Universitäten: Fünf Forderungen an Neo-Wissenschaftsministerin Beatrix Karl

Auf die neue Ministerin für Wissenschaft und Forschung wartet viel Arbeit: Die Wunschliste von Lehrenden und Lernenden ist lang. FORMAT präsentiert fünf Forderungen.

Drei Monate ließ ÖVP-Chef Josef Pröll alle warten, aber nun ist sie da: Die Nachfolgerin von Wissenschaftsminister Johannes Hahn heißt Beatrix Karl. Sie ist ÖAAB-Generalsekretärin, Steirerin und ehemalige Universitätsprofessorin. Und sie muss sich gleich in ihre neue Arbeit stürzen. Denn die Liste mit Wünschen und Forderungen im Universitäts- und Wissenschaftsbereich ist lang. Rektoren, Forscher, Lektoren und Studierende haben für FORMAT die wesentlichsten fünf herausgefiltert.

Stellenwert und Finanzen erhöhen
Mehr Geld für die Unis steht für den Rektor der Wirtschaftsuniversität Wien, Christoph Badelt, gar nicht an erster Stelle: „Noch wichtiger ist es, dass Wissenschaft und Forschung gesellschaftlich verankert werden. Österreich verliert bei der Konkurrenzfähigkeit gegenüber anderen. Da spreche ich gar nicht mal von den USA, sondern von Ländern wie Indien oder China.“ Um das zu erreichen, braucht es dann aber doch Geld. Das bisher unverbindliche Ziel, zwei Prozent des BIPs für Wissenschaft und Forschung zu reservieren, sollte die neue Ministerin gesetzlich verankern und einen Weg dorthin festlegen. Bislang sind es 1,2 bis 1,3 Prozent – mehr als im OECD-Schnitt, aber zu wenig dafür, dass sich der Wirtschaftsstandort Österreich durch exzellent Ausgebildete und Topwissenschaft von anderen abheben kann. Badelt vermisst ausreichend Lehrpersonal und Räume, die Uni-Infrastruktur entspricht nicht den internationalen Standards: „Vor allem für PhD-Studierende, also frühere Doktoranden, gibt es zu wenig Ressourcen. Und das, obwohl es sowohl Exzellenzförderung als auch eine breite Basis an Jungwissenschaftlern braucht, aus der Topwissenschaft entstehen kann.“

Lehre UND Forschung stützen
Will man die besten Köpfe an den Unis, ist Sparen im Mittelbau fehl am Platz – genau das passiert aber im Moment, wie Thomas Schmidinger von der IG externe LektorInnen und freie WissenschafterInnen aus eigener Erfahrung berichtet. Der Politikwissenschaftler lebt von Projekt zu Projekt und Lehrauftrag zu Lehrauftrag. Letztere werden im Moment an Externe von Semester zu Semester vergeben. Eine zweistündige Lehrveranstaltung wird knapp über der Geringfügigkeitsgrenze entlohnt und entspricht einem Nettogehalt von 250 Euro. An den Unis ist nicht einmal ein Schreibtisch für externe Lektoren vorgesehen. Schmidinger ist sich deshalb sicher, dass trotz, nicht wegen solcher Bedingungen Qualität geliefert wird: „Nimmt man das Konzept der wissenschaftsgeleiteten Lehre ernst, muss man die Lehre aufwerten.“ Eine pädagogisch und didaktisch wertvolle Vermittlung der Inhalte wird bislang nicht belohnt. Aber auch die Karriere als Wissenschaftler ist wenig attraktiv. Egal ob im internationalen Vergleich oder im Unterschied zu Jobs in der Wirtschaft: Die Verdienstmöglichkeiten an den Unis sind im Moment gering. Im Kampf um die besten Köpfe sind sie deshalb im Nachteil. Der Genetiker Markus Hengstschläger fordert deshalb mehr steuerliche Anreize, damit Unternehmen mehr Geld für angewandte Forschung zur Verfügung stellen, aber auch staatliche Mittel für Grundlagenforschung: „Wenn wir international mithalten wollen, müssen wir außerdem die Qualität an den Universitäten nochmals verbessern und laufend evaluieren.“

