"Ich saufe auch heute noch die jungen Kollegen unter den Tisch"

"Ich saufe auch heute noch die jungen Kollegen unter den Tisch"

FORMAT: Sie haben es vom angefeindeten, unverstandenen Künstler zum geehrten Sohn des Landes geschafft. Ist die Zeit liberaler, die Menschen abgestumpfter oder braucht Kunst einfach ihre Zeit?

Hermann Nitsch: Alle Kunst muss sich durchsetzen. Die Zeit ist nicht liberaler geworden, sie ist jetzt in der Lage, meine Arbeit zu verstehen. Aber es wird wieder Neues kommen. Und man wird es wieder nicht verstehen. Das ist ein ewiges Sichentwickeln. Auch auf die Bilder der Impressionisten haben die Leute dereinst gespuckt. Und heute findet man sie in jeder Zahnarztpraxis.

Als Sie vor über 50 Jahren mit den Aktionisten begonnen haben, haben Sie wohl nicht gedacht, dass eine Nitsch-Arbeit Statussymbol wird?

Nitsch: Ich habe immer gewusst, dass sich meine Arbeit durchsetzen wird, sich noch weiter durchsetzen muss! Denn ich bin noch lange nicht am Ziel.

Was ist das Ziel?

Nitsch: Der Weg ist das Ziel. Es gibt ruhige und sehr ekstatische Perioden in der eigenen Entwicklung.

Ihr Werk soll mit allen fünf Sinnen erfahren werden. Wir leben in einer Zeit, die ohnehin überreizt ist. Arbeitet das für oder gegen Ihre Kunst?

Nitsch: Ich suche die Intensität. Intensiv ist nicht, wenn man jemand mit einem Hammer erschlägt. Intensiv heißt: Im Vollbesitz aller Fähigkeiten da zu sein. Da geht es nicht um die ewige Operette oder das ewige Skifahren, das ist bloß ein Kitzel. Wenn man etwas wirklich Intensives erlebt, bekommt man Gänsehaut.

Ist uns die Fähigkeit dazu heute, inmitten oberflächlicher Sensationslust, abhanden gekommen?

Nitsch: Ich schimpfe nie auf unsere Zeit. Denn zu allen Zeiten hat es Propheten gegeben, die zu intensiverem Leben aufgerufen haben. Auch meine Arbeit ist ein Aufruf, das Sein intensiver zu begreifen und zu erfahren.

Sie beschäftigen sich mit dem, was Menschen verdrängen. Mildert das die Angst vor dem eigenen Tod?

Nitsch: So ist es. Kunst war und ist für mich eine Art Religionsausübung. Ich beschäftige mich intensiv mit den Religionen aller Kulturen und lerne viel daraus. Im Sein ist alles in Bewegung, nach jedem Winter gibt es eine Art Auferstehung. Die Kette des Lebens ist nur zu verstehen durch den Tod.

Haben Sie die Begeisterung der Millionen Menschen über die Wahl des neuen Papstes verfolgt?

Nitsch: Mich rührt das nicht. Nachdem ich kein Geschichtsforscher bin und mich für Politik so gar nicht interessiere, ist mir das wurscht. Ich betrachte mich als einen Religionsarchäologen. Meine Arbeit ist voll mit christlichen Symbolen. Ich habe aber auch von Freud oder C.G. Jung sehr viel gelernt. Das Kollektive Unbewusste ist für mich wichtig. Von Blasphemie darf da nie die Rede sein.

Für einen Meister der archaischen Themen setzen Sie sich bei ihrer Ausstellung sehr intensiv mit der modernen Technik auseinander…

Nitsch: Ohne moderne Technik konnte ich noch nie arbeiten. Mein Werk besteht ja zu einem großen Teil aus Dokumentation: von Foto-, Video- bis zu Klangdokumentationen.

Gibt es Sie auch auf Facebook?

