"Menschen haben eine Aufmerksamkeitsspanne von acht Sekunden"

Thomas Maurer

Thomas Maurer

Der Kabarettist und "Staatskünstler" Thomas Maurer über sein neues Programm "Woswasi", Greta Thunberg, Political Correctness und warum es so einfach ist, sich auch ohne Fakten eine Meinung zu bilden.

Der Maurer ist ja keiner, wo es dich zerlegt vor Lachen, aber man merkt immer, der hat sich was überlegt", resümiert ein begeisterter Besucher profund im Kreis seiner Freundesrunde in der Pause bei einer der Einspielvorstellungen des neuen Programms von Thomas Maurer im niederösterreichischen St. Christophen. Es heißt "Woswasi" und hat am 13. Jänner im Wiener Stadtsaal Premiere. Es ist das 18. Solo des 52-jährigen Wieners, der eine Buchhändlerlehre absolvierte, ehe er 1989 als Kabarettist debütierte. Mittlerweile hat sich der Satireprofi neben Florian Scheuba und Robert Palfrader auch als einer der "Staatskünstler" einen Namen gemacht, die schonungslos politische Aufklärungsarbeit leisten, um "Ordnung ins Chaos zu bringen".

Maurers Soloabende sind immer eine Form von Theater, sprengen dramaturgisch die Grenzen der Kleinkunst. Da wird nichts improvisiert, sondern feinst ziseliert, eloquent, witzig, intelligent und akribisch am Thema wie an der Figur gearbeitet. Inhaltlich hat Maurer bereits die eigene Toleranzgrenze ausgelotet, was ihm 2016 den Deutschen Kleinkunstpreis eingebracht hat, in die Zukunft geblickt oder hinterfragt, was der technische Fortschritt mit uns macht.

In "Woswasi" geht es um Meinungen und Fakten. 100 Prozent der Österreicher haben eine Meinung, das ist ein Fakt. Schätzungsweise 98 Prozent sogar zu allem. Und ein erheblicher Prozentsatz braucht dafür nicht einmal Fakten - das ist Ansatz des neuen Programms. Maurer liefert Alltagsbeobachtungen - "mein Fitnesscenter lacht sich deppert, weil jedes Monat mein Geld kommt und ich nicht" - und landet über die Frage, "Warum bin ich eigentlich so deppert?" elegant beim israelisch-US-amerikanischen Wirtschaftsnobelpreisträger und Psychologen Daniel Kahneman und dessen Buch "Schnelles Denken, langsames Denken".

Wonach es zwei Denksysteme gibt, ein leistungsfähiges Alltagssystem, das Maurer fortan seinen inneren Fredl nennt, und ein zweites System - im Programm Alfred tituliert - das einspringt, wenn komplizierte Aufgaben zu lösen sind. Das ist anstrengend. "Und weil wir", so Maurer, "alle nicht drauf angelegt sind, sinnlos Energie zu verschwenden, lassen wir meist das erste System laufen und treffen dort Entscheidungen, die beim zweiten System wirklich besser aufgehoben wären."

"Ein Goldfisch", zitiert Maurer dann an anderer Stelle eine Studie, "hat eine Aufmerksamkeitsspanne von elf Sekunden, der Mensch im digitalen Zeitalter acht." Auch wenn diese Studie nicht wahr sein sollte, man hat es nicht anders vermutet.

Bei "Woswasi" hält die Aufmerksamkeitsspanne jedenfalls 90 Minuten.

Weitere Informationen und Termine zu "Woswasi" finden Sie auf Thomas Maurers Website unter thomasmaurer.at/de/programme/woswasi


"Satire wird immer eine Gratwanderung sein"

Thomas Maurer

Thomas Maurer

Der Kabarettist Thomas Maurer anlässlich seines neuen Programms "Woswasi" im trend-Interview über die vielen Dimensionen seiner Arbeit.

trend: Haben wir gerade gute oder schlechte Zeiten fürs Kabarett?
Thomas Maurer: Ich denke, dass die Qualität der Programme relativ unabhängig davon ist, was sich gerade tut, es hat auch in den 1990er-Jahren fantastische Sachen gegeben, als die Innenpolitik noch so angenehm langweilig war. Und es ist nicht alles, was man aus berechtigter Wut über Donald Trump oder unsere letzte Bundesregierung formuliert, automatisch gut.

Inhaltlich arbeiten Sie ja aufgespalten: Während mit den Staatskünstlern das Tagespolitische behandelt wird, geht es in Ihren Soloprogrammen immer um ein übergeordnetes Thema.
Maurer: Gesellschaftspolitisch betrachtet habe ich mich in meinen Solos auf verquere Art schon mit der Globalisierung befasst wie in "Aodili", mit der Finanzkrise in "Neues Programm" oder zuletzt mit der Digitalisierung in "Zukunft". Es hat sich herauskristallisiert, dass ich am besten arbeite oder mir selbst den größten Gefallen tue, wenn ich ein übergeordnetes Thema oder eine Stimmung, die in der Luft liegt und für mein Gefühl noch nicht ausreichend aufgearbeitet ist, satirisch behandle.

