Höhenkoller – "Das größere Wunder"

Höhenkoller – "Das größere Wunder"

In seinem brandneuen Roman "Das größere Wunder" bereitet sich Glavinics Held Jonas auf den Gipfelsturm des Mount Everest vor.

Das Erweckungserlebnis des Thomas Glavinic als Schriftsteller kam eines Weihnachtsabends unterm Christbaum, als er sieben Jahre alt war. Er bekam "Huckleberry Finn“ geschenkt. Gleich direkt unter dem Baum liegend, so beschreibt er es in einem Aufsatz, begann er mit dem Lesen. Während die Erwachsenen um ihn herum immer betrunkener wurden und ihn einfach vergaßen, las er und hörte nicht mehr auf, bis er das Buch lange nach Mitternacht fertig hatte. "Ich lag mit heißen Ohren unterm Weihnachtsbaum und dachte mir: Lieber Gott, bitte mach einen Schriftsteller aus mir.“ Es muss ein prägender Moment gewesen sein - obwohl sich Thomas Glavinic heute keine Illusionen darüber macht, dass die Geschichte verdammt nach rückwirkender Mythen- und Legendenbildung riecht, kitschig und ziemlich dick aufgetragen. "Aber die Wahrheit ist oft ein bisschen, naja, überladen“, wie er kürzlich in einem Interview sagte. Und: "So war’s nun mal.“

Also wurde Thomas Glavinic nicht Offizier oder Rennfahrer, was zwei seiner anderen Berufswünsche gewesen wären, sondern Schriftsteller. Und niemand würde behaupten, dass das die falsche Wahl gewesen ist. Längst gehört der 1972 in Graz geborene Glavinic zu den bekanntesten Autoren seiner Generation, und zweifellos gilt er als einer der einfallsreichsten und innovativsten. Als der Berliner "Tagesspiegel“ vor zwei Jahren schrieb, er werde in Österreich "wie ein Popstar“ gefeiert, gab Glavinic zu Protokoll, dass er lieber Rockstar wäre, was seinem Temperament als Schriftsteller sicher bedeutend näher kommt.

Gipfelstürmer

In seinem brandneuen Roman "Das größere Wunder" bereitet sich Glavinics Held Jonas auf den Gipfelsturm des Mount Everest vor. Er ist, wie der Klappentext des Buches so treffend formuliert, ein "Tourist in der Todeszone". Die Rahmenhandlung begleitet ihn vom Basiscamp an über alle Etappen des Aufstiegs. Während er als Teil einer zusammen gewürfelten, zahlenden Amateur-Bergsteigergruppe mit Übelkeit und Kopfschmerzen, mit eisigem Wind, mit Angst und Erschöpfung kämpft, lässt er immer wieder seine Erinnerungen Revue passieren. Und siehe da: Er ist auch Tourist im eigenen Leben.

Aufgewachsen ist er bei einem Ersatzgroßvater namens Picco, der undurchsichtigen Geschäften nachgeht und seinen Enkel Werner sowie dessen besten Freund Jonas mitsamt behindertem Zwillingsbruder Mike nicht einen Millimeter in ihrer Bewegungsfreiheit und Experimentierfreude einschränkt. Jonas ist, wie Glavinic sagt, "durch nichts gebremst“. Später, als Erwachsener und durch Piccos Erbe steinreich geworden, wird er ein Rastloser, der es sich zum Ziel gesetzt hat, jedes Land dieser Erde zu besuchen. Er ist ein globaler Streuner, unbehaust und neugierig, mitfühlend und einsam, immer auf der Suche nach der großen Liebe, vor allem aber nach sich selbst und dem, "was ihn im Innersten“ ausmacht.

Männer, die auf Ziegen schießen

Das stetige Hadern und Suchen hat dieser Jonas zweifellos mit seinem Erfinder gemeinsam. Wie Jonas im Buch ist auch Thomas Glavinic ein erklärter "Geschwindigkeitsfreak“, einer, der Highspeed liebt. Das kann man als kleinen Hinweis auf eine größere schriftstellerische Neigung lesen: Glavinic weicht Extremerfahrungen nicht aus. Wo es um Grenzbereiche jeder Art geht, an deren Schwelle andere übers Umdrehen nachdenken, wird das Schreiben für ihn erst richtig interessant.

