André Heller: "Ich war und bin halt ich."

André Heller: "Ich war und bin halt ich."

André Heller (Coverfoto seines neuen Albums "Spätes Leuchten")

Dass André Heller, längst zum Kultur- Grandseigneur und Gesamtkunstwerk gereift, sich noch einmal seiner Einstiegsrolle als Pop-Chansonnier erinnern würde, war so nicht zu erwarten. Walter Gröbchen über das frische Spätwerk des Wiener Kosmopoliten.

Er wird nicht auf Tournee gehen. Das ist die zweitwichtigste Botschaft. Die wichtigste lautet: Es gibt ein neues Album von André Heller. Es heißt, sehr helleresk, "Spätes Leuchten". Und ja, das ist nach fast siebzehn Jahren Wartezeit doch eine Überraschung: Der Meister der vertonten Poesie ist zurück -mit einem der schönsten, gelungensten, berührendsten Werke seiner langen Karriere.

Heller ist eine der überlebensgroßen Figuren der österreichischen Pop-Historie, sogar mehr als das: Als Autor und Interpret, Radiomoderator, Labelbetreiber, Financier, Netzwerker, Ermutiger und Querdenker hat er Entscheidendes zur Entstehung und Emanzipierung der hiesigen Szene beigetragen. Aufgewachsen als Enkel eines Süßwarenfabrikanten und Sohn eines Offiziers im französischen diplomatischen Dienst, zählte er zu den Mitbegründern des Senders Ö3 und moderierte etwa die legendäre "Musicbox".

Zugleich startete er im Dunstkreis der ersten Austropop-Gehversuche eine eigene Laufbahn: 1968 erschien Album "Nr. 1", bis 1985 veröffentlichte er insgesamt vierzehn Werke. Und arbeitete mit Größen wie Robert Opratko, Peter Wolf, Wolfgang Ambros und Helmut Qualtinger zusammen, nahm aber auch mit internationalem Blickwinkel mit Musikern wie Astor Piazzolla oder Brian Eno auf.

Trotz großer Erfolge - darunter Tourneen bis nach Israel, zwölf Gold-und sieben Platin-Auszeichnungen - wandte sich Heller ab Anfang der 1980er-Jahre in einem radikalen Bruch vom Popgeschäft ab und aufwendigen Inszenierungen, Spektakeln und Gartenprojekten zu. Zu nennen wären hier u. a. das Varieté "Flic Flac", Feuertheater in Lissabon und Berlin, Zirkusshows, die Einrichtung der Swarovski-Kristallwelten in Wattens und zuletzt die Eröffnung des "Anima"-Gartens in Marrakesch (der zugleich Zweitwohnsitz ist). Auch als Filmemacher und Buchautor trat und tritt Heller immer wieder in Erscheinung.



Ich ließ mir nie verbieten, wofür ich mich interessiere.

Ist "Spätes Leuchten" also der Sentimentalität des Universalkünstlers geschuldet? Auch. Doch Hellers Talent zur verschwenderischen Erforschung des eigenen Ichs kommt gewiss am deutlichsten und sinnlichsten in seinem musikalischen Œuvre zur Wirkung: Vom Wienerlied bis zum artifiziellen Chanson, vom weltmusikalischen Flirt bis zur Bob-Dylan-Coverversion durchzieht eine ungeheure Bandbreite seine Biografie. Die jetzt wohl noch keinen End-,sondern einen weiteren Höhepunkt findet.

Aufgenommen mit lokalen Größen wie Ina Regen, Herbert Pixner, Walther Soyka, Martin Klein und dem Nino aus Wien, aber auch internationalen Gaststimmen wie der Iranerin Golnar Shahyar oder der markanten Oud von Marwan Abado. Produziert hat der im britischen Exil residierende Wiener Pop-Journalist und Singer- Songwriter Robert Rotifer gemeinsam mit dem Bassisten Andy Lewis. Die Musik klingt dann doch sehr nach Heller, wie man ihn kennt und schätzt - sie oszilliert aber stärker denn je zwischen alten Orten und Bildern und neuen Einflüssen, die bis zum Djemaa el Fna, dem pulsierenden Marktzentrum von Marrakesch, reichen.

