"Wir gieren nach Skandalen"

"Wir gieren nach Skandalen"

Der deutsche Kommunikationsforscher Hans Mathias Kepplinger analysiert die Mechanismen aktueller Affären und die Wirkung von Skandalberichterstattung auf Justizurteile.

FORMAT: Sie untersuchen die Umstände, wie Missstände zu medial inszenierten Skandalen werden. Was sind die Voraussetzungen für eine skandalträchtige Story?

Hans Mathias Kepplinger: Ein Missstand ist ein Ereignis oder Faktum, das allgemeine Empörung auslöst. Über 90 Prozent der Missstände wird regional oder überregional berichtet, aber nur 10 bis 15 Prozent davon werden zu Skandalen. Denn ein Skandal braucht eine oder mehrere Personen, die verantwortlich sind. Deren Handeln muss eigennützig sein, und sie müssen auch die Möglichkeit gehabt haben, anders zu entscheiden.

Was passiert, wenn niemand schuld ist?

Kepplinger: Dann reagiert die Öffentlichkeit mit Mitleid. Ist hingegen ein Schuldiger identifiziert, schlägt das Mitleid in Empörung um. Das sieht man gut am Beispiel Kaprun. Zunächst sah es nach unglücklichen Umständen aus, und es überwog das Mitleid mit den Betroffenen. Als sich Wartungsfehler herausstellten, waren die vermeintlich Schuldigen mit einem Skandal konfrontiert.

Welche Folgen und Auswirkungen haben Mitleid oder Empörung?

Kepplinger: Früher haben bei unerklärbaren Ereignissen wie Erdbeben die Kirchen profitiert. Heute sind die NGOs die Nutznießer von Skandalen. Etwa im Umweltbereich, wo Greenpeace, WWF etc. monetären Zulauf haben.

Und bei Skandalen in der Politik?

Kepplinger: Auch da profitieren NGOs wie etwa Transparency International.

In Österreich werden gerade politische Skandale wie etwa der Abfangjäger-Deal aufgearbeitet. Welche Mechanismen beobachten Sie hier?

Kepplinger: Die nachträgliche Bearbeitung dieser Skandale hat aktuelle Machtkonflikte zur Folge. Beim Eurofighter geht es um sogenannte instrumentelle Aktualisierung - das heißt, es werden die früheren Verfehlungen für Machtpolitik der Gegenwart genutzt. Für Medien besteht die Kunst darin, immer neue Informationsbruchstücke als Enthüllungen zu verteilen und zu verkaufen.

Welche Verfehlungen haben besonderes Skandalpotenzial?

Kepplinger: In Österreich und Deutschland geht es extrem häufig um Korruption und um geldwerte Vorteile in der Politik. Dabei sind die Beträge in Österreich höher als in Deutschland - bei Ex-Bundespräsident Christian Wulff wurden etwa nur einige 10.000 Euro über ein paar Jahre verteilt gezahlt. In Österreich geht es im Politikumfeld um viel mehr Geld. In anderen Ländern gibt es ganz andere Aufreger. So spielt in Frankreich der nationale Stolz eine große Rolle, in den USA und in England sind es vielmehr sexuelle Verfehlungen von Politikern. In den USA ist auch der Respekt vor Geldverdienern viel größer - kaum einen Banker hat dort die Finanzkrise den Kopf gekostet.

Die meisten Skandale kommen durch Informanten ans Licht. Was sind deren Motive?

Kepplinger: Konkurrenz, Rache, Wettbewerbsgründe. Also nicht immer die lautersten Motive.

Warum kochen manche Skandale enorm hoch, während andere nach kurzem Strohfeuer verlöschen?

Kepplinger: Ein Skandal wird eine medial transportierte Story nur dann, wenn sie von anderen Medien aufgegriffen wird. Und zwar innerhalb von 14 Tagen. Medien sind übrigens gut beraten, nicht gleich alles Wissen um einen Skandal zu verpulvern. Man muss portionieren, um nachlegen zu können.

Gibt es Unterschiede in der Wirksamkeit von Skandalen zwischen Onlinemedien und Zeitungen oder Magazinen? Mittlerweile tummeln sich ja Heerscharen von Privatreportern im Internet.

Kepplinger: Nur wenn traditionelle Medien eine Story aufgreifen, kann sie zum Skandal werden. Die Reichweiten des Internets sind dafür zu gering. Das Netz hat keine Chance gegen die Auflage der "Bild“-Zeitung oder des "Spiegel“.

Viele Skandale haben ein gerichtliches Nachspiel. Welchen Einfluss hat die Berichterstattung auf die Entscheidungen der Justizbehörden?

Kepplinger: Auf die Schuldfrage nur einen geringen. Wir haben weit mehr als 1.000 Richter, Staatsanwälte und Verteidiger befragt. Das Ergebnis: Die Schuld hängt schlicht von der Beweislage ab. Allerdings geben 40 Prozent der Befragten an, dass die Berichterstattung Einfluss auf die Höhe der Strafe hat beziehungsweise darauf, ob Bewährung gewährt wird oder nicht. Das hängt damit zusammen, dass das Recht auch eine Befriedigungsfunktion hat. Die Öffentlichkeit möchte ihre Meinung im Strafausmaß wiederfinden. Es zeigt sich auch, dass Berichterstattung, die zwischen erster und zweiter Instanz kippt und die Beteiligten in anderem Licht darstellt, Einfluss im Rechtsmittelverfahren hat.

Skandalbeteiligte wittern oft die Chance auf Rampenlicht. Was sind die Folgen?

Kepplinger: Bei Zeugen wird das sehr deutlich. Es gibt Zeugen, die dramatischer formulieren, um ihre mediale Präsenz zu steigern. Andere fürchten die Medien und drücken sich vor Aussagen oder bleiben unkonkret. Dadurch kann sich natürlich die Beweislage im Verfahren ändern.

Manche Zeugen können vor Gericht nicht mehr zurück, wenn sie bereits vorher medial harte Aussagen getätigt haben.

Kepplinger: Genau. Außerdem bieten Medien manchmal Geld für Unterlagen. Das ändert das Kräfteverhältnis entscheidend - denn Staatsanwälte können Zeugen kein Geld bieten. Allerdings spielen auch Staatsanwälte zumindest in Deutschland oft Akten den Medien zu, um ihre Chancen im Prozess zu verbessern. Anders formuliert: Die Staatsanwaltschaften haben ihre Medienarbeit ausgebaut.

Warum sind Skandale bei Medien so begehrte Themen der Berichterstattung?

Kepplinger: Die Menschen sind zu einem guten Teil gierig nach Tod und Leid. Warum fahren Autofahrer an Unfällen im Schritttempo vorbei und gaffen? Das ist ein ähnliches Phänomen. Oder das wiederholte Betrachten der Flugzeugeinschläge in die Twin Towers. Das bringt keine Information, sondern wird als ästhetischer Genuss wahrgenommen. Der Großteil der Bevölkerung ist zumindest partiell so programmiert, sich am Leid des anderen zu freuen.

Zur Person: Der Politik- und Kommunikationswissenschafter Hans Mathias Kepplinger war in Harvard und Berkeley tätig und hält derzeit eine Professur in Mainz. Seine Publikationen umfassen Themen wie Wirkung von Massenmedien oder Macht und Moral in der öffentlichen Meinung. Zuletzt war Kepplinger auf Einladung der Litigation-PR-Spezialisten Schneider Minar Jenewein in Wien.

Peter Pelinka

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