"Die Katastrophe ist schon da"

"Die Katastrophe ist schon da"

FORMAT : Die Krise sei vorbei, sagen die einen. Ein gefährlicher Trugschluss, sagen die anderen. Wie stellt sich die aktuelle Situation in Europa für Sie dar, Herr Uexküll?

Jakob von Uexküll : Die Krise ist natürlich keineswegs vorbei, auch wenn man mit Geld einiges überdecken kann. Es gibt Studien, die zeigen, dass wir in Europa einen massiven Schuldenschnitt brauchen, dass vieles einfach nie zurückbezahlt werden kann. Das heißt aber nicht, dass wir deshalb kein Geld für Reformen haben. Wir müssen unser Geldsystem umdenken. Wenn wir nur Geld drucken, kommt es zu Inflation. Wenn dahinter aber auch die Produktion wächst, dann wächst der Wohlstand – das wird von den Machthabern gerne verschwiegen. Die viel größere Krise, die uns bedroht, ist allerdings die Umweltkrise. Ein Staatsbankrott ist bald verkraftet, ein Umweltbankrott nie. Nicht das Geld ist knapp, sondern die Ressourcen, von denen wir alle abhängig sind. Auch die Wirtschaft.

Inwieweit sind diese Krisen - Wirtschaft und Umwelt - miteinander verwoben?

Jakob von Uexküll : Sie sind verwoben, aber die grundlegendere Krise ist jene der Natur. In einer zerstörten Umwelt gibt es einfach keine Wirtschaft. Wenn es nur noch um den Kampf um Ressourcen geht, verschwinden Demokratie und Menschenrechte. Deswegen müssen wir endlich die richtigen Prioritäten setzen. Die Katastrophe ist schon da. Für Menschen in Afrika, die nur noch eine statt drei Ernten pro Jahr einfahren, für Menschen in Pakistan, die vor den jährlichen Fluten flüchten.

Mehr Umweltschutz also. Aber wie können wir diesen trotz der Krise finanzieren?

Jakob von Uexküll : Gerade jetzt stehen die Chancen gut. Wir wissen, wir müssen unseren Konsum so umstellen, dass wir nicht mehr auf Kosten der Um- und Nachwelt leben. Wir brauchen neue Produkte, eine neue industrielle Revolution. Das ist unsere einzige Chance, die auch sehr viele Arbeitsplätze schaffen würde.

Allerdings sind Kredite für riskante Unternehmungen nicht einfach zu bekommen.

Jakob von Uexküll : Weil sie über Banken vergeben werden, die nun mehr Reserven halten müssen und deshalb weniger investieren können. Wir brauchen deshalb ein Geldsystem, in dem es heißt: Geld gegen nachhaltige Leistung. Heute wird ökonomisches Wachstum zu unökonomischem Wachstum, wenn wir uns gleichzeitig vor seinen Umweltfolgen schützen müssen. Ich würde Ressourcen lieber dafür verwenden, neue, bessere Häuser zu bauen, als damit Dämme gegen klimabedingte Überschwemmungen zu errichten. Das würde nachhaltiges Wachstum schaffen.

Zu Beginn der Krise war der Aufschrei groß, Bewegungen wie Occupy Wall Street forderten einen grundlegenden Wandel. Passiert ist relativ wenig. Warum?

Jakob von Uexküll : Weil man sich verzettelt. Es gibt unglaublich viele Gruppierungen, die nicht fokussiert genug sind und auch die Bedeutung der Gesetzgebung für wesentliche Veränderungen nicht verstehen. Der schnellste Weg, Veränderung herbeizuführen, geht über Gesetze. Sie schaffen die Rahmenbedingungen. Mit dem World Future Council suchen wir deshalb die besten Gesetze, die es schon gibt, versuchen Lücken zu schließen und sie mit Parlamentariern rund um die Welt zu erarbeiten. Wir müssen in neuen Risikohierarchien denken: Begrenzen wir den Klimawandel nicht, werden weite Weltteile unbewohnbar, es kommt zu Hunger, Massenfluchten, Wohlstandsverlust.

In Hierarchien zu denken ist mitunter gefährlich: Ist das Umweltproblem wichtiger als das Demografieproblem? Welche Parameter zieht man da heran?

Jakob von Uexküll : Wir haben einfach kein Recht dazu, auf Kosten zukünftiger Generationen zu leben. Wir wissen ja, was sie wollen: ganz bestimmt nicht weniger als wir. Das ist die oberste Priorität, und wir müssen dafür sorgen, dass die Erde nicht unbewohnbar wird. Wir haben uns weit davon entfernt, zu verstehen, welche Bedeutung das hat. Amerikanische Ökonomen argumentieren etwa, dass der Klimawandel nur die Landwirtschaft betrifft, die nur drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmacht, was verschmerzbar sei. Das ist absurd. Gerade in Politik und Wirtschaft braucht es ein viel besseres Verständnis dafür, dass Umweltschäden die gesamte Wirtschaft treffen können.

