Salzburger Festspiele: "Corona trifft uns komplett am falschen Fuß"

Helga Rabl-Stadler, Präsidentin der Salzburger Festspiele, im trend-Interview. Wie sie die Festspiele im schwierigsten Jahr ihrer 100-jährigen Geschichte zum Erfolg führen will, warum aufgeben oder abtreten im Corona-Jahr keine Option ist, sie gerade jetzt als Mutmacherin gefragt ist und warum Kultur systemrelevant ist..

Helga Rabl-Stadler

Helga Rabl-Stadler

trend: Wie geht es Ihnen aktuell angesichts der neu ansteigenden Corona-Infektionszahlen? Eine temporäre Mitarbeiterin der Salzburger Festspiele wurde ja bereits positiv auf Corona getestet.
Helga Rabl-Stadler: Mir war von Anfang an klar, dass das keine gmahde Wiesn ist. Wir haben immer gesagt, der Gesundheit muss Vorrang gegeben werden und wir werden die Verordnung übererfüllen. Wir haben ein Präventionskonzept mit Experten ersonnen, für den Worst Case, dass im Publikum, unter den Künstlern oder den Mitarbeitern ein Krankheitsfall auftritt. Dieses Präventionskonzept musste nun erstmals seine Praktikabilität beweisen, was glücklicherweise gelungen ist. Ich halte aber trotz der aktuellen Infektionszahlen unsere Entscheidung für absolut richtig. Ich messe jeden Morgen Fieber, habe mich auch schon testen lassen. Aber es ist und bleibt eine scheußliche Sache, weil man immer ein bisschen im Nebel stochert.

In Salzburg findet großes Theater bekanntlich nicht nur auf der Bühne statt. Wie wird's heuer ohne Socializing abgehen, ohne all das, was alljährlich während der Festspielzeit zur ganz speziellen Atmosphäre in der Stadt beiträgt? Funktionieren Festspiele ohne Feste?
Die Festspiele sind ein Gesamtkunstwerk, und zwar von ihrer Gründung an. Der gesellschaftliche Teil wird heuer nicht stattfinden und fehlen. Ich bin aber trotzdem sehr positiv gestimmt, weil ich an den Reaktionen merke, dass sich die Menschen nach all den Streamingangeboten wieder nach dem Live-Erlebnis sehnen, dass sie sich heuer vielleicht sogar mehr auf die Kunst konzentrieren.

Es ist ein einzigartiges Jahr in der Geschichte der Festspiele, auch was die wirtschaftliche Situation betrifft. Wie managen Sie den aktuellen Kartenverkauf, wenn es statt 230.000 nur noch 80.000 Karten gibt?
Vorrang haben die, die schon Karten hatten. Zudem hat der Leiter des Kartenbüros mit dem wunderbaren Namen Engel einen Algorithmus ausgearbeitet, um eine möglichst automatische Zuteilung zu ermöglichen. Wer "Elektra","Don Giovanni" und das Muti-Konzert gebucht hatte, dem wurden nun "Elektra","Così fan tutte" und das Muti-Konzert angeboten. Klingt einfach, war es aber nicht. Denn unser Publikum ist persönliche Beratung gewohnt, und unser Netz ist am Niederbrechen, auch wenn wir jetzt zehn Mitarbeiter mehr haben. Wir haben ja aus Sicherheitsgründen heuer bei keiner Vorstellung eine Pause. Jeder halbwegs gebildete Mensch fragt sich dann natürlich, wie das etwa bei einer besonders langen Oper wie der "Così" geht. Man muss erklären, dass die Oper auf zwei Stunden, 20 gekürzt wurde. Derzeit wissen wir auch noch nicht, wie viele Leute tatsächlich kommen können. Wir haben auch Bestellungen aus den USA und England. Wir wissen noch nicht, ob wir Leute beleidigen, weil wir um so viel weniger Karten haben, oder ob wir trotz halbierter Besucherzahlen vor halb leeren Häusern spielen, weil niemand kommt. Noch kann ich die Antwort nicht fundiert geben. Aber der erste Tag des freien Verkaufs am 13. Juli gab zu großen Hoffnungen Anlass. Wir haben 3.300 Karten im Wert von 400.000 Euro verkauft. Jedenfalls wird sich in diesem Jahr ständig etwas ändern, eine Chance für Kurzentschlossene im Internet.


