Unis im Europa-Vergleich: In Österreich
sind die Tage des freien Zugangs gezählt

Freier Hochschulzugang und mehr Platz und Lehrende sind Kernforderungen der Uni-Proteste. Doch Zugangsbeschränkungen sind nicht aufzuhalten – europaweit. Ein Vergleich.

Zwei Themen tauchen in den Debatten im immer noch besetzten Audimax der Uni Wien immer wieder auf, wenn die Forderungen der Studierenden diskutiert werden: Erstens sollen die Universitäten mehr Lehrende und bessere Ausstattung bieten. Und zweitens soll der freie Hochschulzugang wiederhergestellt werden – keine Zugangsbeschränkungen, keine Studiengebühren. Doch die Kombination der beiden Forderungen ist realpolitisch schwer umzusetzen, zeigt auch ein Europa-Vergleich: Studiengebühren sind zwar nicht in allen Ländern zu zahlen – doch wo nicht, ist der Zugang zumindest zu gefragten Studienrichtungen beschränkt. „Die Kombination aus freiem Zugang und Gebührenfreiheit ist in Österreich einmalig“, sagt Hochschulexperte Hans Pechar von der Universität Klagenfurt, derzeit in Vancouver. „Die Folgen werden durch den Zustrom deutscher Flüchtlinge vor dem Numerus clausus und den Gebühren in Süddeutschland noch verschärft.“ Fazit: Auch Österreich wird wohl offiziell auf breiterer Ebene jene Zugangsbeschränkungen einführen, die aufgrund des Ansturms deutscher Studenten in Medizin und Psychologie jetzt schon gelten. Die ÖVP ist schon lange dafür, die SPÖ fährt derzeit einen Zickzackkurs: Erst sprach sich Bundeskanzler Werner Faymann für Beschränkungen aus, dann ruderte er angesichts der empörten Proteste zurück. Nun wird hinter den Kulissen an einem Papier gearbeitet, das eine „neue Form von Beschränkungen“ enthält, die sich „vom Modell der ÖVP unterscheiden“, heißt es aus der Partei.

Wenig Akademiker bei hohen Ausgaben
Fakt ist: Das Hochschulsystem muss umgebaut werden. Denn derzeit produziert es erschreckend wenige Akademiker – Österreich liegt mit einer Quote von 18 Prozent auf den hintersten Rängen der Industrieländer. „Die Studierendenzahlen wachsen zwar, aber der Abstand zum OECD-Mittel bleibt bei den Absolventenzahlen groߓ, kritisiert Andreas Schleicher, der jährlich für die OECD die Bildungssysteme der Industriestaaten vergleicht. Dabei ist das System teuer: Der Staat Österreich investiert pro Studienabschluss über 42.000 Dollar – nur in Dänemark kommt den Staat ein Absolvent teurer. Auch wenn man alle privaten und staatlichen Investitionen zusammenrechnet, liegt Österreich an zweiter Stelle der Kosten für einen Abschuss, gleich nach den USA. Trotzdem ist das Betreuungsverhältnis im internationalen Vergleich miserabel, sind die Hörsäle überfüllt, die Lehrenden überlastet. Und das Gratis-Studium bedeutet nicht, dass sozial Benachteiligte leichteren Zugang zu Universitäten haben: „Seit Jahren studieren in Öster-reich dieselben bürgerlichen Schichten. Mehr soziale Durchmischung ist nicht nur eine Geldfrage, dazu braucht es Steuerung“, sagt die Professorin für Bildungsmanagement Ada Pellert, die nach ihrem Abgang als Vizerektorin der Donau-Universität Krems nun in Berlin lehrt. Doch was machen andere europäische Länder besser? Ein Überblick zeigt: Auch wenn nicht überall Studiengebühren eingehoben werden – Zugangsbeschränkungen sind heute in Europa gang und gäbe.

