Wahlkampf 2017: Ochsentour im Nieselregen

Wahlkampf 2017: Ochsentour im Nieselregen
Selfie mit Kanzler: Christian Kern auf Wahlkampftour quer durch Österreich.

Selfie mit Kanzler: Christian Kern auf Wahlkampftour quer durch Österreich.

Unterwegs im Wahlkampfbus mit CHRISTIAN KERN: Wie kann jemand, der derart für den Kanzler-Job geeignet ist, in nur wenigen Wochen so verlieren? Eine Spurensuche in ganz Österreich.

Sonntag, dreiviertel acht Uhr abends, es sind noch 30 Minuten bis zum ersten direkten Duell mit Sebastian Kurz. Christian Kern sitzt in seinem Wahlkampffahrzeug und will nichts und niemanden hören. Gerade hat der Kurz-Bus den SPÖ-Bus überholt, und nachdem die beiden Kandidaten aus dramaturgischen Gründen nicht gemeinsam vor dem Puls-4-Studio vorfahren können, bleiben Kern jetzt noch gut zehn Minuten zum Abschalten. Zehn Minuten. So lange dauert es, bis Kurz kamerawirksam vor seinen Fans aussteigen und vom Puls-4-Chef empfangen werden kann, so lange muss Kern warten. Hier, in der Parkbucht, und nein, das ist kein schlechter Witz. Ob er nervös ist?

Wahrscheinlich. Mit dem Fernsehduell gegen Sebastian Kurz auf Puls 4 beginnt für Christian Kern die entscheidendste Woche seines bisherigen politischen Lebens. In allen glaubwürdigen Umfragen liegt er eine Woche vor der Wahl sechs bis sieben Prozentpunkte hinter Kurz. Selbst bei optimistischster Auslegung der Schwankungsbreite kann er zur ÖVP nur noch aufschließen, überholen kann er sie nicht mehr (die SPÖ-internen Daten zeigen auch nur ein geringfügig freundlicheres Bild, Anm. ).

Kann er das irgendwie noch drehen? Wenn nicht, dann wird der Mann, der vor gerade einmal 16 Monaten als größter Hoffnungsträger der SPÖ seit Franz Vranitzky Partei und Kanzleramt übernommen hat, zum kürzestdienenden Bundeskanzler der Zweiten Republik. Christian Kern will zwar in die Geschichtsbücher, aber nicht in diese Wertung, und wenn er das abwenden will, dann muss er bei den Fernsehauftritten der letzten Wahlkampfwoche punkten. Wobei "punkten" relativ ist: Er muss brillant sein, Kurz als kleinen unsympathischen Rotzlöffel aussehen lassen. Er muss ein Zeichen setzen, am besten drei. Aber hey, no pressure.


Vom größten Hoffnungsträger zum kürzestdienenden Kanzler?

Es ist dunkel im Bus, nirgendwo im Wagen brennt Licht, und es ist unglaublich ruhig. Das ist sonderbar, denn normalerweise ist es hier ziemlich hektisch. Seit August fährt der Bus kreuz und quer durch Österreich, von Vorarlberg bis ins Burgenland mit besonderer Berücksichtigung der Arbeitergegenden in der Steiermark, Nieder-und Oberösterreich. Dort, so haben die Analysen ergeben, sind die Wähler besonders volatil. Ein angriffiger, klassenkämpferischer Kern kann von der FPÖ zurückholen und gleichzeitig den Drift in Richtung Kurz stoppen. Wahrscheinlich hat Christian Kern hier mehr Zeit verbracht als in seinem Büro. Aber jetzt hat er nur den Inner Circle bei sich: Tourmanagerin, Tourfotografen, die Social-Media-Verantwortliche, zwei Pressesprecher.

Und niemand spricht. Der Kanzler will sich konzentrieren, fokussieren. Er sitzt hinten, zwei Reihen Abstand zu den anderen, und er hat sich unter Kopfhörer zurückgezogen, ziemlich große Dinger. Ein bisschen sieht er damit aus wie einer dieser Kicker, die vor wichtigen Champions-League-Partien mit bunten "Beats by Dr Dre" aus dem Mannschaftbus hüpfen und dabei Kaugummi kauen. Nur dass er keinen Kaugummi kaut und seine Kopfhörer schwarz sind. Passt auch besser zum Anzug. 20 Minuten noch bis zum TV-Duell. Der Bus fährt vor zum Puls-4-Eingang.



