Weiberwirtschaft: Frauen bei Gehalt und Führungspositionen benachteiligt

Frauen sind gleichberechtigt – zumindest vor dem Gesetz. Im Wirtschaftsleben wird aus dem kleinen Geschlechter-Unterschied aber schnell ein großer.

„Und da fragt mich dieser junge Mann tatsächlich, warum die Frauen heute immer noch revoltieren.“ Hilde Schmölzer ist empört. Die mittlerweile 72-jährige Grande Dame im Kampf um Frauenrechte kann sich über den jungen Radiojournalisten, der ihr diese „ungeheuerliche“ Frage bei einer Podiumsdiskussion über die „Suffragetten“ gestellt hat, auch Tage nach der Veranstaltung noch echauffieren. Als Journalistin in Zeiten, als Frauen in den Redaktionen noch rar waren, und als Autorin zahlreicher Bücher, darunter die „Revolte der Frauen“, kämpft sie seit Jahren um Gleichberechtigung. Und sie wundert sich nicht nur über junge Männer, die sich mit Frauen gleichgestellt sehen, sondern auch über junge Frauen, die sich angesichts des Erreichten zurücklehnen und nicht mehr aktiv gegen Diskriminierung auftreten.

Erste Erfolge
Erreicht wurde tatsächlich einiges – auch wenn manches weniger lange her ist, als manche so denkt: Seit 90 Jahren dürfen Frauen in Österreich wählen. Im Fürstentum Liechtenstein erkannte man erst 1984, dass weibliche Stimmen nicht das politische System untergraben. Seit rund 35 Jahren können sie – ohne Einverständnis des Ehemanns, der zuvor das „Familienoberhaupt“ war – alleine entscheiden, ob sie einem Beruf nachgehen wollen. Der Weg als Freiwillige zum Bundesheer steht den Frauen seit 1998 offen, und selbst die Wiener Philharmoniker haben nach langem Zögern und Zaudern erkannt, dass die Frau an sich nicht gleich automatisch für Disharmonie im Orchestergraben sorgt. Rein rechtlich hat der junge Mann in Hilde Schmölzers Publikum demnach Recht: Die Gleichberechtigung der Geschlechter ist da. Revolte ade! Praktisch sieht es jedoch nach wie vor anders aus.

Es hakt – nicht nur an Ecken und Enden
Ja, Frauen sind gut ausgebildet: Mittlerweile haben mehr Frauen als Männer einen akademischen Abschluss – und zwar im Querschnitt unter allen 25- bis 64-Jährigen. Nein, das alleine hilft Frauen wenig, unter angestellten HilfsarbeiterInnen liegt der Frauenanteil bei 68 Prozent, in den Führungspositionen aber nur bei 25 Prozent. Ja, auch die Einkommensschere klafft auseinander: Frauen verdienen um 22 Prozent weniger als Männer, und nein, das liegt nicht an mehr weiblichen Teilzeitbeschäftigten, diesen Unterschied gibt es bei Vollzeitarbeitenden (siehe Grafiken zu Benachteiligung beim Gehalt und bei Führungsfunktionen ).

Kommunikationsvorteile
Um das zu ändern, schlägt Nicole Hall ( im Bild ) ein „selbst- und machtbewussteres Auftreten von Frauen“ vor. Die Mittdreißigerin arbeitet seit 12 Jahren im PR-Bereich, sieben davon bei der Agentur Trimedia – mittlerweile in leitender Position als Senior Consultant. Nachteile für Frauen oder gar Diskriminierung hat sie in ihrer bisherigen beruflichen Laufbahn nicht erlebt. Im Gegenteil, sie glaubt, dass sich in der weiblich dominierten PR-Branche sogar Männer schwerer tun: „Im Kommunizieren müssen sich Männer beweisen, da wird Frauen ja nach wie vor mehr Können nachgesagt.“ Gehaltsunterschiede zwischen den Geschlechtern gäbe es in ihrer Firma keine, wegen eines transparenten Gehaltsschemas, das nach Position und Erfahrung unterscheidet. Aufstiegschancen sind für alle gegeben.

