Unterstützung für Haiti: FORMAT zeigt,
worauf Sie bei Ihrer Spende achten sollten

Nach dem Beben in Haiti spenden Private, Unternehmen und Regierungen Millionen. Welche Organisationen die Gelder effizient einsetzen und wie unkoordinierte Hilfe wie beim Tsunami verhindert werden kann.

Es ist eine Jahrhundert-Katastrophe, und die Hilfe rollt nun langsam an. Seit dem verheerenden Erdbeben vergangene Woche, wo es laut Angaben der Vereinten Nationen (UNO) bis zu 200.000 Tote geben könnte, treffen trotz Flughafensperre, knappem Benzin und Überfällen auf Busse und Lkws täglich neue Helfer ein. Die UNO stockte die Zahl ihrer Blauhelmsoldaten von 3.500 auf 12.500 auf. Dazu kommen unzählige Mitarbeiter von Caritas, Rotem Kreuz, Ärzte ohne Grenzen und Co. Bis Mitte der Woche waren bereits 52 Rettungsteams mit 1.820 Helfern und mehr als 170 Hunden im Einsatz. Die Zeit drängt: Millionen Haitianer haben seit Tagen weder frisches Wasser getrunken noch einen Bissen gegessen. Sie brauchen Medikamente, Decken und Notunterkünfte. Tausende müssen dringend operiert werden, bevor Infektionen sie töten. Die Gefahr von Seuchen steigt stündlich. Derweil laufen weltweit groß angelegte Spendenaktionen an. In Österreich spielte die ORF-Aktion „Nachbar in Not“ nach nur wenigen Tagen mehr als eine Million Euro ein, die Caritas sammelte bislang 600.000 Euro, das Rote Kreuz über 300.000 Euro. Experten erwarten, dass die Österreicher bis zu zehn Millionen Euro für Haiti spenden werden. Doch viele fragen sich: Bei wem ist meine Spende gut aufgehoben? Eine Orientierungshilfe für Richtiges Spenden für Haiti.

1. Professionalität statt Charity
Erstes Kriterium: eine professionelle Organisation – denn Katastrophenhilfe ist eine komplexe Aufgabe, für die man routinierten Experten finanzieren sollte. „Bei uns melden sich täglich Dutzende Menschen, die selbst nach Haiti fahren und mithelfen wollen“, sagt Max Santner, Leiter der internationalen Hilfe beim Österreichischen Roten Kreuz. „Das ist gut gemeint, aber kontraproduktiv: Jetzt muss professionell geholfen werden.“ Das Rote Kreuz etwa ist in fast allen Ländern der Erde aktiv. Ab dem ersten Tag wurden Hilfslieferungen aus dem großen Lager in Panama eingeführt. Am Dienstag startete in Österreich ein Flugzeug mit Notfall-Sanitäranlagen für 20.000 Menschen. Zu den 2.000 lokalen Mitarbeitern kommen jetzt bis zu 400 internationale Experten. Auch die Caritas öffnete gleich nach der Katastrophe ihre drei bestehenden Notfall-Lager und konnte so binnen Stunden Decken, Zelte, Wasser und Lebensmittel verteilen. „Weil es immer wieder Kata­strophen in Haiti gab, haben wir die Lager eingerichtet“, erklärt Christoph Petrik-Schweifer, Caritas-Auslandshilfechef. Diese erfahrenen Organisationen müssen sich an internationale, verbindliche Standards halten. Ehrenamtliche Helfer und unerfahrene Organisationen hingegen sind derzeit hinderlich. Schon jetzt sind zu viele vor Ort, die sich aus den knappen Hilfslieferungen versorgten. Auch Organisationen, die zu wenig Erfahrung in Extremsituation haben, kosten wertvolle Ressourcen – und sei es nur durch Fragen an die Experten, wie sie nun helfen sollen.

2. Unabhängigkeit
Auch Ärzte ohne Grenzen, die schon vor dem Beben drei Krankenhäuser mit 880 Mitarbeitern in Haiti betrieben, haben dafür keine Zeit. „Ich habe so etwas bislang noch nicht erlebt. Jedes Mal, wenn ich den Operationssaal verlasse, sehe ich Menschen, die verzweifelt um eine Operation bitten“, so Loris de Filippi, Nothilfe­koordinator von Ärzte ohne Grenzen in Cite Soleil. Sein Hauptproblem: Der Flughafen ist zwar wieder funktionstüchtig – doch am Dienstag hielt das US-Militär, das die Kontrolle übernommen hat, schon das fünfte Flugzeug mit lebensrettendem Mate­rial von der Landung ab. „Wir mussten auf dem Markt eine Säge kaufen, um Amputa­tionen durchführen zu können. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit“, sagt de Filippi. Die verweigerten Landeerlaubnisse lassen erahnen, welche Probleme die Vorreiter­rolle des Militärs bringen könnte. „Es ist daher wichtig, dass unsere Unabhängigkeit gewahrt bleibt“, betonen Hilfsorganisatio­nen. Max Santner vom Roten Kreuz: „Wir koordinieren uns mit dem Militär und der UNO – aber wir lassen uns nicht koordinieren.“ Umso wichtiger ist es, unabhängige Organisationen durch Spenden zu stärken.

