Hans Mahr im Lockdown: Die Onlinejoker für den Wein

Restaurants zu, Catering- und Rezepttipps hatten wir schon. Worüber in Lockdown-Zeiten also schreiben? Richtig: über die besten Weine, die ins Haus geliefert werden. Und warum dabei ein gewisser Günther Jauch eine Rolle spielt.

Hans Mahr im Lockdown: Die Onlinejoker für den Wein

WORÜBER SCHREIBT MAN in einer Genusskolumne in Zeiten von Corona? In einer Zeit, wo alle Restaurants von Paris bis Wien, von Berlin bis Rom geschlossen sind. Über Catering hab ich schon beim ersten Lockdown berichtet, auch Rezepte zum Selbstkochen gibt's genug - damit kommt man durch, bis auch der Letzte geimpft worden ist.

Was kann man in Corona-Zeiten vielleicht noch besser genießen als normalerweise? Sie haben es erraten: wirklich guten Wein! Zeit hat man ja genug, denn Ausgehen ist verboten - und wenn man sich einen schönen Familienabend machen will, kann man ja eine ordentliche Flasche Wein aufmachen.

Wein in Zeiten von Corona, wunderbar für uns Konsumenten, weniger lustig für die Winzer. Denn eines ist klar, die Preise für Wein gehen runter, deutlich runter. Die Verluste beim Gastronomieverkauf können durch die Verkäufe ab Hof, im Handel und online nur bedingt wettgemacht werden. Menschen wie ich, die sich bedingt durch die Ausgangssperre die Zeit mit dem Studium der Sonderangebote vertreiben und wie wild zuschlagen, sind selten. "Um Gottes willen, wann willst du denn all diesen Wein trinken?", höre ich besorgt zu Hause. Und tröste die Liebste mit dem Verweis auf die Lagerfähigkeit der edlen Flaschen.

Aber auch die Winzer bleiben nicht untätig, hab ich mich bei einem Rundruf kundig gemacht. Bestes Beispiel ist Fernseh- und neuerdings auch Winzerstar Günther Jauch. Er hat das Familiengut Othegraven vor sieben Jahren übernommen und seinen Riesling in die Topklasse gebracht. "Beim Zupfen der Tauben bin ich weniger gut. Nach zehn Minuten bin ich schon acht Meter hinter den professionellen Erntehelfern und hab mir auch noch in den Finger geschnitten", berichtet er von seinen Ernteerlebnissen. "Da bleib ich lieber im Büro und kümmere mich um den Verkauf. Arbeitsteilung ist auch beim Wein von Vorteil."

WEIN VOM TV-STAR. Günther Jauch hat das Weingut Othegraven übernommen und produziert Rieslinge der Topklasse. Bei Bestellung eines Vierer-Sets kann man mit Jauch skypen.

Und das mit dem Verkauf macht er großartig. Statt "Wer wird Millionär?" spielt er jetzt mit einer ausgewählten Kundenschar "Wie schmeckt mein Wein?". Virtuelles Wine Tasting nennt man das, eine Weinverkostung mit TV-Appeal eben. Das Viererpaket von der besten Othegraven-Lage Altenberg um 95 Euro bestellen und man ist über Skype mit dem Günther Jauch verbunden. Veranstalter ist die Weinzentrale Dresden, und wer dabei sein will, meldet sich baldigst bei jens <AT> weinzentrale.de an.

Auf virtuelle Formate setzt auch die Österreich Wein Marketing beim Ankurbeln des internationalen Verkaufs. Wenn man Sommeliers und Händler nicht ins schöne Weinland Österreich einladen kann, trifft man sie eben per Video. "So haben wir in 14 Ländern schon weit über 1000 Weinprofis erreicht", freut sich Geschäftsführer Chris Yorke.

Der inländische Tourismus im Sommer konnte etwas Druck von einigen Winzern nehmen, aber: "Wie sich der zweite Lockdown inklusive erneuter Gastro-Schließung und der mögliche Ausfall der winterlichen Skisaison auswirkt, das macht uns schon Sorgen" (Yorke).

Sein Vorgänger bei der Wein Marketing, Willi Klinger, hat zwischenzeitlich den Marktführer Wein &Co aufpoliert. "Den wegen der Sperre geringeren Umsatz in unseren Weinlokalen haben wir durch ein besseres Onlinegeschäft fast wettgemacht", ist er vorsichtig optimistisch. Und jetzt, beim zweiten Lockdown, mit Masken und Plexiglas in den Shops, darf er ja offen halten - Wein ist schließlich "Lebensmittel". Das hat die Regierung freundlicherweise so definiert, man kennt ja seine Untertanen

WIENER WINZER. Fritz Wieninger freut sich zwar über steigende Onlineverkäufe. Diese können aber die fehlenden Gäste in seinen Betrieben nicht ausgleichen.

