Dieter Nuhr: "In Deutschland ist grundsätzlich immer Krise"

Dieter Nuhr: "In Deutschland ist grundsätzlich immer Krise"

"Satiregipfels" im deutschen Fernsehen.

FORMAT : Früher hat Kabarett in kleinen Kellertheatern stattgefunden, jetzt füllen Komiker wie Sie ganze Stadthallen. Entdecken die Deutschen den Humor?

Dieter Nuhr : Dieter Hildebrandt und die Münchener Lach- und Schießgesellschaft haben schon in den sechziger Jahren in großen Kongresshallen gespielt, das ist also nichts Neues. Und ich glaube auch nicht, dass der Deutsche den Humor mehr entdecken muss als andere Nationen.

Als besonders humorvoll gelten die Deutschen aber nicht…

Nuhr : Ja, aber das kommt aus einer Zeit, als wir bevorzugt mit dem Panzer in andere Länder gefahren sind. Dass die dortige Bevölkerung überzeugt war, dass der Panzerfahrer keinen Humor hat, ist verständlich. Aber nachdem wir schon lange nicht mehr mit dem Panzer ins Ausland fahren, stimmt dieses Bild nicht mehr.

Wir beschreiben Sie sich selber: Als Comedian, Kabarettist, Satiriker, Entertainer, Komiker?

Nuhr : Ja.

Gut, damit wäre das auch beantwortet.

Nuhr : Woher kommt dieses Interesse, mich in eine Schublade einordnen zu wollen? Im schlimmsten Fall ist Kabarett langweilig und Comedy doof, im besten Fall ist Kabarett sehr lustig und Comedy sehr intelligent. Also was soll das?

Sie touren seit 20 Jahren durch Deutschland. Hat sich die Stimmung im Land geändert?

Nuhr : Ja, das Klima ist lockerer geworden. Als ich von Kleinkunsttheater zu Kleinkunsttheater gezogen bin, da war Kabarett noch eine ideologisch motivierte, richtig humorlose Veranstaltung. Gefragt war linke Linientreue, nicht Witz.

Sind ihre ausverkauften Veranstaltungen auch eine Reaktion auf die aktuelle Situation: Draußen ist Krise, da möchten wir wenigstens abends lachen?

Nuhr : Ach nein, in Deutschland ist ja grundsätzlich immer Krise. Es ist eines der reichsten Länder der Erde, eines der gerechtesten, und die meisten Leute zahlen ohne zu murren ihre Steuern…

So viel Positives hätten Sie aber früher im Kellertheater nicht sagen dürfen…

Nuhr : Nein, dafür wäre ich gekreuzigt worden. Viele Leute schauen mich heute noch fassungslos an, wenn ich das sage. Ich glaube nicht, dass wir in einer großen Krise leben. Es gibt Immer wieder Situationen, wo man Dinge korrigieren muss, aktuell sind das Währungsfragen und Wirtschaftspolitik. Aber im Grunde leben wir in goldenen Zeiten.

Woher kommt diese Sehnsucht nach Krise, nach Jammern, die Sie auch in Ihrem Programm beschreiben?

Nuhr : Das ist evolutionär bedingt. Die Leute, die sorglos waren, saßen vor der Höhle und ließen sich die Sonne auf den Bauch scheinen. Sie wurden dann von den Ängstlichen und Sorgenvollen erschlagen, die das zufrieden-dämliche Grinsen der Sorglosen nicht mehr ausgehalten haben.

Der Pessimist ist dem Optimisten also überlegen?

Nuhr : Es ist derjenige, der sich am Ende durchsetzt.

Leben die Optimisten vor allem in Südeuropa?

Nuhr : In Teilen der Pleiteländer ist die Grundstimmung jedenfalls erheblich besser als In Deutschland. Das hängt mit einer besseren Lebensfähigkeit der Menschen dort zusammen, die sind zufriedener. Das hat natürlich auch eine Kehrseite: Wenn ich sage, es ist ohnehin schön warm und alles prima, fehlt die Kraft, um etwas besser zu machen. Wenn man sich in Deutschland vier Monate im Jahr den Arsch abfriert, macht man sich viele Gedanken über die Energieversorgung. Der Sizilianer sagt sich, die zwei Wochen, in denen es hier wirklich kalt ist, ziehe ich einen Pullover mehr an.

Sie haben den FDP-Politiker Rainer Brüderle in der Sexismus-Debatte auf der Bühne verteidigt, da gab es nur wenige Lacher im Publikum.

Nuhr : Ja, weil man einen FDP-Politiker nicht öffentlich verteidigen darf.

Sexismus oder Schuldenkrise: Bei welchem Thema ist es schwieriger, Leute zum Lachen zu bringen?

