Werner Kogler, der heimliche grüne "Mr. Corona"

Hinter den Kulissen spielt Werner Kogler in der Corona-Krise eine tragende Rolle: als Kurz-Ideengeber, Blümel-Berater und Verhinderer einer strengen Ausgangssperre. Aber wird er nun nach Ulrike Lunacek zum Buhmann der Kulturszene?

Thema: Politik Backstage von Josef Votzi
Werner Kogler, der heimliche grüne "Mr. Corona"

Werner Kogler, Grüner Parteichef, Vizekanzler, Kultur- und Sportminister

Das Beste aus beiden Welten" - mit diesem Slogan pries Türkis Anfang Jänner sein neues Regierungsbündnis mit Grün an. Sebastian Kurz suchte vom Start einmal mehr, den Ton mit einem schillernden Marketing-Sager anzugeben. Vor allem gegenüber allen Meinungsmachern, die von Anfang an Zweifel anmeldeten: Wie kann eine Koalition zweier Partner mit derart konträren Wurzeln und Weltbildern mehr als ein paar Wochen gutgehen?

Der eingängige Spruch stammt von Kurz' Medienmann fürs Grobe, Gerald Fleischmann, der heute als Medienbeauftragter des Kanzlers die Fäden zieht. Der Slogan hat seine Bewährungsprobe noch vor sich. Denn mitten in die ersten hundert Regierungstage platzte Corona. Ab sofort heißt es nur noch: "Koste es, was es wolle." Der Kanzler pries damit Mitte März erstmals die Millionen- und Milliardenpakete zur Wiederbelebung aller Lebensbereiche des Landes an. Sebastian Kurz wurde deshalb - dank der Assoziation mit einem legendären Satz von Bruno Kreisky - in Kommentaren und Analysen gar in die Nähe des roten Sonnenkönigs gerückt. Erfunden hat den eingängigen Slogan einmal mehr nicht der, der ihn als Erster aussprach. Er stammt auch nicht einem der Spindoktoren von Sebastian Kurz.


Der Erfinder von "Koste es, was wolle"


Die Formel "Koste es, was es wolle" geht auf das Konto von Werner Kogler. Sie wurde freilich nicht von langer Hand geplant, sondern entstand in letzter Sekunde. Türkis-Grün hatte sich in den Tagen zuvor darauf geeinigt, eine Anleihe bei der Zauberformel für die Geldpolitik nach der schweren Finanzkrise 2008 zu nehmen. Damals hatte EZB-Chef Mario Draghi zur Rettung des Finanzsystems das Motto ausgegeben: "Whatever it takes."

Als die Regierung wenige Tage nach Verhängung des Shutdowns zum großen Medien-Paukenschlag in Sachen Hilfspakete für die Wirtschaft rief, suchte sich Sebastian Kurz am Weg zur Pressekonferenz, auf den Auftritt einzustimmen. Er memorierte noch einmal laut den gemeinsamen Slogan: "Was immer es braucht." Werner Kogler erwiderte spontan: "Ja, koste es, was es wolle."

Der türkise Kanzler machte postwendend Koglers weitaus eingängigere Übersetzung des Draghi-Krisenrezepts zu seinem neuen Motto - und proklamierte als Regierungslinie zur Rettung der Wirtschaft: "Koste es, was es wolle."

Der grüne Parteichef hängt das bis heute nicht an die große Glocke. Es brauchte daher einige Zeit, bis die wahre Entstehungsgeschichte unter ein paar Vertrauten des Vizekanzlers langsam die Runde machte. Teilnehmende Beobachter erinnern sich zudem: Es war auch Kogler, der das historische Zitat von Mario Draghi als Erster ins Spiel gebracht hatte. Als studiertem Ökononomen und leidenschaftlichem Hypo-Aufdecker ist das Denken der Finanzwelt paradoxerweise dem Grünen-Chef vertrauter als etwa dem gelernten Philosophen Gernot Blümel als neuem Chef im Finanzministerium.

Parteifreunde sagen: Diese Anekdoten aus dem Corona-Alltag im Kanzleramt stehen stellvertretend für Werner Koglers unbekannte und unbedankte wahre Rolle in der Corona-Krise. Der Grünen-Chef werde als Fädenzieher und Ideengeber hinter den Kulissen unter Wert geschlagen.


Öffentlich bestenfalls Nummer drei


Als Vizekanzler, Regierungskoordinator, Kultur- und Sportminister und Grünen-Chef ist Kogler selbstredend bei allen wichtigen Entscheidungen immer mit dabei. Teilnehmer der ersten türkisengrünen Coronakrisen-Runden berichten, dass Kogler noch vor den regelmäßigen Treffen mit Expertenstäben derjenige war, der "wie ein Wanderprediger einen A4-Zettel mit sich herumgetragen hat, auf dem er allen erklärt hat, was exponentielles Wachstum bei einer Virus- Pandemie heißt." Kogler profilierte sich intern nicht nur als Mathematiker, so ein Regierungskollege, sondern auch als Budget-Prognostiker.

Als Gernot Blümel noch mit vier Milliarden als ersten Bedarf für Corona-Rettungspakate kalkulierte, meinte Kogler intern, es brauche mutmaßlich das Zehnfache. Der gelernte Volkswirt ging von Anfang an von zehn Prozent des BIP als Bedarf für die Corona-Rettungspakete aus. Diese Größenordnung von rund 40 Milliarden ist inzwischen auch Regierungslinie.

