"Wir sind Italien noch zwei Wochen voraus"

Nach Tauziehen um die richtige Strategie machen Kurz und Anschober das Land nun gemeinsam dicht. Den letzten Anstoß gaben explodierende Todesraten und eine Horror- Prognose: CORONA könnte zwei Drittel der Bevölkerung befallen.

Thema: Politik Backstage von Josef Votzi
"Wir sind Italien noch zwei Wochen voraus"

Wer dieser Tage mit Unternehmern und Managern redet, wird mit einer einhelligen Botschaft konfrontiert: Corona ist ein Medienvirus und in Wahrheit nicht mehr als eine stärkere Grippewelle. Alles andere sei pure Angstmache, die wirtschaftlich weitaus größeren Schaden verursache.

Ein Virus, zwei total konträre Welten: Dienstag Mittag war am Ballhausplatz ein Corona-Krisengipfel angesagt. Kanzler Kurz, Gesundheitsminister Anschober und Innenminister Nehammer riefen erste Schritte zum Shut-down des Landes aus: Einreiseverbot für Italiener, Aus für die meisten Freizeitvergnügen, Sperre der Universitäten und bald auch der Schulen. Was treibt die Politik angesichts von bislang ein paar Hundert nachgewiesenen Corona-Fälle, mit derart drastischen Maßnahmen zu reagieren? Lässt sich hier ein ganzes Land tatsächlich von einer "absurden Hysterie" (IV-Präsident Georg Kapsch) treiben?


Anstoß zum Abpfiff


Der letzte Anstoß zum Shut-down kam Montag aus Italien. Nach der wochenlangen Sperre des Nordens rief Ministerpräsident Giuseppe Conte eine totale Bewegungssperre im ganzen Land aus. Zwischen Kurz und Anschober glühten bis Dienstag drei Uhr früh die Telefondrähte. Ein Verbotsszenario lag zwar in der Schublade. Die Grenzen für Veranstaltungsverbote (100 für Indoor, 500 für Outdoor) wurde aber erst jetzt fixiert. Im Kanzlerstab hatte man bis zuletzt das Gefühl, Anschober stehe bei radikalen Gegenmaßnahmen auf der Bremse und bringe zu oft den Grippe-Vergleich ins Spiel.

Im Anschober-Ministerium wiederum legt man weiterhin Wert darauf, faktenbasiert und nicht meinungsumfragenorientiert zu entscheiden.

Das Shut-down-Paket tragen nun alle mit -auch wenn sich Kurz eine indirekte Spitze Richtung Anschober dieser Tage nicht verkneifen konnte: "Hören wir auf, das Coronavirus mit der Grippe zu vergleichen. Das Coronavirus verbreitet sich viel schneller, die Sterblichkeitsrate ist höher. Wir brauchen diese verniedlichenden Vergleiche nicht."


Sorge in Europa


In den Krisenstäben ganz Europas kursiert seit Tagen eine Zahl, die für Alarmstimmung sorgt. Die Virologen rechnen damit, dass in den kommenden Wochen bis zu 70 Prozent der Bevölkerung von Corona infiziert sein könnten. Auch im österreichischen Krisenstab heißt es daher: Die Ausbreitung des Virus ist ab sofort mit allen Mitteln einzudämmen.

Dort sitzen nicht nur Virologen, sondern auch Ärzte, die um die beschränkten Kapazitäten an Intensivbetten und Beatmungsgeräten wissen. Schwerwiegende Fälle unter den derzeit mehr als 100.000 Grippekranken fordern die Krankenhäuser bereits heraus. Dazu kommt die Erfahrung, dass das besonders aggressive Virus auch das Personal ganzer Spitalsabteilungen über Nacht lahmgelegen kann. Als größte Gefahr orten die Krisenstäbe daher nicht allein das Virus, sondern den Zusammenbruch des Gesundheitssystems -sprich: dass Spitäler, Ärzte und Schwestern nicht mehr in die Lage sind, die vielen Kranken, die beatmet werden müssen oder Intensivmedizin brauchen, ausreichend zu versorgen. Bricht das Gesundheitssystem zusammen, stehen bald auch das politische System und die dafür Verantwortlichen in Frage.

Das alles ließ nach Rom auch in Wien die Alarmglocken klingeln. Selbstquarantäne für Corona-Verdachtsfälle reicht nicht mehr. Ab sofort ist soziale Quarantäne angesagt. Denn bei jüngeren Virusträgern bricht die Krankheit oft gar nicht aus. Das fördert die massenhafte Verbreitung des Virus durch nur äußerlich Gesunde und wird zur zunehmenden Gefährdung für ältere Menschen. Sie sind für einen schweren Krankheitsverlauf anfällig und lassen - wie zuletzt in Italien -die Todesraten sprunghaft ansteigen.

Eine internationale Statistik, Stand 3. März, zeigt:

  • In der Altersgruppe von zehn bis 39 Jahren liegt die Todesrate bei 0,2 Prozent der Corona-Fälle.
  • Bei den 60-bis 69-Jährigen liegt die Todesrate bereits bei 3,6 Prozent.
  • Sie verdoppelt sich bei über 70-Jährigen auf acht und vervierfacht sich bei über 80-Jährigen auf 14,8 Prozent.
  • Bei unter Zehnjährigen gibt es keine einzige Meldung von Todesfällen.