Nitsch: Das ist mir zu oberflächlich. Ich schau mir auch meine Homepage nicht an, aus Angst, dass es mich aufregen könnte, wenn Ästhetik und Form nicht stimmen.

In ihrem Werk soll durch Ekel und Abscheu Katharsis erreicht werden. Mittlerweile hat auch das Fernsehen mit dem „Dschungelcamp“ ein eigenes Ekel-TV-Format entwickelt. Kann das auch zur psychischen Reinigung führen?

Nitsch: Ich müsste mich genauer damit beschäftigen, um das beurteilen zu können. Ich kann aber verstehen, dass es solche Formate gibt. Es gibt immer Reaktionen auf Verdrängung. Was bei der Tür nicht reinkommt, kommt beim Fenster rein.

Sie haben mit Ihren Bühnenarbeiten Staatsoper wie Burgtheater zur Kultstätte gemacht. Gehen Sie selber noch ins Theater?

Nitsch: Ich lese lieber die Reclam-Hefte und mache mir selber meine Inszenierung. Als Wagner-Liebhaber bin ich aber schon mit 25 Jahren viel in die Oper gegangen, bei herrlicher Musik und phantastischen Dirigaten. Aber die Inszenierungen waren furchtbar! Selbst was man sich unter Karajan in Salzburg auf der Bühne geleistet hat. Dann hat der grausliche Nitsch 1995 mit „Hérodiade“ als Modell-Inszenierung gezeigt, was er kann. Das war ein großer Erfolg.

Wie schätzen Sie die Weiterentwicklung Ihres Werkes ein? Gibt es Epigonen? Was halten Sie von Jonathan Meese oder Christoph Schlingensiefs Oeuvre?

Nitsch: Mit Schlingensief war ich befreundet, er hat auch meine Arbeit geschätzt und in seine eingebaut. Und der Meese tut, was er kann. Aber meine Form von Theater ist eine radikalere Form und hat Ahnen, die bis in die Antike reichen. Auch Artauds ’Theater der Grausamkeit’ war für mich wichtig. Wir, die Aktionisten, haben ja das ganze Regietheater beeinflusst! So wie die Nouvelle cuisine das Kochen. Dann haben alle Paul Bocuse nachgeahmt und g’schmeckt hat’s nach nix, wie ein Braten ohne Saft.

Was ist denn Ihre Lieblingsspeise?

Nitsch: Ein Schweinsbraten mit Kruste und Knödel, wenn man das richtige Fleisch dafür bekommt.

Sie standen immer im Nahkampf mit Tierschützern, weil Sie die Schlachtung von ohnehin zur Schlachtung bestimmter Tiere in Ihr O.M.-Theater integriert haben. Wie beurteilen Sie den Fleischskandal?

Nitsch: Ganz furchtbar ist die Intensivzucht. Das gehört zu den schlimmsten Sachen, die sich die Menschheit je einfallen hat lassen. Da gibt es so viele Gesetze in der EU, und die größte und gemeinste Schinderei bleibt bestehen. Ich esse auch keine Hendln mehr. Die werden schon so gezüchtet, dass sie nicht mehr schmecken und gehalten wie im Hendl-KZ. Ich gehe nur ins Wirtshaus und zum Heurigen meines Vertrauens.

Wovor ekelt es einen Nitsch?

Nitsch: Vor Sport, Touristen - und manchen Journalisten, die können viel Unheil anrichten.

Auf ihrem Wohnsitz Schloß Prinzendorf wurden Sie jüngst ausgeraubt. Sehen Sie ihre Kunst immer noch als eine Weise, dem Verbrechen entgegenzuwirken?