Auf der öffentlichen Bühne wirkt Werner Kogler freilich bestenfalls wie das dritte Rad am Regierungswagen. In den letzten Tagen wurde er als Kulturminister auch noch zunehmend zum Buhmann der Kulturszene, die sich allein gelassen fühlt.

Der türkise Kanzler Sebastian Kurz inszenierte sich von der ersten Minute an als oberster Krisenmanager. Der grüne Gesundheitsminister Rudolf Anschober sicherte sich als fachlich am meisten geforderter Ressortchef mit unbeirrbarer Ruhe und Zähigkeit die Nummer zwei neben Kurz. Die Sympathiewerte von Kurz und Anschober haben zuletzt fast gleichgezogen.

Werner Koglers Werte sind zwar stabil, für mehr als zur Nummer drei im Corona-Krisenkabinett reichte das in den Umfragen aber in keiner Phase der Krise. Kritiker sagen, dass sei der hartnäckigen Tendenz Koglers geschuldet, sich nicht nur bei öffentlichen Statements gerne zu verzetteln. Der Grüne verliere sich liebend gerne in spannenden Details, statt das große Ganze plakativ in die Auslage zu stellen.

Werner Kogler war aber schon als Abgeordneter keiner, der offensiv in die erste Reihe drängte. Im kleinen Kreis sagte er dieser Tage bei einer internen Manöverkritik: "Ich muss nicht immer der Erste sein bei den Grünen." Die Grünen hätten erst dann ein Problem, analysierte er, wenn der für Corona zuständige Gesundheitsminister nicht bessere Werte hätte als der Kultur- und Sportminister.


"Dann mache ich das öffentlich"


Werner Kogler hat freilich inzwischen auch registriert, dass die Grünen in Sachen Corona aus dem eigenen Milieu mehr Gegenwind haben als die Türkisen. Wird es vornehm vorgetragen, dann wird in öffentlichen Debatten die grüne Handschrift in der Corona-Politik vermisst. In Kommentaren und Postings wird aber bald überall spitzer formuliert: Die Grünen seien nur noch "Türkis-Adabeis" und "Ministranten beim Kurz-Corona-Hochamt".

In der grünen Regierungsriege steigt so die Nervosität und der Wille zur Gegenwehr - "ohne falsche Rücksichten" auf den Koalitionspartner. Die Grünen lassen so, wo immer sie können, beispielsweise sickern: Ohne das Veto der Ökos hätte es wochenlang eine noch strengere Ausgangssperre gegeben. Grünes Licht für Sport oder Spazierengehen sei im türkisen Plan nicht vorgesehen gewesen. "Die Aussendung war schon geschrieben, wir haben das noch hineinreklamiert", so ein grüner Insider.

Auch jenes vergangene Woche präsentierte Nachbesserungs-Paket für Unternehmen, das auch einen überwiegenden Teil der Fixkosten ersetzen soll, gehe auf grüne Initiative zurück, lassen Grüne zunehmend offensiv wissen.

Bei den geplanten milliardenschweren Konjunkturpaketen für kommenden Herbst, feixte Kogler jüngst intern, "sprechen die Türkisen jetzt schon unseren Text: Da geht es nicht mehr um neoliberale Rezepte, sondern darum, dass wir uns aus der Krise rausinvestieren müssen."

Dass sein erster Auftritt mit Kulturstaatssekretärin Ulrike Lunacek vor drei Wochen total verunglückt war, gestand der grüne Vizekanzler intern jüngst freilich auch offen ein. Diesen Freitag will Koglers glücklose Staatssekretärin die Lockerungsmaßnahmen für die Kultur von den Salzburger Festspielen bis zu den Kellertheatern präsentieren. Bühne frei für den nächsten Akt im Drama: Gelingt es Lunacek, verspieltes Vertrauen im Sympathisanten-Milieu von gestern zurückzugewinnen?* (*Anm.d.Red.: zum Redaktionsschluss vom trend 20-21/2020 war Frau Lunaceks Rücktritt nicht fix)

Darauf allein wollte sich Kogler offenbar nicht verlassen. Seit vergangener Woche wurde daher intensiv um ein 700-Millionen-Euro-Rettunspaket für die vielen kleinen gemeinnützig-soziale Vereine vor allem in Sport und Kultur gerungen. Die Geldspritze soll rückwirkend ab März für ein halbes Jahr gelten. Um die für die Grünen lebensgefährliche Scharte auszuwetzen, zeigte der umgängliche Steirer bei den Verhandlungen auch ungewohnte Härte. "Wenn ich noch lange sekkiert werde, dann mache ich öffentlich, dass im Finanzministerium da einige nur als Groscherlzähler am Werk sind", ließ er grimmig wissen. Das Ergebnis des Kogler'schen Kraftakts liegt nun zur allgemeinen Bewertung auf dem Tisch.


Der Autor

Josef Votzi ist einer der renommiertesten Politikjournalisten des Landes. Der Enthüller der Affäre Groër arbeitete für profil und News und war zuletzt Politik- und Sonntagschef des "Kurier". Für den trend beleuchtet er wöchentlich Österreichs Politik.

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