Steuern oder Gebühren
„Bei der Finanzierung der Universitäten gibt es drei Möglichkeiten: Erstens eine hohe Steuerquote, wie in Skandinavien. Zweitens Studiengebühren. Und drittens unterfinanzierte Universitäten – dafür hat sich Österreich entschieden“, erklärt Professor Pechar. Derzeit bewegt sich Österreich allerdings von einer hohen Steuerquote eher weg – was für Studiengebühren spricht. Ein Blick über die Grenzen zeigt verschiedenste Modelle: In den Niederlanden etwa sind die Studiengebühren mit über 1.500 Euro pro Jahr vergleichsweise hoch. Studierende können sie in Raten zahlen oder günstige Kredite in Anspruch nehmen. In Großbritannien, wo die Universitäten selbst die Höhe der Gebühren festlegen (bis zu 3.500 Pfund pro Jahr), streckt der Staat das Geld vor. Ab einem Jahreseinkommen von 15.000 Pfund beginnen die Absolventen mit der Rückzahlung. Ein ähnliches System hat Australien eingerichtet. Andere Länder haben die Studiengebühren sozial gestaffelt (Spanien etwa nach der Familiengröße) oder vergeben Stipendien an bedürftige und besonders begabte Studenten – so etwa Ungarn. Doch es geht auch ohne Gebühren: Dänemark, Finnland, Irland, Norwegen, Schweden, die Slowakei und Tschechien finanzieren zumindest das Grundstudium aus staatlichen Geldern.

Die Selektion der Nachbarländer
Dafür genügt aber in kaum einem Land Europas das Maturazeugnis alleine, um ein beliebiges Studium zu beginnen. Die meisten Staaten haben zumindest Beschränkungen für Human-, Tier- und Zahnmedizin, einige auch in Pharmazie, Psychologie und anderen „überlaufenen“ Studienrichtungen. Nur in Deutschland werden die Plätze strikt nach den Schulnoten vergeben. Spanien regelt den Zugang zwar ebenfalls nach Punkten – zusammengesetzt aus einer zentralen Zugangsprüfung und den Schulnoten –, doch die meisten anderen Ländern überlassen das Auswahlverfahren den Universitäten. Das bedeutet etwa in Schweden, dass angehende Studenten nicht nur eine Prüfung absolvieren, sondern sich auch einem Bewerbungsgespräch stellen müssen. In Großbritannien müssen Schüler noch vor dem Schulabschluss fünf Universitäten nennen, von denen zwei für sie ausgewählt werden. Diese selektieren nach Noten, Aufnahmeprüfung und Bewerbungsgespräch. Frankreich hingegen hat wie Österreich an den allgemeinen Universitäten nur in medizinischen Studienrichtungen eine Beschränkung eingeführt. Umso härter ist die Auswahl für die Elite-Unis namens „Grandes Écoles“; Dafür muss zunächst ein zweijähriger Vorbereitungskurs bestanden werden, gefolgt von einem Wettbewerb.

Beschränkung per Drop-out
Auch Österreich ist an Zugangsbeschränkungen nicht vorbeigekommen – allerdings nicht aus einer bewussten Entscheidung heraus: Erst nach dem EuGH-Entscheid, dass EU-Bürgern derselbe Zugang gewährt werden müsse wie Österreichern, führte man für Medizin und Psychologie Aufnahmetests ein. Nun wollen auch die Wirtschaftsuniversität und die Publizistik nach der „Notstandsregelung“ Aufnahmeverfahren einführen. Denn derzeit geschieht die Auswahl informell: „Wir prüfen in den ersten Semestern einen hohen Prozentsatz der Studierenden raus“, gibt Christoph Badelt, Rektor der Wirtschaftsuniversität, offen zu. Andere Studierende geben ob der überfüllten Hörsäle, Wartezeiten und der virtuellen Schlachten bei Anmeldungen auf. So ersetzt Drop-out die Eingangsprüfungen. Bildungsexpertin Ada Pellert ist trotzdem gegen einen strikten Numerus clausus: Sie plädiert für eine intensive Beratung mit Bewerbungsgesprächen. Danach sollen jene Universitäten mehr Mittel erhalten, die mehr Studienplätze bieten müssen. Das Resultat wäre eine Zugangsbeschränkung light: ein Modell, dem sich die SPÖ anschließen könnte.

Corinna Milborn

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