Nach all den Streamingangeboten sehnen sich die Menschen wieder nach dem Live-Erlebnis.

Haben Sie Zweifel daran, dass man die 80.000 Karten verkauft?
Nein. Ich denke, dass Markus Hinterhäuser ein besonders gutes Programm gemacht hat, das auch in Nicht-Corona-Zeiten den Festspielen zur Ehre gereichen würde.

Was bedeutet Corona für das Festival 2020 betriebswirtschaftlich?
Durch die Reduktion des Programms verlieren wir 13,2 Millionen, durch die Besucherbeschränkungen 8,2 Millionen, also 21,4 Millionen. Wir können wahrscheinlich 7,5 Millionen Euro erlösen, wir hätten aber fast 30 Millionen Erlös gehabt. Das trifft uns viel mehr als einen hoch subventionierten Betrieb, weil wir mit 75 Prozent eine sehr hohe Eigenwirtschaftlichkeit haben. Heuer wird sie maximal bei 55 Prozent liegen. Wir können nur hoffen, dass 2021 nicht unter Corona-Bedingungen gespielt werden muss, denn wirtschaftlich verkraftbar ist das nur einmal. Beim zweiten Mal muss man schauen, wo man mehr Geld herbekommt, und das Programm noch mal reduzieren. Wir werden dem Kuratorium am 5. August Budget und Programm für 2021 für ein Best-Case- und ein Worst-Case-Szenario vorlegen. Es ist gelungen, alles das, was wir heuer nicht aufführen können, ins nächste Jahr zu transferieren. Aber wir wissen zum jetzigen Zeitpunkt nicht, ob wir uns alles, was wir uns künstlerisch leisten wollen, finanziell auch leisten können. Ich bin pessimistisch, wenn wir die Pandemie nicht in den Griff bekommen. Hinzu kommt: Wir stehen auch vor einer Generalsanierung der Häuser. Das große Festspielhaus wurde 1960 eröffnet und noch nie saniert. Da geht es nicht um Orchideen für den Schreibtisch der Präsidentin, sondern um Millionenbeträge, die wir brauchen, damit die Häuser weiter funktionieren. Das trifft uns gerade jetzt komplett am falschen Fuß. Mitten in einer Krise, die eine Tiefe hat und eine Bedrohung wie meines Erachtens sonst nur ein Krieg.

Helga Rabl-Stadler

Helga Rabl-Stadler: "Corona wird noch unabsehbare Folgen haben."

Auch Sponsoren wollen Reichweite. Rechnen Sie da mit Einbußen?
Es zeigt sich, wie gut es ist, langjährige Partnerschaften zu pflegen. Ich bin sehr glücklich, dass keiner unserer vier Hauptsponsoren - Audi, Siemens, Kühne und Rolex - zurückgezogen hat. Die Sponsoren haben dafür in diesem Jahr eine Aufmerksamkeit sondergleichen. Markus Hinterhäuser und ich haben ja bereits drei Monate im Herbst das Jubiläumsprogramm von Peking über Seoul bis New York promotet. Jetzt sind wir das einzige Großfestival, das spielt.


Mäzene schulden niemandem außer ihrem Ehepartner oder ihrer Stiftung Rechenschaft.

Ist es, auch abseits von Covid-19, schwieriger geworden, Sponsoren zu lukrieren?
Ich denke, Sponsoring wird immer schwieriger werden. Ein Vorstandschef sponsert uns nicht, weil er so gerne in die Oper geht, sondern weil es dem Unternehmen etwas bringt. Es geht um positiven Aufmerksamkeitsgewinn. Auf der anderen Seite ermöglichen uns Firmen wie Rolex, Siemens oder Audi auch einen internationalen Auftritt. Man muss aber auch verstärkt auf Mäzene setzen, die den Vorteil haben, dass sie keine Gegenleistung brauchen, weil sie niemandem außer ihrem Ehepartner oder ihrer Stiftung Rechenschaft schulden. Aber Mäzene sind meist betreuungsintensiver als Corporate Sponsoring. Ich bekomme diesbezüglich natürlich auch immer viele Ratschläge. Da erzählen mir Leute, wer sich zum Beispiel gerade ein teures Werk von Anselm Kiefer gekauft hat, und meinen, das wäre doch auch ein guter Mäzen. Aber wer in bildende Kunst investiert, erwirbt eine Vermögensanlage. Eine Oper ist keine Vermögensanlage. Dadurch ermöglicht man, dass bei den Festspielen eine "Begeisterungsgemeinschaft" entsteht, wie es Bazon Brock nennt. Aber es ist nichts, wofür einem später die Enkelkinder danken.