Diesmal geht es um Meinungen, Fakten, Fake News und Confirmation Bias.
Maurer: Dass Leute wie Trump oder unsere letzte Bundesregierung tatsächlich einen Krieg gegen das Konzept der Überprüfbarkeit führen, ist ein Aspekt des Abends. Auslöser war aber, dass mir das Buch "Schnelles Denken, langsames Denken" von Daniel Kahneman in die Hand gefallen ist, von dem ich bis dato auch nicht viel wusste. Ein Buch, das das eigene Denken umkrempelt. Das kann man nicht über viele Bücher sagen. Die Diagnose der systematischen Fehlleistungen im Denken, also die Analyse, wo und wie einem das eigene Hirn einen Streich spielt, eignet sich natürlich hervorragend für kabarettistische Aufarbeitung.

Nach Kahneman gibt es zwei Denksysteme, ein leistungsfähiges Alltagssystem, das Sie im Programm als Fredl personalisieren, und ein zweites System, das Sie Alfred nennen, das einspringt, wenn komplizierte Abläufe zu lösen sind. Wer tritt denn bei einer ersten Analyse der neuen Koalition zuerst auf den Plan? Alfred oder Fredl?
Maurer: Wenn man Autor Kahneman traut, ist immer der Fredl zuerst dran. Man entscheidet nach Sympathie und Antipathie. Aus dem Bauch heraus bin ich also glücklich, dass es nicht die vorherige Regierung ist. Es ist ja in keiner Regierung so offensiv das Parlament missachtet worden wie in der letzten. Eine komplett polarisierte Gesellschaft wie in den Vereinigten Staaten zu schaffen und im Zweifelsfall über die unterlegene liberale Minderheit mit Allradantrieb drüberzufahren, war der langfristige Plan. Das wird es nun zumindest so nicht spielen. Allein das ist schon eine politische Leistung.


"Natürlich interessiert mich, wie in den sozialen Medien kommuniziert wird und wie das so läuft mit den Verschwörungstheoretikern, aber ich habe nicht den Impetus, Teil davon zu sein."

Thomas Maurer


Die Kultur bleibt allerdings auch in dieser Koalition ein Stiefkind, keine Rede mehr von einem Ministerium, und Ulrike Lunacek, in der Kultur ein eher unbeschriebenes Blatt, als Staatssekretärin.
Maurer: Ich bin ja persönlich als Kleinkünstler von der Kulturpolitik nur sehr mittelbar betroffen. Die Besetzung mit Frau Lunacek hat mich aber auch überrascht. Eine sympathische ältere Dame, aber warum sie das Kultur-Staatssekretariat führt, ist mir nicht ganz klar. Die Stiefkind-Rolle ist auch verwunderlich, zumal Kultur in Österreich ja auch als Wirtschaftsfaktor gesehen werden könnte. Bei einer FPÖ-Beteiligung wäre sie verständlich, weil alles was in Richtung freie Debatte geht, für diese Art von autoritärer Politik kontraproduktiv ist.

"Würde ich glauben, dass ich als Kabarettist die Welt verändern kann, wäre ich eher ein interessanter Fall als ein interessanter Künstler", haben Sie mir bereits in einem früheren Interview gesagt. Wie steht es um das Protestpotenzial der Kultur? Sie werden doch daran interessiert sein, auch Wirkungstreffer zu landen?
Maurer: Ich mache natürlich gerne Abende, aus denen man sich etwas mitnehmen kann, wenn man möchte. Aber ich würde ungern eine aufwendige Untersuchung einleiten, was das bringt. Vielleicht hat sich das erschöpft, wie sich auch die Kultur des Unterschriftstellers der 90er- und Nuller-Jahre als leeres Ritual erledigt hat. Es gibt immer noch Anlassfälle, wo ein offener Brief Sinn macht, aber es gab eine Phase, da ist im 'Profil' alle 14 Tage ein solcher erschienen. Da sieht man dann nur noch eine graue Textwand aus 600 Namen.

Mittlerweile wird ja auch jede Woche eine andere Sau durchs mediale Dorf getrieben, wird man da auch als Künstler pragmatischer in der Reaktion?
Maurer: Ich fände es schon frivol, wenn man eine Öffentlichkeit hat, sie nicht auch zu nutzen. Ich persönlich bin allerdings ein Social-Media-Muffel und mache das lieber über meine Arbeit auf der Bühne. In mir ist auch kein Funke, der mich dazu treibt, mein Mittagessen zu fotografieren oder mich übers Wetter zu beschweren, obwohl ich das gerade als beruflichen Gründen vielleicht machen sollte. Ich vergesse nur dazwischen immer für 14 Tage, dass es Facebook gibt. Aber ich habe natürlich einen Account, der ist mein Fenster in diesen Kosmos, den ich beobachte wie meinen Social-Media-Zoo. Denn natürlich interessiert mich, wie da kommuniziert wird und wie das so läuft mit den Verschwörungstheoretikern, aber ich habe nicht den Impetus, Teil davon zu sein.