Bologna-Prozess reformieren
Um den internationalen Vergleich geht es auch beim Bologna-Prozess, also dem Versuch, ein einheitliches europäisches Hochschulwesen zu schaffen. Bologna wird auch in einer eigenen Arbeitsgruppe des „Dialog Hochschulpartnerschaft“ im Ministerium breit diskutiert, der bis Juni Ergebnisse bringen soll. Die anderen vier Gruppen beschäftigen sich mit dem gesellschaftlichen Auftrag, einer koordinierten Entwicklung, Studienwahl und Zugang sowie Ressourcen. Bologna war auch bei den Protesten der Studierenden im vergangenen Herbst immer wieder Thema. Zwei ehemalige Audimax-Besetzer, Sabine und Jakob, wollen Missstände beseitigen und beteiligen sich deshalb für die Bewegung „Unsere Uni“ am Dialog und der Weiterentwicklung der Unis. Den beiden geht es um Freiraum beim Studium. „Bologna soll nicht zur Verschulung der Unis führen“, meint Sabine. Und: „Es kann nicht darum gehen, mit minimalem Aufwand eine maximale Anzahl an Absolventen produzieren zu wollen und die Qualität des Studiums zu vernachlässigen.“ Tatsächlich fehlt es Österreich, um als Wissensgesellschaft zu punkten, an den Köpfen. Im OECD-Länder-Vergleich rangiert Österreich sowohl bei den Studienanfängern, vor allem aber bei den Absolventen unter den Letzten. Aber mit Bologna nur möglichst viele Bachelors gleichzusetzen, die ein Mindestmaß an Faktenwissen besitzen, ist auch für den Rektor der Angewandten, Gerald Bast, zu wenig: „In Wahrheit orientiert sich unser Uni-System noch am Stand einer Industrie- und nicht einer flexiblen Kreativ- und Wissenschaftsgesellschaft. Deshalb kann es auch im Bachelorstudium nicht um das Wiedergeben von Fakten gehen, sondern um fächerübergreifendes und reflektiertes Denken, das Studierende erlernen sollten.“ Unis sollen bilden, nicht ausbilden, meint Bast. Zugleich sagt der Rektor aber auch: „Den freien Hochschulzugang aufrechtzuerhalten und ihn nicht zu finanzieren ist fahrlässig.“

Studienzugang neu regeln
Das Problem überlaufener Studien und damit bestenfalls suboptimaler Studienbedingungen mit vollen Hörsälen, langen Wartezeiten auf Lehrveranstaltungen oder einem schlechten Betreuungsverhältnis von bis zu 300 Studierenden pro Professor sieht auch die ÖH-Bundesvorsitzende Sigrid Maurer. In der wohl noch hitzigen und langwierigen Diskussion um eine Lösung kommen für die ÖH manche Varianten aber nicht infrage: Studiengebühren, also finanzielle Hürden, die nach sozialer Herkunft selektieren, werden selbst mit noch umfassenderem Stipendiensystem abgelehnt. Studienzugangstests, mit denen Intelligenz oder Schulwissen abgeprüft werden können, werden als Variante ebenfalls ausgeschlagen. Maurers Einwand: „An den Tests an der Medizin-Uni sieht man, dass sie Frauen im Vergleich zu Männern benachteiligen.“ Das Problem müsse laut Maurer schon vor dem Studienbeginn angegangen werden: „Viele der überlaufenen Studienrichtungen suggerieren ein klares Berufsbild. Man geht an die WU, um Managerin zu werden, studiert Publizistik für den Job im Journalismus oder Psychologie und glaubt, danach Psychotherapeut zu sein.“ Solchen falschen Erwartungen will Maurer bereits in der Schule mit Information vorbeugen, zumindest mit Infoveranstaltungen, die über verschiedene Studienrichtungen aufklären, besser aber noch mit einem modularen Schulsystem, in dem Schüler flexibel in Studieninhalte hineinschnuppern können und auch schon mal eine Lehrveranstaltung an der Uni besuchen können. Für eine solche Durchlässigkeit zwischen Schule und Uni bedarf es aber einer kompletten Systemänderung.

Demokratisierung der Unis
Ein erreichbareres und damit heute prioritäres Ziel von ÖH, der Bewegung „Unsere Uni“, aber auch den Lektoren ist deshalb die Mitsprache bei den Reformen und eine damit einhergehende Demokratisierung. Was mit dem Dialog begonnen hat, müsste mit einer Reform des Universitätsgesetzes fortgesetzt werden. Denn seit 2002 ist die Mitsprache in den Gremien der Universität für die verschiedenen Ebenen stark eingeschränkt. Im Universitäts-Senat, der über Studienpläne oder Berufungen befindet, haben Professoren mit 50 Prozent der Stimmen überproportional das Sagen. Im Universitätsrat, wo es um die Entwicklung der Unis insgesamt geht, sind per Gesetz erst gar keine Uni-Vertreter vorgesehen. Die neue Ministerin müsste demnach das Universitätsgesetz reformieren, um Mittelbau und Studierenden mehr Mitsprache und Gestaltungsspielräume zu ermöglichen. Und genau darum geht es: Missstände aufzuzeigen und sich am politischen Prozess zu beteiligen. Beatrix Karl muss also zeigen, ob die Forderungen aus der Uni bei ihr Gehör finden. Sonst wählen die Studierenden wohl wieder ein anderes demokratisches Mittel: Sie sind für neue Demos gerüstet.

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