Volcker: „Europa muss sich entscheiden, ob
es auch fiskalpolitisch mehr Integration will“

Paul Volcker, Ex-US-Notenbank-Chef und ehemaliger Berater Barack Obamas, über ein neues Weltwährungssystem und Inflationsgefahr.

FORMAT: Herr Volcker, Sie haben in den 80er-Jahren die große Inflation besiegt. Heute fürchten viele eine neue Welle der Geldentwertung. Zu Recht?

Volcker: Inflation muss man immer fürchten. Derzeit haben wir ein Problem mit den Nahrungsmittelpreisen, das sind aber besondere Umstände. Die eigentliche Gefahr lauert in ein paar Jahren.

FORMAT: Manche Ökonomen halten es für die einfachste Lösung, die hohen Staatsschulden wegzuinflationieren. So wie in anderen historischen Schuldenkrisen auch. Was halten Sie davon?

Volcker: Wir sind noch nicht in einer solchen Lage. Weder in den USA noch in Deutschland. Einige Leute halten dies für ein taugliches Mittel, um den Krisenländern der europäischen Peripherie zu helfen. Solange diese Staaten Teil der Währungsunion sind, haben sie nicht die Möglichkeit, Inflation herbeizuführen.

FORMAT: Was ist die Lehre der Krise?

Volcker: Europa muss sich entscheiden, ob es auch fiskalpolitisch mehr Integration will. Es braucht einen Apparat, der Disziplin erzwingt. Die Erkenntnis, dass ein Land in der Währungsunion nicht mehr abwerten kann, hat offenbar nicht gereicht. Denn die Währungsunion hat es erleichtert, Schulden zu machen. So wurde die Disziplin durch den Markt untergraben. Wie die Finanzkrise zeigt, ist billiger Kredit sehr verführerisch.

FORMAT: Zielt Ihre Kritik auch auf die Notenbanker? Deren Aufgabe ist doch, „den Punsch wegzunehmen, bevor die Party außer Kontrolle gerät“.

Volcker: Als Notenbanker möchte man, dass sich die Leute entspannen, aber nicht betrinken. Wir bekommen gerade eine nützliche Debatte über das Weltwährungssystem. Wie kann ein Mechanismus aussehen, der Exzesse wie die enormen Überschüsse Asiens und die entsprechenden Defizite der USA verhindert? Und wie stoppt man derartige Exzesse, bevor sie so groß werden, dass sie ein System ruinieren?

FORMAT: Was schlagen Sie vor?

Volcker: Anfang der 70er-Jahre, nach dem Ende des Währungssystems von Bretton Woods, habe ich mit anderen schon einmal an solchen Fragen gearbeitet. Unsere Idee war, dass es eine grobe Norm dafür geben könnte, wie viele Währungsreserven ein Land vernünftigerweise aufbauen oder verlieren darf. Bei deutlicher Überschreitung würden dann bestimmte Maßnahmen greifen, etwa eine Wechselkursanpassung oder Änderungen der Wirtschaftspolitik.

FORMAT: Deutsche und österreichische Exporteure würden Sturm laufen.

Volcker: In einem System wird es immer Überschüsse und Defizite geben, die dürfen halt nicht zu groß werden. Zudem sollte nicht ein und dasselbe Land immer nur Überschüsse oder immer nur Defizite anhäufen.

FORMAT: Ein neues Weltwährungssystem ist nicht in Sicht. Was passiert, wenn es keine neuen Regeln gibt?

Volcker: Dann passiert das, was wir gerade in Europa erleben.

FORMAT: Wie zufrieden sind Sie mit dem, was der US-Gesetzgeber aus der „Volcker-Regel“ gemacht hat?

Volcker: Sehr zufrieden. Die Banken sind nicht eben glücklich damit, aber auch nicht am Boden zerstört. Ich würde gerne sehen, dass man die Regel auf europäische Banken ausweitet. Das Finanzsystem zu stärken ist wichtiger als alles andere. Stabile Währungen, Zahlungssysteme, Kreditvergabe, Geldpolitik, all das ist volkswirtschaftlich notwendig. Nicht notwendig ist es, dass Banken immer höhere Gewinne einfahren, die gigantisch geworden sind.

FORMAT: Sie haben einmal gesagt: Geldautomaten sind seit Jahrzehnten die nützlichste Erfindung der Banken.

Volcker: Damit wollte ich zum Ausdruck bringen: Viele Finanzinnovationen erscheinen mir überflüssig. Die US-Finanzbranche zieht viel zu viele junge Talente an. Auch wenn sie wahnwitzig viel Geld verdienen, muss man sich fragen, ob komplizierte Finanzkonstruktionen wirklich Produktivität, Stabilität und Wachstum schaffen.

Interview: Thomas Jahn, New York

Zur Person:
Paul Volcker, 83, war von 1979 bis 1987 Vorsitzender der US-Notenbank Fed und bis vor wenigen Wochen einer der wichtigsten Wirtschaftsberater von US-Präsident Barack Obama. Auf ihn geht die Anfang 2010 in den USA beschlossene „Volcker-Regel“ zurück, wonach der spekulative Eigenhandel von Finanzinstituten beschränkt wird.

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