Wahl 2019: Spitzenkandidaten und Hintermänner

TV-Duelle mit den Spitzenkandidaten zur Nationalratswahl: Wessen Einflüsterer haben bessere Arbeit geleistet?

TV-Duelle mit den Spitzenkandidaten zur Nationalratswahl: Wessen Einflüsterer haben bessere Arbeit geleistet?

Das Wahl-Tagebuch von Josef Votzi: Mehr als drei Dutzend TV-Debatten in den letzten Wahlkampfwochen fordern auch Vollprofis. Wer die engsten Vertrauten von Sebastian Kurz, Pamela Rendi-Wagner, Norbert Hofer & Co sind, die ihre Kandidaten durch den stressigen Marathon führen.

Seit Sonntag, 1. September, entkommt niemand, der einen österreichischen TV-Sender ansteuert, den Spitzen der heimischen Politik. Rund 40 TV-Duelle, Elefantenrunden und Wahl-Konfrontationen mit Bürgern haben die sechs Parteispitzen in den verbleibenden Wochen bis zum Wahltag zu bestreiten. Das ist mehr als eine pro Tag, Richtung Finale meist vor einem Millionenpublikum.

Die Frage "Wie war ich?" wird damit für Sebastian Kurz, Pamela Rendi-Wagner, Norbert Hofer & Co ab sofort zur Kardinalsfrage. Ein ungeschminkter Spiegel, ein schonungsloser Sparringpartner, ein vertrauter Seelencoach ist für das Gelingen der letzten Meter bis zum Zieleinlauf am 29. September daher wichtig wie nie.

Da braucht es ein Visavis, dem die Marathon-Wahlkämpfer hundertprozentig vertrauen und das einem nichts vormacht. Eine oder einer, die oder den sie Tag und Nacht anrufen können und - das Wichtigste - nicht Honig ums Maul geschmiert, sondern offen gesagt bekommen, was gut, durchschnittlich oder miserabel gelaufen ist. Das kann ein als Söldner angeheuerter Mediencoach nicht bieten, dafür braucht es eine gewachsene persönliche Beziehung.


KURZ' GROSSER BRUDER.

Sebastian Kurz, größter Kontrollfreak unter Österreichs Spitzenpolitikern, startet auch hier mit dem professionellsten Setting ins Finale.

Wer als aufmerksamer Beobachter jüngst die zahlreichen TV-Dokumentationen über die dramatischen Wochen nach Ausbruch des Ibiza-Skandals verfolgte, sah an der Seite von Kurz immer einen unauffälligen Anfangvierziger mit in die Hofburg huschen.

Kurz absolvierte in diesen Tagen kein einziges heikles Treffen ohne Stefan Steiner.

Der 33-Jährige macht im kleinen Kreis auch kein Hehl daraus, wie wichtig Steiners Rat für ihn ist. Schon in seinen ersten politischen Lehrjahren beim Aufstieg vom Integrationsstaatssekretär zum Außenminister zitierte er ihn bei Gesprächen im kleinen Kreis wie eine biblische Instanz: "Der Stefan Steiner sagt " Als Kanzler ließ Kurz ÖVP-Ministerkollegen, die mit neuen inhaltlichen Vorschlägen zu ihm kamen, ihre Ideen erst gar nicht lange referieren: "Bitte direkt mit dem Stefan Steiner besprechen."

Jetzt, im Wahlkampf, beginnt Kurz den Tag mit einem Telefonat mit Steiner zur Erörterung der aktuellen Lage. In Wahlkampfstress-Zeiten wie diesen kommt es nicht selten vor, dass Kurz nach Mitternacht ein letztes Mal bei Steiner anläutet.

Auf wen Kurz hört

Stefan Steiner ist seit zehn Jahren an der Seite von Sebastian Kurz. Der Tag beginnt mit einem Telefonat der beiden. Und endet nicht selten mit einem ebensolchen.

Die graue Eminenz der Türkisen hat einen bemerkenswerten Lebenslauf. Aufgewachsen in Niederösterreich, absolvierte Steiner seine acht Mittelschuljahre am St.-Georgs-Kolleg in Istanbul. Seine Eltern hatte es an die deutsche Schule als Lehrer gezogen.

