Visions in Blue: Die FPÖ wird als "soziale"
Heimatpartei positioniert

Heinz-Christian Strache lässt derzeit kein Fest aus. Damit will der FPÖ-Chef vor allem bei Jungwählern punkten. Im rechten Lager der Partei kommt das aber nicht gut an.

Ein Leben ohne Bodyguards kann sich Heinz-Christian Strache schon lange nicht mehr vorstellen. Sogar in Bars und Diskotheken begleiten den FPÖ-Chef zwei Muskelprotze, weil sich die Partei angeblich Sorgen um Straches Wohlbefinden macht. Schließlich soll es laufend Drohungen gegen den blauen Parteichef geben. So stehen ihm seine beiden Aufpasser mitunter bis in die frühen Morgenstunden zur Seite. Leibwächter und Chauffeur Wolfgang Irschik hat sogar ein eigenes Büro in der Parteizentrale in der Wiener Reichsratsstraße.

Trotzdem lässt es sich Strache nicht nehmen, mit Freunden und politischen Weggefährten, darunter Joschi Gudenus (FPÖ-Bezirkschef Wieden), Udo Guggenbichler (FPÖ-Bezirkschef Währing), Dominik Nepp (FPÖ-Bezirkschef Döbling) und Harald Stefan (FPÖ-Vize Wien) nächtelang abzutanzen. Dazu kommt es in den vergangenen Monaten immer öfter und – Aussagen von Lokalbesuchern zufolge – auch immer ausgelassener. Auf Fragen nach seinem Lebenswandel reagiert Strache dennoch empört: „Ich habe im Wahlkampf – so wie jetzt – Zwanzig-Stunden-Arbeitstage, wo ich nur vier Stunden schlafe. Deshalb schaue ich nach einem Wahlkampf auch nicht so frisch aus“, sagte der gelernte Zahntechniker erst unlängst in einem Zeitungsinterview. Im ­Gespräch mit FORMAT legt er nach:
„Ich gehe nicht nur in die ‚Box‘, ich bin auch in der ‚Passage‘, im ‚Take Five‘, im ‚Elysium‘ oder im ‚Oil Club‘“ – also in allen derzeit angesagten Wiener Discos.

Flügelkämpfe in Blau

Die nächtlichen Streifzüge Straches sollen nicht nur seine Beziehung mit der Welser Zahnarzttochter Sissy Atzlinger belasten. Auch in der Partei selbst macht sich allmählich Kater-Stimmung breit. Die immer häufigeren Party-Auftritte des Parteichefs passen nicht ins Bild des strammen Anführers fürs dritte Lager, das sich auf deutsch-nationale Werte beruft. Und nun, nach der klaren Wahlniederlage bei den Bundespräsidentenwahlen der blauen Kandidatin Barbara Rosenkranz, ringt die FPÖ mühsam um eine neue Linie.

Wenn es um interne Machtkämpfe geht, unterscheiden sich die Freiheitlichen allerdings nicht von anderen Parteien: Missliebige Personen werden aus der Partei ausgeschlossen, von der Kommunikation abgeschnitten, öffentlich an den Pranger gestellt oder hinter vorgehaltener Hand diskreditiert. In dieser Situation droht die Partei jetzt in zwei Lager zu zerfallen: Auf der einen Seite steht Strache mit seinen beiden Generalsekretären Harald Vilimsky und Herbert Kickl, die bei den rechten Recken immer schon einen schweren Stand hatten. Sie gelten im schlagenden Burschenschafter-Milieu als opportunistische Karrieristen und gehören keiner studentischen Verbindung an. Sie feilen mit Strache an einem Plan, wie die FPÖ nach dem unerwartet schwachen Abschneiden bei den vergangenen Landtagswahlen in Vorarlberg und Oberösterreich und zuletzt beim Rosenkranz-Wahlkampf endlich das angestrebte Ziel von 30 Prozent erreichen kann. Die neueste Erfindung von FPÖ-Generalsekretär Herbert Kickl – auch als das „Hirn“ von Strache bezeichnet – lautet ­dabei: Die FPÖ soll in Zukunft zu einer „sozialen Heimatpartei“ werden oder, wie Strache es nennt, eine „Mitte-rechts-Kraft“ werden.

