Mit Willenskraft zum Ziel: Herausforderung Ötztaler Radmarathon

Der Ötztaler Radmarathon gilt als absolute Härteprüfung für Amateur- und Hobbyradsportler. Für viele, die einen der begehrten Startplätze bekommen, ist das Ziel das Ziel. Durchbeißen und in Sölden vor Anbruch der Dunkelheit ankommen.

Die Elite-Gruppe am Start des Ötztaler Radmarathon 2019

Die Elite-Gruppe am Start des Ötztaler Radmarathon 2019

Mythos und Herausforderung. Nervenkitzel, Adrenalin.

Der Ötztaler Radmarathon, der alljährlich am letzten Augustwochenende oder am ersten Septemberwochenende stattfindet, gilt unter vorwiegend männlichen Amateur-Radsportlern als eine der ultimativen Challenges, die man auf der persönlichen Bucket-Liste abhaken muss. Die Strecke ist brutal fordernd, geht über 238 Kilometer und über vier Alpenpässe. 5.500 Höhenmeter gilt es insgesamt zu absolvieren. Nach einer kalten und rasanten Abfahrt von Sölden nach Ötz zu Beginn führt die Strecke über das Kühtai mit Steigungen bis zu 16 Prozent, dann wieder schnell bergab nach Innsbruck, über den Brenner nach Südtirol praktisch ohne Atempause zum Jaufenpass und als krönender Schlusspunkt zum grimmigen Anstieg auf das Timmelsjoch, den Passo del Rombo auf 2509 Metern Seehöhe und schließlich nochmals, von zwei kleineren Steigungen durchsetzt, talabwärts zurück nach Sölden, wo im Ziel jeder Finisher als Sieger begrüßt wird und die heiß begehrte Trophäe, das Finisher-Trikot erhält.

Ein T-Shirt als Entschädigung für viele Qualen: Das Finisher-Trikot des Ötztaler Radmarathon 2019 ist exklusiv den Finishern vorbehalten.

Ein T-Shirt als Entschädigung für viele Qualen: Das Finisher-Trikot des Ötztaler Radmarathon 2019 ist exklusiv den Finishern vorbehalten.

Das Feld der knapp 4.500 Starter, die einen der begehrten und ausgelosten Startplätze bekommen setzt sich aus Teilnehmern aus über 70 Ländern zusammen. Doch im Grunde lässt es sich in wenige Typen von Fahrern einteilen. Da wäre zunächst einmal die kleine Gruppe derjenigen, die beinahe wie Profils trainieren und um den Sieg mitfahren können. Cracks wie Mathias Nothegger, die Schweizer Seriensiegerin Laila Orenos oder Stefan Kirchmair, der alljährlich ein zusätzlich eigenes Amateursportler-Team für den "Ötzi" fit macht. Dann diejenigen, die bereits viele Jahre als Amateure im Radsport aktiv sind und auch schon etliche Radmarathons absolviert haben, die beim Ötzi alles reinhauen und möglichst wenig Zeit auf den Sieger (2018: 7:04 Stunden) verlieren wollen. Die dritte, schon etwas größere Gruppe, hat den Ötzi bereits ein- oder mehrmals absolviert. Für sie, die die Strecke bereits kennt, sind die größten Fragen, ob die Tagesverfassung zum selbst gesetzten Ziel und zur vorgenommenen Renntaktik passt. Und schließlich die vierte, größte Gruppe derjenigen, die erstmals am Start stehen. Von denen viele noch nie 5.500 Höhenmeter am Stück gefahren sind und für die am Start noch unklar ist, ob sie das Ziel in Sölden auch erreichen werden, ob sie es schaffen und durchhalten werden. Ob die Vorbereitung ausreichend war.

Wer 2019 dabei sein wollte, musste sich bis zum 28. Februar anmelden und dann hoffen. Die Verlosung der 4.000 öffentlichen Startpätze, für die es wie Ötztal Tourismus Geschäftsführer Oliver Schwarz erklärt, jährlich rund 15.000 Registrierungen gibt, fand in der ersten Märzhälfte statt. Und in den fünfeinhalb Monaten Vorbereitungszeit galt es für die glücklichen Ausgelosten, monatlich gut 1.000 Trainingskilometer und nach Möglichkeit außerdem etwa zehnmal so viele Höhenmeter zu sammeln.

