Zu wenig Geld, zu wenig Organisation: Was an Österreichs Universitäten falsch läuft

Die Studentenproteste werfen ein Schlaglicht auf die Zustände an Österreichs Universitäten: Sie sind teilweise desolat. Zur Sanierung benötigen sie zwei bis drei Milliarden Euro.

„Ich will in Ruhe studieren. Das Beste, das ich dafür tun kann, ist, hier zu sitzen“, sagt Sandra. Paradoxerweise sitzt die Jus-Studentin dabei nicht in einer Vorlesung, sondern im Audimax der Uni Wien, das so voll ist wie bei einer Einführungsvorlesung für angehende Juristen: Sie hat sich der Besetzung angeschlossen, mit der Studierende und mittlerweile auch eine Reihe von Lektoren und Dozenten gegen die Bedingungen an den österreichischen Unis protestieren. Auf der Bühne wird der Bologna-Prozess erklärt. Danach wird über Forderungen abgestimmt. Hoch angesetzt: mehr Geld, freier Hochschulzugang, Demokratisierung, Frauenquoten auf allen Ebenen. Die Protestbewegung, die vergangene Woche in der Akademie der bildenden Künste begann und nach und nach auf Hochschulen in ganz Österreich überschwappte, ist ohne Organisationen entstanden, basiert auf einem simplen Gefühl: „So geht es nicht weiter.“ Das wird von Studenten und immer mehr Lektoren geteilt: Österreichs Universitäten sind teilweise desolat. Das schlägt sich auch in internationalen Rankings nieder: Selbst die stets am besten abschneidende Hochschule, die Wiener Uni, fiel von Platz 115 (2008) auf Platz 132 (2009).

Geldmangel an allen Ecken und Enden
In einem Punkt sind sich Professoren und Studenten einig: Den Universitäten fehlt Geld. „Die USA geben für ihre öffentlichen Unis doppelt so viel aus wie Österreich“, sagt der Vorsitzende der Rektorenkonferenz Christoph Badelt – nach Gio Hahns Abgang nach Brüssel als Wissenschaftsminister im Gespräch. Trotz der Budgeterhöhungen der letzten Jahre gibt Österreich für Universitäten und Fachhochschulen nur 1,3 Prozent des BIP aus. EU-Richtwert sind 2 Prozent (siehe Grafik ) . Der Geldmangel der Universitäten ist an allen Ecken und Enden zu spüren – in den überfüllten Hörsälen, bei der Schlacht um Seminarplätze und bei einem Betreuungsverhältnis, das die österreichischen Unis in internationalen Rankings immer weiter nach unten sacken lässt. An der Wirtschaftsuniversität kommen auf jeden Professor 323 Studierende, an der Universität Wien sind es knapp 200. Kein Wunder also, dass viele aufgeben: Nur 22 Prozent derer, die in Österreich ein Studium beginnen, schließen es auch ab. Seit Abschaffung der Studiengebühren hat sich die Situation verschärft. „Damals wurde versprochen, dass den Universitäten der Ausfall ersetzt wird und zusätzlich 400 Millionen zur Verfügung gestellt werden. Das ist nicht geschehen“, klagt Alexander Van der Bellen, grüner Ökonomie-Professor an der Uni Wien. „Aus den versprochenen Weltklasse-Unis wurden aus Geldmangel Stätten der Provinzialisierung.“ Die ÖVP will daher die Studiengebühren so schnell wie möglich wieder einführen – und steht damit in krassem Widerspruch zu den Forderungen der Studentenbewegung und aller anderen Parteien. Eine Lösung ist derzeit nicht in Sicht.

Niedrige Akademikerquote
Noch-Wissenschaftsminister Hahn sieht zudem die hohe Zahl der Studierenden als Problem. Damit macht er sich in Zeiten der „Wissensgesellschaft“ allerdings doppelt angreifbar: Erstens hat Österreich eine der niedrigsten Akademikerquoten aller Industrieländer (siehe Grafik ) . Zweitens ist die Zahl der Studierenden seit dem Jahr 2000 nicht wesentlich gestiegen. Zählt man nur die Österreicher, studieren heute sogar weniger als im Jahr 2000 (siehe Grafik ) . Erst heuer, mit Wegfall der Studiengebühren, könnte die Zahl erstmals auf 300.000 steigen. Damit konzentrieren sich die derzeitigen Antworten der Politik auf ein einfaches Feindbild: die Deutschen. Derzeit nützen 17.400 deutsche Staatsbürger den freien Hochschulzugang in Österreich und stellen damit etwa sieben Prozent aller Hörer. Im Gegenzug studieren 4.225 Österreicher in Deutschland. Für die Studenten im Audimax sind die Deutschen allerdings keine Gefahr. „Selbst wenn die alle weg wären, es wäre immer noch nicht genug Platz – das ist ein Nebenproblem“, sagt Anglistik- und Jus-Student Benjamin Baczko. Einfachste Lösung wären Ausgleichszahlungen – in Skandinavien längst üblich.