So weit, so perfekt
Und sieht man sich die Rolemodels an – eine Brigitte Ederer als Siemens-Chefin, Monika Kircher-Kohl an der Spitze des Technologiekonzerns Infineon, Elisabeth Bleyleben-Koren als führende Bankerin und Johanna Rachinger als Direktorin der Nationalbibliothek –, könnten Frauen meinen: In Österreich steht der weiblichen Bevölkerung auf der Karriereleiter nichts im Wege – außerordentliches Engagement und der Wille zum beruflichen Erfolg vorausgesetzt, wie bei Männern. Ja, es ist machbar – vorerst aber nur für einige wenige.

Reizwort „Quote“  
Die Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) wagte deshalb zu Jahresbeginn einen Vorstoß und forderte in der Privatwirtschaft offensichtlich immer noch Undenkbares: eine Quote von 40 Prozent Frauen, ausschließlich in Aufsichtsräten von börsennotierten Unternehmen – nach norwegischem Vorbild; denn die Ministerin ist sich sicher: „Dort, wo es Quoten gibt, hat sich etwas verändert.“ (Siehe Interview und Grafiken zu Aufsichtsräten sowie Bildungsniveau .) Diese Forderung bereitete dem Koalitionspartner allerdings wenig Freude. Besonders ÖVP-Wirtschaftsminis-ter Reinhold Mitterlehner outete sich umgehend als Quotengegner: „Ich bin kein Freund von Quotenregelungen, weil die irgendwo letztlich willkürlich sind.“ Und so schnell die Diskussion entbrannte, war das Feuer auch schon wieder erloschen.

Mehr Mut statt Quoten
Die Quote findet aber auch bei den erfolgreichen Frauen in der Wirtschaft wenig Anklang, sondern hat – obwohl es nur um die Bevorzugung von Frauen bei gleicher Qualifikation geht – offenbar einen negativen Beigeschmack. Für die Vorstandsvorsitzende der Erste Bank, Elisabeth Bleyleben-Koren, wäre es ein „schrecklicher Gedanke, dass ich meinen Job nur deshalb hätte, damit eine Quote erfüllt ist“. Sie rät Frauen zu mehr Selbstbewusstsein und zu mehr Bewerbungen für relevante Posten: „Frauen trauen sich – obwohl sie das Gleiche können – oft nicht so viel zu wie ihre männlichen Kollegen.“

Fünf Kleinwagen weniger
Also, Frauen: „Ran an den Speck!“, könnte man demnach rufen. Und ja, oft funktioniert es. Allerdings nicht immer: Eine Langzeitstudie zur Entwicklung der Einkommen von Wirtschaftsuni-AbsolventInnen zeigte: „Eine Frau muss ein Mann sein, um Karriere zu machen.“ Trotz gleichen Starts verdienten Frauen innerhalb der ersten zehn Jahre ihres Berufslebens den Gegenwert von fünf Kleinwagen weniger als Männer – und das ohne Kinder. Ganz unschuldig daran ist das zumindest zahlenmäßig starke Geschlecht allerdings auch an diesem Umstand nicht. Die Erfahrung mit Frauen in Führungspositionen zeigt, dass sich viele oft mit weniger zufriedengeben als ihre männlichen Kollegen.

Mehr Gehalt einfordern
Johanna Rachinger, Generaldirektorin der Österreichischen Nationalbibliothek, ist deshalb überzeugt: „Frauen haben erkannt, dass sie ein Recht auf Berufstätigkeit haben. Nun müssen sie erkennen, dass ihre Leistung auch ihren Wert hat. Frauen haben oft ein negatives Verhältnis zum Geld und sollten ein ihrer Leistung entsprechendes Gehalt fordern.“ Denn den Versuch der Diskriminierung gibt es durchaus immer wieder: Während Rachingers männliche Kollegen bei einer Beförderung in die Geschäftsführerebene automatisch ein dem Geschäftsmann entsprechendes männliches Auto erhalten haben, sollte Rachinger sich mit einem kleinen „schnittigen Frauenauto“ zufriedengeben. Trotz allen Selbstbewusstseins und Gleichberechtigung in vielen Beziehungen – Faktum bleibt: Beim österreichischen Status quo braucht es zur Frauenpolitik auch Familienpolitik. Denn viele vormals erfolgreiche Frauenkarrieren knicken spätestens mit einer Babypause ein.