Ist es ein Comeback? André Heller selbst sagt Nein. "Es ist kein Alterswerk, dazu ist ,Spätes Leuchten' viel zu vergnügt und vital", schreibt sein Biograf Christian Seiler im Begleittext zum Album. "Aber es ist ein Lebenswerk: ein Werk, das nur an dieser Stelle seines Lebens entstehen konnte." Heller-Aficionados werden nicht enttäuscht sein, so viel lässt sich mit lange gereifter Gewissheit prognostizieren. "Alles in allem", ertönt es gleich zum Einstieg, "vom Glück verfolgt. Alles in allem gesegnet."


Interview

"Ich war einfach vorher da"

Der Poet und Chansonier André Heller anlässlich seines ersten Albums nach dreißig Jahren im Gespräch mit dem Pop-Historiker Walter Gröbchen: "Man darf nicht stehenbleiben."

trend: "Spätes Leuchten" - ein vorauseilender Abgesang auf eine lange dauernde Karriere? Oder ein später, radikaler Bruch mit dem Frühwerk?
André Heller: Ich bin kein Sammler meiner selbst und habe vor Jahren die meisten meiner Plattenrechte aufgekauft, weil ich gar nicht wollte, dass die Lieder noch am Markt sind. Ich besaß ihnen gegenüber eine starke innere Ablehnung. Es gibt dazu eine kleine Geschichte: Mein Sohn wusste lange gar nichts von meiner diesbezüglichen Karriere. Als er acht Jahre alt war, hab ich ihn auf Patmos in ein Restaurant mitgenommen und dabei mit Gabel und Messer ein bisschen Percussion auf Gläsern imitiert. Er meinte, das sei doch wirklich peinlich. Und ich sagte: "Geliebter Sohn, ich bin ja auch Musiker!" Und er: "Wie? Du? Musiker?" Bis dahin hatte er keinen Ton von mir gehört. Das mag als Beweis dafür herhalten, dass ich von diesen frühen Taten nicht gerade begeistert war. Heute seh ich das anders. Sehr viel entspannter. Ich glaub schon, dass ich ein paar Maßstäbe gesetzt habe, von denen mir heute manchmal Leute erzählen, dass es auch für sie Maßstäbe waren.

Die junge Wiener Szene hat Sie freudig wiederentdeckt. Dennoch: Mit einem neuen Heller-Album hat eigentlich niemand gerechnet. Sie selbst schon?
Heller: Ich habe immer nebenher Notizen und Liederbruchstücke in ein eigenes Buch geschrieben. Man hat ja für jede Art von Not und Freude unterschiedliche Verarbeitungstechniken -und da bei mir daheim ein Klavier steht, habe ich mich, auch wenn ich in fantastischer Weise schlecht Klavier spiele, zumeist in melancholischen Momenten, hingesetzt und dazu Töne gefunden. Dann kam der Gedanke, und jetzt wird's ein bissl zum Genieren, ich könnte es aufnehmen, und man würde das vielleicht im Nachlass finden, und dann hätten die Erben ein Zusatzeinkommen, wenn posthum noch eine Platte von mir erscheint. Ich hab's schließlich aber doch ein paar Menschen vorgespielt - und der Robert Rotifer, den ich vorher gar nicht kannte und der einmal für ein Interview zu Besuch war, meinte, das wär doch was. Mein Gedanke war, allerdings erst Jahre später: Wenn man einen brillanten Vertreter der jüngeren Pop-Avantgarde wie ihn dazuholt, dann könnte das Funken schlagen. Und, ja, es wurde eine wirkliche Freude.



In Notwehrsituationen habe ich mich mit anderen zusammengeschlossen.