Für den Sponsor Gazprom sind Sie heftig kritisiert worden. Wer käme denn als Partner der Festspiele definitiv nicht für Sie in Frage?
Sicher nicht ein Waffenlieferant. Aber ich verteidige durchaus die OMV. Greta Thunberg stört es nicht, dass Schweden fest in der Hand der Atomkraft ist. Ich war schon als Wirtschaftsbundangehörige zum Entsetzen von Rudi Sallinger gegen die Atomkraft. Ich kann Erdgas gut vertreten. Ich habe auch kein schlechtes Gewissen, wenn ich gewinnmaximierende Unternehmen als Sponsoren habe. Nur diese können sich Kultursponsoring leisten.

Wird die budgetäre Sonderdotierung für das Jubiläumsjahr so wie das Jubiläum nun auch gesplittet?
Nein, wir verwenden sie dieses Jahr, sonst können wir das nicht stemmen. Die Politik weiß es durchaus zu schätzen, dass wir der beste Wirtschaftsmotor für die Region sind. Kultur darf ihre Rechtfertigung niemals aus ihrer Rentabilität beziehen. Aber interessanterweise war in Salzburg die wirtschaftliche Wirkung der Festspiele von Anfang an gewünscht. Schon Max Reinhardt hat 1917, mitten im Ersten Weltkrieg, an den Kaiser geschrieben, dass die positiven wirtschaftlichen Effekte der Salzburger Festspiele die von Bayreuth und München übertreffen würden. Er schwärmte vom "unversieglichen Strom wohlhabender Reisender". Wenn Markus und ich durch die Stadt gehen, werden wir mit Zuneigung bedacht und die Leute bedanken sich, dass wir den Mut hatten, zu spielen. Denn allein die Ankündigung hat bereits im Juni zu einer Aufbruchstimmung geführt.


Corona ist eine Gemeinheit. In dieser Krise liegt keine Chance.

Sie sind seit 1995 als Festspielpräsidentin der Fels in der Brandung und haben als Frau mit den Stahlnerven viele Diskussionen und Turbulenzen - vom Nahkampf mit Gerard Mortier bis zu Alexander Pereira, vom Finanzskandal um die Osterfestspiele bis zum Streit um Compliance-Richtlinien und den MeToo- Skandal -ausgestanden. Hat Corona das alles in den Schatten gestellt?
Corona ist etwas ganz anderes. Corona ist eine Gemeinheit. In dieser Krise liegt keine Chance. Und all die Luxusgeschöpfe, die in den Zeitungen Interviews geben, wie schön es war, endlich mehr zu lesen und weniger zu reisen, frage ich: Leute, wo wohnt ihr eigentlich? Corona wird wirtschaftlich und bildungspolitisch noch unabsehbare negative Folgen haben. Schauen Sie sich etwa in Salzburg die Getreidegasse an, dort wird das Händlersterben beschleunigt. Ich fürchte auch, dass sich die Struktur in Handel und Gastronomie aufs Traurigste ändern wird. Ich bin aus einer Unternehmerfamilie und sehe die Festspiele in der Pflicht, als Leitbetrieb zu helfen.

Wenn die Globalisierung jetzt ein Stück zurückgedreht wird - trifft das auch ein internationales Festival wie die Salzburger Festspiele? Corona hat ja auch einer neuen Kleinstaatendenkerei Vorschub geleistet.
Wir werden umdenken müssen. Nicht weil das Geschäftsmodell falsch war, sondern weil mit Corona plötzlich ein Gegner da ist, gegen den man machtlos ist. Was ist das Besondere an den Salzburger Festspielen? Auch die Internationalität. Wir haben Besucher aus 80 Ländern, davon aus 35 nichteuropäischen. Das ist in Corona-Zeiten geradezu ein Problem. Wenn da aber manche Leute glauben, dass sie ihr nationalistisches Süppchen kochen können, nicht mit uns! Der Gründungsauftrag lautet, die besten Künstler in Salzburg zu versammeln, und den erfüllen wir, gleich, woher die Leute kommen. Ich sehe auch nicht soviel Jetset-Publikum bei uns. Ich sehe eher Jetset-Stars, die zwischen zwei Aufführungen noch mal wegfliegen müssen. Das wird hoffentlich weniger werden. Und das wäre sehr erfreulich.