Karrierehemmschuh Babypause  
Katrin Winkelbauer, Mutter der fünfjährigen Hanna, bemerkte den Bruch selbst als Sonderschullehrerin – ein Beruf, bei dem es ein fixes Gehaltsschema für Frauen und Männer gibt und sogar Karenzzeiten auf die automatischen Gehaltssprünge angerechnet werden. Obwohl sie sehr gerne in der Schule unterrichtet, schwebt ihr ein späterer Umstieg in die Schuldirektion oder ins Ministerium vor, allerdings: „Als Alleinerzieherin hat man weniger Zeit für zusätzliche Aus- und Weiterbildungen, die dafür notwendig sind.“ Ihre Tochter geht zwar in den Kindergarten, zusätzliche Kinderbetreuungsstunden, die in den Abendstunden notwendig wären, sind allerdings teuer. Denn die Unterstützung in Sachen Kinderbetreuung beschränkt sich hauptsächlich auf ihre Eltern als zeitweilige Babysitter, der Kindsvater lebt mittlerweile im Ausland und beschränkt sein Engagement auf die Alimentationszahlungen.

Gratiskindergarten
Der Vorschlag von Wiens Bürgermeister Michael Häupl – der Gratiskindergarten für alle Kinder – wird von der Lehrerin deshalb begrüßt: „Auch wenn es für mich zu spät ist, weil meine Tochter ab dem kommenden Jahr zur Schule geht.“ Der Gedanke, dass Kinder in Betreuung außer Haus ebenfalls gut aufgehoben sind und die Berufstätigkeit für Frauen dadurch erleichtert wird, setzt sich nicht nur in der Wirtschaft, sondern mittlerweile auch in der konservativen Politik durch. ÖVP-Staatssekretärin Christine Marek verhandelt aktuell mit den Ländern die Finanzierung des kostenlosen letzten Kindergartenjahrs. Für Kerstin Schultes, Mutter der 12-jährigen Laura und der kleinen Töchter Marie, 2, und „Gretchen“, 1, kommen solche politischen Weiterentwicklungen noch zum richtigen Zeitpunkt. Denn die 32-Jährige beginnt im Herbst wieder bei der Caritas-Wohnungshilfe zu arbeiten und ist froh, dass dann nicht der Großteil ihres zusätzlichen Einkommens wieder in die Kinderbetreuung fließt. Anders als bei den wenigen karenzierten Männern ist bei Karin Schultes die Babypause mit einem Gehaltsverlust verbunden (siehe Grafik zur Babypause ). Denn wie viele andere Frauen auch steigt sie mit 20 anstelle von 40 Stunden als Teilzeitarbeiterin wieder ein.

Altes Rollenbild
Gerade mit drei Kindern und trotz eines Mannes, der sich, sobald er zuhause ist, auch um einen Teil des Haushalts kümmert, musste auch sie erkennen, dass das gleichberechtigte Leben von Männern und Frauen mit den Geburten sich in ein traditionelles – der Vater arbeitet, die Mutter bleibt zuhause – verwandelte. Das hatte einen einfachen Grund: „Wie bei allen meinen Freundinnen war es auch bei uns nicht anders. Mein Mann verdiente einfach um ein Drittel mehr als ich, deshalb war klar, dass ich in Karenz gehe.“
Der Kreis schließt sich also eben an dieser Stelle: Gleiche Einkommen sorgen für eine gleichmäßigere Aufteilung der Kinderbetreuungsarbeit. Weniger Auszeiten sorgen für bessere Karrierechancen von Frauen. Beruflicher Erfolg sorgt für mehr Selbstbewusstsein. Und irgendwann müssen Frauen dann tatsächlich nicht mehr revoltieren.

Von Martina Madner

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