Die Politik reagiert darauf im besten Fall mit strengeren Gesetzen, woraufhin Industriebetriebe damit drohen, in China zu produzieren. Wie sinnvoll ist es, Rahmenbedingungen nur national durchzusetzen?

Jakob von Uexküll : Das Argument mit den schlechteren Wettbewerbsbedingungen sticht natürlich. Aber es darf keine Ausrede sein. So wie jeder Einzelne seinen Beitrag leisten kann, können sich auch Staaten wehren, indem sie Grenzabgaben einführen. Produkte, die in China zu umweltschädlichen Bedingungen erzeugt werden, werden somit teurer, der Preis berücksichtigt die CO2-Emissionen unseres Konsums. Jedes Land sollte diese Abgaben einführen, damit umweltfreundliche Produkte konkurrenzfähig sind.

Verstößt das nicht gegen die Freihandelsgesetze?

Jakob von Uexküll : Nur bedingt, weil diese ja auch das ökologische Primat in ihren Statuten haben. Und wenn das nicht ausreicht, dann sollte man die Statuten ändern. Das ist ja alles nicht auf ewig vorgegeben.

Seit 1980 wird auf Ihre Stiftung hin der Alternative Nobelpreis vergeben. Ist die Welt seit damals eine bessere geworden?

Jakob von Uexküll : Es ist nicht besser geworden, aber der Preis hat vielen Menschen Hoffnung gegeben. Manche Themen wie die Folgen radioaktiver Strahlung waren damals wichtiger, als sie es heute sind. Ob wir beim Klimawandel eine Kehrtwende schaffen, ist allerdings noch fraglicher geworden. Viele negative Prognosen sind eingetreten, gleichzeitig gibt es aber auch ein viel größeres Bewusstsein für das Problem. Es hapert nach wie vor an der Umsetzung der Wende.

Sie kommen für die "Zero Project Conference“ nach Wien. Welche Rolle spielt das Thema Beschäftigung für Menschen mit Behinderung für den World Future Council?

Jakob von Uexküll : Es ist ein wichtiges Thema, das wir aufgreifen, auch weil es etwas ist, bei dem in Krisenzeiten immer mit zu hohen öffentlichen Kosten argumentiert wird. Es stimmt schon, dass es Kosten bedeutet, Gebäude behindertengerecht umzubauen. Aber man muss sich fragen, was wir uns als zivilisierte Gesellschaft leisten wollen und was nicht. Die Demokratie kostet schließlich auch Geld, eine Diktatur wäre sicher billiger. Zurzeit verläuft jede Diskussion viel zu ökonomisch. Wir müssen uns fragen: Was wollen wir, und was können wir uns menschlich, gesellschaftlich und ökologisch leisten?

Setzen Sie Hoffnung in die Jugend?

Es reicht nicht, sich in eine Kommune aufs Land zu verabschieden. Auch ist nur Zynismus gegenüber Politikern kontraproduktiv. Es geht schließlich darum, sich für Zukunftsanliegen zu engagieren.

Zur Person
Jakob von Uexküll, 68, ist Philatelist, hat sein Vermögen mit Briefmarken gemacht. Er ist Stifter des Alternativen Nobelpreises und Gründer des gemeinnützigen World Future Council (WFC). Am 18. und 19. Februar nimmt er in Wien an der "Zero Project Conference“ zu Beschäftigung und Behinderung teil, die der WFC, die Bank Austria und die Essl Foundation veranstalten.

Erektions- und Potenzstörungen sind weiter verbreitet als man denkt, doch kaum jemand sucht professionelle Hilfe.
#Gesundheit #Sexualität
 

Gesundheit

Erektionsstörungen: Das ist bei Potenzproblemen zu tun

Die Voestalpine liefert 120.000 Tonnen Bleche für den Bau der South Stream Pipeline von Russland nach Österreich.
#ukraine #south stream #russland #putin #omv
 

Börse Wien

Voestalpine ist bei South Stream als Lieferant im Geschäft

Der japanische Konzern präsentiert auf der IFA die neue Flaggschiff-Reihe Z3. Das Acht-Zoll-Tablet ist ein Angriff aufs iPad mini.
#sony
 

Mobile

Sony stellt Produkte der Z3-Reihe vor