Sie gelten als einer der Überväter des Austropop. Aber: Gibt es so etwas wie genuine österreichische Popmusik überhaupt?
Heller: Na ja, es gibt in Österreich hergestellte, komponierte, getextete Musik, natürlich. Austropop war mir aber immer ganz fremd. Nicht so sehr die Protagonisten, mehr diese Sehnsucht, eine Gruppe bilden zu wollen. Das sind ja alles Individuen, und jeder hat seine eigenen Stärken und Schwächen. Ich habe offenbar kein natürliches Zugehörigkeitsgefühl zu Gruppen und Rudeln. Manchmal, in Notwehrsituationen - in der Friedensbewegung, in Hainburg oder beim "Lichtermeer" -, habe ich mich mit anderen künstlerisch und politisch zusammengeschlossen, weil man am selben Strick ziehen musste. Aber im Prinzip bin ich ein abseitiger Solist.

Man kann Sie aber mit gutem Recht als wesentlichen Katalysator der hiesigen Pop-Historie bezeichnen.
Heller: Ich bin, glaub ich, der Einzige in diesem Land - außer dem Udo Jürgens selig -, der schon in den Sechzigerjahren seine ersten Platten aufnahm. Dann kam die Marianne Mendt, bei der ich mitproduziert habe. Ambros erst später, in den Siebzigerjahren. Ich versuche mir gerade selbst zu erklären, wie lange manche Dinge her sind ich bin 1967 aus der "Musicbox" von Ö3 hervorgegangen - und hatte dort Favoriten und Lieblingskünstler, die erstaunlicherweise keinen Einfluss auf meine ersten Platten-Gehversuche hatten. Man kann da keinen Schimmer von Bob Dylan oder Van Morrison heraushören, beim besten Willen nicht. Es waren mehr die französischen Chansonniers wie Léo Ferré, Jacques Brel oder auch Charles Aznavour, die mich mit ihren großen Orchesterarrangements beeinflusst haben. Das erschien mir als ein für mich gehbarer Weg. Die allerersten Stücke, die ich mit Robert Opratko erarbeitete, waren in dieser Tradition.

Sie haben abseits Ihrer eigenen Karriere auch früh andere Künstler ermutigt und finanziell unterstützt, unter anderem mit einem eigenen Label. Das ist doch eine eher außergewöhnliche Rolle. Meine These lautet: Sie wollten partout eine eigenständige, blühende Popkultur in diesem Land ermöglichen, vielleicht sogar positiv erzwingen.
Heller: Ich wollte helfen, ein Klima zu schaffen, in dem außergewöhnliches Heimisches ernst genommen wird. Das hat es ja überhaupt nicht gegeben. Österreich bedeutete: Volksmusik, ein paar Schlagersänger - und das hat sich damals endlich langsam nach und nach verändert. Auch durch die als revolutionär geltende tägliche Sendung auf Ö3, die "Musicbox", bei der ich mit Geburtshelfer sein durfte. Sie war eine Kampfansage gegen Muffigkeit, gegen eine weitverbreitete "Junge Leut sind nix wert"-Haltung. Es galt das Motto wie zu Schnitzlers Zeiten: Schau, dass du schnell alt wirst, damit dich irgendjemand ernst nehmen kann. Es gab ja im gesamten deutschsprachigen Raum auch keine Mode für Junge. Mit der Pop-Revolution fanden dann plötzlich in Großbritannien und als Folge auch anderswo Vulkanausbrüche modischer Entwicklungen statt, mit Ausläufern bis nach Österreich. Und ich war da mittendrin unterwegs. Auch aus dieser Haltung heraus, dass mich die Welt etwas angeht -und nicht nur Krumpendorf und Umgebung.



André Heller - damit Sie wissen, wozu der Plattenspieler erfunden wurde.

