Zersplittert und intransparent: Österreichs Gesundheitssystem krankt an vielen Stellen

Wen interessieren Systemfehler? Uns Patienten, denn viele wirken sich auf unsere Gesundheit aus.

Das System ist krank. Na und? „Wir haben eines der besten Gesundheitssysteme der Welt“, behauptet Gesundheitsminister Alois Stöger und wird von zahlreichen Ärzten, Experten und Patienten bestärkt. Tatsächlich gibt es, sofern man nicht gerade im Zahnarztstuhl oder bei der Physiotherapie sitzt, nur geringe Selbstbehalte. Und auch als älterer Mensch darf man in Österreich bei Bedarf auf eine neue Hüfte hoffen. Das System kostet Geld – rund 10 Prozent des BIPs gibt Österreich jährlich dafür aus. Kosten, die ja angeblich vor allem die Qualität sichern. Wären da nicht die Nebenwirkungen von manchen Systemfehlern, die sich negativ auf Ihre Gesundheit auswirken können.

Diagnose: Das System ist zersplittert, es gibt 400 Finanzströme. Das bedeutet für den Patienten unterschiedliche Leistungen – je nach Bundesland und Krankenversicherung. Ein Beispiel: Ein Frühgeborenes in Wien kann bei passender Diagnose mit seinen Eltern gleich nach der Geburt nachhause. Die Wiener Gebietskrankenkasse bezahlt für den Verleih des Monitoring-Systems, das die Familie zur Überwachung braucht. In Niederösterreich muss das Baby im Spital bleiben, weil die Kasse nicht bezahlt. Und Krankenhausaufenthalte haben immer auch Risiken.
Therapie: Die Finanzierung aus einem Topf. Damit würde zentral gesteuert werden, ­welche Leistung der Patient erhält, unabhängig von dem, der bezahlt.

Diagnose: Transparenz für den Patienten ist nicht vorgesehen. Bei der Spitalswahl sind Patienten auf Empfehlungen angewiesen. Steht etwa eine „Endoprothetik Schultergelenk“, also eine Schultergelenks-OP, an, fehlt eine Übersicht, welches Spital wie oft operiert und welche Erfolge es dabei hatte. Eine vertrauliche Studie von Roland Berger für die Landeskliniken-Holding NÖ zeigt etwa, dass die – nicht verpflichtenden – Zielwerte des Österreichischen Strukturplans für Gesundheit in sieben von 37 Bereichen zu 100 Prozent nicht erreicht wurden. Die „Schultergelenks-OP“ sollte 50-mal pro Jahr durchgeführt werden, aber keine der 13 Kliniken erfüllte die Vorgabe. Selten durchgeführte OPs erhöhen die Risiken für Patienten.
Therapie: Spezialisierung und Transparenz. Spitäler sollten sich spezialisieren, die Fall­zahlen veröffentlicht werden.

Diagnose: Es gibt keine unabhängige Qualitätskontrolle.
Die ÖQ-Med, die Österreichische Gesellschaft für Qualitätssicherung & Qualitätsmanagement in der Medizin, kontrolliert als 100-prozentige Tochter der Ärztekammer die Ärzte selbst. Die Vermutung, dass eher Ärzte- als Patienteninteressen verfolgt werden, liegt nahe. Vor allem wenn man als Beispiel einen Evaluierungs­fragebogen heranzieht: Auf Fragen wie etwa nach der Erreichbarkeit des Arztes sind als Antworten vorgegeben: „() ja (notwendiger Qualitätsstandard der ärztlichen Ordination) und () nein (löst einen Mängelbehebungsauftrag aus)“. Wer würde da freiwillig „nein“ ankreuzen?
Therapie: Eine unabhängige Qualitätskontrolle, von unabhängig bezahlten Ärzten.

Diagnose: Niedergelassene Ärzte werden nach Menge bezahlt.
Ein „normaler“ Arztbesuch: Blut­druckmessen, kurze Beratung, ein Medikament wird verschrieben, drei Wochen später ein Kon­trolltermin. Der Arzt erhält für jede Einzelleistung einen geringen Betrag – unabhängig davon, ob sich beim Patienten eine Besserung einstellt oder nicht. Das System verleitet zur Drei-Minuten-Medizin: Quantität, also viele Patienten mit vielen Behandlungen zu versorgen, geht vor. Qualität wird nicht honoriert. Ärzte, die sich für ihre Patienten Zeit nehmen, bekommen so viel, wie jene, die oberflächlich arbeiten.
Therapie: Pay for Performance. In England wird die Qualität in das Honorar niedergelassener Ärzte einbezogen: Neben der optimalen Behandlung spielt auch die Patientenzufriedenheit eine Rolle.

Diagnose: E-Health steckt noch in den Kinder­schuhen.
Handschriftliche Aufzeichnungen sind Fehlerquellen. Wie Empfehlungen von Arzt zu Arzt weitergegeben werden, kann sehr unterschiedlich aussehen. Und dramatische Folgen haben, wie die FORMAT vorliegende Geschichte ­einer älteren Patientin zeigt: Ein Krankenhaus-Arzt listete bei ihrer Entlassung nach ­einer OP ein Dutzend Medi­kamente auf, handschriftlich, unübersichtlich, schwer leserlich. Der Hausarzt versuchte für die Angehörigen der Patientin Ordnung in die Liste zu bringen, wieder handschriftlich. Dabei passierte der Fehler: Aus „einmal wöchentlich“ wurde „einmal täglich“. Mit fatalen Folgen: Die Patientin starb an der Überdosierung.
Therapie: Mit der Elektronischen Gesundheitsakte oder einem korrekt ausgefüllten E-Formular böten solche Schnittstellen weniger Fehlerquellen.

Martina Madner

PRO-GE Bundesvorsitzender Rainer Wimmer

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