Sonderfall Kern

Die Geschichte des Politikers Christian Kern ist vielleicht eine der spannendsten, die in der österreichischen Medienlandschaft der vergangenen Jahre geschrieben worden sind. Es ist die Geschichte eines Hoffnungsträgers, der schneller abstürzte als er auftauchte, und niemand weiß warum. Denn als Kern im Mai 2016 antrat, war er der personifizierte Messias. Er kam aus der Wirtschaft, hatte also Managementerfahrung, war dank seiner Frau auch in der New Economy bestens verankert, und das ist schließlich die Zukunft. Kern war modern, bei seinen ersten öffentlichen Auftritten sprach er so ganz anders als alle Politiker zuvor, viele empfanden das als Wohltat. Für die anderen war da nach den Faymann-Jahren wieder jemand, der das Kanzleramt öffnen konnte: Ein SPÖ-Chef, der sich im Kreisky-Forum nicht von Parteiangestellten interviewen ließ, sondern von Menschen wie David Schalko, dem Erfinder der Erfolgsserie "Braunschlag". Da war wieder ein Kanzler, dem man, wenn er Schriftsteller ehrte, glaubte, dass er deren Bücher auch gelesen hatte (anders als sein Vorgänger), und nicht nur, um sich zu denken, dass er den Scheiß selbst dreimal so gut schreiben würde (wie sein Vorvorgänger).


Ein Kanzler, dem man glaubte.

Trotzdem kam Kern aus der Partei, hatte sich erst als Student und später Sekretär ein valides Netzwerk aufgebaut. Jemand, der echtes Leben und Partei kennt ist ein Sonderfall -was sollte dem also passieren? 16 Monate später gibt es darauf eine Antwort und die heißt: Sebastian Kurz.

Stille Vorbereitung im Wahlkampf-Bus.

Hier fährt der Kanzler. Motto: "Hier kommt der Aufschwung - Veränderung mit Verantwortung."

Den ganzen Nachmittag hat sich Kern in einer größeren Runde für das erste Fernsehduell der letzten Wahlkampfwoche vorbereitet. Mangels Frauen in der Runde gab ein Sprecher die TV-Moderatorin Corinna Milborn, und schon bei der nachmittäglichen Vorbereitungsrunde war klar, dass es Kern gegen Kurz aggressiv anlegen würde. In letzter Minute wurden dann noch ein Taferl gebastelt, auf dem gut lesbar das Zitat eines ÖVP-Bloggers abgedruckt ist, der sich damit brüstet, dass er Kerns Gattin von Ex-Militärs observieren hat lassen. Wenn es also im Duell zum Thema Dirty-Campaigning haarig wird, dann würde er dieses Taferl zeigen.

Und was, wenn Kurz mit dem antisemitischen Inhalt der Anti-Kurz-Facebookseiten aus der Silberstein-Schmiede kommt? "Wie steht es eigentlich mit den AG-Leaks? Arbeitet da einer von den Typen wirklich noch im Außenministerium?" will Kern wissen, als das Puls-4-Gebäude schon zu sehen ist. Kurz wird es im Bus hektisch. Vier Menschen googlen. Jein. Der konservative Studentenpolitiker arbeitet zwar noch im Außenamt, ist aber bis Mitte November karenziert. Kern wird diese Attacke im Duell dann doch nicht verwenden.

Wie kann jemand, der im Grunde derart für den Job geeignet ist, in nur wenigen Wahlkampfwochen so verlieren? Das ist wahrscheinlich die Frage, über die die österreichische Sozialdemokratie nach dem 15. Oktober noch viele Jahre nachdenken wird, und am Ende ist das eine Frage, die sich aus dem Wahlkampf allein nicht beantworten lässt.



Wer ist schuld?