Ihre erste Platte klang dann aber - für manche eine herbe Enttäuschung - weniger nach Pop-und Rock-Revolution als nach den süßlichen Geigen des Arrangeurs Robert Opratko.
Heller: Das Entscheidendste, was ich über meine Grundeinstellung sagen kann, ist, dass ich mir nie verbieten ließ, wofür ich mich interessiere. "André Heller Nr. 1" - so hieß die Platte - war wahrscheinlich gerade wegen ihrer Harmlosigkeit ein Instant-Erfolg merkwürdigster Natur. Aber ich habe rasch gemerkt, ich muss mehr in die Tiefe und nicht in die Breite gehen. Schon die zweite Platte war inhaltlich und optisch ein ernster Aufbruch und hatte zum Beispiel ein Cover des Avantgardisten Walter Pichler und ein wirklich andersartiges Dialektlied wie "A Zigeina mecht i sein". Ich hab danach versucht, mit meinen Aufnahmen die Latte immer höher zu legen -deshalb habe ich dann sehr bald rund um die Welt nach guten Musikern gesucht. Und das ist interessanterweise überhaupt nicht ernsthaft bemerkt und honoriert worden. Es gab Duette mit Chaka Khan, es gab Baden Powell an der Gitarre und Freddie Hubbard an der Trompete, gemeinsam mit Astor Piazzolla geschriebene Lieder - also eigentlich kleine Weltsensationen. Reaktion in Wien: null.

Immerhin hat Sie Bob Dylan einen "starken poetischen Muskel" genannt. Freilich war das Zitat eine tolldreiste Fälschung.
Heller: Das hat mir lachend der Helmut Qualtinger eingebrockt. Er hat gemeint, wenn dir der Dylan so taugt, lass ihn was sagen über dich. Ein erfundenes Zitat. Ja, aber diese Platte ist auch mit Plakaten in ganz Österreich mit dem Satz beworben worden: "André Heller - damit Sie wissen, wozu der Plattenspieler erfunden wurde." Es war eine üppige, selbstbewusste, auftrumpfende Rotzbuberei. Ich hatte immer den Anspruch: Sei ein in Wien geborener österreichischer Europäer, der ein Weltbürger ist. Es war mir wichtig, dass das Werk eine ernste Fallhöhe hat und nicht die Provinzialität, die auch den Austropop in wesentlichen Teilen noch merkbar durchzog. Meine Überzeugung war: Wien ist keine unbedeutendere Stadt als New York oder Rio, also muss es doch auch möglich sein, hier etwas herzustellen, was in New York ernst genommen werden kann und auch auf anderen Kontinenten Geltung hat. Ich seh es ja jetzt bei meinem Sohn Ferdinand (alias Left Boy, Anm.), wie ihm die ganze Welt zur Verfügung steht. Er sitzt in Los Angeles und fragt einen Musiker in Tokio oder São Paulo, ob er spontan etwas Spezielles beisteuern kann. Das ist etwas, was mir sehr gefällt.



In meinem Pass stand lächerlicherweise Poet.

Warum haben Sie überhaupt die erfolgreiche Laufbahn als deutschsprachiger Chansonnier an den Nagel gehängt?
Heller: Ich hatte Anfang der Achtzigerjahre keine Kraft und eigentlich auch keine Lust mehr, öffentlich aufzutreten. Es hat mich sehr hergenommen, weil ich es ohne Drogen nicht mehr schaffen konnte - manchmal war da ein Animo, mich vor mir selbst und anderen zu produzieren, aber meist war ich in melancholischer Stimmung. Rausgehen auf die Bühne, nur weil Leute Eintritt bezahlt haben, war mir dann nicht möglich. Oder eben nur unter Mitwirkung der Konzerne Hoffmann-La Roche und Ciba-Geigy. Dann habe ich gemerkt: Das bringt mich um. Ich habe als Konsequenz von einem Tag auf den anderen der Plattenfirma mitgeteilt: Das war's jetzt. Ich zieh mich am eigenen Zopf aus dem Schlamassel. Ich hatte zudem nicht das Gefühl - das mag hochmütig klingen -, dass ich auf dem Sektor noch viel lernen konnte. Und ich hatte noch so viel an Abenteuern vor. Die Zeit war mir kostbar. In meinem Pass stand lächerlicherweise "Poet", obwohl es noch keine wirklich schlagenden Beweise für diese Anmaßung gab. Meine wesentlichen Bücher hatte ich ja alle noch nicht geschrieben.