Nitsch: Wo die Leute glauben, es ist was zu holen, stehlen sie. Aber ein Dramatiker – und ich betrachte mich als solchen – muss sich mit dem Tod und dem Verbrechen beschäftigen, das war schon in der Antike so. Das hat hohen Anziehungswert. Es ist besser, ein Verbrechen wird am Theater gezeigt, als es passiert wirklich. Obwohl ich an einem ’Theater der Wirklichkeit’ interessiert bin. Aber bei mir werden keine Leute umgebracht und auch keine Viecherln, nur solche, die schon für die Schlachtung bestimmt waren. Radikale Kunst macht uns immer unsere verdrängten Gefühle bewusst und erlöst uns davon.

Was zeichnet ihre Geburtstagsschau „Sinne und Sein“ aus?

Nitsch: Es ist eine konzentrierte Retrospektive mit meinen frühesten und spätesten Werken. Mit der Eröffnungsperformance versuche ich, auch meine Theaterarbeit im Museum zu veranschaulichen.

Es gib exakte Partituren zu ihrem Orgien-Mysterien-Theater. Sie arbeiten viel mit Theorien. Wie wichtig ist es Ihnen, verstanden zu werden?

Nitsch: Ich glaube, man kann niemandem eine Sache einreden. Meine Theorie funktioniert nur für jene, die meine Arbeit verstanden haben. Meine Theorie ist keine Volkshochschule.

Sie haben die Schau selbst über Wochen intensiv vorbereitet, jedes Objekt und Detail wird kontrolliert. Müssen Sie sich manchmal zur Arbeit überwinden?

Nitsch: Es gibt nichts Schönes, das nicht auch mit Leid verbunden ist. Arbeit ist dosiertes Leid. Auch für mich.

Wie motivieren Sie sich? Oder macht das Ihre Frau?

Nitsch: Meine Frau macht das schon, hat aber nicht viel Erfolg, weil, wenn ich nichts machen will, dann mache ich nichts. Ein echter Künstler denkt ohnehin immer an seine Arbeit, auch wenn er gar nichts macht. Ob beim Einschlafen oder beim Spazierengehen.

Was macht einen Nitsch grantig?

Nitsch: Oberflächlichkeit und kleingeistige Verlogenheit. – Ich bin oft grantig.

Mit welcher Orgiastik wird ihr Geburtstag gefeiert?

Nitsch: Da muss ich in der Vergangenheit naschen. Ich habe schon so viele schöne Feste gehabt. Jetzt muss ich gesundheitlich etwas aufpassen, aber ich glaub’, ich saufe auch heute noch die jungen Kollegen unter den Tisch. Meine Lebensphilosophie ist ja das Lebensfest.

Sinne und Sein
Zum 75. Geburtstag würdigt das Nitsch Museum im Museumszentrum Mistelbach den Aktionskünstler mit einer umfangreichen Retrospektive. Zu sehen sind Werke aus sechs Dekaden unter Einbeziehung interaktiver Präsentationsformen. Zur Eröffnung am 6. April (18.30 Uhr) inszeniert Hermann Nitsch eine Live-Performance mit zwei parallel stattfindenden Schüttaktionen, musikalischen Interventionen und naturreinem Wein aus Prinzendorf. Ab 11. Mai lädt die Reihe „Im Rausch der Sinne“ zu Veranstaltungen mit Akteuren des O.M.-Theaters (Anmeldung!); und am 22.& 23.6. gibt es ein „Fest der Sinne“ im Museumszentrum Mistelbach. Info: nitschmuseum.at

Zur Person: Hermann Nitsch wurde am 29. August 1938 in Wien geboren und ist Mitbegründer des Wiener Aktionismus. Wanderte er in den 1960er Jahren für seine Kunst noch ins Gefängnis, zählt der Schüttkünstler mit seinem Orgien-Mysterien-Theater zu den bedeutendsten Vertretern der heimischen Kunstszene. Seit 1971 residiert er auf Schloß Prinzendorf, wo er 2014 zu einem „Sechstagespiel“ lädt. 2007 wurde das Nitschmuseum in Mistelbach eröffnet, auch Neapel ehrt Nitsch mit einem eigenen Museum.

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