War es die Affäre Silberstein? Die vielen Pannen, die es im Wahlkampf gab? Lag es daran, dass vielleicht die falschen Themen gesetzt wurden und Kern keine ausreichende Antwort auf das alles beherrschende Thema Migration hatte? Oder war vielleicht am Ende auch der Kandidat nicht ganz so ideal, wie man eigentlich noch vor 16 Monaten dachte?

Klar hatte der Wahlkampf Schwächen. Mit Größe, Wucht und jeder Menge Geld hat Sebastian Kurz die finanzschwache SPÖ-Kampagne an die Wand gedrückt: Der ÖVP-Chef hatte bei jedem Auftritt volles Haus. Er stand immer auf der gleichen Bühne, hatte immer eine sauteure Videowall über sich, damit selbst die Kleinwüchsigsten ihren Kandidaten sehen konnten, und eine so teure Soundanlage, dass ihn auch die Tauben verstanden. Das war so perfekt organisiert und orchestriert wie die 25. Abschiedstournee der Rolling Stones; vielleicht nicht extravagant, aber wer von Kurz nach Hause ging, der ging, vielleicht benebelt und mit brummendem Schädel, aber glücklich und zufrieden. Und hatte das Gefühl, für sein Geld maximal unterhalten worden zu sein. Das gilt nicht nur für KTM-Chef Stefan Pierer.


Kern fährt 300 Kilometer nach Salzburg, um dann bei Nieselregen vor vielleicht 50 Menschen am Bahnhofsvorplatz zu reden.

Bei Christian Kern ist das anders: Nach einem Auftritt in Amstetten fällt die Rückwand um und bricht das Podium ein. Kern stand schon daneben und gab Autogramme. Mal fährt Kern 300 Kilometer nach Salzburg, um dann bei Nieselregen vor vielleicht 50 Menschen am Bahnhofsvorplatz zu reden. Mal gibt er eine Signierstunde in einer St. Pöltner Buchhandlung, die erstens sehr kurzfristig und zweitens für Dienstag 12.30 Uhr angesetzt wurde. Also signiert er eben vor so vielen Menschen, wie an einem Dienstag um 12.30 Uhr in St. Pölten in Buchhandlungen gehen. Nicht die Massen.

Am Ende waren es 43 Bücher, aber das auch nur, weil sich Freunde wie der Bürgermeister Matthias Stadler ein Buch signieren ließen -und sich, als die Schlange kürzer wurde, nochmals für ein zweites anstellten. Beim Besuch eines Weinfestes in Poysdorf hatten die Begleiter der lokalen SPÖ gut damit zu tun, ein Zusammentreffen von Kern und Innenminister Sobotka zu verhindern, der zur gleichen Zeit am gleichen Ort war.

Wenn Kurz' "Aufbruch"-Tour Stadionrock ist, dann ist Kern ein einsamer Singer-Songwriter, der selbst den Tourbus fährt, erst den Verstärker aufbaut, dann persönlich die Eintrittskarten abreißt und sich nach dem Konzert zum Ausgang stellt und Merchandising-Artikel aus der Bananenkiste verkauft. Das muss nichts Schlechtes sein, selbst die größten Bands haben am Anfang ihrer Karriere im intimen Rahmen gespielt. Kenner wissen: Das sind oft die besten Konzerte.



In den Hinterhöfen

Aber am Ende ist das alles egal. Falls Kern kommenden Sonntag die Wahl verliert, dann nicht, weil das Organisationsreferat ihn zu oft auf die Hinterhöfe statt auf die Hauptplätze des Landes geführt hat.

Je länger der Wahlkampf dauert, desto häufiger wird im Bus das Jahr 2006, der Wahlsieg von Alfred Gusenbauer über Wolfgang Schüssel, beschworen. Warum Gusenbauer gewonnen hat, weiß wohl bis heute niemand, aber es gibt Menschen, die sagen, es war auch wegen seiner Ochsentour über die Marktplätze der Republik, die den Kandidaten für viele menschlicher, nahbarer gemacht hat.