Zurück in Österreich jobbte Steiner nach dem Jus-Studium erst als Referent im Innenministerium und fiel als vorlauter Denker in ÖVP-Parteireformzirkeln ("Perspektivengruppe") auf. ÖVP-Chef Josef Pröll engagierte den Niederösterreicher postwendend für die ÖVP-Zentrale als politischen Direktor. Mit der Kür von Kurz 2011 zum Staatssekretär im Innenministerium wurde der knapp ein Jahrzehnt ältere Steiner in Sachen Politik zum "großen Bruder" des Jungstars.

Auf Anraten von Pröll, der große Stücke auf Kurz und Steiner hielt, holte sich der JVP-Chef in den ersten Wochen Rat bei Steiner. Daraus wurde eine symbiotische Beziehung und ein gemeinsamer Erfolgsrun. Anfangs fungierte er für den damals 24-Jährigen als Büroleiter, bald darauf wurde er zum Leiter der Integrations-Sektion befördert. Von dort aus blieb Steiner auch nach Kurz' Kür zum Außenminister dessen wichtigster Einflüsterer. Für die Machtübernahme in der ÖVP und den Wahlkampf 2017 schrieb Steiner maßgeblich das Drehbuch und übernahm für das entscheidende halbe Jahr nolens volens auch den Job des ÖVP-Generalsekretärs.

Heute ist Steiner in seiner liebsten Rolle: offiziell ohne jede Funktion in Republik oder Partei. Der Niederösterreicher hat sich als Berater selbstständig gemacht. Sein Ein-Mann-Unternehmen hat derzeit nur einen Kunden. Das garantiert Sebastian Kurz Rundum-die-Uhr-Betreuung. Die Rechnung geht an die ÖVP-Zentrale, die Höhe ist unbekannt.

Steiner meidet weiterhin strikt jede Öffentlichkeit und gibt keine Interviews: "Ich bin ein Sparringpartner von Sebastian Kurz. Einer, bei dem er seine eigene Meinung challengen oder eine zweite Meinung einholen kann", ließ er sich jüngst in einem Gespräch mit dem Autor entlocken. Eine maßlose Untertreibung: Stefan Steiner ist der wichtigste Sparringpartner und politische Seelenfreund von Sebastian Kurz.


PAMELA RENDIS "FAYMÄNNER"

Eine bald ein Jahrzehnt gewachsene politische Beziehung wie zwischen Steiner und Kurz ist derzeit die Ausnahme. SPÖ-Spitzenkandidatin Pamela Rendi-Wagner hat ein gutes halbes Dutzend von Vertrauten, mit denen sie sich regelmäßig bespricht.

Was mediale Auftritte betrifft, vertraut die gelernte Tropenärztin am meisten den Rezepten des PR-Beraters Nedeljko "Nedi" Bilalic. Der Anfangvierziger kam in der SPÖ jüngst wegen seines fürstlichen Honorars von 20.000 Euro pro Monat ins Gerede. Bilalic machte gemeinsam mit Laura Rudas und einer kleinen verschworenen Gruppe in der SPÖ-Jugend unter Werner Faymann rasch Karriere.

Der Nachfolger Alfred Gusenbauers beförderte Bilalic 2009 zu seinem Sprecher und obersten Medienberater. Nach dem Sturz des Duos Faymann/Ostermayer, schaffte Bilalic 2016 behände den Wechsel zum neue roten Spitzenduo Kern/Drozda. In der Ära Rendi-Drozda taucht er nach kurzer Polit-Auszeit wieder in führender Funktion auf. So einflussreich wie bei der politisch noch unerfahrenen SPÖ-Chefin war Bilalic noch nie.

Mit Wiens Ex-Parteimanager Christian Deutsch als Wahlkampfleiter haben die "Faymänner" in der SPÖ generell wieder Hochsaison. Politisch hört Rendi-Wagner aber auch auf einen, der nicht zur Faymann-Partie gehört: Die Familien von SPÖ-Geschäftsführer Thomas Drozda und Rendi-Wagner sind einander auch privat verbunden. Rendis Ehepartner Michael Rendi, ein breit geschätzter Karrierediplomat, war in Drozdas Zeit als Kanzleramtsminister dessen Kabinettschef.

Nach dem Sturz der Regierung Kern durch Kurz kehrte Rendi ins Außenamt zurück und wurde vom neuen türkis-blauen Regime kalt lächelnd in ein Kammerl abgeschoben. Der ehemalige Botschafter in Israel ist derzeit Leiter des Bürgerservice im Außenamt und damit zuständig für Österreicher, die im Ausland in Geldnot geraten oder in Krisenregionen stranden.

