Kunst als Wissenschaft

Kunst als Wissenschaft

Die Wogen gehen hoch in Kassel, schon bevor die documenta13 ihre Pforten überhaupt geöffnet hat. Grund ist documenta-Chefin Carolyn Christov-Bakargiev.

Mit ihrem Manifest über grenzenlos offene Kunst und Interview-Statements, in denen sie das Wahlrecht für Bienen und Erdbeeren fordert, verwirrt sie vorab Publikum wie Kunstkritik. Die 54-jährige italo-amerikanische Kunsthistorikerin und Kuratorin ist Anhängerin einer skeptisch-neugierigen Weltsicht, will Zweifel säen und mit Kunst Wissen schaffen. Sie hat bei der documenta einen Skulpturenpark für Hunde errichtet und einen Garten für Schmetterlinge. Die zweifache Mutter und Gattin des italienischen Performancekünstlers Cesare Pietroiusti hat künstlerische Forschung ins Zentrum ihrer documenta gestellt und den österreichischen Quantenphysiker Anton Zeilinger in ihren Beraterstab geholt. FORMAT bat ihn vorab zum Gespräch über seine Teilnahme als einziger Österreicher an der weltwichtigsten Kunstschau.

FORMAT: Herr Professor, Sie sind bei der documenta 13 mehrfach eingesetzt - im Beraterteam und als Quantenphysiker Österreichs einziger Teilnehmer bei der Kunstschau. Wie ist diese Achse zustande gekommen?

Zeilinger: Ich wurde von Carolyn Christov-Bakargiev eingeladen und habe sofort zugestimmt, weil mich einerseits Kunst interessiert und ich auch dazu beitragen möchte, dass Wissenschaft richtig präsentiert wird. Im Zuge meiner Beratertätigkeit habe ich ausführlich mit den Kuratorinnen über philosophische Fragen diskutiert, auch über das Verhältnis von Kunst und Wissenschaft.

FORMAT: Künstler suchen verstärkt den Dialog mit der Wissenschaft. Die Documenta hat künstlerische Forschung ins Zentrum gestellt. Ein neuer Trend?

Zeilinger: Das ist in der Tat in letzter Zeit stärker geworden. Mir geht es aber um einen gleichberechtigten Dialog bei voller Anerkennung der für mich ganz wesentlichen Unterschiede zwischen Kunst und Wissenschaft. Die darf man bitte nicht verwaschen!

FORMAT: Besteht die Annahme, dass das passiert?

Zeilinger: Es ist jedenfalls wichtig, zu unterstreichen, dass ich bei der documenta nicht als Künstler, sondern als Wissenschaftler bin. Wir präsentieren dort fünf Experimente aus der Quantenphysik, die allen wissenschaftlichen Kriterien entsprechen. Zum Beispiel das berühmte Doppelspaltexperiment - ein Experiment, bei dem wir die Verschränkung von Lichtteilchen, von Photonen, zeigen. Das, was Einstein Spukhafte Fernwirkung genannt hat. Gerade die Quantenphysik wird sehr oft in der Öffentlichkeit falsch zitiert und muss für esoterische Interpretationen herhalten. Ich möchte nun vermitteln, dass wir zwar sehr wohl philosophische Fragen stellen, sich aber alles klar wissenschaftlich formulieren und quantitativ beantworten lässt. Unsere fünf Experimente sind während der gesamten documenta präsent. Ich selbst bin nur einen Teil der Zeit vor Ort, aber es sind immer zwei meiner Studenten und PostDocs anwesend, die die Besucher betreuen und ermuntern, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, was sie hier wirklich sehen.

FORMAT: Sie haben, neben vielen anderen Auszeichnungen, auch das Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst erhalten. Wie nahe sind sich denn die beiden?

Zeilinger: In beiden Bereichen zählt Kreativität sehr viel. In beiden Bereichen ist die Suche nach Neuem wichtig: im Falle der Wissenschaft jene nach neuen Möglichkeiten, etwas zu verstehen, im Falle der Kunst die Suche nach neuen Möglichkeiten, etwas darzustellen. Wenn man dann etwas Neues schafft, wird man in beiden Gebieten dafür belohnt. Der wesentliche Unterschied liegt wohl darin, dass wir in der Wissenschaft letztlich verlangen, dass alles Bezug zu einer Beobachtung und zu Messergebnissen haben muss - gibt es diesbezüglich einen Widerspruch, muss man Vorstellungen, die man eingebracht hat, fallen lassen. Dann stimmt was nicht. Das gibt es in der Kunst nicht.

