US-Wahlen: American Nightmare

Peter Pelinka

Peter Pelinka

Wie und warum Donald Trump über uns alle gekommen ist. Sechs Thesen über eine historische Wahlnacht, die in einem Albtraum endete. Gastkommentar aus dem trend Spezial zur US-Wahl 2016.

Man versucht möglichst wach der ORF-Berichterstattung über die amerikanische Wahlnacht zu folgen, switcht zwischendurch zu deutschen Programmen und zu CNN, vernimmt noch unaufgeregt die ersten Berichte von erwartbaren demokratischen und republikanischen „Heimsiegen“ und döst offenbar kurz vor den ersten heiklen Zwischenresultaten im „Swing State“ Florida ein.

Etwa um fünf Uhr früh per SMS ein erstes entsetztes Emoji, ohne weiteren Kommentar. Das kann doch nicht? Doch: Trump in Führung, ziemlich klar. Er hat sich auch Florida geholt, dazu noch andere wichtige „Wackelstaaten“ wie Ohio, Iowa, North Carolina und Pennsylvania, Hillary Clinton von diesen nur New Mexico und Virginia.

Am Morgen ist es dann endgültig: Donald Trump wird der 45. Präsident der USA. Unter den ersten Gratulanten: Le Pen, Strache, Orbán, die Brexit-Betreiber, all jene, die kein Interesse an einem starken Europa und einem transatlantischen Bündnis auf Augenhöhe haben. Und natürlich Wladimir Putin, der einige von ihnen finanziell unterstützt.

Nach neun Uhr sieht man dann Trump bei seiner Siegesrede, plötzlich ganz zahm. Er habe gerade die telefonische Gratulation von Hillary Clinton entgegengenommen. Er dankt ihr für ihren tollen Wahlkampf und überhaupt ihren Einsatz für das Land. Das sagt derselbe Trump, der seine Gegnerin stets „korrupt“ nannte und im Gefängnis sehen wollte und dessen Anhänger bisweilen ihr gleich mit der Todesstrafe drohten.

Versöhnlich? Ein erster Hoffnungsschimmer für all jene, die an die Lernfähigkeit von „The Donald“ glauben? Daran, dass das kommende Amt auch den Rüpel zivilisieren werde? Kaum. Eher ein Zeichen dafür, wie verschlagen dieser Typ ist, verlogen, skrupellos, unberechenbar. Dieser Mann als Oberbefehlshaber der mächtigsten Militärmacht der Welt, der jederzeit allein auf den Nuklearknopf drücken kann? Wahrlich ein Albtraum. Aber keine amerikanische Spezialität. Donald Trump ist nur das größte, aktuellste, gefährlichste Menetekel für das gesamte westliche System. Und profitiert wie seine jetzigen Bewunderer von gesellschaftlichen Trends, mit denen alle Politiker zu rechnen haben.


Der Hass auf das Establishment‘ ist dort am größten, wo die Netzwerke der Macher am dichtesten sind.

1. Der Hass auf das „Establishment“.

Er ist dort am stärksten, wo die Ungleichheit am größten ist, die Netzwerke der „Macher“ am dichtesten, der Aufstieg in die Eliten am schwierigsten. In den USA, der größten Volkswirtschaft der Welt, hält das wohlhabendste Prozent der Bevölkerung über 50 Prozent des gesamten Vermögens. Wer innerhalb der restlichen 99 Prozent abgekoppelt wird vom materiellen Wachstum, sich ausgegrenzt fühlt oder real ausgegrenzt ist, sucht Sündenböcke. Das ist für die Trumpisten „Washington“, das sie für all ihr Missbehagen verantwortlich machen.

Mehr als 50 Prozent seiner Wähler sind wütend auf die Hauptstadt als Synonym für „das System“, wollten einen Präsidenten, der von „außerhalb“ kommt. Sie suchten ihren „Antiestablishment“-Helden zum „Aufräumen“ mit paradoxem Ergebnis: den Multimilliardär Trump, der den gläubigen Massen „I am your voice“ zubrüllt. Und der sich als Garant für wirtschaftlichen ist gleich politischen Erfolg inszeniert, obwohl er seinen Reichtum der vom Daddy geschenkten ersten Million verdankt, zwischenzeitlich mit mehreren Kasinoprojekten grandios scheiterte und das politische Wissen eines hiesigen Fünftklasslers (sorry für den Vergleich) aufweist.

2. Das Unbehagen über die wirtschaftliche Globalisierung.

Am deutlichsten hat Trump bei den „blue collars“ gewonnen, also den Arbeitern in den heruntergekommenen oder bereits aufgelassenen Industriestandorten. Sie fühlen sich seit Jahren im Stich gelassen, machen dafür – nicht zu Unrecht – auch die Kosten sparenden Verlagerungen nach Asien verantwortlich. Sie befürworten Trumps Attacken auf den internationalen Freihandel, dessen Vorteile sie andererseits als Konsumenten aber gerne in Anspruch nehmen.

Die meisten Trump-Wähler verbinden das mit einer nostalgischen Sehnsucht nach dem „guten alten Amerika“, das ihr Held wieder „great“ zu machen verspricht. Wie, das hat er wirtschaftspolitisch nicht gesagt. Trump hat aber auch bei männlichen College-Absolventen eine Mehrheit gewonnen: Auch sie haben das berechtigte Gefühl, dass die Handels- und Finanzliberalisierung ihnen nichts oder zu wenig gebracht hat, ihr Lebensstandard droht zu sinken.