Auf wen Rendi hört

SPÖ-Chefin Rendi-Wagner hört auf Thomas Drodza. Die Familien sind befreundet. Dazu haben zwei frühere enge Faymann-Mitarbeiter ihr Ohr.

SPÖ-Geschäftsführer Drozda gab eine Devise aus, die auch dem Faymann-Schüler Bilalic nicht fremd ist: Die SPÖ will einen "Positivkurs" fahren: "Das passt am besten zur Spitzenkandidatin". Von Kerns kantigem Anti-Kurz-Kurs etwa in Sachen Migration ("Vollholler") setzt sich Rendis Berater- Team ohne großes Aufsehen ab.

Das in SPÖ-Gewerkschaftskreisen als rot-grün verschrieene Spitzenteam Rendi-Wagner/Drozda verrückt den Wahlkampf-Kurs zunehmend Richtung Mitte rechts. In Sachen Bootsflüchtlinge hieß es aus dem Munde von Rendi-Wagner zuletzt: "Retten ja! Aber jetzt sind einmal die anderen in Europa dran, neue Flüchtlinge aufzunehmen. Österreich, Deutschland und Schweden haben in den letzten Jahren das Gros der Migranten aufgefangen." Eine Neuauflage der SPÖ-Parole der 90er-Jahre geht um: Unser Boot ist für Bootsflüchtinge voll.


STRACHES THERAPEUT & KICKLS TEUFEL.

In der Ära von Heinz-Christian Strache war die blaue Welt noch halbwegs übersichtlich. Schon zu Oppositionszeiten holte der langjährige FPÖ-Chef - ähnlich wie Kurz bei Steiner - zu jeder Tages- und Nachtstunde Rat bei Herbert Kickl ein. Wer je einen Abend mit Strache verbrachte, konnte hautnah miterleben, wie sich Strache im Fall neuer aktueller Herausforderungen erst intensiv mit dem "Herbert" beriet, bevor er agierte. Zu Interviews erschien er regelmäßig mit handgeschriebenen ausführlichen Spickzetteln, auf denen die ihm die wichtigsten Botschaften auch noch mit Leuchtstift markiert waren. Der gefallene FPÖ-Chef hörte zudem gerne auf die Ratschläge des Kampfrhetorik-Trainers und Psychotherapeuten Ferdinand Stürgkh.

Mit der Übernahme des Innenministeriums war der in der FPÖ als "Straches Hirn" gerufene Herbert Kickl selbst für den FPÖ-Parteichef und Vizekanzler nicht mehr auf Knopfdruck greifbar, weil selbst durch den Ministerjob vielfach okkupiert. Mentalcoach Stürgkh mutierte so zum wichtigsten Einflüsterer Straches und wurde in Sachen Kommunikation für das ganze blaue Regierungsteam zur zentralen Beraterfigur. Nach Outing des verfänglichen Videos redete Ferdinand Stürgkh gemeinsam mit Philippa Strache dem Maulhelden von Ibiza bis zuletzt vehement zu, nicht zurückzutreten, sondern die Untersuchung der Causa als Vizekanzler und Parteichef auszusitzen.

Auf wen Kickl hört

Der Büroleiter des Ex-Innenministers, Norbert Teufel (l.), ist Herbert Kickls erster Ansprechpartner vor TV-Duellen.

Sebastian Kurz musste sich erst intensiv mit Norbert Hofer kurzschließen, damit dieser Strache vermittelte, dass es keine Alternative zum Rücktritt gab. Straches Nachfolger Norbert Hofer ist in der FPÖ berüchtigt dafür, dass er sich selbst vor spielentscheidenden TV-Debatten mit niemandem berät, sondern regelmäßig seiner Devise folgt: "Ich gehe davor lieber eine Runde Mountainbiken, damit ich den Kopf freibekomme."

Vom - bei den meisten anderen Parteien üblichen - Rollenspiel zur Vorbereitung auf TV-Duelle hält auch Hofers Wahlkampf-Zwilling Kickl nichts. Der derzeitige FPÖ-Klubchef bespricht sich aber vor Auftritten zumindest mit Büroleiter Reinhard Teufel und seinem Medienberater, Ex-Unzensuriert.at- Chefredakteur Alexander Höferl.


