Bildungsexperte Andreas Salcher: Vom Mittelmaß zum Spitzenreiter

Bildungsexperte Andreas Salcher: Vom Mittelmaß zum Spitzenreiter

Bildungsexperte Andreas Salcher

Gastkommentar von Andreas Salcher. Der Bildungsexperte und Bestsellerautor ist Mitbegründer der Sir-Karl-Popper-Schule. Der regelmäßige FORMAT-Autor ist nun Berater von Vizekanzler und ÖVP-Chef Reinhold Mittlerlehner in Bildungsfragen. Seine Fünf Thesen, um den Notstand bei der Bildung zu beheben: von der Uni-Ausbildung für Kindergärtnerinnen bis zur der Ganztagsschule.

Damit wir Weltklasse werden können, müssen wir dem Bildungsthema höchste nationale Priorität geben. Jedes Kind hat ein Recht darauf, dass sein Talent maximal genutzt wird. Die notwenigen Mittel sind in einem der reichsten Länder der Welt vorhanden. Folgende Weichenstellungen sind vorrangig:

Erstens:

Die besten Kindergärten und Volksschulen der Welt. Die Bildungs-und Gehirnforscher sind sich einig darüber, dass die Investition in kompetente frühkindliche Pädagogik jene Maßnahme ist, die den maximalen langfristigen Bildungsnutzen bringt. Das Fördern von Neugier und Lernfreude, das Lernen von sozialen Regeln, Konfliktfähigkeit, Sprachkompetenz und vieles mehr lassen sich in den Kindergärten mit einem geringen Aufwand wesentlich positiv beeinflussen. Österreich ist derzeit einziges Land in der EU, das seinen Kinderpädagoginnen eine universitäre Ausbildung verweigert. Kinderpädagoginnen und Volksschullehrerinnen gehörend zu den wichtigsten Berufen für die Zukunft unseres Landes und verlangen nach entsprechender Aufwertung. Erreichen wir darüber einen nationalen Konsens, hätten wir in zehn Jahren eines der besten Schulsysteme der Welt.

Zweitens:

Die gleichrangige Förderung von sozialen und kognitiven Kompetenzen. Die Talente der Schüler sollten in Zukunft vom Schuleintritt an regelmäßig systematisch erfasst und ständig weiterentwickelt werden. Die Definition von Talent umfasst gleichberechtigt kognitive, sportliche, künstlerische, emotionale und soziale Begabungen.

Eine deutliche Verbesserung beim PISA-Test, der primär die kognitiven Begabungen erfasst, ist eine notwendige Pflichtaufgabe. Das erste Land der Welt, das es schafft, die sozialen und kreativen Kompetenzen seiner Schüler genauso gut zu erfassen und zu fördern wie die kognitiven Fähigkeiten, wird in Zukunft ganz vorne mitspielen.

Drittens:

Ein modernes Lehrerbild, das im Parlament beschlossen wird. Wir brauchen eine Totalreform des Lehrerdienstrechts, das auch in seiner neuen Form wesentliche Formen des Lernens, etwa langfristige Projektarbeiten, Einzelcoaching von Schülern, E-Learning etc. mit seinem strengen Werteinheitensystem gar nicht oder nur mit explodierenden Kosten leisten kann. Die Abrechnung nach 50-Minuten-Unterrichtsstunden muss ersatzlos abgeschafft werden. Sie wird durch ein faires Jahresarbeitszeitmodell ersetzt. Das bedeutet für die Lehrer nicht mehr klassische Unterrichtsstunden, sondern Konzentration auf die Qualität des Lernens und auf die Beziehungsarbeit mit den Schülern.


Um Weltklasse zu werden, muss das Bildungsthema höchste nationale Priorität erhalten.

Viertens:

Die Schulen erhalten volle pädagogische Autonomie. Direktoren spielen eine entscheidende Rolle für die Qualität einer Schule. Den politischen Parteien muss daher ihr Einfluss bei der Bestellung von Schuldirektoren entzogen und an Expertenkommissionen abgegeben werden. Der Direktor hat wesentlichen Einfluss auf die Anstellung seiner Lehrer und kann völlig ungeeignete kündigen. Er verfügt über ein pädagogisches Budget, das er den Bedürfnissen seiner Schule entsprechend einsetzen kann. Er wird jeweils auf vier Jahre bestellt und an der Erfüllung der Bildungsstandards für seine Schule sowie an der Beurteilung durch die Schulpartner gemessen.

Fünftens:

Ja zur echten Ganztagesschule. Fast alle guten Schulen auf der Welt sind echte Ganztagsschulen. Das trifft auf die teuersten Privatschulen in Großbritannien und den USA genauso zu wie auf soziale Brennpunktschulen. Die Vorteile sind eindeutig: Die Zeiteinteilung zwischen klassischem Lehrvortrag, echtem Projektunterricht, Reisen und Exkursionen, selbstbestimmtem Lernen und Erholungs-, Essens-und Reflexionszeiten wird vom Lehrerteam in Absprache mit dem Direktor autonom festgelegt.

Dadurch wird individuelles Eingehen auf jeden Schüler strukturell überhaupt erst möglich. Die Hausaufgaben fallen zum Großteil weg, für Schüler, Lehrer und Eltern endet die Schule im Normalfall um ca. 16 bis 17 Uhr.

Fazit:

Jede Schulreform von oben, die das Klassenzimmer nicht erreicht, ist sinnlos. Die Fakten sind völlig klar. Es gibt kein Konzeptdefizit. Es gibt ein Handlungsdefizit.

Der Artikel erschien ursprünglich in FORMAT Nr. 37/2014 vom 12. September 2014.

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