Ötzi, die Dritte

Für mich selbst bedeutete der Ötzi 2019 den dritten Start in Folge. Nach der ersten Teilnahme im Jahr 2017, als ich nur ein einziges Ziel hatte "Finishen!" und der Regenschlacht im Jahr 2018, bei der ich wie viele andere auch knapp vor dem Aufgeben war und das letzte Fünkchen Motivation notwendig war, um mich bis zum Ziel in Sölden durchzubeißen, wollte ich 2019 endlich richtig zeigen, was ich kann und das rennen in weniger als zehn Stunden absolvieren.

Die Marschroute war einfach 2-4-6-9; nach zwei Stunden am Kühtai, nach vier Stunden am Brenner, nach sechs Stunden am Jaufen und nach neun Stunden am Timmelsjoch, um in weniger als 10 Stunden im Ziel zu sein.

Um Punkt 6:45 Uhr fiel bei perfekten elf Grad der Startschuss zum 39. Ötztaler Radmarathon. 4.285 Teilnehmer - 4.024 Männer und 261 Frauen - nahmen das Abenteuer auf ihren Rennrädern in Angriff. Bei der Premiere 1982 waren es lediglich 115 Hobbysportler gewesen. Und während Ex-Profi Johnny Hoogerland, der Armamputierte Patrick Hagenaars, Stefano Cecchini, der Sieger von 2017, Alban Lakata und Mathias Nothegger, Sieger von 2018, vorne weg fuhren und sich den Sieg ausmachten - triumphiert hat letztlich wieder Mathias Nothegger mit einem sensationellen, neuen Streckenrekord von 6:47:02 Stunden - begann sich das Feld nach hinten auszustrecken und zu ziehen. Die letzten sollten mehr als doppelt so lange unterwegs sein wie Nothegger, bis sie an der Ziellinie in Sölden angelangt waren.

Triumphator 2019 Mathias Nothegger, Damen-Siegerin Christina Rausch und Sarah Ennemoser, Ötztal Tourismus

Triumphator 2019 Mathias Nothegger, Damen-Siegerin Christina Rausch und Sarah Ennemoser, Ötztal Tourismus

Für mich selbst begann das Rennen perfekt nach Plan. Bei der Abfahrt nach Ötz hieß es wie immer Obacht geben, nicht zu viel riskieren im dichten Feld und immer wieder mit einem Schulterblick das Geschehen im Auge behalten. Am Anstieg aufs Kühtai bemühte ich mich um Zurückhaltung, ja nicht zu viel Energie am ersten Berg zu lassen und war - der Marschroute entsprechend genau nach zwei Stunden an der Passhöhe und der Labstation angelangt.

Auf die Abfahrt vom Kühtai folgt einzige Flachstück des Rennens, gut zehn Kilometer von Kematen nach Innsbruck, ehe es wieder bergauf auf den Brenner geht. Und bei dieser Auffahrt habe ich mein großes Ziel - eine "Neuner-Zeit" vergeigt. Die Gruppe, in der ich zum Brennerpass hoch fuhr war etwas zu schnell für mich, ich musste mich zurückfallen lassen und etliche Kilometer alleine gegen den Wind fahren, ehe mich die nächste Gruppe eingeholt hatte und ich mich dieser anhängen konnte. Am Brenner angelangt war ich zwar noch im Zeitplan (4:01 Stunden), aber spürbar müde. Die Rechnung wurde mir dann bei der Auffahrt auf den Jaufen präsentiert, wo ich weitere Minuten verlor. Mit 6 Minuten Verspätung war ich an der Labe angelangt und brauchte dringend Essen, Energieriegel, Trinken, Salz. Gestärkt ging es weiter, bergab und auch gleich wieder bergauf Richtung Timmelsjoch. Dann die letzte Labstation, Schönau im Passeiertal. Kurz hege ich den Gedanken, sie links liegen zu lassen und einfach weiterzufahren, um doch noch unter 10 Stunden im Ziel zu sein. Doch dann war der Gedanke auch schon wieder verworfen. "Wen kümmert es, ob ich eine Viertelstunde schneller bin oder nicht, ob ich im Endergebnis auf Rang 1.400 oder auf Rang 2.000 liege?", dachte ich. Es war schließlich der Tag und das Rennen, auf das ich mich monatelang vorbereitet hatte. Und ich wollte die letzten Kilometer bis ins Ziel genießen, mich nicht quälen müssen. Also noch einmal Energie tanken und dann mit einem Lächeln im Gesicht hoch auf das Timmelsjoch und runter ins Ziel. 10:13 Stunden standen auf der Anzeigetafel, als ich die Ziellinie überquerte. Und ich fühlte mich gut. Glücklich, im Ziel zu sein und dankbar, dabei gewesen sein.

