil man sie zum Nachdenken bringt.

Sie schreiben darüber, dass Ökonomen die Rolle der neuen Propheten erhalten hätten. Jeder will von ihnen wissen, was die Zukunft bringt, obwohl sie nicht mehr Ahnung darüber haben als jeder andere. Was müssen Ökonomen machen, um ihre Rolle wieder zurückzunehmen?

Sedláček: Vor allem muss man der Wirtschaft ihre Rolle als Fetisch nehmen. Sie ist das Problem und die Lösung für alles geworden. Was hat uns in die Krise gebracht? Die Wirtschaft. Was soll uns aus der Krise herausbringen? Noch mehr Wirtschaft. Jeder stimmt zu, dass uns zu viel Konsum auf Schulden in die Krise gebracht hat. Und dennoch soll uns mehr davon wieder herausbringen? Das Erste wäre also, sich bewusst zu werden, dass es andere Dinge im Leben gibt, die ebenso wichtig sind. Warum muss es immer um das BIP gehen? Zweitens müssen wir aufhören so zu tun, als könnten wir in die Zukunft blicken. Wir kennen sie nicht und wissen oft nicht einmal, was helfen wird und was nicht. Die beste Geschichte über die ultimative Antwort steht in dem Roman "Per Anhalter in der Galaxis" von Douglas Adams. Als die Menschen endgültig genug hatten von Leuten wie mir, die ihnen keine Antwort geben konnten, konstruierten sie eine Maschine, die ihnen die perfekte Antwort auf die Frage "nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest" gibt. Sie lautet 42. Genauso hätten wir die Wahrheit gerne: als Zahl, berechnet von einer Maschine in Prozessen, die wir nicht verstehen, absolut objektiv und immer gültig. Der ganze Witz daran ist natürlich, dass die Antwort deshalb völlig sinnlos ist, weil der Kontext fehlt, die Geschichte dahinter. Wenn ich sage: Dieses Mädchen ist wie eine Blume, ist das Unsinn. Sie hat tatsächlich sehr wenig mit einer Blume gemeinsam, verfügt über keine Fotosynthese, redet aber... Trotzdem weiß man, was ich meine, weil man den Kontext versteht. Viele Leute glauben, dass Ethik oder Philosophie nur die Spitze des Eisberges ist, der in einem großen Ozean von hehren, berechenbaren Wahrheiten schwimmt. Ich versuche zu zeigen, dass genau das Gegenteil der Fall ist.

Sehen Sie tatsächlich ein neues Denken heraufkommen? Sie haben Ihr Buch lange vor der Krise geschrieben, und es scheint noch immer gültig. Seit Jahren reden wir über die Krise, aber statt zu handeln wird abgewartet.

Sedláček: Manches ändert sich nicht, anderes jedoch schon. Wenn die Griechen-Pleite 60, 70 Jahre früher passiert wäre, dann hätten wir Griechenland einfach überfallen und würden nur über die Art und Weise diskutieren. Wenn Irland bankrottgegangen wäre, hätten sich viele in England sehr darüber gefreut - und umgekehrt. Wir haben einander gehasst. Heute helfen wir einander. Das hat sich wirklich geändert. Niemand will mehr den anderen bombardieren und niedermetzeln - obwohl das auch in Europa lange unser liebster Zeitvertreib war.

Ihr Buch "Die Ökonomie von Gut und Böse" wurde ein internationaler Bestseller. Für viele Leute ist heute "Green Economy" gut, multinationale Konzerne gelten als böse.

Sedláček: Das ist kein Gegensatz. Während der "Occupy Wallstreet"-Proteste haben jede Menge Leute ein paar Straßen weiter Blumen vor ein Geschäft gelegt - vor einem Apple Store. Steve Jobs hatte wohl wirklich viel von einem superreichen Kapitalisten an sich, und dennoch liebten ihn die Leute. Anderes Beispiel: Einmal kamen Globalisierungsgegner aus aller Welt - was wohl selbst ein bisschen ironisch ist - zu Protesten gegen den Internationalen Währungsfonds nach Prag. Ich kam gerade aus einem McDonald's mit einem Cheeseburger in der Hand und geriet in eine sehr zornige Gruppe, die mich verprügeln wollten, weil ich einen bösen multinationalen Konzern unterstütze. Im letzten Augenblick hab' ich sie gefragt: Moment mal, was hört ihr da für Musik mit euren Kopfhörern? Ist das traditionelle tschechische Volksmusik oder vielleicht irgendein globaler Pop-Scheiß aus Amerika? Sie haben mir zwar nicht geantwortet, haben mich aber auch nicht verprügelt. In manchen Momenten kann philosophisches Denken auch praktisch sehr hilfreich sein.

Zur Person: Der 36-jährige Tscheche, der in Dänemark und Finnland aufgewachsen ist, hat in Prag Wirtschaftswissenschaften studiert und arbeitete als Berater des tschechischen Präsidenten Vaclav Havel sowie des Finanzministers Bohuslav Sobotka. Während eines Studienaufenthalts an der Yale University wurde er von der Zeitschrift "Yale Economic Review" unter die "5 Hot Minds in Economics" gewählt - ein Umstand, den keiner der zahllosen Artikel über ihn zu erwähnen vergisst. Sein 2009 erschienenes Buch "Die Ökonomie von Gut und Böse" wurde weltweit ein Bestseller und mit dem Deutschen Wirtschaftsbuchpreis 2012 ausgezeichnet. Heute ist er Chefökonom der größten tschechischen Bank, Universitätslehrer für Wirtschaftsgeschichte und -philosophie, Mitglied des Nationalen Wirtschaftsrats - und Medienstar. In Wien sprach der eloquente Schnellsprecher gestern über "Misdiagnosed Economy".

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