Den Durchbruch zu drastischen Maßnahmen beschleunigte die Tatsache, dass sich die Zahl der Toten in Italien zuletzt täglich in Hunderterschritten verdoppelte. "Wir haben noch zwei bis drei Wochen Vorsprung vor Italien", so die regierungsinterne Parole, "den müssen wir nutzen."

Dass der grüne "Mr. Corona" Rudolf Anschober, der als Gesundheitsminister für den Vollzug des Epidemiegesetzes verantwortlich ist, nur noch selten allein auftreten kann, spielt angesichts der neuen dramatischen Lage nur noch eine Nebenrolle. "Dass sich der Kanzler gerne inszeniert, ist ja kein Geheimnis", sagt ein Spitzengrüner, "aber es soll uns nichts Schlimmeres passieren, als dass bei einer solchen Krise der türkise Regierungschef einen grünen Minister unterstützt."


Politischer Impfstoff


Denn die richtigen Dosierung des politischen Gegenmittels für das Virus bleibt für alle Beteiligten ein Drahtseilakt. Mit Einreiseverboten und Grenzkontrollen ist bei der großen Mehrheit der Österreicher politisch etwas zu gewinnen. Die Absage von Fußballspielen, Popkonzerten, Zeltfesten, Theater-und Musikabenden und ähnlichem wird nicht allerorten auf Applaus stoßen.

Kurz weiß das, er wirbt daher, wo immer er kann, mit sehr persönlichen Worten um Verständnis für die dramatische Wende in der Corona-Politik. Im Kanzleramt geht dieser Tage so auch sein externer Berater Stefan Steiner wieder täglich aus und ein. Auf den Rat seines Masterminds konnte sich Kurz seit zehn Jahren bislang erfolgreich verlassen.

Ein Virus, drei unterschiedliche Therapie-Welten: Im Coronastress werden im Krisentrio der Regierung auch die höchst unterschiedlichen Charaktere noch schärfer sichtbar. Sebastian Kurz läuft in Tagen wie diesen als begnadeter Vereinfacher und "Mr. Hausverstand" zu Höchstform auf.

Etwa, wenn er ein Bilderbuch-Beispiel für perfekte politische Kommunikation liefert. Bei der Präsentation des "Knallhart-Pakets" erzählt Kurz scheinbar beiläufig: Er habe heute ein Mitglied des Krisenstabes besonders gelobt. Dessen Erwiderung habe ihn erst erstaunt, dann sehr beeindruckt: Bei den notwendigen Maßnahmen gegen Corona habe dieser immer seine 70-jährige Mutter vor Auge. Ältere Menschen wie sie seien besonders gefährdet. Daher gehe es darum, wie man am meisten gefährdeten Menschen wie sie am besten schützen kann.


Auf Distanz gehen.


Rudolf Anschober wird auch bei der gefühlt 50. Corona-Pressekonferenz nicht müde, so sachlich wie möglich, aber auch so eindringlich wie nötig zu erklären: Was das Virus gerade wo anrichtet, warum dennoch keine Panik angebracht ist und wie sich jeder noch besser schützen kann. Typischer Anschober- Sager; "Hände geben: Lassen wir das für eine Zeit lang. Wir brauchen Zusammenhalt, aber eine gewisse Distanz im Umgang miteinander."

Karl Nehammer gibt mehr denn je den Sheriff der Nation. Die Frage, wie etwa Verstöße gegen Veranstaltungsverbote geahndet werden, erwidert der Polizeiminister knapp: "Das ist ein Straftatbestand." Für betroffene Veranstalter gebe es keine Entschädigung, "denn ein Virus ist höhere Gewalt."

Der Ton Nehammers ist auch Sebastian Kurz in diesem Fall zu nüchternmartialisch. Er ergänzt seinen früheren Parteigeneral ungefragt abfedernd: Auch von Verboten betroffene Veranstalter könnten die -für Härtefälle eingerichtete -Kreditgarantie oder das Angebot staatlich geförderter Kurzarbeit in Anspruch nehmen.

Was hinter den Kulissen im Krisenstab immer stärker bewegt, ist der Umgang mit dem Virus beim größten Nachbarn, Deutschland.

Der deutsche Gesundheitsminister Jens Span stößt mit dem dringenden Wunsch nach drastischeren Maßnahmen zunehmend verzweifelt an Grenzen. Er kann nur mit Appellen regieren, denn in der Bundesrepublik Deutschland haben die Länder im Krisenfall weitaus mehr zu reden als in Österreich. In Bayern waren zuletzt zwar Großveranstaltungen ab 1.000 Personen bereits untersagt, in Berlin etwa nicht. "Wir hoffen, dass Deutschland das in den Griff kriegt," sagt ein Krisenstabler.


Der Autor

Josef Votzi ist einer der renommiertesten Politikjournalisten des Landes. Der Enthüller der Affäre Groër arbeitete für profil und News und war zuletzt Politik- und Sonntagschef des "Kurier". Für den trend beleuchtet er wöchentlich Österreichs Politik.

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