"Greta Thunberg scheint bei einem bestimmten Männnerschlag dazu prädestiniert zu sein, das Schiachste rauszuholen."

Thomas Maurer


Auch die politische Korrektheit und die Verbotsgesellschaft sind Thema in Ihrem Programm. Sehen Sie sich selber als alter weißer Mann?
Maurer: Wäre schwer abzustreiten. Vor ein paar Jahren war ich noch der Überzeugung, dass die ganze Political Correctness-Debatte ein vom geistigen Lager "Kronen Zeitung" künstlich aufgeblasener Popanz ist. Aber Satire wird immer eine Gratwanderung sein, weil Komik immer kritisch ist und durchaus auch verletzend. Man will nicht daran denken, was einige Blätter von Manfred Deix heute auslösen würden. Nur dass vielleicht nicht mehr die katholische Kirche aufs Dach steigt, sondern die grüne Studentenjugend. Das ist prinzipiell kreativitätstötend, was ich ablehne. Was ich nicht ablehne, sind Höflichkeit und der Versuch, nicht ausgerechnet denen, die es Karma-mäßig ohnehin schon schlecht erwischt haben, auch noch einzuschenken. Ich halte mich auch nicht an die Genderschreibweise mit Sternchen, weil für mich dann jeder Text nur von der Geschlechterfrage handelt. Gleichzeitig hat die Diskussion darüber sicher das Bewusstsein geschärft. Vielleicht werden sich ja auch Räume für das geschlechtsneutrale Sprechen auftun, die wir noch gar nicht kennen. Sprache ist ja fluid.

Wie empfinden Sie die nicht immer sachlich geführte Greta-Debatte?
Maurer: Greta Thunberg scheint bei einem bestimmten Männnerschlag dazu prädestiniert zu sein, das Schiachste rauszuholen, ist aber eine spannende Figur. Als ich begonnen habe, mich mit Daniel Kahneman und seinen Thesen zu beschäftigen, was unser Hirn alles nicht so gut kann, hat sich der Klimawandel als gutes Beispiel erwiesen. Er stellt uns lauter Probleme, für die wir nicht gebaut sind: Man müsste statistisch denken, man müsste langfristig denken, man müsste entemotionalisiert denken, und das können wir alle nicht gut. Unser Hirn braucht eine Geschichte, um etwas einzuordnen. Mit Greta Thunberg gab es zur Klimakrise plötzlich eine Geschichte. Man kann sagen, es ist politischer Kitsch, dass sich nun alle dieses Themas annehmen, weil wir nicht wollen, dass das kleine Mädchen weint, aber offensichtlich haben wir als Spezies so eine Geschichte gebraucht um überhaupt in Bewegung zu kommen.

Plakat zu Thomas Maurers Programm "Woswasi"

Auch das Thema der "Kulturellen Aneignung" ist aktuell eines, zu dem es viele Meinungen gibt.
Maurer: Ich muss gestehen, auch ich habe eine History of Blackfacing. Es könnte durchaus ein Foto von mir auftauchen, wo ich mit elf Jahren mit dunkler Schminke den Mohren bei den Heiligen Drei Königen gespielt habe. Das war die lässigste Hack'n. Da hat man sich am besten verkleiden können. Prinzipiell halte ich es für blöd, wenn ein Schauspieler etwas nicht spielen darf. Auf der anderen Seite hat der Anthony Quinn einen Großteil aller Ethnien gespielt, Chinesen, Hunnen, Mexikaner, Eskimo ...

... sagt man nicht.
Maurer: Ich glaube, Anthony Quinn hat einen Eskimo gespielt und keinen Inuit. Vieles davon ist natürlich so lächerlich gewesen wie etwa Marlon Brando als Asiate, und es ist nachvollziehbar, dass da heute dagegen angegangen wird. Mir ist das Order ausgeben per se unsympathisch, egal, aus welcher Richtung es kommt. Dass man aber Fehlleistungen anspricht, ist ein nützlicher Beitrag zur Debatte. Und natürlich haben sich die Toleranzgrenzen verschoben. Ich bin ein großer Carl-Barks-Fan und habe die klassischen Donald-Duck-Geschichten auch meinen Kindern vorgelesen. Aber wenn der Onkel Dagobert in Afrika oder Asien unterwegs ist, denkt man sich heute schon: Hallo?

Was hat das Programm mit Ihnen persönlich gemacht?
Maurer: Das weiß man oft erst danach. Ich starte immer mit der Hoffnung, dass das wieder etwas ist, was ich in der Form noch nicht gemacht habe, dass es einen eigenen Ton hat. Das ist mir für mein Gefühl die letzten 30 Jahre gut gelungen. "Woswasi" ist auf abstrakte Art recht privat, es ist sehr, sehr lustig und jeden Euro wert.

Weitere Informationen und Termine zu "Woswasi" finden Sie auf Thomas Maurers Website unter thomasmaurer.at/de/programme/woswasi



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