Hans geht (wieder) essen: Heimkehr ins Wirtshaus (Wien)

60 Tage durfte trend-Autor Hans Mahr kein Wirtshaus, kein Restaurant und keinen Heurigen besuchen. Jetzt ist das Leiden endlich vorbei. Bei einer Freiheits-Tour durch vier seiner Wiener Lieblingslokale entdeckt er Erstaunliches.

Nach dem Corona-Shutdown macht Hans Mahr einen Streifzug durch die Gastronomie.

Hurra, alles ist offen, und ich kann endlich wieder meine Lieblingslokale heimsuchen. 60 Tage, also 1.440 Stunden lang, mussten wir hungern und dursten – oder eben selber kochen. Und, ehrlich gesagt, ich koche weit weniger gut als die Profis im Restaurant, im Wirtshaus, beim Heurigen. Die hab ich vermisst.

Also nix wie hin zum wiedergewonnenen Genuss, sozusagen Heimkehr ins Wirtshaus. Natürlich mit der blöden Maske über Nase und Mund, glücklicherweise darf man sie ja zum Essen und Trinken abnehmen – wäre ja auch schwer, die Getränke- und Nahrungsaufnahme mit Mundschutz. Das hat sogar die Politik eingesehen, die uns den zweimonatigen Knast verordnet hat.

Erste Station ist natürlich Heinz Reitbauer im „Steirereck“ im Wiener Stadtpark, die Nummer eins im Lande.

Die erste Station. Klar, das „Steirereck“ im Stadtpark

Am Eingang heißt es, die Hände zu desinfizieren, macht ja Sinn. Links in der Küche werkelt der Heinz am Herd: „Man fühlt sich wie ein Jungunternehmer, der endlich mit dem Geschäft beginnen kann“, lacht er und präsentiert seine neue Speisekarte. Nach dem traditionellen „Brotwagen“ mit 18 verschiedenen Brotsorten gegen den ersten Hunger warten Kürbis und Fenchel, Hecht und Zander, Lamm und Taube – und dazwischen eine Neukreation: Paprika mit Sauschädel. Auch wenn meine liebe Frau ob des Sauschädels die Stirn runzelt, ich find’s großartig. Ich würde den Chef dafür am liebsten abbusseln – aber geht ja nicht, da muss ja ein Babyelefant dazwischen stehen.

Um elf am Abend werden wir freundlich, aber bestimmt aus dem Restaurant gescheucht. Ach ja, alles darf nur bis 23 Uhr offen haben, die unerzogenen Bürger könnten sich ja ansonsten spätnachts betrinken und die Regeln nicht mehr einhalten. Oder glaubt der Herr Gesundheitsminister gar, dass das Coronavirus zu später Stunde immer bösartiger wird? Könnt schon sein, dass ihm das einer der Paradevirologen (das sind ja jetzt die neuen Stars bei uns) eingeredet hat.

Zweite Station: Ein Achterl beim Urbanek am Naschmarkt, Stand 46

Zu Mittag gibt es glücklicherweise keine Sperrstund. Beim Urbanek am Naschmarkt darf allerdings nur immer einer rein ins Fünf-Quadratmeter-Geschäft, um sich mit Wurst und Käse zu versorgen. Und, Ordnung muss sein, das Achterl vom Grünen Veltliner darf nur draußen am Stehtisch, und das maximal zu zweit, getrunken werden. „Manchmal fühl ich mich wie ein Regisseur, der jedem erklären muss, was er darf und was nicht!“, lacht Daniel Urbanek hinterm Käse-Tresen.

Dritte Station: Ein Fisch beim Umar am Naschmarkt

Weiter unten beim Umar ist zwar der Steinbutt, angeblich coronabedingt (zu viele Fischer infiziert?), ein bissel teurer geworden, dafür bezaubern Erkan und seine Truppe mit selbst angefertigten Masken inklusive Fisch-Logo. Hauptsache, der frische Butt schmeckt zart wie eh und je. Und auch mein alter Freund, Rosenverkäufer Ali (vier Kinder in Kairo und drei in Wien, Kompliment), ist wieder da, selbstverständlich auch er mit Mundschutz. Das gehört im Corona-Wien zum guten Ton.

Wienerherz, was willst du mehr? Na ja, wieder zum Heurigen gehen. Beim Zimmermann in der Armbrustergasse, dort, wo einst der Kreisky gewohnt hat, sitze ich glücklich mit der Familie zusammen – ist ja jetzt sogar vom zuständigen Ministerium erlaubt –, bei Schmalzbrot, saurer Wurst, Speck, und einem Schnitzel mit Erdäpfelsalat. Dazu serviert Wirt Martin Zimmermann einen ordentlichen Lagenwein, den ich in manch anderer Buschenschank schmerzlich vermisse. Draußen im Gastgarten darf ich sogar eine Zigarre rauchen, sinnvollerweise auch ohne Mundschutz, sonst müsst ich ja ein Loch reinschneiden …

Letzte Station: Das „Do & Co“ am Stephansplatz (Archivbild aus der Zeit vor Corona)

Als letzte Station durchs neu erwachte Wien steuere ich am Sonntagmittag das Haas-Haus an. Oben im siebenten Stock hat Spitzen-Caterer Attila Dogudan sein „Do & Co“ auf Vordermann gebracht. Restaurantchefin Sandra präsentiert stolz die neue Speisekarte, für Stammkunden wie mich gefühlsmäßig die erste Neuerung seit einem Jahrzehnt. Das Lieblingsgericht von Niki Lauda (Gott hab ihn selig, wir vermissen ihn), nämlich das gebackene Ei mit Cremespinat, steht nimmer drauf, dafür Thunfisch-Mango-Tatar und ein veganes Curry – auch am Stephansplatz ist die vegane Welle eingetroffen. Aber keine Angst, die Woks, Seezunge, Kalbsbutterschnitzel und Tafelspitz gibt es weiter – und auf (mein) Verlangen auch das Crispy Chicken auf Salat. Nachher noch ein paar Punschkrapferln vom Demel. Die lieben auch die Kinderlein – und dass ein Tropfen Rum dabei ist, vergessen wir vorsichtshalber.

Nur einen Wermutstropfen inmitten der allgemeinen Euphorie entdecke ich nach meiner ausgiebigen Gastrotour, und der betrifft die Brieftasche. Ohne Restaurant- und Wirtshausbesuche bin ich in den letzten zwei Monaten schon deutlich billiger davon davongekommen. Aber sei’s drum – wenn ich mithelfen kann, die Gastronomie wieder anzukurbeln, dann leiste ich gerne meinen Beitrag. Ehrlich. Ist ja auch in meinem Interesse als Gast, der gerne gut essen geht.

Die Sonne strahlt auf die „Do & Co“-Terrasse, und der Steffl schaut rüber. Irgendwie kitschig, aber doch schön, mein Wien. Jetzt, wo man wieder raus kann.

Der Autor

Hans Mahr ist als Medienberater mehr als die Hälfte des Jahres unterwegs und berichtet im trend monatlich über seine Erlebnisse beim Essen, Trinken und Reisen. Eine Auswahl seiner Beiträge ist zusammengefasst im trend-Buch "Hans geht essen" erschienen.

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