WikiLeaks: Die Stunde der Hacker

WikiLeaks inside: Wie die Internet-Aufdeckerplattform funktioniert und welche Folgen die jüngsten Enthüllungen haben werden.

Der 28. November 2010 wird in die Geschichte eingehen. Denn wann zuvor ist es einer einzelnen Organisation, einem kleinen Häuflein Freiwilliger, gelungen, Diplomaten und Regierungsvertreter rund um den Erdball in Schockstarre zu versetzen und zugleich die einzig verbliebene Supermacht zu blamieren? Seit die Enthüllungsplattform WikiLeaks und ihr Anführer Julian Assange mithilfe großer Medien begonnen haben, eine Viertelmillion US-Botschaftsdepeschen zu veröffentlichen, kocht die Debatte über Nutzen und Gefahr totaler Transparenz wie nie zuvor. Aber wer steckt hinter WikiLeaks? Wie arbeitet die Plattform, wer unterstützt die Aufdecker? Und vor allem: Welche Folgen könnten gnadenlose Enthüllungen in Politik und Wirtschaft nach sich ziehen?

Mysteriöses Netzwerk

Auch wenn WikiLeaks-Gründer Assange dieser Tage medial präsenter ist denn je: Vier Jahre nach der ersten Veröffentlichung auf seiner Plattform ist nach wie vor unklar, wer seine Partner und Mitstreiter sind. Nach außen hin gibt es nur ihn, smart und angriffig, überarbeitet, aber von seiner Mission überzeugt. Assange selbst spricht von fünf festen Mitarbeitern, die über die Welt verteilt sitzen, sich über verschlüsselte Chats unterhalten und ihre Identität selbst gegenüber den 40 engeren freiwilligen Mitarbeitern geheim halten sollen. Das weitere Netzwerk soll bis zu 800 Freiwillige umfassen und hilft, die anonym zugespielten Dokumente zu ordnen und online zugänglich zu machen. Seit Oktober ist das Hochladen jedoch nicht mehr möglich. „Wir haben zu viel Material“, sagte Assange kürzlich dem US-Magazin „Forbes“ und kündigte weitere Enthüllungen an, die dies mal eine Bank – angeblich die Bank of America – betreffen sollen.

Diese Datensammlungen werden auf verschiedenen Servern gespiegelt, damit das Material auch dann nicht verloren geht, sollte WikiLeaks gezwungen sein, seine Server zu schließen. Assange legt fest, welche Datensammlungen überprüft und dann veröffentlicht werden sollen. Die Prüfung übernehmen ungenannte Anwälte und Experten, zu denen auch führende Enthüllungsjournalisten in den jeweils betroffenen Ländern zählen sollen. Auf die Quellen selbst hat WikiLeaks keinen Zugriff, die Spuren zu ihnen sind verwischt. Der junge US-Soldat Bradley Manning, der WikiLeaks die Dokumente zum Irak-Krieg zukommen hatte lassen, wurde nur deswegen verhaftet, weil er sich selbst einem früheren Hacker in einem Online-Chat offenbart hatte – und dieser ihn ans FBI verpfiff. Manning soll auch die nun publizierten Botschaftsdepeschen auf WikiLeaks geladen haben.

Der enorme Schutz, den WikiLeaks seinen Informanten bietet, trägt zum Erfolg der Enthüllungsplattform bei. Verschwiegenheit und dezentrale Organisation zählen zu ihren obersten Grundsätzen. Zur Vorbereitung der Publikation der Irakkriegs-Aufzeichnungen etwa haben sich Assange und Vertrauensleute sowie lokale Aktivisten im Frühjahr 2010 ein Haus in Reykjavík gemietet. Während die einen an der Veröffentlichungsstrategie feilten, schnitten die anderen das Filmmaterial, das als erschreckendes Video um die Welt gehen sollte: Es zeigt die Tötung von Zivilisten durch die US-Army.

Sofort nach Fertigstellung löste sich die Gruppe auf, und Mastermind Assange zog weiter. „Auf der Flucht“ nennt er diesen Zustand. Eine gewisse Paranoia wurde ihm schon nachgesagt, bevor er per internationalen Haftbefehl wegen Vergewaltigungsverdacht gesucht wurde und öffentlich zu seiner Ermordung aufgefordert wurde. Der 39-Jährige hat angeblich keinen fixen Wohnsitz, zieht von Land zu Land, von Hotel zu Hotel. Eine Lebensweise, die der gebürtige Australier seit seiner frühesten Kindheit kennt: Mit 14 Jahren hatte er bereits 37 Umzüge hinter sich. Mit 16 hatte er sein erstes Modem (Internet gab es noch nicht), mit 20 wurde er zum ersten Mal verhaftet. Er studierte Physik, wurde IT-Berater und Journalist – und war fasziniert von der Idee, der Öffentlichkeit vorenthaltene Informationen zugänglich zu machen, um bessere, gerechtere Grundlagen für Entscheidungen zu bieten.

Gemeinsam mit unbekannten anderen gründete er 2006 WikiLeaks und definierte den Begriff des „Whistleblowings“, des Ausplauderns von Geheimnissen, mit den Mitteln des Internets neu.

