"Man kann nur die AKP wählen – seit Erdogan geht es den Menschen besser"

"Man kann nur die AKP wählen – seit Erdogan geht es den Menschen besser"

Touristen lockt das Grab eines islamischen Mystikers aus dem 13. Jahrhundert und nicht das laut Reiseführer unterentwickelte Nachtleben an. Konya und seine religiös-konservative Bevölkerung stehen in Treue fest zu Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan und seiner islamisch orientierten AKP-Partei. Hier ist die Welt der Türkei noch in Ordnung.

Das weltoffene Istanbul und die Hauptstadt Ankara, wo zumeist junge und gut ausgebildete Menschen wochenlang gegen den aus ihrer Sicht autoritären Regierungschef revoltierten, scheinen Welten von Konya entfernt.

Dabei ist Konya nicht irgendein Kaff in Anatolien. Im Gegenteil: Die Industriestadt mit ihren 1,1 Millionen Menschen brummt und modernisiert sich rasant. Konya gehört zu den "anatolischen Tigern", jenen Städten, deren Wirtschaft in dem Jahrzehnt unter Erdogan aufblühte. Das Straßennetz wurde erweitert und dank einer Express-Bahnverbindung ist Ankara weniger als zwei Stunden entfernt. Hier hat die übergroße Mehrheit der Menschen kein Verständnis für die Demonstranten von Istanbul, Ankara und Izmir.

"80 Prozent in Konya denken wie ich"

"Man kann nur die AKP wählen", sagt Yasar Bilen, der in der Erdogan-Ära mit dem Verkauf von Zentralheizungen viel Geld verdient hat. Er verdanke Erdogan und der AKP alles, sagt der fromme Selfmademan und zählt auf: ein neues Auto, neues Haus, neue Schuhe und neue Anzüge. Und die Kinder hätten eine ordentliche Bildung erhalten, sagt der Unternehmer in seinen Sechzigern und deutet dabei auf ein Bild an der Wand, das ihn und den jungen Erdogan vor über 35 Jahren zeigt. "80 Prozent in Konya denken wie ich. Gehen Sie und fragen Sie die Leute."

Erdogan hätte seine Politik kaum besser verkaufen können. Wie kein Politiker seit Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk vor 90 Jahren dominiert Erdogan die Türkei. Er hat dem Land demokratische Reformen verpasst. Die Armee, die sich in vier Jahrzehnten viermal an die Macht putschte, hat Erdogan entmachtet. Mit der EU verhandelt er über den Beitritt, mehr oder weniger, den rebellischen Kurden rang er nach 30 Jahren Krieg Friedensgespräche ab. Wichtiger noch hat sich das nominale Pro-Kopf-Einkommen im vergangenen Jahrzehnt verdreifacht.

Das alles färbt die politische Landkarte orange, die Farbe der AKP. Nur die Ägäis, die Kurdengebiete im Südosten und der kleine europäische Teil der Türkei sind kein Erdogan-Land.

Doch selbst in den Erdogan ergebenen Regionen regt sich leiser Widerspruch gegen Pläne des Regierungschefs, einen alkoholfreien Joghurt anstelle des hochprozentigen Raki zum Nationalgetränk zu machen und Frauen das Austragen dreier Kinder zu empfehlen. In den frühen Tagen des Protestes gab es ein oder zwei Demonstrationen. Doch im Gegensatz zu Istanbul und Ankara prügelte die Polizei die Aufzüge nicht auseinander, sondern schützte sie vor Angriffen knüppelschwingender Banden.

Erdogan mischt sich in private Angelegenheiten ein

"Bin ich völlig glücklich mit ihm? Nein", beschreibt der Kellner Sinasi Celik aus der 200 Kilometer von Konya entfernten anatolischen Kleinstadt Nevsehir seine Gefühle für Erdogan. Ihm gefalle der Stil des Regierungschefs nicht, und außerdem mische der sich zu viel in private Angelegenheiten wie die Kinderzahl ein. "Aber ich sag' Ihnen: Am Wahlausgang wird das nichts ändern. Früher gab es keine Straßen und kein anständiges Krankenhaus. Jetzt ist alles anders, und den Menschen geht es besser."

Unverständnis über die Demonstranten von Istanbul und Ankara äußert auch der 77-jährige Naci, der früher im öffentlichen Dienst gearbeitet hat. Die Protestierer seien viel zu jung, um sich an die schlechten Zeiten vor Erdogan erinnern zu können, in die sie die Türkei zurückstürzen lassen wollten. "Ich will die Demonstranten fragen, stellt euch vor, Erdogan ist weg. Wer wird ihn ersetzen? Etwa der (Kemal) Kilicdaroglu?", fragt der Rentner mit Blick auf den Chef der oppositionellen Republikanischen Volkspartei. Diese Frage haben auch die Protestierer in Istanbul bislang nicht schlüssig beantworten können.

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