3. Die Angst vor der demografischen Veränderung.

Trumps Wähler waren überwiegend Weiße (derzeit 61,5 Prozent), die nach demografischen Schätzungen in 40 Jahren nur noch die Hälfte der US-Bevölkerung ausmachen werden und die sich zunehmend als Minderheit im eigenen Lande fühlen. Löste in Europa insbesondere die Migrationswelle im vergangenen Jahr solche Gefühle aus, ist es in den USA seit Jahrzehnten vor allem der starke Zuwachs der Latinos (heute 18 Prozent der Bevölkerung) und Asiaten (5,5 Prozent), während die Zahl der Schwarzen bei etwa 13 Prozent stagniert, freilich auf meist niedrigem sozialem Niveau, was die jüngsten Rassenunruhen mit erklärt.


Trump spielt in einer Liga mit Erdogan und Putin, mit Orbán und Kaczynski.

4. Die Sehnsucht nach dem „starken Mann“.

Trump spielt in einer Liga mit Erdogan und Putin, mit Orbán und Kaczynski. In einer autoritären Liga, getragen von obrigkeitsstaatlichem Geist und Bemühungen, Meinungsfreiheit einzuschränken. Das entspricht dem Willen einer wachsenden Wählerschar, es müsse wieder „einfach“ und „rasch“ entschieden werden, ohne Rücksicht auf das oft komplizierte Ringen um Kompromisse und Lösungen. In den USA waren es die Republikaner von Trump selbst, welche den Parlamentarismus durch ihre Blockadepolitik gegen Obama jahrelang gelähmt und diskreditiert haben – so wie einst die Nationalsozialisten in ihrem Kampf gegen die „Quatschbude“ Parlament.

5. Der Wunsch nach „Entertainment“ in der Politik.

Donald Trump ist ein Medienprofi, beteiligte sich als Organisator an Wrestler-Turnieren, wurde besonders geschult als Moderator in der flachen TV-Show „The Apprentice“ („Der Lehrling“). Zwischen 2000 und 2015 wurden mehrere Staffeln produziert, bei denen Kandidaten für einen Job in einem Trump-Unternehmen getestet wurden. Zwei Teams traten gegeneinander an, ein Mitglied des verlierenden Teams wurde dann mit „You’re fired“ heimgeschickt.

In diesem Punkt ähnelt Trump Silvio Berlusconi: Der einstige Tingeltangelsänger auf Kreuzfahrtschiffen, angeblicher „Aufräumer“ des alten korrupten italienischen Systems, entlarvte sich in mehreren Regierungsperioden als noch korrupterer, halbseidener Steuerhinterzieher und Frauengrapscher. Diese leidvolle Erfahrung muss die USA offenbar noch machen.


Erfolgreich scheint der, der am besten polarisieren kann.

6. Populismus schlägt Rationalität, der Bauch den Kopf.

Erfolgreich scheint der, der am besten polarisieren kann, Emotionen schürt, keine Lösungen vorweisen muss. Das Wahlergebnis zeugt aber auch von einer masochistischen Lust am Betrogen-Werden. Trumps Kampagne beruhte großteils auf unwahren Aussagen: Clinton wolle alle Gefangenen entlassen, die USA zahle Milliarden an die NATO, Obama lade 250.000 Syrer ein.

Die „Huffington Post“ erkannte in einer einzigen einstündigen Rede Trumps 71 Faktenfehler. Aber offenbar zählt das wenig in der „postfaktischen“ Ära, in der man sich von vornherein nicht auf die Existenz nachweisbarer Tatsachen und überprüfbarer Berichterstattung einigen will.

Internet und „neue Medien“ erleichtern diese Tendenz, jede Unwahrheit oder Halbwahrheit kann extrem schnell verbreitet werden. Und begünstigt jenen Anti-Intellektualismus, vor dem der scheidende Präsident knapp vor der Wahl in Hinblick auf den neuen warnte: „Wenn ihr der aktuellen politischen Debatte ­zuhört, fragt ihr euch vielleicht, woher dieser Anti-Intellektualismus kommt. Ich will es euch sagen, so klar wie es nur geht. Diese Ignoranz ist keine Tugend, weder in der Politik noch im richtigen Leben. Du bist überhaupt nicht cool, wenn du keine Ahnung hast, wovon du redest! Das hat überhaupt nichts mit Authentizität zu tun. Es bedeutet auch nicht, dass man so die politische Korrektheit hinterfragt. Es zeigt einfach, dass du keine Ahnung hast, wovon du sprichst. Und davon lassen wir uns verunsichern?“

Eine Mehrheit der amerikanischen Wähler hat das am 8. November getan. Eigentlich nur eine Mehrheit der Wahlmänner: Hillary Clinton errang eine knappe Stimmenmehrheit. Ein schwacher Trost. Der Sieg Trumps wird auch in Europa Rechtspopulisten stärken, Le Pen in Frankreich, Strache in Österreich. Fast scheint nur mehr ein starkes Bollwerk gegen den Trumpismus übrig zu bleiben: Angela Merkel.


Zur Person

Peter Pelinka war unter anderem Chefredakteur von FORMAT, ORF-Moderator von „Im Zentrum“. Heute ist er Kolumnist bei „News“, Moderator bei ORF III („Runde der Chefredakteure“) sowie Gesellschafter der Medientrainingsfirma Intromedia. Seit 1988 hat er alle US-Präsidentschaftswahlen vor Ort beobachtet.


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