Genussreise: Zehn Wünsche ans Christkind von Hans Mahr

Als Kind hat sich unser Autor ein rotes Feuerwehrauto gewünscht. Heute, in seinen reifen Jahren, möchte er nichts wie weg von daheim und wieder einmal zu seinen liebsten Genussplätzen reisen - eine fiktive Weltreise mit zehn Stationen.

Genussreise: Zehn Wünsche ans Christkind von Hans Mahr

Im Jahr 2020 hat Hans Mahr einen langen Wunschzettel an das Christkind.

Ehrlich gesagt, es ist schon eine Weile her, dass ich meinen letzten Brief ans Christkind geschrieben habe. Aber ich weiß noch genau, am Heiligabend lag das rote Feuerwehrauto dann unterm Christbaum. Und mit der gleichen Naivität wende ich mich heuer wieder ans Christkind. Ich hab genug von Corona, der gutgemeinte Wunsch, g'sund und daheim zu bleiben, geht mir schön langsam auf die Nerven. Ich möchte endlich mal wieder weg vom Zuhause und hin zu den Genussplätzen dieser Welt.


1. USA / New York City

Peter Luger Steak House

Peter Luger Steak House

Als Erstes sollte es endlich wieder einmal nach New York gehen, seit Trump (fast) weg ist, macht das wieder Spaß. Von Manhattan nach Brooklyn, von der Washington Bridge gleich rechts abbiegen zu meinem Lieblings-Steaklokal "Peter Luger ". Dort gibt's halt einfach die besten Steaks von New York. Und der Burgenländer Lois Grünauer werkt dort seit 35 Jahren, serviert zum T-Bone einen kalifornischen Roten und nachher einen Schnaps zum Verdauen. Neuerdings nimmt man im "Peter Luger" sogar Kreditkarten, offensichtlich hat die US-Steuerbehörde die "Cash only"-Sitte so wenig goutiert wie unsereins.


2. Frankreich / Paris

Restaurant C.A.M.

Restaurant C.A.M.

Wenn man vom "Savoir-vivre" träumt, dann geht's natürlich um Frankreich. In Paris, unweit vom Centre Pompidou, hat der Koreaner Esu Lee das "C.A.M." aufgemacht -klein mit viel Shabby Chic, aber mit herrlich französisch-koreanischer Küche: die Jakobsmuscheln mit Tomaten-Jam, die rohen Makrelen mit Kimchi und Endivien, die Gemüsesuppe mit weichgekochtem Ei und die Hendlhaxerl mit geschmortem Reis. Mal was ganz anderes, ich hoffe nur, dass Esu nach dem Pariser Lockdown wieder aufsperren wird.


Und noch einmal Frankreich: Ich vermisse meine Austern im Astoux et Brun in Cannes.


3. Irland / Galway

Galway Oyster Festival

Galway Oyster Festival

Die nächste Genussreise bringt mich nach Irland, nach Galway. Immer im September findet in dieser kleinen, irischen Stadt das größte Austern-Festival der Welt statt. Die zur "Austern- Perle" gekrönte Schönheitskönigin eröffnet, und an langen Tresen werden die Austern geknackt, "All you can eat" für 80 Euro, nur das Guinness-Bier kommt noch oben drauf. Termin vormerken: 24. bis 26. September 2021


4. Spanien / Barcelona

Tickets Restaurant

Tickets Restaurant

Wunsch Nummer vier bringt mich nach Barcelona. Wenn die Formel 1 wieder ihre Runden dreht, bin ich hoffentlich dabei. Schließlich habe ich dort mehr als ein Jahrzehnt lang das Rennen für RTL produziert, und am Abend sind wir dann im "Tickets " der berühmten Adrià-Brüder eingefallen.

Spaßküche vom Feinsten - Molekular-Oliven, die auf der Zunge zerplatzen, Schinkenstangerln mit Pata Negra, frisch gegarte Seegurke (ich weiß, nicht jedermanns Sache, aber ich mag sie), Avocado-Pizza und als Höhepunkt eine knackige Königskrabbe im Holzofen gegart. Verstehen Sie jetzt, warum ich unbedingt dorthin will, wenn man nach Spanien wieder ohne Quarantäne einreisen darf?


5. Italien / Rom

Eine der Kreationen von Heinz Beck im La Pergola, Rom

Eine der Kreationen von Heinz Beck im La Pergola, Rom

Und wenn wir schon am Mittelmeer sind, da sehne ich mich nach alldem, was in diesem Jahr coronabedingt nicht möglich war. Zum Beispiel nach Rom fliegen, zu Starkoch Heinz Beck, in sein "La Pergola " im Hotel Waldorf Astoria. Sie werden's nicht glauben, aber der Deutsche ist tatsächlich der beste italienische Koch, und das schon seit mehr als zehn Jahren. "Wir haben die ganze Corona-Zeit über offen gehabt, weil wir ein Hotel-Restaurant sind.

Aber natürlich gehen mir die österreichischen und die deutschen Gäste ab", erzählt er am Telefon. "Wenn Sie im Frühjahr kommen, gibt's das beste Seafood seit vielen Jahren. Wegen der Krise ist ja viel weniger gefischt worden, und dadurch gibt es jetzt mehr und auch noch bessere Ware!" Und natürlich muss man sich dann auch seinen Signature Dish gönnen, die Fagotelli, eine Art Ravioli mit flüssiger Füllung - also Sauce in Pasta anstatt Pasta in Sauce.