Helga Rabl-Stadler

Helga Rabl-Stadler: "Kultur ist systemrelevant!"

Dass Markus Hinterhäuser einer Ihrer liebsten Intendanten in der Zusammenarbeit ist, ist bekannt. Er ist in Ihrer 25-jährigen Präsidentschaft nach Mortier, Ruzicka, Flimm, Pereira und Bechtolf und seiner eigenen Interimszeit ihr siebenter Intendant. Wer hat Ihr bekannt ausgeprägtes Harmoniebedürfnis am stärksten auf die Probe gestellt?
Gerard Mortier. Er hat mir wirklich Verwundungen zugefügt. Aber es geht nicht darum, wie wohl ich mich fühle, sondern was den Festspielen gut tut. Insofern fiel es mir bei Mortier leicht, viel ein- und wegzustecken. Denn er war der richtige Mann nach Herbert von Karajan. Das zeigt sich auch daran, dass keiner seiner Nachfolger nach ihm den Weg geändert hat. Zeitgenössische Interpretationen der Opern und zeitgenössische Musik als fixer Bestandteil des Konzertprogramms sind spätestens seit damals unbestritten.


Kunst und Kultur sind das Einzige, wo Österreich noch Weltgeltung besitzt.

Bisher gab es noch keine Frau in dieser Position
Mit den gleichen Chancen für Frauen als Intendantinnen oder Direktorinnen ist es noch nicht so weit her in der Kunst. Sobald auch nur eine Frau in einem Gremium sitzt, ist man schon zufrieden. Ich weiß auch nicht, ob man es gewagt hätte, einen Mann so schlecht zu behandeln wie die erfolgreiche Generalin des Kunsthistorischen Museums, Sabine Haag. Bei einem Mann wagt man es nicht, so untergriffig zu sein. Da werde ich immer bewusster.

Sie haben dieser Tage auch über die Salzburger Festspiele während der Nazizeit referiert. Wie sehen Sie denn die aktuelle Diskussion um Denkmalstürze und Erinnerungshygiene, also das Aufräumen mit Geschichte?
Das finde ich wichtig. Ich bin ein sehr geschichtsbewusster Mensch, ich wollte selbst einmal Deutsch-und Geschichteprofessorin werden. Die Festspiele haben eine 100-jährige Geschichte, davon sind sieben Jahre die Nazizeit. Das wird natürlich auch deutlich in der Landesausstellung zum Jubiläum der Festspiele dokumentiert. Falsch finde ich aber, wenn man die Geschichte auslöscht. Bei uns gibt es den Karl-Böhm-Saal. Da gab es die Idee, den wieder in Stadtsaal umzubenennen. Das haben wir von den Festspielen abgelehnt. Karl Böhm war ein wichtiger Künstler der Salzburger Festspiele, gleichzeitig muss dokumentiert sein, dass er ein großer Irrender in der Politik war. Das steht nun direkt neben seinem Namen. Das ist wichtig. Man muss zu seiner Geschichte stehen.

Sie waren ja selbst viele Jahre für die ÖVP in der Politik und haben in einem "Profil"-Sommergespräch 2006, die musische Begabung des damaligen Bundeskanzlers Schüssel hervorgehoben. Wie schätzen Sie denn die musische Verfasstheit der aktuellen Regierung und des Kanzlers ein?
Dafür ist er ja nicht gewählt worden. Als Festspielpräsidentin habe ich dafür zu sorgen, dass Politiker, gleich welcher Couleur, sich der Verantwortung bewusst sind, die Festspiele finanziell zu unterstützen. Und natürlich hat mich, als im Zuge der Krise das kalte Wort "systemrelevant" aufkam, extrem gestört, dass weder Regierung noch Opposition auf die Idee kamen, dass Kultur systemrelevant ist. Und das in Österreich, wo Kunst und Kultur das Einzige sind, wo wir noch Weltgeltung besitzen. Aber ich denke, die Kulturszene hat einen guten Aufschrei getan. Und ich konnte Eisbrecherin sein.


