Wladimir Putin und die Psychologie der Macht [Essay]

Wladimir Putin ist weder "plötzlich verrückt" geworden noch "dumm". Er ist ein brutaler Machtpolitiker, der seine Ziele so schnell nicht aufgeben wird, analysiert Führungskräfte-Coach Michael Schmitz.

Das eiskalte Gesicht der Macht: Wladimir Putin bei der Eröffnung der Olympischen Winterspiele am 4. Februar 2022 in Peking, gut zwei Wochen vor dem Angriff auf die Ukraine.

Das eiskalte Gesicht der Macht: Wladimir Putin bei der Eröffnung der Olympischen Winterspiele am 4. Februar 2022 in Peking, gut zwei Wochen vor dem Angriff auf die Ukraine.

Wladimir Putin ist nicht plötzlich verrückt geworden. Was er treibt und was ihn antreibt, hat Methode. Zu erkennen ist sie, wenn man die Psychologie der Macht versteht.

Den Krieg gegen die Ukraine führt er mit Ansichten und Absichten, die er seit Jahren offen kundgetan hat. Auf die Frage, wie es so weit kommen konnte, ist zu antworten: Weil Europäer und Amerikaner nicht ernst genommen haben, was Putin wieder und wieder erklärt hat, und weil sie nicht begriffen haben, was ungebremste Macht mit Menschen machen kann.

Die Erweiterung der NATO 1999 (mit Polen, Ungarn und Tschechien) sah Putin als bedrohliche Erschütterung der Machtarchitektur. Als er 2000 die Macht im Kreml übernahm, ging es ihm sogleich um die Wiederherstellung alter russischer Stärke. Deshalb intervenierte er militärisch in Georgien, eroberte die Krim, verfolgt und liquidiert Oppositionelle. Europäer und Amerikaner taten dagegen nichts, was Putin hätte einbremsen können. So lernte er, dass er ungestraft machen kann, was er will. Wenn heute die "Süddeutsche Zeitung" in einem Leitartikel Putins Krieg damit erklärt, dass er schlicht "dumm" sei, ist das eine sehr dumme Behauptung. Sie ignoriert die Logik der Macht und die Dynamik der Machtblöcke. Karl Schwarzenberg erkannte bereits 2014 "das Ende der Friedensepoche". Er sagte voraus, dass die Toleranz gegenüber Putins Rechtsbrüchen ihn nur zu weiteren Rechtsbrüchen ermuntert. Schwarzenberg warnte ausdrücklich vor einer Invasion der Ukraine. Regierungen in Europa und Amerika wollten es nicht wahrhaben.



Amerikaner und Europäer haben Putins zunehmender Übergriffigkeit nicht wirksam gekontert.

Putin ist krank", meint Vitali Klitschko, der Bürgermeister von Kiev und ehemalige Boxweltmeister im Schwergewicht. Wir sehen Putin neuerdings mit wirrem Blick und merkwürdig aufgedunsenem Gesicht. Er muss spürbar damit kämpfen, Wut im Zaum zu halten. Auffälligkeiten, aber keine klinischen Belege für eine psychiatrische Erkrankung. Mit psychiatrischen Kategorien kommen wir Putin nicht auf den Grund. Hobbypsychologen haben für ihn schnell das Label "Narzisst" parat. Damit kommt uns auch die CIA, ihr "Zentrum für die Analyse von Persönlichkeit und politischem Verhalten". Putins Demonstrationen von Stärke und Macht sollten "seine unterschwellige Unsicherheit" kompensieren, heißt es. Das ist Küchenpsychologie.

"Narzissmus" ist überhaupt eine zweifelhafte Kategorie. Narzissten gibt es viele. Gerade in der Politik und in der Wirtschaft. Sie meinen, die Welt kreise um sie, und nur sie wüssten, was richtig und falsch, gut oder schlecht ist. So überzeugt von sich, setzen sie sich in Machtgefügen eher durch als nachdenkliche Menschen, die sich und ihre Ansichten auch selbst in Frage stellen. Es gibt "produktive" und "destruktive Narzissten", differenziert der Analytiker Michael Mac-Coby. Die destruktiven richten Schaden an wie auch Donald Trump. Sie können gefährlich werden.

Doch Narzissmus führt nicht geradewegs in Destruktion und schon gar nicht zu Kriegstreiberei und Massenmord wie bei Putin. Ob oder wie sehr sich der Kreml-Herrscher tatsächlich bedroht fühlt - vom Westen, von der EU, der NATO -, wissen wir nicht. Weil wir meinen, es gebe für ihn und Russland keine wirkliche Bedrohung, neigen Kreml-Deuter dazu, die Wahrnehmung einer Bedrohung nicht gelten zu lassen und Putin als paranoid zu bezeichnen. Das ist krude Individualpsychologie. Tatsache ist, dass gerade die Amerikaner sich seit dem Zerfall der Sowjetunion als Sieger der Geschichte verstehen und aufführen - und die Russen damit als Verlierer düpieren. So sind sie mit Ausnahme einer kurzen Clinton-Periode schnell über russische Anliegen hinweggefahren. Barack Obama mit besonderer Nonchalance, indem er Russland nur noch als leichtgewichtige "Regionalmacht" qualifizierte. Das Paradox dieser Politik: Amerikaner und Europäer haben sich nicht ausreichend um einen Ausgleich der Ost-West-Interessen bemüht und gleichzeitig Putins zunehmender Übergriffigkeit nicht wirksam gekontert. Gerade die Europäer, allen voran die Deutschen, setzten auf profitable wirtschaftliche Beziehungen, ohne zu begreifen, wie Macht funktioniert.