6. Kroatien / Palmizana

Palmizana Restauarant Meneghello

Palmizana Restauarant Meneghello

Weiter geht's zumindest wunschgemäß, auf die kroatische Mini-Insel Palmizana bei Hvar, wo die Meneghello-Familie den wahrscheinlich besten Tuna des Mittelmeers serviert. Zu Mittag bringen ihn die Fischer direkt vom Boot, und dann gibt's Tuna-Sashimi, Tuna-Tartar und Tuna-Steak, nur ganz kurz angebraten, damit der Fisch innen noch frisch und roh bleibt.


7. Spanien / San Sebastian

Restaurant Arzak

Restaurant Arzak

Und wenn sich's irgendwie ausgeht, sollte auch noch ein Spanien-Abstecher nach San Sebastián am Atlantik drin sein. Meine Lieblingsköchin Elena Arzak hat nicht nur drei Sterne, sondern kocht für mich die beste baskische Küche. "In unserem Labor haben wir 1.400 Gewürze. Damit können wir unsere Gäste immer überraschen", hat sie mir beim letzten Besuch erzählt.

Und deshalb gibt's jedes Jahr neue Kreationen rund um Austern, Garnelen, Seezunge, Seehecht, Seeteufel - zum Schluss wünsch ich mir aber immer die Taube, die ist butterweich, letztes Mal hat sie Elena mit Trockenfrüchten und Kürbis-Samen serviert.


8. Niederlande / Amsterdam

Tempo Doeloe

Tempo Doeloe

Aber es muss ja nicht immer Drei-Sterne-Küche sein, sondern ganz normales Essen, aber halt außergewöhnlich gut und auch ohne Plünderung der Sparbüchse leistbar. Zwei Lieblingsplätze kann ich da empfehlen und würde auch gerne im nächsten Jahr vorbeikommen. Amsterdam steht da auf meiner Wunschliste - und dort die beste indonesische Küche, die es für mich in Europa gibt. Schließlich haben sie ja die Holländer aus ihrer Kolonialzeit nach Hause gebracht. Ein unscheinbarer Eingang in der Utrechtstraat, acht Tische, ins "Tempo Doeloe " geht man wegen der Reistafel. 21 kleine Schälchen werden aufgetischt, mit Gemüse, Fisch, Fleisch. Alles scharf, vieles davon sogar superscharf und auf der Speisekarte mit drei roten Warnsternen versehen. Zugegeben, ich hab drei Biere gebraucht, um "ajam roedjak", "petjel" und "daging rendang" (keine Ahnung mehr, was das im Detail war) zu "löschen".


9. Großbritannien / London

Kerbisher & Malt

Kerbisher & Malt

Zwar ist 2020 der Brexit tatsächlich unwiderrufbar, aber ändern wird sich für Besucher nicht viel. Den Pass hat man ja vorher auch gebraucht, und vom Pfund sind die Briten ja nie abgegangen. Daher wird London wahrscheinlich so sein wie immer, dann ist Fish & Chips ein Muss. Zwar bekommt man die heute nicht mehr wie früher in die "Times" eingewickelt, aber schmecken tun sie mir noch immer.

Allerdings nicht in den vielen "normalen" Lokalen, wo das Öl nicht oft gewechselt wird und immer zu viel Essig auf den armen Fisch geträufelt wird. Lieber geh ich in die Gastro-Pubs, die sich auf Fish & Chips spezialisiert haben - wie zum Beispiel ins "Kerbisher & Malt " mit seinen fünf Standorten in London. Dorsch, Scholle, Kabeljau gibt's zur Auswahl, und ich nehm auf jeden Fall die Sauce Tartare dazu. Kein Diätessen, aber "very british".


10. Russland / Moskau

White Rabbit, Moskau

White Rabbit, Moskau

Zum Schluss meiner Wunschreise, als Nummer zehn, hab ich mir was Besonderes aufgehoben. Das beste russische Restaurant in Moskau. Vladimir Mukhin heißt der Chef, der es als einziger Russe auf die Liste der "World's 50 Best Restaurants" geschafft hat. Und zwar verdient. Unten ein Kaufhaus und im 16. Stock mit wunderbarem Blick über Moskau das "White Rabbit ".

Warum er sein Restaurant nach dem weißen Kaninchen aus "Alice im Wunderland" getauft hat, ist nicht überliefert, vielleicht handelt es sich ja um ein Kindheitstrauma. Das Menü ist allerdings eher ein Traum. Mukhin liebt die Gegensätze. Kaviar paart er mit Creme fraiche im Sandwich, die Jakobsmuschel mit Himbeeren, den Kabeljau mit grünem Reis und die Wachtel mit Kukuruz. Dazu einen hervorragenden russischen Krim-Riesling, oh je, darf man denn den nach der Okkupation überhaupt trinken? Trotz zehn Gängen samt zweimal Kaviar sind nur 120 Euro zu bezahlen, der tief gefallene Rubel macht's möglich.


Sie haben Recht, liebe trend-Leser, eigentlich sollte man in Zeiten wie diesen andere Sorgen haben, als in der Welt herumzufliegen und Speis und Trank zu genießen. Sie müssen mir verzeihen, denn träumen wird man doch noch können und dem Christkind eine Wunschliste schreiben. Was davon wahr wird, steht ohnehin in den Sternen


Der Autor

Hans Mahr ist als Medienberater mehr als die Hälfte des Jahres unterwegs und berichtet im trend monatlich über seine Erlebnisse beim Essen, Trinken und Reisen. Dieser Artikel ist der trend-Ausgabe 51-52/2020 vom 18.12.2020 entnommen. Eine Auswahl seiner Beiträge ist zusammengefasst im trend-Buch "Hans geht essen" erschienen.

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