"Wie a g’schminkte Leich"

"Wie a g’schminkte Leich"

FORMAT: Am 15. Mai 2012 haben Sie Ihre Abschiedsrede im Parlament gehalten und sind aus der Politik ausgestiegen. Vermissen Sie etwas?

Ferry Maier: Nein. Nach fast 35 Jahren Engagement in der Politik sollte es auch einen Zeitpunkt geben, wo man sich verabschiedet.

In Österreich ist es ja sehr selten, dass jemand sein Mandat freiwillig zurücklegt. Warum?

Maier: Das hängt mit Abhängigkeit und Unabhängigkeit zusammen. Viele leiden unter Sachzwängen, die sie in der Aktion einengen.

Sie konnten sich den Abgang aus dem Nationalrat leisten, weil Sie noch einen anderen Beruf haben?

Maier: Ich hatte mein Mandat nicht wegen Raiffeisen bekommen, sondern weil ich in Floridsdorf ein Direktmandat erkämpft habe. Ich bin unabhängig hinein- und wieder hinausgegangen.

Was ist während dieser zwölf Jahre nicht gelungen?

Maier: Der Bildungsbereich. Meine Vision wäre, dass Österreich auf einen Pisa-Stockerlplatz kommt. Um das zu erreichen, müsste man vom Lehrerdienstrecht bis zu den Lehrplänen vieles neu verhandeln, flexibler machen und die Betreuung der Kinder ganztags sichern. Das wäre wichtiger als Förderungen für Familien zu diskutieren.

Die jüngsten ÖVP- als auch SPÖ-Familien-Vorschläge gefallen Ihnen demnach nicht?

Maier: Das ist alte Politik.

Wie wäre denn neue Politik?

Maier: Weg von teuren Förderungsmodellen, hin zu tatsächlichen Angeboten. Denn für Familien ist es ein großes Problem, darüber nachzudenken, wo kommt mein Kind in einen guten Kindergarten, wo in eine gute Schule. Darauf müsste die Politik Antwort geben.

Stichwort neue Politik. Was halten Sie denn von Frank Stronach?

Maier: Er ist ein besonders interessanter Österreicher, der wirtschaftlich sehr erfolgreich war. Ich glaube, sein Engagement in der Politik wird bald wieder vorbei sein, ähnlich wie beim Fußball. Sein Fehler war, dass er schon im Sommer 2012 gestartet ist, mittlerweile sind viele seiner potenziellen Sympathisanten wieder abgesprungen.

HC Strache leidet aber dennoch darunter …

Maier: Ich denke mir, wie würde Jörg Haider in so einer Situation agieren? Er würde wahrscheinlich die Bundesregierung mit irgendwelchen Privilegiendebatten vor sich hintreiben. Man merkt halt, dass es einen intellektuellen Unterschied zwischen Haider und Strache gibt.

Hat aus Ihrer Sicht der Nationalrats-Wahlkampf schon begonnen?

Maier: Ja, sicher. Die SPÖ hat blutrote Plakate aufgehängt und spricht irgendwas von Arbeit. Die ÖVP hat zwar auch Plakate, aber die versteht niemand. Beide beginnen, sich kritische Worte auszurichten. Das führt dazu, dass sich beide selbst beschädigen. Im deutschen Wahlkampf kämpft die Regierung gegen die Opposition, nicht gegen sich selbst. Bei uns denken die Parteimanager, allen voran der Herr Darabos, an Dirty Campaigning.

Aber bei uns wollen beide Regierungspartner den Kanzler stellen und in Deutschland ist das für die FPD sowieso unrealistisch.

Maier: Trotzdem hätte Österreich mehr davon, wenn beide Parteien wirkliche Zukunftsthemen diskutieren würden. Man sollte vor allem nicht aus Steuerreform-Fragen Wahlkampfthemen machen. Die sind dafür gänzlich ungeeignet.

Die ÖVP fühlt sich im Moment nach ein paar nicht ganz verlorenen Wahlen wie auf der Siegerstraße. Sehen Sie auch diesen Rückenwind?

Maier: Naja. Die ÖVP hatte das Glück, dass die letzte der vier Landtagswahlen Salzburg war. Dadurch ist die Ausgangssituation gut. Wäre Kärnten die letzte Wahl gewesen, wäre die SPÖ jetzt in dieser Position. Ergo sollte man sehr demütig und vorsichtig sein. Wenn man sich das Ergebnis in absoluten Zahlen anschaut, haben beide Parteien insgesamt 200.000 Stimmen verloren. Es ist also nicht angesagt, von Auf- oder Rückenwinden zu sprechen, sondern von Gefahr in Verzug. Sonst wird im Herbst nur eine sehr schwach abgesicherte große Koalition möglich sein, das ist auf Wienerisch gesagt, a g’schminkte Leich, und es wird wahrscheinlich die letzte Runde für diese Koalition.

Muss ein Politiker leidensfähig sein?

Maier: Das glaube ich schon. Die Attacken der politischen Gegner werden untergriffiger und die Medien entwickeln sich stärker hin zum Boulevard, drucken Interviews, die gar nicht gegeben wurden. Da braucht man schon einen starken Magen.

Sie waren aber selbst auch immer stark im Austeilen, ich erinnere "Hände falten, Goschen halten“. Gibt es einen Ausspruch, der Ihnen jetzt leid tut?

Maier: Nein.

Was braucht denn ein guter Politiker?

Maier: Das wichtigste ist, dass er für eine Sache brennt und er muss zuhören können. Und dabei erkennen, wer etwas Richtiges sagt.

Wer sind gute Politiker?

Maier: Ich vermisse in den Führungsetagen der Parteien Persönlichkeiten mit Charisma und Visionen. Gute Politiker waren Franz Fischler, Erhard Busek, Maria Schaumayer oder auch Alexander Van der Bellen. Aktive möchte ich nicht nennen, denn ich will niemandem schaden.

Werden Sie wieder in die Politik einsteigen?

Maier: Nein. Es soll beim Schlussstrich bleiben. Auch nicht für eine andere Partei, denn die ÖVP ist meine Partei, es ist jetzt nur eine falsche Partie am Ruder.

Zur Person
Ferdinand "Ferry“ Maier trat 1977 der Wiener VP bei, von 1991 bis 1993 war er ÖVP-Generalsekretär, zwischen 2002 und 2012 Nationalratsabgeordneter. Er verhandelte als Mediensprecher das Privatradiogesetz, als Verkehrssprecher nahm er sich die ÖBB vor. Bekannt wurde er durch seine flinke Zunge und die Kritik an der eigenen Partei. Seit 1994 ist Maier auch Generalsekretär des Raiffeisenverbandes.

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