Ohne die Wiener Philharmoniker gäbe es zwar Festspiele in Salzburg, aber es wären nicht die Salzburger Festspiele.

Das Integrative zählt ja auch zu Ihrem Führungsstil, andererseits gelten Sie durchaus auch als streitbar. Was würden Sie denn als Geheimnis Ihres Erfolges anführen?

Ich glaube, dass ich sehr gut im Team arbeiten kann und besonders gut mit Frauen. Dass ich zuerst diskutiere, aber dann alles konsequent durchziehe. Was mir auch wichtig ist, ist, die Arbeitsgebiete der Menschen zu akzeptieren. Der Intendant braucht keine Konkurrenzintendantin. Das war anfangs der Hauptkritikpunkt an meiner Präsidentschaft, dass ich nicht einmal Klavier spielen kann! So als wäre gedacht, dass ich einspringe, falls Alfred Brendel einmal keine Zeit hat. Dass Markus Hinterhäuser und ich beruflich wie privat befreundet sind, rührt auch daher, dass wir einander so gut ergänzen. Er hat die Ideen, und ich lasse mich von ihm enflamieren und versuche, seine Pläne finanziell durchzubringen.

Stimmt es, dass Sie jeden Wiener Philharmoniker beim Vor-und Nachnamen kennen?
Na ja. Die Wiener Philharmoniker sind für mich das künstlerische Herz der Salzburger Festspiele. Ohne die Wiener Philharmoniker gäbe es zwar Festspiele in Salzburg, aber es wären nicht die Salzburger Festspiele. Und es gehört, glaube ich, wirklich zu meinen historischen Verdiensten, dass ich gemeinsam mit Clemens Hellsberg, der 17 Jahre Vorstand war, dafür gesorgt habe, dass das sehr brüchige Verhältnis in der Ära Mortier gekittet wurde. Helmut Zilk hat damals sogar auf einer Japan-Tournee in die Welt hinausposaunt: Wenn die Salzburger Festspiele so grauslich sind zu den Wiener Philharmonikern, macht er mit ihnen Festspiele im Sommer in Wien.

Man sieht Sie auch immer wieder in ein schwarzes Notizbuch schreiben. Was hat es damit auf sich?
Ich habe schon einen ganzen Stoß davon. Ich brauche zwei Monate, um eines vollzuschreiben. Da steht alles drinnen. Von Privatem, " schönes Abendessen mit X", bis zu Hofmannsthals Zitat "Wo der Wille nur erwacht, dort ist schon fast etwas erreicht". Oder: "Sitzung beim Bundespräsidenten. Hat mir versprochen, dass er sich einsetzt." Das hat auch einen therapeutischen Ansatz wie jedes Tagebuch. Ich habe schon im Alter von zehn Jahren ein solches von meiner Mutter bekommen, habe aber dann leider aufgehört, Tagebuch zu schreiben, als es interessant wurde, weil ich Angst hatte, dass meine Mutter auf meine Liebesbeziehungen draufkommt.


Ich muss mir den Mut nicht einreden. Ich habe ihn.

Zum 20-Jahre-Jubiläum hat der damalige Intendant Sven-Eric Bechtolf ein Gedicht mit der schönen Zeile "Arbeit macht sich nicht von selber, Gott sei Dank gibt's dafür Helga" geschrieben. Am 2. Juni haben Sie Ihren 72. Geburtstag gefeiert. Woraus speist sich Ihre Energie?
Weil mir das, was ich mache, Freude macht. Mich verwundert immer die Frage:"Was machen Sie denn für sich?" Als würde ich all das gegen mich machen. Natürlich ist das ein bisschen manisch, das gebe ich schon zu. Aber ich war in jedem Beruf, den ich hatte, manisch. Als Journalistin, als Politikerin, als Kauffrau. Mich hat Mode nie interessiert, bis ich ins Geschäft meiner Mutter zurückgegangen bin (Resmann Couture, Anm.). Man macht doch etwas nur gut, wenn man sich voll drauf einlässt. Bei mir ist Lesen die große Erholung. Da bin ich in einer anderen Welt. Für dieses Jubiläumsjahr habe ich mich in Werke von Peter Altenberg, Karl Kraus und Egon Friedell eingelesen. Ich liebe es, mich buchstäblich anzusaufen mit Geschichten. Hätte ich ein gutes Gedächtnis, könnte ich mich gebildet nennen.