Feindbild Bologna-System
Weiterer Stein des Anstoßes für die Studenten: der Bologna-Prozess, der die Universitäten EU-weit vereinheitlichen und damit für mehr Mobilität und Vergleichbarkeit sorgen soll. In Österreich bedeutete das die Teilung der Studien in Baccalaureat und Master – und die Bewertung jeder Prüfung mit „ECTS“-Punkten. Die an sich gute Idee krankt an ihrer Umsetzung, meint Sigrid Maurer von der ÖH: „Bologna bedeutet in der Praxis eine Verschulung der Uni, die freies Denken und Forschen verhindert.“ Besonders ärgerlich: Statt mehr Mobilität zu schaffen, ist es nun in machen Studienrichtungen schwieriger, ins Ausland zu gehen: Die Bewertung der Lehrveranstaltungen mit Punkten obliegt den einzelnen Staaten, in Deutschland sogar den einzelnen Bundesländern. Vergleichbarkeit und Anrechenbarkeit sind ferner denn je. Dazu kommt die mangelnde finanzielle Ausstattung. „Die Stipendien liegen derzeit weit unter der Armutsgrenze, ein Auslandsaufenthalt ist für viele schlicht nicht leistbar“, sagt Besetzerin Sophie Wollner, die selbst in Krakau studierte. Und das gilt nicht nur für Studenten, die ins Ausland gehen, bestätigt WU-Rektor Christoph Badelt: „Die Stipendien sind so niedrig, dass die Studenten neben dem Studium arbeiten müssen. Das verlängert die Studiendauer.“

Lektorensorgen und Forscherprobleme
Nach anfänglicher Skepsis haben sich in den letzten Tagen auch immer mehr Lehrende zu Wort gemeldet. „Wir haben in den Seminaren jetzt 60 bis 80 Studierende“, klagt Thomas Schmidinger, Obmann der IG freie LektorInnen, die sich mit den Protesten solidarisiert. „Dazu kommen extrem prekäre Arbeitsverhältnisse.“ Die freien Lektoren – an der Uni Wien um die 2.000 – haben weder Arbeitsplatz noch Arbeitsmaterial zur Verfügung und verdienen für eine Lehrveranstaltung mit einem Arbeitsaufwand von etwa 10 Wochenstunden knapp 1.800 Euro brutto pro Semester. „Davon kann niemand leben“, sagt Schmidinger. Die externen Lektoren sollen nun durch „Senior Lecturers“ ersetzt werden, die nicht selbst forschen. „Uninteressant“, sagt eine Studentin. Und erntet Applaus. Ähnlich düster sieht es bei Forschungsstellen aus. „Wegen der neuen Kettenvertragsregelung müssen sich Forscher nach drei Jahren einen anderen Job suchen oder ins Ausland gehen – unbefristet übernommen wird niemand, ins nächste Projekt kann ich sie nicht anstellen“, sagt eine Institutsleiterin von der Wiener MedUniversität, die aus Angst vor Repressalien nicht genannt werden will. „Ich verliere ständig die besten Leute und kann keine langfristige Forschung betreiben.“ Auch Professoren unterstützen die Proteste, gar ein Rektor: „Ich unterstütze die Proteste nach meinen Möglichkeiten“, rief Heinrich Schmidinger, Rektor der Uni Salzburg, in den besetzten Hörsaal 381. Wie auch immer die Studentenproteste weitergehen: Hahns Nachfolger im Ministerium hat eine Baustelle vor sich, die nur mit zwei bis drei Milliarden Euro oder mit unpopulären Maßnahmen von Eingangsprüfungen bis zu Studiengebühren zu sanieren ist. Und vielleicht muss er sich auch zu Amtsantritt einem vollen, besetzten Audimax stellen: „Wir haben nicht vor, zu gehen, unsere Forderungen sind nicht verhandelbar“, sagt eine Besetzerin. Es könnte eine langer Protest werden.

Corinna Milborn

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Christoph Kotanko, Korrespondent der Oberösterreichischen Nachrichten in Wien

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