Nuhr : Die Schuldenkrise ist auf der Bühne ein Problem, weil es an ökonomischen Grundkenntnissen fehlt. Die Meisten wissen gar nicht, was da passiert. Alle trauern der D-Mark nach, wissen aber gar nicht, welchen Nutzen der Euro für Deutschland hat. Die D-Mark hätte gegen eine solche Krise auch nicht genützt. Wir nehmen gerade an einem historischen Vorgang teil, der Gründung eines einigen Europas, das dauert halt etwas länger. Es ist schwierig, darüber Witze zu machen. Und Sex ist immer das lustigste Thema, weil dort Anspruch und Wirklichkeit am weitesten auseinander liegen.

Gerade wurde die anti-europäische "Alternative für Deutschland" gegründet, angeführt von Wirtschafts-Professoren. Macht Ihnen das Sorgen?

Nuhr : Das macht mir keine Sorgen, da sind intelligente Leute dabei, und man kann ja über vieles diskutieren. Das Problem ist, dass über Europa immer in diesem populistischen Rahmen diskutiert wird - und selten auf großer Wissensbasis. Das ist auch ein Problem für die Demokratie, dass man inzwischen große Vorbildung braucht, um bei den relevanten Themen mitreden zu können. Es geht eben nicht mehr um den klassischen Interessenkonflikt zwischen Kapital und Arbeit, sondern darum, welche Währung welche Vorteile hat. Das ist ungleich schwieriger.

Kommt die Demokratie an ihre Grenzen?

Nuhr : Wenn ich Chinese wäre, würde ich „ja“ sagen. Die lachen uns aus, dass wir in diesen komplexen Fragen das Volk fragen. Aber ich hänge an der Demokratie und halte das chinesische System, Experten entscheiden zu lassen, nicht für überlegen, schon gar nicht in menschlicher Hinsicht.

Wie lässt sich die Euro- und Schuldenkrise lösen?

Nuhr : Wir haben denen viele Milliarden geliehen, und dabei nicht gedacht, dass solche Beträge nur über Schafskäse und Oliven schwer wieder zurück zu zahlen sind. Ich habe eine einfache Lösung: Das Kilo Schafskäse kostet rund 9 Euro, man braucht nur jemanden finden, der 40 Milliarden Kilo kauft, dann ist Griechenland entschuldet. Oder wir entwickeln eine Auto-Batterie auf Basis von Schafskäse, dann ist das Energiethema auch gleich mit abgehakt.

Wird das in Deutschland allgemein auch so gesehen?

Nuhr : Niemand hat vom vereinten Europa so profitiert wie wir. Es wäre ökonomischer Unsinn, Südeuropa jetzt einfach abzuhängen. Wir unterstützenschließlich auch Bundesländer wie das Saarland, Bremen oder Berlin, da regt sich auch niemand auf.

Aber Bremen ist den Deutschen näher als Zypern oder Griechenland.

Nuhr : Mir persönlich ist Zypern näher, schon weil das Wetter dort besser ist. Und ich war auch öfter in Griechenland als in Bremen. Ich habe einen europäischen Patriotismus, weil ich sehr viel reise. Ich bin ja für einen Reisezwang, nachdem die Wehrpflicht abgeschafft ist. Man sollte die jungen Leute nach der Schule irgendwo ins Ausland schicken und sagen: Erst wenn Du einige Wochen in Indien oder China zurecht gekommen bist, darfst Du zurückkommen. Das würde die Leute zwingen, über den Tellerrand hinaus zu schauen. Ich bin überzeugt, die würden alle mit einem europäischen Patriotismus zurückkommen.

Optimismus, Zufriedenheit und Patriotismus passen so gar nicht zu einem Kabarettisten…

Nuhr : Der Kabarettist ist ja nicht automatisch ein Kämpfer für die Mühseligen und Beladenen. Im Gegenteil: Was wir derzeit „links“ nennen, ist unglaublich weit rechts, weil es die sozialen Fragen rein nationalistisch verhandelt. Früher haben die Linken die internationale Arbeiterklasse beschworen, jetzt versuchen sie uns einzureden, dass ein Arbeitsplatz in Deutschland besser ist als acht in Rumänien. Das hat sich total gedreht.

Ist die Gesellschaft in einem Umbruch, wieder einmal?

Nuhr : Wir können uns das Paradies vorstellen, aber man muss es auch bezahlen können - diese Erkenntnis setzt sich jetzt durch, was ich für einen großen Vorteil halte. Kritisch sehe ich allerdings, dass alle Leute glauben, der Staat kann es richten. Plötzlich ist der Staat wieder der Heilsbringer, der die Wirtschaft retten muss, die Banken retten muss, die Managergehälter begrenzen muss. Das halte ich für einen ziemlichen Irrtum. Der basiert auf dem Glauben, dass der Staat eine neutrale Anstalt ist und Amtsträger automatisch die besseren Entscheidungen treffen als der Markt. Das ist naiv. Wohin das führt, hat man ja in der DDR gesehen. Dass die Menschen nach Heilsversprechen streben, ist etwas sehr deutsches. Erst war die Deregulierung das Heil und es wurde von aller Welt verlangt, zu deregulieren. Jetzt liegt das Heil im Staat, und jetzt wird von allen Menschen auf der Welt mehr Staat verlangt – am deutsche Wesen soll immer noch die Welt genesen, dass hat sich nicht geändert.

