Die dunkelste Seite von Gaddafi – Machtausübung durch Sex und Vergewaltigung

Eigentlich wollte die französische Journalistin Annick Cojean bei ihrer Reise nach Libyen im Oktober 2011 der Rolle der Frauen während der Revolution nachgehen, doch bei ihrer Recherche traf sie auf die heute etwa 23-jährige Soraya, die vom früheren Diktator Muammar al-Gaddafi höchstpersönlich um ihre Kindheit, Jugend und jegliche Zukunftsperspektive gebracht worden war.

Die dunkelste Seite von Gaddafi – Machtausübung durch Sex und Vergewaltigung

Er hatte sie von ihrer Familie geraubt, als sie 14 Jahre alt war – und zu seiner Sexsklavin gemacht. Cojean zeigt in ihrem Buch „Niemand hört mein Schreien. Gefangen im Palast Gaddafis“ auf, dass diese Vorgehensweise System hatte und Gaddafi so sein Volk mundtot machen konnte.

Die auf 294 Seiten enthüllten Informationen über einen Machtapparat, der sein Volk in Angst und Schrecken versetzte, schockieren nach wie vor, obwohl viele Fakten bereits bekannt sind. Gaddafi setzte nicht nur grausame Folter, Verfolgung und Ermordung zur Einschüchterung ein - sondern erpresste libysche Frauen, Ehemänner, Offiziere und Diplomaten durch Sex und Vergewaltigung.

An eine Anklage oder Veröffentlichung dieser Taten war nicht zu denken. Zum einen hätte dies entweder für die Opfer selbst oder für Angehörige eine grausame Strafe - im schlimmsten Fall den Tod - durch Gaddafis Schergen bedeutet. Zum anderen sahen die von Gaddafi und seinen Männern geschändeten Frauen durch den Vorfall die Familienehre befleckt – und um diesen Umstand nicht noch zu verschlimmern, zogen die meisten Opfer und Familien Stillschweigen vor. Cojean liefert mit ihrem Buch ein Zeugnis der sexuellen Gewalt, von der auch die österreichische Journalistin Antonia Rados im Vorjahr in ihrer RTL-Dokumentation "Das Doppelleben des Diktators" berichtet hatte.

Auswahl und Entführung

Cojean lässt in dem ersten Teil ihres Buches Soraya sprechen, die ihre Geschichte von ihrer Entführung bis ins Jahr 2011 detailliert schildert. Die Libyerin erzählt wie sie bei einem Besuch Gaddafis in ihrer Schule von ihm durch geheime Zeichen ausgewählt worden war und am nächsten Tag von drei seiner Leibwächterinnen von zuhause entführt worden war. Im Palast Gaddafis, Bab al-Azaziye, war sie mit anderen Mädchen gemeinsam eingeschlossen. Und ihr Wille wurde sukzessive durch brutale Misshandlung und Vergewaltigung, sowie Verabreichung von Drogen und Alkohol gebrochen, um sie für Gaddafi gefügig zu machen.

Einige Jahre später ist Soraya die Flucht mit Unterstützung ihrer Familie nach Paris gelungen. Aber dort war sie dermaßen dabei überfordert, sich ein neues Leben aufzubauen, dass sie ihre Chance verspielte und nach Libyen zurückkehrte. Schließlich kann sie nach Jahren des Schreckens wieder bei ihrer Familie wohnen, der sie aber bald zur Last wird: Die Eltern sind gebrochen über das Schicksal ihres Kindes, der Ruf der Familie ist in der gesamten Nachbarschaft ruiniert und die Brüder möchten Soraya am liebsten tot sehen. Sie hat unverschuldet Schande über ihre Angehörigen gebracht. Sie verlässt ihre Familie und sagt abschließend: „Ich möchte mir im neuen Libyen ein Leben aufbauen. Ich frage mich, ob das möglich ist.“

Für den zweiten Teil des Buches, das 2012 in französischer Sprache erschien, recherchierte Cojean akribisch, um weitere Opfer ausfindig zu machen, um den anfangs schwer fassbar wirkenden Bericht von Soraya zu untermauern. Sie sprach mit Vätern, die ihre Töchter und Ehefrauen nicht zu großen Veranstaltungen, etwa Hochzeiten, mitnehmen wollten, und mit Lehrerinnen, die sich der Gefahr für Schülerinnen bei Gaddafis Schulbesuchen bewusst waren. Sie sprach mit Uniprofessoren, mit Anwälten, mit Politikern, mit Personen aus Gaddafis Protokoll – viele wussten über die Vorgänge und den Wahn des ehemaligen Staatschefs Bescheid, der große Veranstaltungen und öffentliche Einrichtungen liebte, um sich seine Opfer auszusuchen.

Sklaven-System

Diese Form der Ausbeutung und Unterdrückung hatte System: Libysche Diplomaten, Offiziere, Generäle, Universitätsprofessoren, Schuldirektoren, Angehörige Gaddafis sowie Frauen und Männer, die er bereits zu seinen Sklaven gemacht hatte, waren seine Komplizen. Wo auch immer sie waren, streckten sie ihre Fühler aus, um Gaddafi mit Nachschub zu versorgen.

Während einige Gesprächspartner Cojeans nichts von diesem System gewusst haben wollen, spricht der ehemalige Interimsjustizminister Mohammed al-Alagi offen darüber: Gaddafi habe selbst in großem Ausmaß vergewaltigt und Vergewaltigungen angeordnet. Männer wie Frauen seien davon betroffen gewesen. „Er war ein sexuelles Monster, pervers und sehr gewalttätig“, sagte er Cojean. Gaddafi habe die libysche Gesellschaft verdorben, indem er sie gleichzeitig zum Opfer und zum Komplizen gemacht habe und seine Minister in Marionetten verwandelt habe.

„Ja, Sex war in Libyen ein Machtinstrument: ‚Entweder du machst dich ganz klein und gehorchst mir, oder ich vergewaltige dich, deine Frau, deine Kinder.‘ Und er zögerte nicht, seinen Worten Taten folgen zu lassen, womit er alle zum Stillschweigen verurteilte. Die Vergewaltigung diente ihm erst als politische Waffe, dann nutzte er sie als Kriegswaffe“, so al-Alagi.

Das sollte sich auch später beim Aufstand gegen den Diktator im Frühjahr 2011 zeigen. Nach Angaben von Ermittlern des Internationalen Strafgerichtes setzte die libysche Regierung systematische Vergewaltigungen ein, um die Regierungsgegner einzuschüchtern. Angeblich soll dabei sogar Viagra an die Soldaten ausgegeben worden, um sie zu sexueller Gewalt anzustacheln. Doch alle Grausamkeit blieb vergebens: Letztendlich wurde das Gaddafi-Regime nach Monaten der Kämpfe gestürzt, der libyschen Machthaber selbst im Oktober 2011 getötet.

Cojean legte nun ein schockierendes Zeugnis der Gaddafi-Herrschaft vor, das den Leser zum immer weiteren Lesen anregt. Zahlreiche Fragen, die aufgeworfen werden, etwa nach dem Verbleib und dem Schicksal der Opfer, die insgesamt auf über mehrere tausend geschätzt werden, bleiben dabei offen. Zu hoffen bleibt, dass mit diesem und anderen Berichten auch mit der Aufarbeitung in Libyen selbst begonnen werden kann. Dazu dürfen auch die Betroffenen nicht stigmatisiert werden.

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