MEINLS KERN-FAN, KOGLERS TELEFON-JOKER.

Eine tragende Rolle bei Beate Meinl-Reisinger spielt einer, der den politischen Wettersturz von Hosanna zu Crucifige in einem Crashkurs gelernt hat.

Johannes Vetter gab für Christian Kern seinen gutdotierten und halbwegs krisensicheren Job als OMV-Kommunikationschef auf und übernahm im desaströs startenden SPÖ-Wahlkampf 2017 die Rolle des Troubleshooters.

Auf wen Meinl hört

Neos-Parteichefin Beate Meinl-Resinger ist eine gute Zuhörerin und vertraut den Ratschlägen von Johannes Vetter (Bild) und Nikola Donig.

Der Ex-Kern-Fan gehört gemeinsam mit dem ehemaligen Sprecher mehrerer ÖVP-Politiker und nunmehrigen Neos-Generalsekretär Nikola Donig zum engeren Kreis, von dem sich die pinke Frontfrau Beate Meinl-Reisinger etwas sagen lässt und die auch um ein offenes Wort ihr gegenüber nicht verlegen sind.

Hemdsärmelig ist bei Grünen-Spitzenkandidat Werner Kogler auch der Umgang mit der Frage, wer am Ende tatsächlich das Ohr des steirischen Raubeins hat. Aber nicht alles ist so spontan und handgestrickt, wie es bei öffentlichen

Auftritten von Koglers XXL-Reden oft anmutet. Neue Sprüche und Wahlkampfparolen werden bei Vorgesprächen im kleinen Kreis rund um Büroleiter Peter Steyrer und Grünen-Sprecherin Gabi Zornig nicht explizit getestet, sondern im Plauderton angesprochen. Regt sich bei neuen politischen Stoßrichtungen ausdrücklich kein Widerspruch, geht Kogler in den nächsten Tagen damit auf Tour.

Kogler ist zudem ein Vieltelefonierer mit Gesprächspartnern, die selbst Vertraute überraschen: "Seine Meinungsbildung ist ein Prozess, den er selber steuert und den auch nicht alle kennen."


WORUM ES WIRKLICH GEHT

Im Rennen der finalen Wahlkampf-Wochen steht für jeden etwas anderes zuvorderst am Spiel:

Im Fall von Werner Kogler geht es darum, ob Grün mit einem deutlich zweistelligen Ergebnis überhaupt ins Koalitionsspiel kommt.

Den schwierigsten Job in diesem Wahlkampf hat Pamela Rendi-Wagner. Sie hat die geringste politische Erfahrung und muss sich der größten Herausforderung stellen: Den möglichen Absturz der Kanzlerpartei a. D. auf den schmählichen Platz drei zu verhindern. Denn damit wäre nicht nur sie selber, sondern auch die SPÖ aus dem Koalitionsspiel.

Im Fall von Sebastian Kurz geht es darum, ob er mit einem Plus von fünf und mehr Prozentpunkten das Koalitionsspiel ohne große Rücksichten nach innen und nach außen weitgehend allein bestimmen kann.

Am vergleichsweise geringsten ist der Druck auf Beate Meinl-Reisinger. Alle Prognosen bescheinigen ihr, dass sie - trotz Unkenrufen bei dessen Abgang - das Ergebnis von Matthias Strolz klar übertreffen wird.

Die seltsamste Rolle in der Wahlschlacht spielt derzeit Norbert Hofer mit dem diese Woche von FPÖ-TV hochgeladenen Video, in dem Hofer gemeinsam mit einem Kurz-Double bei der Paartherapeutin sitzt. Hier wird schlagartig sichtbar: Wer stolz darauf ist, ohne schonungslose Berater auszukommen, kann sich als "Lonesome Cowboy" rasch hoffnungslos verreiten. So peinlich hat noch kein Spitzenpolitiker vor einer Wahl um den absehbaren Sieger gebuhlt: "Bitte, nimm mich wieder!"


Der Autor

Josef Votzi , 64, ist einer der renommiertesten Politikjournalisten des Landes. Der Enthüller der Affäre Groër arbeitete für profil und News und war zuletzt Politik- und Sonntagschef des "Kurier". Für den trend verfasst er jede Woche ein Wahltagebuch.



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