FORMAT: Es gibt von Ihnen eine CD "Über die Schönheit der Quantenphysik“, im TV erfreuen sich Ihre Kollegen als "Science Busters“ bester Quote. Sinkt die Hemmschwelle gegenüber der Wissenschaft im Zuge solcher Projekte?

Zeilinger: Ich finde es schade, dass es überhaupt eine Hemmschwelle gibt. Aber man darf die Dinge nie so präsentieren, dass sie nicht mehr dem Inhalt entsprechen, den man als Wissenschaftler vertreten kann. Das wird bei der documenta vermieden. Da wird nichts präsentiert, was nicht wissenschaftlich klar und haltbar ist.

FORMAT: Sie sind erklärter Anhänger der Kopenhagener Interpretation, also gegen den naiven Realismus, zu glauben, die Welt existiere ohne unser Zutun …

Zeilinger: Ich bin gegen jede Art von esoterischen Interpretationen, ich kämpfe für ein vernunftbetontes Verständnis!

FORMAT: Frau Christov-Bakargiev plädiert für eine skeptisch-neugierige Weltsicht. In Interviews betont sie die Symbiose mit ihrem Malteserhund als philosophisches Projekt und fragt sich, wie er wohl die Kunst sieht …

Zeilinger: Ich denke, dass die Kommunikation mit anderen Lebewesen uns in den nächsten 50 bis 100 Jahren noch große Überraschungen liefern wird. Ob es so weit gehen soll, dass man sich fragen wird, wie ein Hund die Kunst sieht, weiß ich allerdings nicht. Das sehe ich mehr als künstlerische denn als naturwissenschaftliche Aussage.

FORMAT: Es heißt, Forschung ist Zukunft. Sind diesbezüglich die aktuellen Budgetplänen nicht eine ernsthafte Bedrohung für die Entwicklung in Österreich?

Zeilinger: Ich habe mich nie mit meiner Meinung zurückgehalten, dass es gerade in einer wirtschaftlichen Krisensituation das Vernünftigste wäre, gegenzusteuern und in die Wissenschaft zu investieren. Das ist in Österreich nicht der Fall. Eine Entscheidung, über die ich sehr unglücklich bin.

FORMAT: Sie stehen auf der Liste der 10 Menschen, die die Welt verändern können, ein Stern wurde nach Ihnen benannt. Bleiben da noch Wünsche offen?

Zeilinger: Das sind ja nur soziologische Aussagen! In der Wissenschaft ist es so, dass wir an spannenden Dingen arbeiten und ich das total gerne mit meinen Mitarbeitern mache. Das ist das Wichtigste für mich beruflich.

FORMAT: Ihre Erwartungshaltung für die documenta?

Zeilinger: Mein Ziel wäre es, dass dort einigen Leuten klar wird, worum es in der Quantenphysik geht, in den grundlegenden Fragestellungen. Aber ich möchte nicht als Missionar verstanden werden. Es geht darum, das Interesse weiterzugeben.

FORMAT: Der Beraterstab der documenta hat die Publikation "100 Notizen - 100 Gedanken“ vorgelegt. Was haben Sie für einen Beitrag geliefert?

Zeilinger: Einige Seiten aus einem Notizbuch von 1993, wo ich mich zum ersten Mal mit Teleportation auseinandersetze …

FORMAT: Ist Ihnen als "Mr. Beam“ die Frage, wann man Menschen endlich beamen können wird, schon lästig?

Zeilinger: Ach, das ist unterhaltsam. Wenn man ehrlich ist, muss man sagen: Menschen beamen ist heute genauso Science-Fiction, wie es das vor 20 Jahren war. Was an der Teleportation wichtig ist, ist, dass es eine Methode zur Informationsübertragung ist. Und da glaube ich schon, dass sie in einigen Jahren beim Quantencomputer angewendet wird. Da gibt es gute Ansätze.

FORMAT: Womit "beamen“ Sie sich aus dem Alltag?

Zeilinger: Ich interessiere mich sehr für klassische Musik.

"documenta13“, Kassel, 9. 6. - 16. 9.: Die 100-Tage-Kunstschau findet alle fünf Jahre statt und steht heuer unter der Leitung von Carolyn Christov-Bakargiev, die über 150 Künstler (u. a. William Kentridge, Lawrence Weiner, Tacita Dean) aus 55 Ländern geladen hat, Brücken zwischen Kunst und Wissenschaft zu schlagen. Kassel, 9. 6. - 16. 9., d13.documenta.de, Stadtführer von Christian Saehrendt bei DuMont.

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