Peter Sempelmann beim Ötzi 2019. Motto: auch bergauf, mit einem Lächeln im Gesicht: Ein Ötzi soll auch Spaß machen.

Peter Sempelmann beim Ötzi 2019. Motto: auch bergauf, mit einem Lächeln im Gesicht: Ein Ötzi soll auch Spaß machen.

Noch während ich im Finishertrikot zurück zum Quartier nach Zwieselstein fuhr begann es zu regnen. Immer wieder kamen mir Fahrer entgegen, denen auf den letzten Kilometern ins Ziel die Anspannung und die Freude ins Gesicht geschrieben war. Zwei Stunden später, geduscht und einigermaßen regeneriert - der Regen war intensiv geworden - stand ich mit einer kleinen Gruppe vor der Pension in Zwieselstein, als ein älterer Teilnehmer auf uns zurollte und anhielt. Zitternd, mit blau durchfrorenem Gesicht brachte er gerade noch das Wort "KALT!" über die Lippen. Schnell wurde eine wärmende Decke und Tee geholt. Ich wärmte seine Hände unter meiner Jacke auf. Gut 15 Minuten vergingen, ehe er wieder so weit aufgewärmt war, dass er wieder klar denken konnte und eine halbe Stunde, bis er soweit motiviert war, die letzten fünf Kilometer nach Sölden in Angriff zu nehmen. "Fünf Kilometer, das schaffe ich", sagte er zuversichtlich und fuhr los, Richtung Ziellinie und zum hart verdienten Finisher-Trikot.

Glücklich im Ziel in 10:13 Stunden, der bisherigen persönlichen Bestzeit.

Glücklich im Ziel in 10:13 Stunden, der bisherigen persönlichen Bestzeit.


Update: Ötzi, die Vierte

Der Mythos Ötztaler Radmarathon lebt weiter. Auch im Jahr 2020, in dem der Bewerb sein 40. Jubiläum feiern hätte sollen, aber aufgrund der Corona-Pandemie abgesagt werden musste, fand das Organisationsteam rund um Donimic Kuen eine Möglichkeit, den "Ötztaler" am geplanten Rennwochenende zu fahren. In Form des "Social Ötztaler Radmarathon 2020" konnten Sportler auf einer beliebigen Strecke die 238 Kilometer - und so viele Höhenmeter wie möglich - absolvieren. Während sich eine Hundertschaft im Ötztal auf die Orignalstrecke begab, um diese ohne Streckenposten oder Labstationen bei widrigen Bedingungen (2018 ließ grüßen) abzufahren, taten es ihnen tausende andere auf ihren Heimstrecken gleich.

Auch ich ließ es mir nicht nehmen, einen "Social Ötzi" zu fahren und mit einer freiwilligen Spende das „Netzwerk Tirol hilft“ zu unterstützen. Acht Runden rund um den Hausberg im Wienerwald wurden dabei gefahren, insgesamt 253 km und 5.300 Höhenmeter, und bei jedem Pedaltritt war der Gedanke dabei: Wieder einmal den "echten" Ötztaler fahren.

Corona-bedingt wird der 40. Ötztaler Radmarathon nun am 29. August 2021 stattfinden. Teilnehmer, die einen Startplatz für 2020 hatten bekommen diesen automatisch im Jahr 2021. Es wird keine Verlosung von Startplätzen stattfinden. Restplätze werden im März 2021 ausgelost. Im Juni können Startplätze übertragen werden. Details dazu unter: www.oetztaler-radmarathon.com

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