Kann das auch bei Kern funktionieren? Bei seinen Wahlkampfauftritten fällt auf, dass er, teure Anzüge hin oder her, tatsächlich mit den Menschen kann. Vielleicht nicht mit der zähnefletschenden Herzlichkeit eines Viktor Klima, ganz sicher nicht auf die schenkelklopfende Art eines Erwin Pröll oder die polternde Weinseligkeit eines Michael Häupl. Aber er kann es. Wenn er sich in einem Pflegeheim im niederösterreichischen Hainfeld für drei Minuten zu einer Pensionistin setzt, um mit ihr über die Tageszeitung, die vor ihr liegt, zu reden, dann interessiert er sich tatsächlich für sie.


Kern redet, hört zu, und wenn er etwas nicht weiß, dann sagt er das auch.

Sein Trick ist, dass er wirklich mit den Menschen redet. Es sind nämlich nicht nur Textbausteine, mit denen er auf den Marktplätzen um sich wirft, er redet, hört zu, und wenn er etwas nicht weiß, dann sagt er das auch. Bei einer Diskussion mit "NÖN"-Lesern in St. Pölten ist das zum Beispiel so: Einer der Gäste, nach einem Herzinfarkt nur noch bedingt arbeitsfähig, erzählt ihm, warum es für ihn so schwierig ist, einen Job zu finden, was auch an den Arbeitsgesetzen liegt. Der flüchtet dann nicht in Standard-Antworten, sondern sagt: "Sie haben recht. Da ist ein Fehler im System. Das interessiert mich wirklich, haben wir ihre Daten? Denn ich schau mir das in Ruhe an." Und so, wie Kern das sagt, besteht kein Zweifel, dass er das wirklich ernst meint.

Vielleicht ist das das größte Problem von Christian Kern: Auch wenn er auf einer Bühne steht, dann hält er keine Rede, sondern er redet mit den Menschen. Das ist sympathisch und nachvollziehbar, aber es ist nicht unbedingt vermittelbar. "Die Wahrheit ist doch, dass das alles deutlich komplexer ist" - das ist einer jener Sätze, die Kern in diesem Wahlkampf vielleicht am öftesten gesagt hat. Im Fernsehen, bei Reden, auch wenn er bei seiner Bus-Tour mit Journalisten im Hintergrund redet, und zwar egal, ob es dabei um Migration, das Steuersystem, oder vernünftige Wirtschaftsprogramme geht.

Der Bundeskanzler im Kindergarten.

Nicht nur Textbausteine, sondern echte Gespräche: Kern bei Senioren

Das Crux ist freilich, dass niemand von der Komplexität der Welt hören will, schon gar nicht in einem Wahlkampf, und das Schlimmste ist, dass Christian Kern das auch selbst weiß. Nicht nur einmal sagt er in diesen Wochen: "Ich weiß eh, dass das keiner hören will." Und ganz oft sagt er übrigens auch "Wenn wir diese Wahl gewinnen, dann nicht wegen der Journalisten, sondern trotz."

Kern, das wurde in diesem Wahlkampf deutlich, ist auch nach 16 Monaten nicht im Politikbetrieb angekommen ist. Vielleicht ist das auch der größte Treppenwitz dieses Wahlkampfs: Kern, der Nicht-Politiker, wird von jemandem besiegt, der bereits mit 16 zum Politiker wurde und für die Wähler trotzdem als jemand gilt, der außerhalb des politischen Systems funktioniert.

Es ist kurz vor 20 Uhr, Kerns Bus ist endlich bei Puls 4 angekommen. In der etwas mehr als einstündigen Diskussion wird der Kanzler den ÖVP-Herausforderer ungewohnt aggressiv angehen, ihn unterbrechen, und so kämpfen, wie er es im ganzen Wahlkampf noch nicht getan hat. Im Bus hatte er die Kopfhörer übrigens bis knapp vor dem Aussteigen aufgehabt. Gehört hat er dabei angeblich erst "It takes a lot to know a Man" von Damian Rice und dann einen sehr aufputschenden Elvis Remix: "A Little less Conversation".


Der Autor

Markus Huber ist Herausgeber des Magazins "Fleisch". Er begleitet Christian Kern seit August im Wahlkampf. Die Langfassung der Reportage erscheint am 23. Oktober in "Fleisch". www.fleischmagazin.at

Peter Pelinka

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