In Ihrem Programm machen Sie sich über Jammerer und Nörgler lustig. Ist das nicht sehr oberflächlich, schließlich haben viele Menschen wegen der Wirtschaftskrise große Sorgen?

Nuhr : Unser Frust über den Zustand der Welt ist alles andere als angebracht. Angeblich erleben wir die schlimmste Wirtschaftskrise seit 1929. Dieser Krise folgte der Zweite Weltkrieg. Haben Sie aktuell Angst vor einem Krieg? Es drückt doch einen hohen zivilisatorischen Grad aus, sich durch die jetzige Wirtschaftskrise zu lavieren, ohne sich gegenseitig zu massakrieren. Der einzige, der damit droht, ist der kleine Irre aus Nordkorea. Und das nur, weil er in der Weltwirtschaft keine Rolle spielt.

Wie viele erfolgreiche Künstler haben Sie anfangs vor 10 oder 15 Leuten gespielt. Wie frustrierend war das?

Nuhr : Das ist ein Irrglaube, dass die ersten Jahre mühselig sind. Es war schon Spaß genug, überhaupt aufzutreten. Und wenn dann Leute gekommen sind, umso besser. Ich bin gar nicht auf die Idee gekommen, dass das ein Beruf sein könnte, aber dann habe ich auf einmal Gagen bekommen fürs Auftreten. Frustrierend war das nie. Wenn das Ziel allerdings ist, schnell reich und berühmt zu werden, dann ist das am Anfang Frust. Aber ich stecke mir keine Ziele.

Viele Glücksexperten sagen, man wird nur glücklich, wenn man sich Ziele setzt und sein Leben daran orientiert.

Nuhr : Ich behaupte das Gegenteil: Glücklich kann man nur werden, wenn man sich keine Ziele setzt. Weil man sich keinen Druck macht und sich so akzeptiert, wie man ist. Das bedeutet nicht Ehrgeizlosigkeit, das darf man nicht verwechseln: Was ich tue, möchte ich gut machen. Aber ich setze mir nicht das Ziel, im Jahr vor so und so vielen tausend Menschen zu spielen. Wozu?

Sie sind erfolgreich, spielen vor vollen Häusern und sind im TV präsent. Was machen Sie mit Ihrem Geld?

Nuhr : In einigen wachen Momenten habe ich in Steine investiert, also in Immobilien. Das hat sich als gut erwiesen. Ich habe auch Aktien, weil ich das für die sicherste Anlage halte, am Ende sind das ja Sachwerte. Ich habe zu einem günstigen Zeitpunkt gekauft. Jetzt sind Immobilien schon überteuert und auch die halbwegs sicheren Aktien sind deutlich gestiegen. Jetzt ist es super-schwer, sein Geld gut anzulegen.

Was macht Ihren Humor aus?

Nuhr : Mein Humor lebt vom Unterschied zwischen Anspruch und Wirklichkeit, von der großen Erkenntnis und der kleinen Realität, den banalen Widrigkeiten und Armseligkeiten, gepaart mit den großen Ansprüchen. Dafür bieten sich Themen wie Religion und Wissenschaft an, die sich mit den Zielen des Menschen, mit dem Ziel des Lebens auseinandersetzen – daraus entsteht eine große Fallhöhe.

Was ist der Sinn Ihres Lebens?

Nuhr : Ich neige dazu, das Leben mit Humor zu nehmen, alles andere macht keinen Sinn. Das Leben endet meist tödlich, und bis es soweit ist, sollte man die Zeit möglichst angenehm füllen, dass man am Ende sagen kann: Es war eine schöne Zeit.

--

Zur Person
Dieter Nuhr, 52, wurde im deutschen Wesel geboren und studierte Kunstpädagogik & Geschichte auf Lehramt, ehe er 1987 als Komiker debütierte. Aktuell ist Nuhr einer der erfolgreichsten deutschen Comedians, der – preisgekrönt – Stadthallen füllt. Zudem ist er Moderator des monatlichen "Satiregipfels" in der ARD, Fotograf und Bestseller-Autor. Zuletzt erschien "Das Geheimnis des perfekten Tages" (Bastei Lübbe, 2013) . Nuhr ist verheiratet und Vater einer Tochter.

Erektions- und Potenzstörungen sind weiter verbreitet als man denkt, doch kaum jemand sucht professionelle Hilfe.
#Gesundheit #Sexualität
 

Gesundheit

Erektionsstörungen: Das ist bei Potenzproblemen zu tun

Die Voestalpine liefert 120.000 Tonnen Bleche für den Bau der South Stream Pipeline von Russland nach Österreich.
#ukraine #south stream #russland #putin #omv
 

Börse Wien

Voestalpine ist bei South Stream als Lieferant im Geschäft

Der japanische Konzern präsentiert auf der IFA die neue Flaggschiff-Reihe Z3. Das Acht-Zoll-Tablet ist ein Angriff aufs iPad mini.
#sony
 

Mobile

Sony stellt Produkte der Z3-Reihe vor