Auch Katharina Wolf vom Burgunder-Spezialisten Kate & Kon am Attersee (ihr Vater Carlo Wolf hat den legendären Rungis Express gegründet) setzt auf den Privatkunden. "Er hat jetzt mehr Zeit, sich mit dem Wein zu beschäftigen, und kauft auch bessere Weine." Mit besser meint sie natürlich auch teurer - ja, ja, Kate, ich weiß, wovon du sprichst.

ABER REDEN WIR doch mit den Winzern selbst. Sie sind, was bleibt ihnen anderes übrig, Berufs- und Zweckoptimisten. Fritz Wieninger, der Winzer aus der Hauptstadt, hat sich mit seinen drei Heurigen im Sommer über die Gastroflaute hinweggerettet. "Wir werden sehen, wie es weitergeht - keine Touristen, keine Bälle, keine großen Veranstaltungen in Wien, das kann auch der steigende Onlineverkauf nicht ausgleichen", sorgt er sich. Und sieht einen Hoffnungsstrahl am Himmel: "Dann werden wir unseren Wein halt länger lagern und später verkaufen - ist ohnehin notwendig, dass die Jungweinphobie mit dem frisch gefüllten Zeug bei uns endlich dem Trend zum reiferen Wein Platz macht."

Dem stimmt der burgenländische Seewinkel-Winzer Heinz Velich zu: "Da wir zu 90 Prozent an Handel und Gastronomie verkaufen, wird halt eingelagert und später verkauft, der Wein wird ja nicht schlechter, sondern noch besser", so seine Strategie - und meint natürlich nicht nur besser, sondern auch teurer -, um die Corona-Einbußen aufzufangen.

FRANZ HIRTZBERGER (R.) mit Sohn und Enkerl: "Doppelt schwieriges Jahr in der Wachau durch Pandemie und Hagel."

Für Franz Hirtzberger aus der Wachau war's ein doppelt schwieriges Jahr. "Die Pandemie haben wir bis jetzt durchs Auslandsgeschäft und durch die Privatkunden ganz gut überstanden", resümiert er, "aber der Hagel in Spitz am 22. August -nicht einmal die 90-Jährigen im Dorf können sich an so was erinnern - hat mir den Großteil der heurigen Ernte gekostet. Was soll's, da müss' ma durch!"

UND NOCH EIN BLICK über die Grenzen, ins Paradeweinland Frankreich, genauer gesagt, ins Bordeaux. Stephan Graf von Neipperg, dessen Vater schon in den 1970ern dort Weingüter erworben hat, war lange Zeit Sprecher der Bordelais- Winzer und produziert mit seinem "Canon La Gaffelière" einen der berühmtesten Weine in Saint-Émilion am rechten Ufer der Dordogne. "Ganz ehrlich, die starken Marken im Wein waren von Corona wenig betroffen, die profitieren sogar noch in der Krise - weil man eben bekannte Brands kauft", erzählt er. Bei der Primeur-Versteigerung - also den Vorverkäufen von Weinen, die noch gar nicht in Flaschen abgefüllt sind - gab's keine Absatzprobleme, allerdings sind die Preise gerade bei den Spitzenweingütern deutlich gesunken, so um die 20 Prozent. "Jetzt zuschlagen", rät der Graf, "billiger wird's nimmer!"

Also doch noch ein Lichtblick, zumindest für uns Weinenthusiasten. Corona und begleitende depressive Wienerlieder sollen uns nicht die Lebenslust rauben. "Es wird a Wein sein und wir wern nimmer sein" heißt das bekannteste - und Pandemie-Schwermütige können einen Grünen Veltliner mit diesem Etikett (das ist kein Witz!) im Onlineshop der Wiener Bestattung um 8,90 Euro käuflich erwerben.

Da halt ich mich lieber an den von Cholera abgewandelten Gassenhauer "Juppheidi, juppheida, Wein ist gut gegen Corona" und verabschiede mich mit drei, ausnahmsweise nicht österreichischen, Geheimtipps unter 30 Euro (mehr von den echten Experten im Kasten). Ich empfehle den Greywacke Wild Sauvignon 2017 aus Neuseeland (cb-weinhandel.de), einen Marsannay von Michel Noëllat aus dem Burgund (dielfinewine.com) und den 2019er Rosé vom Chateau d'Esclans, dem Rock Angel, den darf man nicht nur im Sommer am Strand, sondern auch im Winter zu Hause trinken. Wohl bekomm's!



Der Autor

Hans Mahr ist als Medienberater mehr als die Hälfte des Jahres unterwegs und berichtet im trend monatlich über seine Erlebnisse beim Essen, Trinken und Reisen. Dieser Artikel ist der trend-Ausgabe 48/2020 vom 27.11.2020 entnommen. Eine Auswahl seiner Beiträge ist zusammengefasst im trend-Buch "Hans geht essen" erschienen.

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