Als geborene Salzburgerin war Ihr erster Festspielbesuch bereits mit 13 Jahren. Wofür müssen die Festspiele hinkünftig stehen?
Für die Auseinandersetzung mit der Gegenwart. Wir sind kein Festspielmuseum. Dabei hätten gerade die amerikanischen Sponsoren immer gerne so richtig altmodische Inszenierungen. Sorry! Wir versuchen, die Stücke auf ihre Aktualität abzuprüfen. Die Art der Erzählung hat uns, um Markus Hinterhäuser zu zitieren, zu einem "Epizentrum des Besonderen" gemacht. Wir wollen künstlerisch Maßstäbe setzen. Dieses Jahr müssen wir leider auch Maßstäbe setzen, was die Sicherheit betrifft. Und es werden nicht alle Beobachter nur wegen der Kunst kommen

Was sind denn nach Ihrer 25-jährigen Erfahrung die Grundassets für eine gute Präsidentin, einen guten Präsidenten?
Er oder Sie muss Sponsorenakquise, Publikumsbetreuung und internationale Vertretung als die Hauptaufgaben sehen. Und er oder sie muss sich bewusst sein, dass es ein Geschenk des Schicksals ist, das beste Festival der Welt mitführen zu dürfen. Das ist ein Betrieb, um den man sich liebevoll kümmern muss und der sehr schwierig zu führen ist, weil man den Hausarbeiter genauso wie den intellektuellen Dramaturgen motivieren muss. Eine Riesenaufgabe ist auch die alljährliche Integration der Aushilfen. Ganzjährig haben wir 220 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, im Sommer bis zu 4.000. Das ist für einen Betrieb schwer zu verkraften. Diesbezüglich bin ich gerade jetzt auch als Mutmacherin sehr gefragt. Ich muss mir den Mut nicht einreden. Ich habe ihn.

Demgemäß haben Sie auch zugestimmt, Ihre Präsidentschaft noch bis zur Vollendung des Jubiläums im nächsten Jahr zu verlängern. Es heißt, Sie werden bereits bekniet, auch darüber hinaus zu bleiben.
Markus Hinterhäuser hat mir fest versprochen, mich nicht weiter zu beknien. Ich bleibe gerne, damit wir dieses Jubiläum gemeinsam vollenden. Und ich werde sicher auch keine Vorschläge für meine Nachfolge liefern. Für 2022 habe ich fest vor, nicht bei den Festspielen zu sein, sondern ein Haus in Italien zu mieten, wo dann hoffentlich kein Corona mehr herrscht. Ich möchte nicht in Versuchung geführt werden, im ersten Jahr meiner Nichtpräsidentschaft gute Ratschläge zu geben.


Das Interview ist der trend-Ausgabe 29-30/2020 vom 17. Juli 2020 entnommen.

Gondeln, Trattorias, Restaurants und Kunst: "The Hans" Mahr präsentiert die Gourmet-Seite von Venedig.

The Hans: Die besten Trattorias und Restaurants in Venedig

Als junger Mann hat Hans Mahr einst in Italien, in der Lagunenstadt …

The Hans auf kulinarischer Rundfahrt durch die neue Berliner Restaurant-Szene.

Mahr unterwegs: Casual Dining - die neuen Restaurants von Berlin

Nirgendwo im deutschsprachigen Raum hat sich in den letzten Jahren …

Hans Mahr auf Genusstour durch Deutschland: 15 Neuentdeckungen in München, Köln und Hamburg

Mahr unterwegs: Deutschlands neue Gourmet-Tempel

"The Hans" Mahr trampt von München nach Köln sowie Düsseldorf und weiter …

The Hans in Rom: Die besten Trattorias der ewigen Stadt

"The Hans" Hans Mahr auf Rundfahrt durch die besten Trattorias der ewigen …