Andreas Vitasek: Über den Humor in der Krise

Der trend sprach mit Starkabarettist Andreas Vitásek über sein persönliches Quarantanamo, Künstlerauftritte aus dem Homeoffice, die Hymne "I am from Austria" und sinnloses Rasieren in der Krise.

Andreas Vitasek: Über den Humor in der Krise

trend: Herr Vitásek, wie ist die Grundstimmung? Was überwiegt: Humor oder Angst?
Andreas Vitásek: Am Anfang war ich noch ziemlich unvorsichtig. Noch vor circa zwei Wochen habe ich bei der Sendung "Kabarett-WG" auf ORF 1 mitgemacht, wo wir zu zehnt auf engstem Raum miteinander improvisiert und gekocht haben. Aber so viel ich weiß, hat niemand von den Kolleginnen und Kollegen Corona bekommen, höchstens eine leichte Salmonellenvergiftung. Mittlerweile ist jeder abgeschirmt und schaut nur noch durch das Handy in die Welt hinaus. Wie durch das Guckloch einer Zelle. Noch dazu ist Pollenzeit, für mich als Hypochonder ist das die Hölle, ich bin andauernd leicht verschnupft, hab brennende Augen, mein Hals brennt, ich greife mir dauernd an die Stirn und kontrolliere, ob ich schon Fieber habe. Glücklicherweise nimmt mich meine Familie nicht ernst.

Man sagt: "Humor ist, wenn man trotzdem lacht." Ist er auch in so einer prekären Situation eine Bewältigungsmöglichkeit oder gibt es Grenzen?
Vitásek: Ab welcher Anzahl von Todesfällen hört sich der Humor auf? Wenn man die neuen Zahlen aus der Lombardei bekommt, gehört schon eine große Portion schwarzer Humor dazu, darüber noch Witze zu machen. Man sagt ja gerne, Satire darf alles. Aber ist es dann noch Satire oder nur noch bloß deppert? Jedenfalls zeigt die Flut von sehr witzigen bis weniger lustigen Memes und Videos, die via Instagram, Facebook oder WhatsApp im Internet kursieren, dass es ein großes Bedürfnis gibt, mit Humor auf diese außergewöhnliche Situation zu reagieren.

Wie ist die Lage in Ihrem persönlichen Quarantanamo?
Vitásek: Zurzeit sind wir zu viert: meine Frau, zwei Töchter und ich. Plus Hund, Schildkröten und Vögel. Und es funktioniert bis jetzt überraschend gut, obwohl oder vielleicht sogar weil wir verschiedene Lebensrhythmen haben und den Freiraum des anderen so gut wie möglich respektieren. Wir kochen viel gemeinsam, was keine leichte Übung ist, weil wir verschiedene Essgewohnheiten haben. Es geht zum Beispiel immer nur einer von uns einkaufen, wenn es unbedingt sein muss, und der bringt dann hauptsächlich das mit, was er selber gerne isst. Wir schauen jeden Abend gemeinsam einen Film, und immer darf wer anderer entscheiden, was geschaut wird. Ich hab schon lange nicht mehr so viele Teeniekomödien gesehen. Durch die permanente Planungsunsicherheit ist es schwierig für mich, zielgerichtet zu arbeiten, zum Beispiel an einem neuen Programm zu schreiben oder Text zu lernen. Ich brauche immer eine Deadline, und wenn die am Horizont verschwimmt, verliere ich den Antrieb. Die Ungewissheit, wie lange die Quarantänezeit wirklich dauern wird, lässt einen in einem seltsamen Schwebezustand, der aber auch interessant ist. Wenn es jetzt plötzlich heißen würde, morgen ist alles vorbei, das Virus hat sich vertschüsst, hätte ich ein Problem damit, mein aktuelles Programm "Austrophobia" so zu spielen, wie es bisher war. Dann müsste ich ordentlich umschreiben. Aber das nähme ich sehr gerne in Kauf.



Was mich überrascht, ist unsere grundsätzliche Fähigkeit zur Solidarität. Da habe ich uns Österreicher unterschätzt."

Andererseits ist die Isolation für Kreative, die sich wie Sie zum Schreiben eines Programms ja immer wieder mal zurückziehen, nichts Ungewöhnliches.
Vitásek: Aber es ist etwas anderes, ob man sich das selber verordnet oder ob es einem von außen vorgeschrieben wird. Interessanterweise kommen gerade mehr Anfragen als je zuvor, Statements zur Lage via Handy oder Livestream abzuliefern. Alle schreien grad hysterisch durcheinander. Das erinnert mich an Karl Valentins Ausspruch: "Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen." Ich schaue mir auch nicht mehr jede Talkrunde im TV an. Ich beschränke es auf die Neun-Uhr-Frühnachrichten und auf die "ZiB" um 19.30 Uhr. Und vielleicht noch die "ZiB 2". Nach den sehr intensiven ersten Wochen wissen wir, dass wir nichts so genau wissen. Es dürfte die Stärke der Spezies Mensch sein, dass sie sich relativ schnell an etwas gewöhnt. Wenn jemand vor einem Monat gesagt hätte, alle Straßen sind leer, und die wenigen Leute bewegen sich nur mit Mundschutz durch die Gegend, hätte ihm keiner geglaubt. Vor allem für die junge Generation wird diese Krise prägend sein. Ich vergleiche es für mich mit Tschernobyl oder 9/11. Auch da war die Welt danach nicht mehr so wie davor.