Brutale Machtpolitiker lassen sich nur durch Gegenmacht einbremsen.

Brutale Machtpolitiker sind - so tautologisch das klingen mag - brutale Machtpolitiker. Einbremsen lassen sie sich nur durch Gegenmacht. Von Max Weber stammt der scharfsinnige Hinweis: "Wer Politik treibt, erstrebt Macht. Macht entweder als Mittel im Dienst anderer Ziele - idealer oder egoistischer - oder Macht um ihrer selbst willen: um das Prestigegefühl, das sie gibt, zu genießen." Das gilt für die Politik generell, nicht nur für autoritäre Regime.

Wenn Menschen in Machtpositionen gelangen, werden Machtgelüste verstärkt. Macht, zeigen psychologische Studien, verändert Denken und Fühlen. Vor allem, wenn Macht keine Grenzen gesetzt werden. Dann beginnt der Machtrausch. Wer in Machtpositionen gelangt, sieht das als Beleg eigener Überlegenheit. Als Beweis, klüger und durchsetzungsfähiger zu sein als andere. Dadurch werden Machtansprüche verstärkt. Mächtige entwickeln zu Mitmenschen ein funktionales Verhältnis. Für sie zählt in erster Linie deren Nützlichkeit. In der Psychologie wird dies als "Objectification" bezeichnet - Menschen werden zu Objekten degradiert. So entsteht keine Empathie. Eigene Ansprüche haben Vorrang, Privilegien gelten als selbstverständlich. Wo Machtkontrolle besteht, gibt es dafür eher Beschränkungen. Aber Machtkontrolle setzt auch in Demokratien oft aus. Putin muss sich damit nicht abmühen. In seinem Reich kontrolliert allein er die Macht. Bisher.

Zu tarnen und zu täuschen, gehört bei Mächtigen zum normalen Verhaltens- Repertoire. Wir können es Machttaktik nennen. Eigene egoistische Ambitionen sollen nicht aufscheinen. Das wissen alle Mächtigen. Sie behauptet, alles nur zum Wohle des Volkes (oder von Mitarbeitern) zu tun. Da ist Putin Mainstream. Er leugnet, dass es ihm um seine Herrschaft geht. Das Vermögen, das er an sich gerafft hat, den Luxus, versucht er, gut zu verstecken.



Es ist zu befürchten, dass Putin noch brutaler vorgeht.

Mächtige sind die besseren Lügner. Das sehen wir nicht nur bei Putin. Lüge gehört zur Macht. Forscher der Universität Columbia konnten es in einer Reihe von Untersuchungen nachweisen. Auch Mächtige sagen, es sei nicht in Ordnung, zu lügen. Doch der Umgang mit der Unwahrheit ist bei ihnen oft völlig anders. Machtlose Lügner plagt ein schlechtes Gewissen, und sie werden nervös. Mächtige bleiben kühl. Sie erfinden unbefangen Geschichten, mit denen sie ihre Lügen verschleiern. Sie stellen sich als selbstlos dar und machen wie Putin aus Opfern Täter. Eigene Schuld an Konflikt und Konfrontation weisen sie von sich. Ganz ruhig. Das demonstrierten die Columbia-Forscher sogar durch Untersuchungen von Kortisolwerten. Kortisol ist ein Stresshormon. Bei Lügnern ohne Macht schossen Kortisolwerte nach oben. Mächtige Lügner zeigten keine hormonelle Reaktion. Sie wirkten nicht nur, sie blieben tatsächlich gelassen. Auch waren sie besser in der Lage, bei diversen Tests konzentrierter zu arbeiten und Aufgaben besser zu lösen. Mächtige bleiben konsequenter bei ihren Zielen, lassen sich nicht abbringen - sofern sie nicht starker Widerstand blockiert.

Auch wenn Putin seine Ziele in der Ukraine nicht so schnell und einfach erreichen kann, wie es sich das vorgestellt haben mag, gibt er sie nicht auf. Eher ist zu befürchten, dass er noch brutaler vorgeht. Der Westen hat ihn zu lange nicht ernst genommen, diplomatisch ungeschickt agiert und ihm - als es darauf angekommen wäre - nicht ausreichende Macht entgegengesetzt. Jetzt gibt es nur noch die Möglichkeit, die Ukraine so schnell und so stark wie möglich aufzurüsten, humanitär zu unterstützen und gegen Russland härteste Sanktionen zu verhängen. Die Psychologie und die Dynamik der Macht müssen verstanden werden.


Der Autor

Michael Schmitz

Michael Schmitz

MICHAEL SCHMITZ ist Coach für Führungskräfte und Teams. Der Autor mehrerer Sachbuchbestseller studierte Psychologie in Duisburg, Wien und Chicago sowie an der Harvard Business School Management und Leadership.


Der Artikel ist der trend. PREMIUM Ausgabe vom 11. März 2022 entnommen.

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