Schwarze Kassen

Sosehr Assange und seine Mitstreiter totale Transparenz zum Geschäftsmodell erhoben haben, so wenig durchsichtig sind sie in Bezug auf ihre eigene Finanzierung. Geldflüsse werden über ein undurchschaubares Geflecht von Empfängern und Verteilern geleitet, um Geldgeber zu verschleiern. In Frankreich ist WikiLeaks als Stiftung registriert, in Schweden als Zeitung, in den USA gibt es zwei steuerbefreite Spendenorganisationen, in Australien fungiert die Petz-Plattform gar als Bibliothek. Ein System, das zu funktionieren scheint, Assange selbst hat jedenfalls zu Protokoll gegeben, dass alleine die Spendeneinnahmen im ersten Halbjahr schon bei einer Million Dollar lagen.

Einer der wichtigsten Geldvermittler ist die deutsche WAU-Holland-Stiftung, die bereits 2003 in Gedenken an den gleichnamigen deutschen Hacker gegründet wurde. Dort laufen Spenden, etwa über Internet-Bezahldienste wie PayPal, ein. WikiLeaks kann mittels Quittungen auf Gelder zugreifen, um seine Kosten zu decken. Den letzten Aussagen eines Stiftungsvorstands zufolge hatte WikiLeaks bisher erst insgesamt 50.000 Euro abgerufen, bis zu 15.000 Euro soll aber alleine die monatliche Webpräsenz verschlingen. Laut Assange selbst benötigt WikiLeaks 200.000 Dollar (153.000 Euro) jährlich allein für Serverkosten, Hardware und Reisespesen.

Unterstützt wird die Plattform auch von diversen Medienunternehmen wie der Nachrichtenagentur Associated Press oder der „Los Angeles Times“. Allerdings fließt hier kein Geld, bezahlt werden Beratungsstunden bei Anwälten. Für die Zukunft plant WikiLeaks allerdings, Medien zu zahlenden Kunden zu machen: Über ein Auktionssystem sollen die jeweiligen Dokumente an den meistbietenden Verlag versteigert werden.

Rüde Reaktionen

Fraglich ist aber, ob es überhaupt noch dazu kommt. Denn die Reaktionen auf Assanges Veröffentlichungen werden von Mal zu Mal schärfer. Die Bundespolizei seiner Heimat Australien hat bereits erste Ermittlungen eingeleitet, der kanadische Politikwissenschaftler und Berater von Premier Stephen Harper, Tom Flanagan, hat sogar via TV-Interview zum Attentat auf den Enthüller aufgerufen. Auch Schlüsselfiguren der Tech-Community stoßen die Veröffentlichungsorgien von WikiLeaks ziemlich sauer auf: Wikipedia-Gründer Jimmy Wales brandmarkt die Enthüllungen als verantwortungslos, sein ehemaliger Kompagnon Larry Sanger befürchtet in einem aktuellen Essay, Assanges Aktionen würden im Extremfall zum Krieg führen.

Völlig anderer Meinung ist der deutsche Vorzeige-Blogger Sascha Lobo. Der 35-Jährige mit dem markanten Irokesenschnitt hofft, dass Politik und politische Kommunikation durch den permanenten Enthüllungsdruck transparenter, sogar ehrlicher werden. Alleine die Angst, dass alles rauskommt, mache es schwerer, der Öffentlichkeit etwas vorzumachen, glaubt Lobo. Besteht also wirklich die Rettung der Menschheit darin, dass „alle alles angeht“, wie Alexander Solschenizyn vor vierzig Jahren in seiner Nobelpreisrede anmerkte? „Als Bürger will ich wissen, was in der Politik vor sich geht“, schlägt sich auch der Hamburger Politik- und Medienwissenschaftler Hans Kleinsteuber auf die Seite der Enthüller, „andererseits muss es Verfahren geben, mittels deren die Rechte von Privatpersonen geschützt werden.“

Eine solche Kontrollinstanz sieht der Deutsche in Journalisten, die das WikiLeaks-Material auswerten und in den entsprechenden Kontext setzen. Politische Kommunikation werde sich jedenfalls verändern, so Kleinsteuber: „Vielleicht wird es bald wieder handgeschriebene Depeschen geben.“

Doch nicht nur in der inner- und zwischenstaatlichen Korrespondenz, auch in der Wirtschaft könnte eine Form der Vorsicht Einzug halten, vor allem dann, wenn neben den von Assange angekündigten Bankendokumenten künftig immer häufiger Unternehmensinterna über WikiLeaks eingesehen werden können. Die Veröffentlichung von Staatsgeheimnissen mag einfach zu ahnden sein, der Verrat von Betriebsinterna ist rechtlich schwerer durchzusetzen.

Wo sitzt WikiLeaks, wie kommt man an die ran?

Der Wiener Freshfields-Datenschutzexperte Bertram Burtscher hält die Verfolgung solcher Enthüller für wenig zielführend: „Deren Informationen werden binnen kürzester Zeit weltweit verlinkt, alleine die Suche nach den Ansprechpartnern ist eine enorme Arbeit.“ Burtscher setzt deswegen auf Prävention wie die Einführung entsprechender Compliance-Regeln und die Anpassung der IT-Systeme. „Wenn die Infos einmal draußen sind, ist Schaden kaum noch zu vermeiden“, so Burtscher.

Im unwahrscheinlichen Fall, dass sensible Informationen, ob auf Staats- oder Unternehmensebene, künftig wirklich geschützt wären, wäre die WikiLeaks-Grundidee von totaler Transparenz allerdings nach hinten losgegangen. Oder, wie ein Kommentator des Netzportals Telepolis schreibt: Dann wäre „WikiLeaks Vorreiter des digitalen Mittelalters“ gewesen.

– Martina Bachler, Arndt Müller

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