3. Verankerung vor Ort
Auch professionelle Helfer, die jetzt zum ersten Mal nach Haiti reisen und keine Partner vor Ort haben, können sich im Chaos nach dem Beben kaum zurechtfinden. Am besten sind Spenden bei jenen Organisationen aufgehoben, die Erfahrung und Mitarbeiter vor Ort haben. Die Auswahl ist groß: Haiti ist eines der ärmsten Länder der Welt und wird regelmäßig von ­Naturkatastrophen heimgesucht. Über 700 Nichtregierungsorganisationen waren vor dem ­Beben in dem Inselstaat aktiv. Care etwa ist seit 1954 präsent, vor dem Beben mit 133 Mitarbeitern, Lager mit Nothilfe-Gütern sind auf der Insel. „Wir verteilen Nahrungsmittel und Wasseraufbereitung. Ein besonderes Anliegen sind uns schwangere Frauen und stillende Mütter“, sagt Angelika Redler von Care. Wer lieber an kirchliche Organisationen spendet, ist bei der Diakonie, bei Missio oder Jugend Eine Welt gut aufgehoben: Deren Spendengelder werden an das dichte Netzwerk der Kirchen in Haiti weitergeleitet. Doch offizielle Spendengeber scheinen sich an dieses Kriterium nicht zu halten: So sorgt die Entscheidung der Stadt Wien, 250.000 Euro an den Arbeitersamariterbund zu spenden, für Unmut – hinter vorgehaltener Hand. „Ich verstehe nicht, warum man so eine Summe an eine Organisation spendet, die jetzt erst ein Team losschicken muss, um zu prüfen, wie man sie ausgeben könnte“, sagt ein erfahrener Helfer. Die zweite Tranche der Stadt Wien – noch einmal 250.000 Euro – geht an das Rote Kreuz und die Caritas. Ärzte ohne Grenzen blitzten ab: Deren Projekte seien „zu wenig konkret“, hieß es.

4. Vorsicht vor Abzockern
„Leider rufen solche Ereignisse auch Abzocker auf den Plan, denen es vorrangig darum geht, möglichst viel Geld für die eigene Organisa­tion einzutreiben“, warnt Stefan Loipfinger, Chef der deutschen Organisation Charity Watch. Und selbst wenn der Wille zum Helfen da ist, werden die Gelder nicht immer sinnvoll eingesetzt: Zu viele Organisa­tionen richten sich nicht nach den Bedürfnissen vor Ort, sondern nach dem Auftrag ihrer Spender – und müssen dann durchführen, wofür sie gesammelt haben, ob sinnvoll oder nicht. „Nach dem Tsunami gab es dafür einige schlimme Beispiele“, sagt Loipfinger: „Ein Dorf in Sri Lanka bekam drei Schulen nebeneinander. Eine Organisation baute gar ein Fischerdorf 10 km vom Meer entfernt. Das steht leer.“ Man sollte sich – vor allem bei Charity-Events – auch erkundigen, wie viel von dem Geld ankommt. Bei direkten Spenden hilft das Spendengütesiegel bei der Orientierung.

5. Spenden nicht zweckwidmen
Schließlich kann noch ein Problem auftreten, an das angesichts des unendlichen Bedarfs in Haiti derzeit noch kaum jemand denkt: Bei großen Katastrophen sind oft zu viele Spendengelder an die Nothilfe gebunden – und die stehen dann für Entwicklungszusammenarbeit, andere Landesteile oder kommende Katastrophen nicht zur Verfügung. „Unsere besten Spenden für Haiti waren jene, die wir im Vorjahr ungebunden bekommen haben“, sagt Irene Jancsy von Ärzte ohne Grenzen, die die ersten Hilfsmaßnahmen aus dem Nothilfefonds zahlten. Nun sind dank der Welle an Hilfsbereitschaft die Programme in Haiti ausfinanziert. Was nicht heißt, dass die Organisation kein Geld mehr braucht: Der Fonds muss wieder aufgefüllt werden. Erfahrene Spender schreiben also kein zu eng gefasstes Stichwort auf den Erlagschein, sondern vertrauen der Organisation ihrer Wahl beim Einsatz der Mittel.

Denn wie diese Mittel in Haiti eingesetzt werden sollen, ist auch über eine Woche nach dem Beben noch nicht abzusehen. „Niemand hat derzeit schon einen objektiven Überblick über die Lage: Es gibt keine Melderegister, keine Grundbucheinträge, niemand weiß, wie viele Menschen in einem Stadtviertel gelebt haben – und wie viele vermisst werden“, sagt Max Santner. Eines ist sicher: Der Bedarf ist enorm. Es werden noch sehr viele Spender gebraucht.

Corinna Milborn, Barbara Nothegger

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