Was bewegt die Wiener vor der Wahl? Ein Rundgang gibt Einblick in die Wiener Seele

Wien wählt: Was bewegt das goldene Wiener Herz? Was regt es auf, und womit sind die Wiener zufrieden? Eine FORMAT-Reportage gibt Einblick in die Wiener Seele.

Überwältigende 94,2 Prozent der Wiener sind „zufrieden, in dieser Stadt zu leben“. Das ist das Ergebnis einer aktuellen und unabhängigen Studie des Europäischen Zentrums für Wohlfahrtspolitik und Sozialforschung. Und das, obwohl Wien das schwächste Wirtschaftswachstum der untersuchten sechs Städte aufweist und daneben die zweithöchste Zahl an Eigentumsdelikten sowie den höchsten Anteil an nicht eingebürgerten Drittstaatsangehörigen. Warum aber leben die Wiener trotzdem so gerne in ihrer Stadt? Eine Erklärung liefert eine FORMAT-Reportage quer durch die Bildungs-, Berufs- und Altersschichten der Stadt.

Gemeinsam ist allen Personen, unabhängig von der Wahlpräferenz am Sonntag, dass man „eh gern“ in Wien lebt oder sogar „Wien-Fan“ ist. Egal ob Fiaker, Ärztin, Gemeindebau-Hausmeisterin oder Unternehmerin: Wien biete ein hohes Maß an Lebensqualität, heißt es quer durch die Reihen. Das mag daran liegen, dass, wie in der erwähnten Studie erhoben, die „objektiven Indikatoren“ von Lebensqualität stimmig sein dürften: Lärmpegel, Luftqualität, Grünflächenanteil, Langzeit- und Jugendarbeitslosigkeit, Betreuungsquote in Kindergärten, Anteil von Firmen, die Hochtechnologie produzieren, Studierendenquote, Dichte an Schwimmbädern, Gaststätten und Spitalsbetten sowie Wohnungspreise. Und dieser Mix macht einfach happy.

Was die Menschen tatsächlich erregt und stört, sind die Politiker beziehungsweise die Wahlkampagnen der Parteien: Direktorin Monika Auböck erwartet Widerstand gegen die „Hetzkampagne“ der FPÖ gegen Migranten. Und Herr Martin, Kellner im schrägen Innenstadt-Lokal „Alt Wien“, wünscht sich ebenso weniger „Hetze“ gegen andere. Als Kroate, sagt er, wisse er, wohin das führen kann: „In den Krieg.“ Selbst Bernadette Lorenz, Hausbesorgerin im Karl-Marx-Hof, hält die Aufregung rund um die Ausländer für übertrieben: „Bei uns gibt es mehr Zusammenhalt, als in der öffentlichen Meinung behauptet wird. Wir sind wie ein kleines Dorf.“ Trotz all des Wohlfühlens und Miteinanders gibt es ihn aber doch noch, den grantigen Wiener Typen: Der Fiaker Alfred Steindl ist so einer. Er wählt die FPÖ, und das nicht nur, weil er H.-C. Strache persönlich kennt. Sondern auch deshalb, weil Bürgermeister Häupl angeblich die Fiaker nicht gut leiden könne. Und zum anderen, weil „viele Ausländer keiner ehrlichen Arbeit nachgehen“.

Und dann ist da noch etwas anderes: der bei allen vorhandene Wunsch nach mehr Offenheit und Ehrlichkeit, die von Politikern eingefordert werden. Wie zum Beispiel von der Gynäkologin Bettina Pinnisch, die emotionaler wird, wenn sie ihre Forderungen an die Politik formuliert: „Ich verlange von ihnen, dass sie das sagen und tun, was richtig und vernünftig ist, auch wenn das keine Wählerstimmen bringt.“ Ähnlich auch die 80-jährige Pensionistin Hermine Maria Hainke, die sich mehr direkte Einbindung der Bevölkerung zu bestimmten Themen wünscht.

Appelle, die nicht nur an die künftige Wiener Stadtregierung gerichtet sind, sondern alle Parteien und Gebietskörperschaften – Bund, Länder, Gemeinden – betreffen. Und wahrscheinlich werden sogar diese Wünsche von den Wiener Stadtverantwortlichen wieder als erste aufgegriffen. War es nicht Michael Häupl, der wenige Tage vor der Wahl eine Volksbefragung über die Abschaffung der Wehrpflicht gefordert hat? Wien, einfach anders.

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