Graf gegen Strache?

Auf der anderen Seite positionieren sich die Vertreter des rechten Flügels um den Dritten Nationalratspräsidenten Martin Graf, die glücklose Barbara Rosenkranz und den EU-Abgeordneten Andreas Mölzer, für die die Parteizentrale in den nächs­ten Monaten des Wien-Wahlkampfes keine Verwendung finden wird. Graf, der noch vor wenigen Wochen über seine Rolle in Wien verlauten ließ, er werde sich, „so weit es die Geschäfte zulassen, voll einbringen“, lässt Strache nun via Medien ausrichten: „Martin Graf ist Präsident im Nationalrat und hat dort eine wichtige Aufgabe zu erfüllen. Er wird sicherlich während der Wien-Wahl auch keine politische Rolle auszuüben haben.“ Graf nimmt es mit Achselzucken und meint dazu nur lächelnd, dass er dem Weg Straches folgen werde. Das tue er ohnedies schon seit Jahren.

Graf könnte seine Einstellung schon bald überdenken. Denn wenn Strache in der Vergangenheit eines bewiesen hat, dann ist es sein ausgeprägter Machtinstinkt. Das attestieren ihm auch politische Wegbegleiter wie BZÖ-Mandatar Herbert Scheibner: „Für Strache ist ein Kompromiss ein Zeichen für Schwäche.“ Einen ersten Vorgeschmack, wie der Frauenschwarm mit aufsässigen Mitstreitern umgeht, erfuhr Anfang dieser Woche die Tiroler Landesgruppe. Dort wurden gleich fünf FPÖ-Funktionäre, die den Aufstand gegen den moderat auftretenden Landeschef Gerald Hauser probten, über Nacht aus der Partei ausgeschlossen. Ein Schuss vor den Bug für alle FPÖler, die einen strammeren Kurs einfordern.

Straches umstrittener Lebenswandel

Als echte Achillesferse Straches könnte sich aber sein exzessiver Lebenswandel herausstellen. So klagen Mitarbeiter, dass „der Chef zu morgendlichen Strategie-Sitzungen manchmal gar nicht oder zu spät erscheint, weil er auf Partys war“. Vor allem altgediente Freiheitliche beobachten Straches Auftritte in Bars und Discos mit Missgunst. Der Parteichef selbst sieht darin aber ein gutes Mittel, um bei Wählern zu landen: „Ich besuche ja nicht nur Diskotheken: Es gibt in Wien kaum ein Gasthaus, in dem ich noch nicht war, um mit den Menschen in Kontakt zu treten.“

Berührungsängste hat er aber dennoch. So soll Strache angesichts häufiger Drohungen in permanenter Angst leben und seinen VW Touareg regelmäßigen Sicherheitschecks unterziehen. Kritisiert wird Strache auch für seine Vorliebe für teure Designermarken wie Etro und Luxus­urlaube auf Inselparadiesen. Auch seine Wiener Innenstadtwohnung sorgt für Gesprächsstoff. So soll ein Loosdorfer Holzhändler Strache dort fast gratis logieren lassen. Der Parteichef nimmt die Kritik gelassen und meint, mit seinem Netto­gehalt in Höhe von 5.700 Euro monatlich würde sich alles schön ausgehen.

Trotz aller Versuche, seine Vaterfigur Haider nachzuahmen, hapert es an vielem, sagen Kenner beider Politiker. Ex-FPÖ-Verteidigungsminister Herbert Scheibner, der Strache seit Jugendtagen kennt: „An die Erfolge Haiders wird Strache nie anknüpfen können. Dazu hat er einen zu beschränkten politischen Horizont.“

– Silvia Jelincic, Markus Pühringer

Das Interview mit H.C. Strache lesen Sie bitte im neuen FORMAT!

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