Wie Libyens Diktator Milliardendeals über Wien steuern ließ

Die globale Jagd nach Libyens Diktator Muammar al-Gaddafi erfasst nun Österreich. Wie der Clan des exaltierten Potentaten die Alpenrepublik als Drehscheibe für spektakuläre Ölgeschäfte und klandestine Finanzdeals nutzte.

In der Kratochwjlestraße 21 laufen die Fäden zusammen. Von einem kleinen Büro in Wien-Donaustadt koordinieren Shokri Mohamed Ghanem und sein gleichnamiger Junior die Geschäfte des derzeit wohl meistgehassten Mannes der Welt: Muammar al-Gaddafi. Der schnauzbärtige Ghanem ist Libyens ehemaliger Premierminister, amtierender Chef der staatlichen Ölgesellschaft Libyens und Gaddafis ständiger Repräsentant im mächtigen Ölkartell OPEC.

Ghanem ist kein Einzelfall. Laut FORMAT-Recherchen tummeln sich mehr als zwei Dutzend Gaddafi-Vasallen in der Alpenrepublik – und haben nur eine Aufgabe: den Milliardenschatz des Wüstensohns zu hüten. Das immense Vermögen des Gaddafi-Clans wird auf über 150 Milliarden Dollar, umgerechnet rund 110 Milliarden Euro, geschätzt. Der private Reichtum der Gaddafis speist sich im Wesentlichen aus drei staatlichen Quellen: dem Ölkonzern, der Zentralbank und den Erträgen des gewaltigen Staatsfonds („Libyan Investment Authority“, LIA).

Die sprudelnden Erdölquellen – täglich werden 1,6 Millionen Fässer (je 159 Liter) exportiert – machten den Clan wohlhabend. Zu Jahresbeginn gab die Zentralbank mit Stolz Devisenreserven von sagenhaften 107 Milliarden Euro bekannt. Geld, das Gaddafi, seinem austrophilen Sohn Saif al-Islam und der LIA zum Einkaufen zur Verfügung stand.

Libyen auf Shoppingtour

Der Staatsfonds LIA kaufte, was das Zeug hielt. So entstand in den vergangenen Jahren ein Konglomerat von Bank-, Medien- und Industriebeteiligungen, das den gesamten Globus umspannt.

Eine beachtliche Leistung. Denn die Shoppingtour ging erst 2006 so richtig los, als das US-Embargo, das Geschäfte mit dem exaltierten Wüstendespoten untersagte, aufgehoben wurde. Auch der rund 50 Milliarden Euro schwere LIA-Fonds wird unter anderem von Wien aus gesteuert. „Mustafa Zarti, ein enger Freund von Saif Gaddafi, ist der Vizechef der LIA“, erzählt ein enger Gaddafi-Berater dem Nachrichtenmagazin „ News “. Er sei der Frontman in Europa, besitze einen österreichischen Reisepass, habe ungehinderten Zugriff auf die Milliardenkonten und verwalte die Stiftungen. Trotzdem: Sein Name findet sich nicht auf der Embargo-Liste von EU, UNO und Nationalbank, in der das Einfrieren von Gaddafi-Vermögen verordnet wurde. Beim internationalen Gerichtshof läuft nun ein Verfahren gegen Gaddafi wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Tatsächlich werden die kürzlich publizierten Namen von Familienmitgliedern und hohen Repräsentanten des seit 42 Jahren regierenen Revolutionsführers von Libyen-Insidern milde belächelt. Die finanziellen Strippenzieher wie Ghanem oder Zarti oder Austro-Hintermänner sind dort nicht zu finden. Dabei gäbe es viele in Kärnten mit exzellenten Kontakten zu den Gaddafis, die auch im Verdacht stehen, mit Petrodollars versorgt worden zu sein. Zitat aus dem famosen Tagebuch von Ex-FPÖ-Generalsekretär Walter Meischberger: „Das Geld stamme aus einer 45-Millionen-Euro-Überweisung von Gaddafi.“ Das Geld war für Haider und seinen Adlatus Karl-Heinz Petritz bestimmt. Doch ein anderer FPÖler, Gerald Mikscha, sei dann damit abgehaut.

„Übrigens“, so Meischberger, „Hans Peter Haselsteiner und die Strabag haben von der Gaddafi-Geschichte ebenfalls profitiert. Für die Flugaktion konnte er im Gegenzug ein Krankenhaus in Libyen bauen.“ Der Tagebucheintrag bezieht sich auf eine Libyen-Reise von Jörg Haider im Jahr 2000. Damals flog er in einem Learjet 55 des Bauunternehmers Robert Rogner (Kennung: OE-GRR), betrieben von der Goldeck Flug GmbH des Industriellen Hans Peter Haselsteiner, in den Schurkenstaat zum Tee im Wüstenzelt. Der legendäre Gaddafi-Trip brachte Haider den Spitznamen „Jörgl of Arabia“ ein. Die Strabag-Truppe zählte jetzt zu der Gruppe von Ausländern, die das Land als Erste verließen – und deren Maschinen mittlerweile zerstört wurden.

Gaddafis Hausbanken

Wie viel Geld in Österreich gebunkert ist, wird derzeit erhoben. Laut Nationalbank liegen zumindest 1,2 Milliarden Euro Spar- und Termineinlagen libyschen Ursprungs in Österreich. Aktien-, Industrie- und Immobilienbeteiligungen sind ebenso wenig enthalten wie Stiftungsvermögen. Die bevorzugten Geldmanager der Gaddafis in Österreich sitzen seit Jahren in der Südprovinz. Zu Lebzeiten von Landesvater Haider war die damals landeseigene Hypo Group die erste Adresse. Auch die Bawag war gefragt.

Das Vertrauen in die ehemalige Gewerkschaftsbank war so groß, dass sie die erste ausländische Banklizenz in Libyen erhielt. Die Geschäftsbeziehungen erodierten erst im Jahr 2007, als es Veränderungen bei den Hausbank-Eigentümern gab. Die Bawag wurde vom US-Fonds Cerberus übernommen, und bei der Hypo stieg die Bayerische Landesbank ein. Deren Arbeit wurde zunehmend von der Bank Austria übernommen. Da traf es sich gut, dass Gaddafi bei der Bank-Austria-Mutter UniCredit Group in großem Stil einstieg.

Unbestritten ist die wichtige Rolle Wiens im Milliardenkarussell des Gaddafi-Clans. Kein Zufall dürfte es daher sein, dass Gaddafis Ehefrau und seine Tochter Aisha letzte Woche angeblich in Wien waren. Nicht zum Shoppen, sondern um Finanzielles zu regeln. Vergangenen Samstag soll sogar Saif al-Islam Gaddafi die Bundeshauptstadt beehrt haben.

Dass die Lage auch für Österreich ernst ist, beweist die Hysterie im Innenministerium: Dort zittert Ressortchefin Maria Fekter, dass der Gaddafi-Clan via Privatjet heimlich nach Österreich einreisen könnte. Landesweit wurden laut einem Ministeriumssprecher rund 30.000 Exekutivbeamte in Alarmbereitschaft versetzt: „Alle Grenzposten und Sicherheitsdirektionen wurden zu dem Fall eingehend informiert.“

– Barbara Nothegger, Ashwien Sankholkar

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