Die Corona-Pandemie wird ja nun schon als Schuss vor den Bug gesehen, der in der Ellbogengesellschaft wieder positive Kräfte mobilisiert hat.
Vitásek: Was mich überrascht, ist unsere grundsätzliche Fähigkeit zur Solidarität. Da habe ich uns Österreicher unterschätzt, weil wir doch eher grantige Eigenbrötler sind. Aber das ist auch der nächsten Generation geschuldet, die sehr viel über die sozialen Medien organisiert, sich um andere kümmert, Nachbarschaftshilfe einrichtet etc. Und auch der relativ souveräne Auftritt unserer Regierung trägt da einiges dazu bei.



Auch ein Fußballspiel in einem leeren Stadion schaut immer nur aus wie ein Hobbykickerl auf der Jesuitenwiese, selbst wenn der Ronaldo mitspielt.

Auch die Künstler, denen ja zu 100 Prozent Auftrittsfläche weggebrochen ist, erobern sich via Internet und Social Media kulturelles Neuland, sind mit Balkonkonzerten, Instagram-Comedy oder virtuellen Vernissagen präsent. Entstehen da neue ästhetische Richtlinien für die Zukunft?
Vitásek: Okay, es ist eine Art kulturelle Überbrückungshilfe, aber es genügt nicht, dass ein Kabarettist zu Hause sitzt und sich amateurhaft beim Witzeerzählen selbst mit dem Handy abfilmt. Das ist kein Ersatz für einen Auftritt. Ich glaube, dass wir sehr freudig und begierig wieder das breite Angebot konsumieren werden, wenn die Normalität wieder eingekehrt ist. So schön es ist, selber zu kochen, man wird froh sein, wieder in Restaurants gehen zu können. So schön es ist, Hausmusik zu machen, wird man auch wieder gerne ein professionelles Konzert besuchen. Ich denke sogar, es wird eine Gegenreaktion geben, dass man sagt, ich kann das Handy nicht mehr sehen, ich kann nicht mehr WhatsApp-chatten, ich will wieder mit jemandem Face to Face reden und ein kulturelles Ereignis wirklich live genießen. Ein Kabarettauftritt ohne Publikum funktioniert nicht, denn man reagiert als Künstler immer auf das Publikum. Man braucht das direkte Feedback. Auch ein Fußballspiel in einem leeren Stadion schaut immer nur aus wie ein Hobbykickerl auf der Jesuitenwiese, selbst wenn der Ronaldo mitspielt.

Das Satireformat "Die Tagespresse" hat online gestellt: "Bei 'I am from Austria' um 18 Uhr nicht mitgesungen, Polizei erstattet 374 Anzeigen." Was singt Andreas Vitásek derzeit um 18 Uhr?
Vitásek: Ich singe nicht privat, das tue ich meiner Familie nicht an. Aber ich kann das Bedürfnis nach einer echten Hymne nachvollziehen. Nach etwas Vereinendem. Ich glaube, man darf sagen, unsere Bundeshymne ist nicht gerade das schönste Musikstück, und der Text wird auch mit Gendern nicht besser. Es fehlt unserer Hymne einfach die Emotionalität. Und "I am from Austria" deckt dieses Manko ganz gut ab. Es ist ja auch ein sehr schönes Lied. Aber ich bin auch ziemlich rührselig. Angeblich ein Zeichen von beginnender Demenz. Die wahre österreichische Hymne ist aber "Alle Menschen san ma zwider" vom Kurt Sowinetz.

Sie haben ja auch ein Haus im Burgenland, das sich wie das berühmte "kleine gallische Dorf" gegen Corona stemmt. Wie erklären Sie sich die Abwehrkraft?
Vitásek: Es gibt Gerüchte, dass Donald Trump gerade die gesamten Uhudler-Vorräte kaufen möchte.

Wir haben ja alle noch einige Stay-home-Tage vor uns. Wie geben Sie der nächsten Zeit Struktur?
Vitásek: Man darf sich nicht gehen lassen. Ich rasiere mich zwar nicht mehr, das scheint mir gerade sinnlos, aber ich zwinge mich dazu, nicht dauernd in der Jogginghose rumzulaufen. Fürs Abendessen mach ich mich fesch und zieh ein frisches Leiberl an. Ansonsten wird halt so einiges erledigt, was man bis jetzt erfolgreich vor sich hergeschoben hat. Da hat sich eh genug angehäuft, von der Steuererklärung bis zum Umzugskarton, der schon seit zwei Jahren nicht ausgeräumt wurde. Ich glaube, es ist in ganz Österreich noch nie so gut aufgeräumt gewesen wie jetzt. Wir brauchen keine Marie Kondo. Wir haben Corona.


Zur Person

Andreas Vitásek , 63, ist österreichischer Kabarettist und Schauspieler. Seine Programme "39,2: Ein Fiebermonolog" und "Kurzzugende" sind aktuell kostenlos unter player.globe.wien abrufbar. Im Oktober hat Andreas Vitásek dann als "Der Herr Karl" im Rabenhof Theater Premiere. Das Foto hat Vitásek dem trend aus seinem Homeoffice geschickt.



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