Vor zwei Jahren etwa veröffentlichte er die Reisereportage "Unterwegs im Namen des Herrn“ - das Dokument einer ziemlich irrwitzigen, Psychopharmaka-unterstützten Fahrt des Agnostikers Glavinic an die Marien-Pilgerstätte Medjugorje in Bosnien-Herzegowina. Als er anschließend in Split bei einem Mafiaboss zu Hause landet, dort irrtümlich mit einer Pistole eine Ziege verletzt, die daraufhin von dem Mafioso erschossen wird, schien es einer Journalistin doch weit über das Glaubwürdige hinauszugehen. Darauf angesprochen meinte Glavinic, er fände solche Abende nicht weiter ungewöhnlich, "eher bedenklich finde ich, dass viele Leute nur die totale Durchschnittlichkeit ihrer Alltagswahrnehmung überhaupt für glaubwürdig halten“.

Das ist gut gesagt und erzählt zugleich viel von Glavinics schriftstellerischer Arbeit. Es geht ihm um atmosphärische Dichte. Er will sich "in den Hinterkopf meines Lesers“ schreiben und Signale an dessen Unbewusstes schicken. Das, so ist Glavinic überzeugt, geht nur mit vielschichtig gebauten Texten, die auf mehreren Ebenen funktionieren. Mit Geschichten, die es fertig bringen, dass ihnen der Leser auch dorthin folgt, wo sie den Rahmen der so genannten Wirklichkeit hinter sich lassen.

Immer wieder Jonas. Bei Glavinic ist der Alltag immer brüchig. So kommt es, dass sein bisher größter Bucherfolg "Die Arbeit der Nacht“ (2006) die Geschichte eines Mannes erzählt - auch er heißt Jonas -, der sich eines Tages mutterseelenallein auf einer Welt wieder findet, aus der alle Menschen spurlos verschwunden sind. "Ein Kunststück im artistischen Sinne“ jubelte damals die "Welt“ über diese unheilvolle Fantasy-Parabel rund um die Themen Einsamkeit, Angst und Identität. Auf völlig andere Weise spielte Glavinic das Identitätsspiel ein Jahr später in seiner urkomischen Literaturbetriebs-Satire und Buch gewordenen Schriftsteller-Nabelschau "Das bin doch ich“ (2007). Ein in Wien lebender Mann namens Thomas Glavinic, der gerade einen Roman mit dem Titel "Die Arbeit der Nacht“ fertig geschrieben hat, sucht darin nach Verlag und Erfolg, beäugt neidisch schreibende Kollegen, sehnt sich nach Auszeichnungen und schaut dem Literaturbetrieb in all seinen Facetten aufs Maul.

Das Jonglieren mit Identitäten, Brüchen und Fantasien war für Glavinic immer reizvoller Stoff für seine Bücher: Er erfüllte einem Mann drei Wünsche, deren Segnungen dieser dann nicht mehr los werden konnte ("Das Leben der Wünsche“, 2009), er ließ einen Mörder mit laufender Videokamera zwei Kinder in den Selbstmord zwingen ("Der Kameramörder“, 2001) und setzte einem Mann eine äußerst einfallsreiche Serienmörderin oder seine eigene entfesselte Fantasie in den Nacken ("Lisa“, 2011).

Verwobene Werke

In Glavinics Buch-Welten kann viel passieren. Stets umkreisen seine Erzählungen die großen Themen Wahn und Wirklichkeit, Einsamkeit und Liebe, Angst und Freiheitsstreben. In Summe hat das ein vielfach verwobenes Werk ergeben. Jedes Buch scheint sich organisch aus einem früheren zu entwickeln - oft hinterlassen sie Spuren ineinander. Tatsächlich, so Glavinic, habe sich sein neues Buch aus einer längeren, herausgenommenen Passage in "Die Arbeit der Nacht“ (2006) entwickelt. Dazu kam seine Passion fürs Extrembergsteigen, über das er im Lauf seines Lebens dutzende Bücher gelesen und Filme gesehen hat.

Um für "Das größere Wunder“ zu recherchieren, hat sich Glavinic auch einige Male mit dem inzwischen tödlich verunglückten Alpinisten Gerfried Göschl, einem Jugendfreund, getroffen. Von Göschl, der 2005 allein und ohne Sauerstoff auf dem Everest war, habe er jene Details erfahren, die in keinem Buch zu lesen sind.

Es ist ein halluzinatorisches Buch geworden

Die Beschreibungen dessen, was während des Aufstiegs auf den Everest im Kopf und Körper seines liebessehnsüchtigen Helden passiert, verursachen einem selbst körperliche Qualen, auch seinen Wahrnehmungsverschiebungen, wahnhaften Gedanken und Lebenserinnerungsspuren folgt man immer bereitwilliger. Einen Preis muss Glavinic natürlich auch noch für den Witz des Jahres bekommen, der doch tatsächlich in diesem Buch Platz findet: "Was ist orange und geht auf einen Berg?" Antwort: "Eine Wanderine."

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