André Heller, "Spätes Leuchten". Membran (Sony Music), € 20,79

Die Musik hat Sie aber nicht losgelassen?
Heller: Sie war eine Zeit lang mein Leben. Ich erinnere mich ja auch nicht unfreudig an all diese Phasen zurück. Weil sie in der historischen Einordnung auch eine gewisse Vorreiterrolle belegen. Die sehr frühe Beschäftigung mit dem klassischen Wienerlied etwa. Die LP "A Musi! A Musi!" hat Mitte der Siebzigerjahre keinen schlanken Fuß gemacht, aber es war mir ein tiefes Bedürfnis. Dann kamen die großen wilden Duette mit dem Qualtinger, für das, was dann andere später taten, war das sicher eine gute Ermutigung. Auch alte Schlager standen schon früh in den Siebzigerjahren auf meinem Produktionsprogramm, "Ausgerechnet Heller" hieß die Platte, mit Liedern von Robert Stolz über Friedrich Hollaender bis Peter Kreuder und Hermann Leopoldi. Es war mir wichtig, zu vermitteln, dass diese Autoren nicht die alten Scheißer waren, wie sie von vielen damals angesehen wurden, sondern Klassiker, denen hoher Respekt gebührte. Heute sind diese Lieder Standard-Entertainment in jeder Stadt, an jedem Abend. Ich will mir da nicht allzu viele Federln an den Hut stecken, aber weil Sie mich ausfratscheln, fällt es mir wieder ein.

Man hat Sie als Wienerlied-Interpreten nicht nur mit Handkuss empfangen. Es blieb auch nur eine kurze Anekdote in Ihrer Laufbahn .
Heller: Einige Freunde, nicht die dümmsten, haben mich aufgezogen:"Warum machst du das, du bist doch nicht der Hans Moser!" Und ich habe geantwortet: "Alleweil, wär' ich der Moser! Der ist der Chimborazo." Moser war in gewisser Hinsicht unsere Edith Piaf und Billie Holiday gleichzeitig. Auch wenn mir die Kontrolle über die Wege meiner Lieder längst entglitten ist, höre ich immer wieder schöne Deutungen anderer, die mich freuen. Wenn etwa Voodoo Jürgens meine Verzweiflungshymne "Die Wöd is a Wolf" singt oder Der Nino aus Wien und Ernst Molden manche meiner Lieder dekonstruieren und wieder neu zusammensetzen, dann denke ich mir: Genau so g'hört sich das.



Ich dachte, ich würde mich spätestens mit dreißig umbringen.

Wie nehmen Sie die junge Generation, die ja auch auf Ihrer neuen Platte prominent vertreten ist, wahr?
Heller: Als Altvorderer. Das ist ein Problem des Geburtsdatums. Ich war einfach vorher da. Die neuen Koryphäen sind sehr, sehr viel jünger. Weil ich früher da war, habe ich eben früher die Chance gehabt, etwas zu entdecken, zu entwickeln und wahr werden zu lassen. Ich war auch immer froh, mit der Lupe betrachten zu können, was andere vor mir erreicht haben - Hermann Leopoldi zum Beispiel, ein veritables Genie.

