"Wir geben das Geld derart falsch aus, als gäbe es kein Morgen mehr"

"Wir geben das Geld derart falsch aus, als gäbe es kein Morgen mehr"

FORMAT: Wie beurteilen Sie die Situation Österreichs im Forschungsbereich?

Hannes Androsch: Wir blicken auf eine beträchtliche Zahl von Jahren der Dynamik im Forschungsbereich, in der Zunahme der Forschungsquote, im Bereich der Innovation zurück. Im Herbst 2008 – Stichwort: Finanzkrise – wurde dann mehr oder weniger auf Stagnation geschaltet, mit dem Ergebnis, dass sich die ökonomische Wettbewerbsfähigkeit Österreichs seit dem Krisenjahr 2009 nicht nur nicht verbessert, sondern sogar leicht verschlechtert hat, wie der Vergleich entsprechender internationaler Rankings zeigt.

Wie kann Österreich zu einer führenden Innovations-Kraft in Europa werden?

Androsch: Dazu braucht es neben sinnvollen strukturellen Maßnahmen, etwa der Beseitigung von Doppelgleisigkeiten, entsprechende finanzielle Mittel, die in den Bereichen Bildung und Forschung investiert werden. Die Regierung hat sich in ihrer FTI-Strategie durchaus die richtigen Ziele gesetzt, darunter die 3,76 Prozent Forschungsquote im Jahr 2020. Doch in der Umsetzung dieser Ziele geht es nur schleppend voran. Dass es einen Konsolidierungsbedarf in den öffentlichen Haushalten und im Bundesbudget gibt, ist unbestritten und wird von unserer Regierung auch mehr schlecht als recht wahrgenommen. Nur braucht es auch das Verständnis, dass man ohne Wachstum, ohne Strukturreformen, dieses Ziel nicht erreichen wird können. Der frühere deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder und der frühere EU-Kommissionspräsident Jacques Delors haben in einem Artikel in der „Herald Tribune“ diese notwendige Trinität von Maßnahmen dargelegt. Mit der derzeit betriebenen, einseitigen Austerität ohne Tempolimit sind die Ziele nicht zu erreichen und müssen bei der Jugendarbeitslosigkeit katastrophale Kollateralschäden zur Folge haben. Konkret sollte Österreich auf den Tugendpfad der Forschungsfinanzierung zurückkehren. Dabei geht es nach unseren Berechnungen und jenen des Wirtschaftsforschungsinstituts um jährlich zusätzliche 300 Millionen.

In welchen Sektoren sehen Sie derzeit die größten Chancen Österreichs, sich als Innovation-Leader zu etablieren?

Androsch: Wie der Forschungsrat festgestellt hat, ist besonders der Unternehmensbereich positiv zu bewerten, mit Ausnahme einiger bekannter Schwächen, etwa im wissensintensiven Gründungsbereich und bei der Risikokapitalintensität. Wir haben eine Vielzahl an sehr innovativen und damit gut aufgestellten Unternehmen in unterschiedlichsten Bereichen, zum Beispiel in Mechatronik, in der chemischen Industrie, in den Informations- und Kommunikationstechnologien, oder der Umwelt- und Energietechnik, um nur einige wenige zu nennen. Doch diese Unternehmen brauchen, um weiter erfolgreich sein zu können, nicht nur eigene Anstrengungen in Forschung und Entwicklung, sondern auch neue Erkenntnisse und Ergebnisse aus der Grundlagenforschung, vor allem aber hervorragend ausgebildete Menschen. Hier gibt es einiges zu tun, weshalb das Thema „Bildung“ auf der Tagesordnung bleiben wird.

Sie kritisieren die „Zukunftsvergessenheit“ Österreichs in Verbindung mit den Pensionszuschüssen. Setzt Österreich seine Zukunft aufs Spiel?

Androsch: Tatsache ist, dass wir unser Geld in Bereichen einsetzen sollten, die unsere Zukunft sichern, vor allem in Bildung, Forschung und Innovation. Wenn wir vor ein paar Wochen erleben mussten, wie aus populistischen Gründen eine unsinnige Erhöhung der Pendlerpauschale von 120 Millionen möglich war, oder wenn man sich daran erinnert, dass 2008 die Hacklerregelung hätte auslaufen sollen und sie dann im letzten Augenblick doch verlängert wurde – mit kumulierten 1,7 Milliarden pro Jahr in den Budgetausgaben –, dann ist das sehr ärgerlich. Und wenn ich mir noch die verzockten Milliarden bei Ländern und Kommunen anschaue – also dass es am Geld fehlt, kann mir niemand erzählen, doch es wird nicht richtig eingesetzt. Das meine ich mit „Zukunftsvergessenheit“. Wir geben das Geld derart falsch aus, als gäbe es kein Morgen mehr.

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