Auch Sie wurden und werden von vielen für ein Genie gehalten, sind für andere aber ein nur ein schillernder Gaukler. Die Fähigkeit, zu polarisieren, haben Sie jedenfalls nie verloren.
Heller: Ich war und bin halt ich, mehr kann ich dazu nicht sagen. Ich hatte sehr früh die Möglichkeit, meine Begabungen auszuprobieren, besaß aber noch nicht das Selbstwertgefühl, das mich innerlich gefestigt hätte. Ich bin dann in eine Dauerrebellion hineingegangen, die sicher auch etwas Lächerliches hatte. Aber es waren summa summarum nur Ablenkungsmanöver, weil ich wusste, ich bin ein Entwurf zu einem Menschen und muss diesen Menschen erst noch aus mir entwickeln. Das war eine Sauarbeit, die auf mich zukam. Eine Zeit lang dachte ich, ich würde mich spätestens mit dreißig umbringen, weil ich manchmal vor dieser Aufgabe, mich in etwas charakterlich und geistig einigermaßen Gelungenes zu führen, kapitulierte. Das ist eine ernste Sache. Man darf nicht stehenbleiben und sagen: "Ab jetzt bin ich Abziehbildfabrikant jener Dinge, die ich bisher zu einer gewissen Meisterschaft entwickelt habe." Ich wollte immer neue Erfahrungen, auch wenn man gelegentlich grandios scheiterte und Schimpf und Schande erfuhr.

Eine mutige, aber vorauseilend defensive Position?
Heller: Ich habe ununterbrochen ausgeteilt und war dann beleidigt, dass etwas Negatives zurückkam. Bis ich begriffen habe: Die Energie, die man ausschickt, kriegt man verlässlich zurück. Ich habe mittlerweile -und ich meine das unironisch -ein Mitgefühl mit den Kritikern. Sie müssen ihre Standpunkte eloquent vertreten, und diese sind logischerweise häufig nicht synchron mit den Standpunkten der Beurteilten. Hunderte, Tausende Künstler bieten ständig Arbeitsergebnisse an - und können nicht im Ernst verlangen, dass all das so geschätzt wird, wie sie sich das erhoffen. Wenn dann aber jemand, ein Konsument oder von Beruf Bewertender, kommt und auf einen ähnlichen Ton gestimmt ist wie man selbst, hat man Glück. Wenn nicht: Die Ablehnung steht den anderen jedenfalls zu. Wenn man das einmal begriffen hat, hört man auf, beleidigt und gekränkt zu sein. Aber diese Erkenntnis kam mir erst ziemlich spät.



Von meinem Ideal bin ich immer noch ziemlich entfernt.

André Hellers Karriere - ein Marathonlauf in dünner Höhenluft?
Heller: Man sollte gerecht sein. Die Verwandlungen dauern ihre Zeit und eben oft sehr lange. Heute ist natürlich die wirkliche Figur André Heller schon sehr viel genauer erkennbar, aber von meinem Ideal bin ich immer noch ziemlich entfernt. Man kann die Entwicklung allerdings beschleunigen, wenn man vom terroristischen Ego heruntersteigt und wenn man den Segen umfassender Dankbarkeit erkennt.

Was geben Sie denn Ihrem Sohn weiter?
Heller: Er muss seine eigenen Erfahrungen machen. Aber Ferdinand hat schon im frühen Alter - mit vielen Rufzeichen - ein ganz anderes Selbstbewusstsein entwickelt als ich damals. Er ist gescheit genug, dass er sich lernend verwandelt, und konsequent genug, dass er nicht dem Affen seiner Anhänger Zucker gibt. Ich empfinde alles, was er sich traut, als Segen und bewundernswert.

Hat sich Ihr lustvolles "Spätes Leuchten" auch auf ihn übertragen?
Heller: Wir haben einfach musiziert, Musiker aus anderen Kulturen dazugeholt, auch Ferdinand, der sonst meistens an seinem Computer sitzt, hat eine gewisse Freude am gemeinsamen Musizieren mit Naturinstrumenten entwickelt. Es wurden schließlich sechzehn Songs. Wie es zum Titel kommt? Ich finde ihn schön, und er passt zu meinen 72 Jahren. Ob sich das Leuchten auf andere überträgt und das Werk von jenen im Licht dieses Leuchtens gut wahrgenommen werden kann, überlasse ich der Wirklichkeit. Aber so viel ist gewiss: Ich werde nicht auf Tournee gehen, das mute ich mir nicht mehr zu.

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